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Der Freischütz – Ein Drohnendrama

In einer Kooperation mit der Opéra national du Rhin, Straßburg hat man die Oper „Der Freischütz“ von Weber in einer überabeiteten Inszenierung von Jossi Wieler und Sergio Morabito auf den Spielplatz gesetzt. Im Vorfeld hatte ich schon viel Kontroverses über die Inszenierung gehört und meine Erwartungen entsprechend heruntergesetzt. Man hat das Setting in eine moderne Post-Ukraine-Konflikt Gesellschaft gesetzt. Auf dem Schützenfest übt man sich im Paintball-Schießen. Das gemalte Bühnenbild kommt mit grellen Orangetönen daher, Waldromantik bleibt bei dem Stück außen vor. Am Befremdlichsten sind wahrscheinlich die vom Band abgespielten Sprechpassagen, die das Stück immer wieder ausbremsen. Wenn man jedoch etwas Volksbühnen und Marthaler-Erfahrung hat, schreckt einen das nur wenig ab. Man erfreut sich lieber an dem schönen Dirigat von Roland Böer, der mit der Position der Sänger auf der Bühne vielleicht nicht immer glücklich war und der erstklassigen Agathe durch Julia Grüter. Es war am Ende des Abends der längste der drei Inszenierungen mit fast 3h inklusive Pause.
Schon zur Ouvertüre droht Unheil in Form eines Drohnenschattens. Diesen Drohnenschatten sieht man im Verlauf der Oper immer wieder, letztlich repräsentiert er – wenig überraschend – das Böse in Form von Samiel. Allerspätestens seit dem Ukraine-Krieg haben Drohnen ihre spielerische Unschuld der Anfangszeit verloren, insofern ist die Assoziation passend.
Im ersten Akt sieht man dann zwei Teams von Paintball-Spielern in den Farben Orange und Blau gegeneinander mit Paintball-Waffen antreten. Ein paar Geister ziehen den armen Max, der von Tristan Blanchet gesungen wird aus. In der Szene ist Kellan Dunlap als Kilian der Einzige, der seine Dialoge auch selbst spricht. Alle anderen Stimmen kommen von Schauspielern gesprochen, aus der Konserve. Das Sprechtempo ist dabei so gebremst, dass selbst der Chor bisweilen mit einem Echo der Bandansage nachhelfen will. Markant sind die Spottgesänge der Dorfgesellschafft, die sich über Max lustig machen. Kilian scheint zudem Boulder-affin zu sein, was er an einer Säule mit hängender Latzhose auszuleben scheint. Ob man die Säule jetzt als Phallussymbol sehen mag ist, sei dahingestellt. Jedoch hat Max beim Paintball-Schießen keinen Erfolg. Die Landler/Walzer-Szene tanzt Kilian dann mit Max quasi allein, der von seinem Fehlschuss beim Schützenfest deprimiert ist. Soll er doch mit einem Freischuss Agathe, die Tochter des Erbfürsten Kuno am nächsten Tag heiraten, jedoch, der Schuss muss sitzen. Widerwillig trinkt sich nun Max mit Kaspar zusammen Mut an und wirft nach jedem Vers des Trinkliedes eine Flasche mit vormals grünem Inhalt in den Raum. Jetzt folgt ein Schuss von Max mit einer besonderen Kugel, die eine Drohne auf der Bühne (sonst ein Adler) zerschellen lässt. Kaspar klärt auf, dass solche Zauberkraft nur die Freikugeln besitzen und die jetzt erst wieder gegossen werden müssten. Max will Agathe unbedingt ein und willigt in das Freikugeln-Gießen ein.
