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Erstmalig und vermutlich einmalig bekam man zum 150-jährigen Jubiläum den frühen und vormals größten Erfolg Richard Wagners zu seiner Zeit zu sehen. Wagner selbst fand das Werk nicht festspieltauglich und hat es aus dem Festspielkanon gestrichen. Er bezeichnete Rienzi als Schreihals, und wer den musikalischen Sprung zwischen Rienzi und Holländer an zwei aufeinanderfolgenden Tagen hören konnte, musste sagen: Wagner hat beim Holländer deutlich an der Textverständlichkeit der Sänger gearbeitet. Beim Rienzi trifft man auf eine relativ unbekannte Handlung über einen römischen Tribun, der letztlich zum Diktator wird, seine Gegner ausschaltet und am Ende fällt. Wie immer ist die tatsächliche Person des Rienzo da Cola nur eine Art Aufhänger für eine Fiktion um die adeligen Familien Roms. Musikalisch ist es eine Art Steinbruch, in dem man viele Phrasen seiner zukünftigen Werke wie Tannhäuser und Holländer erkennen kann. Es klingt bisweilen sehr italienisch, ist eine französische Grand Opéra mit fünf Akten und einem Ballett im zweiten Akt, wie es von der Form gefordert wird. Da man in Bayreuth kein Ballett zum Waffentanz aufführen kann, es fehlt dort die Ballettkompagnie, war ich gespannt auf die Umsetzung dieses Teils.

Schon zur Ouvertüre ist man in einem Penthouse eines Plattenbaus. Man erlebt die Vorgeschichte von Rienzi, bei der sein kleiner Bruder stirbt. Irene, seine Schwester, und er können den Tod des Kindes nicht verhindern. Der Bruder liegt schließlich tot in einem der Zimmer. Das Penthouse ist auf einer riesigen dreistöckigen Bühne, die nach oben fährt.

Man erlebt im ersten Akt ein Capitol, das in einer dystopischen Zeit existiert. Es gibt Anmutungen von leuchtenden Handys, die die Bewohner Roms vor sich hertragen. Es geht um eine Wahl zwischen den verfeindeten Parteien von Colonna und Orsini. Auch Rienzi stellt sich zur Wahl. Die Abstimmung erfolgt per Fingerabdruck an drei Wahlurnen, die sich auf der Bühne verteilen. In einem Säulendiagramm sieht man, wie Rienzi schließlich die Abstimmung gewinnt. Auch die Anführer der Adelsfamilien stimmen ab. Ein Aufstand findet hier nur in Form einer Wahl statt, die scheinbar entsprechend manipuliert wurde. Auch ein Kardinal steht an Rienzis Seite.

Im zweiten Akt rebellieren die Adeligen erneut. In Zeitlupe applaudieren sie Rienzi. Vor dem Attentat wird eine große Pantomime aufgeführt. Was eigentlich eine Darstellung der Geschichte der Lucretia sein sollte, ist eine muntere Persiflage von Bayreuths großem Festspielbetrieb. Für die Bayreuther Fassung 2026 wurden verloren geglaubte Teile der Partitur des Balletts philologisch rekonstruiert. Ziel war es, die Musik so vollständig und prachtvoll zu zeigen, wie Wagner sie ursprünglich konzipiert hatte. Es kommen tänzerische Rhythmen zum Einsatz, wie es bei einer französischen Grand Opéra üblich ist. Es kommt ein goldener kindlicher Wagner radschlagend auf die Bühne. Mit seinen leuchtenden Schuhen erinnert er an Hörls Plastiken, die einst vor dem Festspielhaus standen. Er dirigiert sich durch eine Art Kinderoper des Werkekanons von Bayreuth. Man sieht in kindlich anmutenden Kostümen die Hauptpersonen seiner Werke auftreten. Dabei ist die zeitliche Abfolge relativ gut eingehalten. Auch Pausen gibt es während dieser Oper in der Oper, in denen das Publikum am Kiosk rechts trinkt und in der Getränkerückgabe rechts verschwindet. Es gibt sogar eine rauchende Toilettenfrau, was mich wehmütig an Sieglinde in der Herrentoilette von 2022 erinnert (leider konnte da in der Pause keine Klärung des Verbleibs erfolgen). Man ist unglaublich gut unterhalten, wie sich Tannhäuser und Stolzing um die Sängerkrone balgen oder wie Senta mit einem leeren Rahmen durch die Gegend läuft. Das Timing der Ballettmusik passt durch die Modifikation exakt auf das Schema und der Einfall ist zwar etwas albern, lockert aber ungemein auf. Dieser Akt versprüht dennoch eine gewisse Heiterkeit.

