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New Ballets Russes – No Kings

Nach dem Weggang von Goyo Montero war man gespannt auf die zweite Premiere von Richard Siegal, dem neuen Ballett-Direktor in Nürnberg. Aufgegriffen wurden zwei Stücke der New Ballets Russes mit Musik von Igor Strawinsky, nämlich Pulcinella und Petruschka. Während Pulcinella eine echte Uraufführung war, war Petruschka eine Wiederaufnahme von 2022. Die beiden Stücke, die im frühen 20. Jahrhundert aufgeführt wurden, waren damals eine Revolution durch die Verbindung von Malerei, Tanz und der innovativen Musik von Igor Strawinsky, der damals seinen Ruf für Ballettmusik erwarb. So gab es in den Bewegungsabläufen einen deutlichen Bruch zu den gekünstelten Bewegungen eines Schwanensees. Heute stellt sich die spannende Frage, was ist an dem Ansatz heute noch revolutionär?
In der Uraufführung von Pulcinella wird im Sinne eines Stummfilms die Geschichte eines totalitären Herrschers erzählt. Pulcinella ist eigentlich eine Figur der Commedia dell’Arte wie in der Einführung verwiesen wurde und dass Parallelen zu einem derzeitigen Herrscher in einem westlichen Land durchaus beabsichtigt sind. Es macht die folgende halbe Stunde zu einer großartigen Analogie zu Charly Chaplins „Großem Diktator“. In Einblendungen werden dabei die Tanzdarbietungen erklärt. Die Musikgrundlage ist dabei eher die Orchester-Suite von Pulcinella und als opernaffiner Mensch fehlen einem die Gesangsstimmen der Originalfassung, auf die man sich natürlich gefreut hätte. Die Musik klingt etwas nach Pergolesi, ist jedoch nur aufs erste Hinhören aus dem 17. Jahrhundert. Die Musik aus dem Orchestergraben unter der Leitung von Jan Croonenbroeck ist live und von einer Komplexität, die es zur Paraderolle beim professionellen Vorspiel werden lässt. Das Bühnenbild von Jean-Marc Puissant ist rasant wandelbar und hat kubistische Anklänge an Picasso mit schwarz-weiß Ästhetik. In Pulcinella wird als die Geschichte eines Herrschers erzählt, der zwar seiner Stadt zum Wohlstand verhilft, sich aber nach einem Attentat selbst zum König krönt und Andersartigkeit verbietet. Das Exposé der Personen ist eine fordernde Denksportaufgabe, sich die ähnlich klingenden Personen der Handlung zu merken, was letztlich aber nicht relevant ist. Der Herrscher hat neben seiner Frau eine Tochter und ein Stubenmädchen mit Staubwedel zu bieten. Er scheint seine Stadt im Griff zu haben, bis auf zwei tanzende Pärchen, die sich auf einer Waldlichtung außerhalb der Stadt vergnügen. Sie proben den Ausbruch durch ihre Andersartigkeit, kehren aber als Immigranten in die Stadtordnung der acht Tänzerinnen und Tänzern im blau-weißen Einheitslook auf. Einer der Männer zieht die Pistole und verübt ein Attentat auf den Herrscher, der sich daraufhin lange erholen muss. Ahnte der Herrscher doch, dass Andersartigkeit böse ist und fordert ab diesem Moment strengere Regeln für die Stadt. Er sieht sein Überleben als göttliches Zeichen und krönt sich selbst zum König, während seine Frau ihm huldigt. Die Pärchen müssen entgegen ihren Neigungen Scheinehen eingehen, um weiterhin in der Stadt zu bleiben. Mit den Hochzeiten endet das Ballett und es ist klar, welcher amtierende Herrscher hier gemeint war. Am blonden Schopf, der roten Hose und einer goldenen Scherpe ist er auch für den letzten unschwer zu erkennen. Trotz des heiklen Handlungsstrang hat das Ballett eine positive Grundstimmung und ist in der Erzählung nach der anfänglichen Verwirrung gut verständlich. Zwischendrin sorgte das Ballett für einiges Schmunzeln und am Ende gab es langen, sehr wohlwollenden Applaus.
In der Wiederaufnahme hatte man nach der Pause Petruschka an die zweite Stelle gestellt. Petruschka behandelt die Geschichte eines Magiers, der eigentlich drei Puppen auf einem Jahrmarkt zum Leben erweckt. Im Original kämpfen darin ein Mohr und ein Kaspar um eine Ballerina. Der bucklige Namensgeber Petruschka ist in unserem Fall Margarida Neto, eine grünbeschopfte Tänzerin. Der Magier tanzt anfangs alleine, bis die drei Puppen aus dem Bühnenhimmel heruntergelassen werden. Ganz kann sich auch Petruschka nicht von den Seilen befreit. Hier manipuliert der Magier seine Puppen immer wieder und ist dauerhaft präsent. Das heikle Thema um den Mohr hatte man durch einen asiatischen Tänzer im rot-schwarzen Kostüm gelöst. Die orientalischen Anklänge hört man aber noch recht deutlich. Exzellent dargestellt von den Tänzern ist die Leblosigkeit der Puppen, die der Magier immer wieder zum Leben erweckt. Hier gibt es einen, die Bühne vertiefenden Lichtbalken, während man außer einer Trennwand wenig sieht. Beim Solo des Mohrs, der hier als Krieger dargestellt ist, treten weitere Tänzer auf hinter denen man exotische Tiere vermuten könnte. Letztlich geraten Petruschka und der Krieger am Butterfest aneinander und Petruschka unterliegt im Kampf um die Ballerina. Der Magier holt Petruschka nach hinten und man sieht im Schattenspiel, wie der Magier mit seiner Puppe kämpft. Im Original erscheint dem Magier Petruschka nach dessen vermeintlichen Tod und verhöhnt den Magier. Musikalisch ist dieses Werk durch die Zitate eine Leierkastenmotivs bekannt, das Strawinsky memorierte und für das er letztlich Tantiemen zahlen musste. Letztlich ist es das stärkere musikalische Stück der beiden Teile.
Richard Siegal wagt mit einem Ballet of Difference eine deutliche und erfreuliche Zäsur zum Vorgänger, was dennoch beim Publikum gut ankam. Die Kostüme der Produktionen von Flora Miranda und Jean-Marc Puissant unterstreichen die Bewegungen der Tänzer gut. Man darf gespannt sein auf weitere Stücke von ihm am Staatstheater Nürnberg.
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