Im zweiten Akt landet man bei den Damen des Stücks. Agathe ist von einem Bild des alten Erbförsters getroffen worden. Ännchen hat einen Strauß weißer, geweihter Rosen über die Tür der silbernen Hütte gehängt. Aber warum Ännchen so planlos im Kreis um das Haus während ihrer Arie kreist, bleibt ein Geheimnis. In dem Rosa Bett versuchen sich die beiden zu verstecken vor der dunklen Nacht. Im Hintergrund fährt jetzt ein übergroßer Eber vorbei. Auch umgeben die Geister wieder das Haus und dienen als Bühnenarbeiter. Max gibt nun vor einen Hirsch in der Wolfsschlucht zu jagen, die Frauen sind entsetzt. Sie folgen ihm aber etwas nach. Schließlich kommt die zentrale Szene des Freischützes, das Kugelgießen in der Wolfsschlucht. Es fahren viele Pappkulissen heraus und erzeugen eine Raumtiefe. Max seilt sich ab, will aber nicht zu Kaspar in die Wolfsschlucht. Erst als er im Orchester wieder die Spottgesänge der Dorfbevölkerung hört, seilt er sich ganz ab. Max sieht nun den übergroßen Geist seiner Mutter vorbeifahren und Agathe, die sich als Folge seine Handlung in den Fluss stürzt. All das kann jetzt Max nicht mehr bremsen, er gesellt sich zu Kaspar, der den Kugelzauber beschwört. Beim Guss der sieben Freikugeln sieht man vor dem Gaze-Vorhang Drohnen-Live-Bilder. Bei den letzten der sieben Kugeln landet dann mit richtigem Gesumme eine rotleuchtende Drohne. Hier kommt sogar eine stark-computer-verzerrte Stimme, vielleicht sogar in Form von KI zum Einsatz.
Nach der Pause verstecken sich Agathe und Ännchen hinter einem umgekippten rosa Bett. Die geweihten Rosen sind verstreut. Agathe und Ännchen knien vor Pappschachteln mit Brautkleidern und probieren an. Leider wird eine Totenkrone im Karton mitgeliefert, weshalb man aus den geweihten Rosen einen Brautkranz bindet. Jetzt kommen die eigentlichen Highlights der Oper, der Jungfernkranz und der Jägerchor. Beim Jungfernkranz haben die Damen leichte pastellfarbene Chiffon-Gewänder an, die in Ansätzen etwas orientalisch wirken. Im Takt der Musik lassen sie ihre Kleider flattern. Auf dem Rücken sind Nummer ähnlich wie bei Baseballspielertrikots aufgenäht. Flankiert werden sie von Männern in schwarzen Anzügen, die in James-Bond-Manier daherkommen. Das Setting ist im Moment durch die Bühnentiefe so ungünstig, dass das Gleichgewicht zwischen Orchester und Chor außer Tritt kommt. Es erscheint ein schlanker Fürst mit Locken aus dem Opernstudio und wacht über den Freischuss. Jetzt hat Max und Kaspar aber schon alle Kugeln bis auf eine verschossen, die dann der Teufel lenkt. Sie trifft vermeintlich beim Freischuss Agathe, ist aber durch Zauberkraft von den weißen Rosen beschützt. Letztlich Sterben muss Max. Man zaubert einen Eremiten dargestellt von Nicolai Karnolsky als Erlöser auf die Bühne, der mit profundem Bass. Max gibt den Guss der Freikugeln zu und darf nach einem Probejahr Agathe heiraten.
Schon in der Pause wurde hitzig über die Umsetzung diskutiert. Gerade die emotionslosen, langsam gesprochenen Dialoge, sind eine Herausforderung. Man muss sich in der Inszenierung an den Lichtpunkten orientieren, die es durchaus gibt. Julia Grüter oder Roland Böer, der letztlich im Orchestergraben teilweise ein Opfer der Regieeinfälle, mit der Position der Sänger, ist. Meiner Meinung nach kann man auch in einer schrägen Inszenierung sitzen und eine gute Zeit haben. Für mich ist der Freischütz eigentlich unverwüstlich, auch wenn die Drohne in der Wolfsschlucht mit KI-Stimme das Ganze teilweise kippen lässt. Aber: Drohneneinsatz in der Oper und zudem passend, wann hat man das schon mal gehabt. Denn dass Drohnen letztlich böse sind, weiß wohl inzwischen jeder.
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