Das Attentat scheitert, Rienzi begnadigt aber die Attentäter. Das Ganze ist flankiert von Live-Berichterstattung. Im dritten Akt wird dann spätestens klar, warum Rienzi das Lieblingswerk der Diktatoren ist. Hier wird es richtig militaristisch. Zuerst fällt eine große Anzahl von Nobili in Tarnanzügen. Es wird auf Bildschirmen in Tarnanzügen marschiert, es ist Krieg zwischen den Nobili und den Plebejern aus dem Plattenbau. Rienzi selbst erschießt die Anführer standrechtlich, das entspricht eigentlich nicht der Vorlage, dort fallen sie im Kampf. Adriano di Colonna, die wohl einzige Hosenrolle Wagners, stand zuerst auf Rienzis Seite, der mit Rienzis Schwester ein Verhältnis pflegte. Im Plattenbau findet aber ein Zerwürfnis statt. Es ist schrecklich laut in der Musik und die „Sancto Spirito“-Rufe Rienzis gehen einem irgendwann gegen den Strich. Es werden auch in den Wohnungen durch Rienzis Anhänger Säuberungsaktionen durchgeführt. Der Akt ist laut, diktatorisch und spätestens jetzt weiß man, warum das Werk in den Giftschrank der Geschichte gehört. Natürlich hat man mit der Erschießung der Nobili-Anführer nochmal den Bogen angezogen. Es reicht einem aber an Lautstärke, Marschmusik und „Sancto Spirito“.

Im vierten Akt stolpert ein angetrunkener Rienzi von dem Penthouse zum wunderschönen Abendgebet runter auf den Boden der Tatsachen. Adriano di Colonna, die wohl einzige Hosenrolle Wagners, stand zuerst auf Rienzis Seite und pflegt mit Rienzis Schwester Irene ein Verhältnis. Adriano hetzt die Plebejer gegen Rienzi auf und auch der Kardinal verwehrt ihm das „Tedeum“. Adriano stellt sich nun offiziell gegen Rienzi.

Das Theater für den Festspielkanon aus dem zweiten Akt fährt erneut empor, nur erkennt man es kaum wieder. Es ist ausgebrannt. Was jetzt als Ende inszeniert wird, ist recht frei vom ursprünglichen Ende entfernt. Irene sticht Rienzi das Messer in die Brust und ritzt sich anschließend selbst. Aus unerfindlichen Gründen steht Rienzi wieder auf und begibt sich auf die Stiegen des Kapitols. Auf dem roten Teppich bricht er nun endgültig zusammen und stirbt.

Ob es den Rienzi jetzt wirklich auf dem Hügel braucht, ich denke eher nicht. Es war interessant, die beiden Frühwerke Wagners in unmittelbarer Abfolge zu sehen, wie stark der Sprung in der musikalischen Entwicklung doch ist. Der Holländer am folgenden Tag hatte viele packende Momente, beim Rienzi stellt sich eher ein Gruseln ein. Eine echte Diktatorenoper, einmal gesehen und zurück in den Giftschrank der Geschichte. Dabei leisten Natalie Stutzmann, Andreas Schager (Rienzi), Jennifer Holloway (Adriano) und Gabriela Scherer (Irene) große Arbeit. Die müssen mit ihren Stimmen immer über das volle Orchester, wodurch die Textverständlichkeit sehr leidet. Wagner hatte recht: Der Rienzi ist ein Schreihals! Ab damit in die Mottenkiste für die nächsten 150 Jahre.

Ein Kommentar zu “Rienzi – in Mussolinis Plattenbau”

  1. Gerda Schmalenberg sagt:

    Sehr gut beschrieben, sie gehört nach der Beschreibung in den Giftschrank für alle Zeiten.

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