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Manon Lescaut und die Freiheitsstatue

12.10.14 21:36
Manon Lescaut und die Freiheitsstatue

An der Aalto-Oper in Essen wird derzeit Manon Lescaut von Puccini gezeigt. Die Inszenierung des norwegischen Opernregisseurs Stefan Herheim verlegt die Oper in die Zeit der Stiftung der Freiheitsstatue von Frankreich an die USA. Zudem lässt er Puccini selbst auftreten, der mit seinen Figuren teilweise leidet, ihnen Regieanweisungen gibt und gegen Ende sogar mit der Hauptdarstellerin stirbt. Das Regiewerk ist eine Koproduktion der Bühnen Graz und der Sächsischen Staatsoper Dresden. Die Suche nach Freiheit der Bühnenfigur Manon wird mit der Freiheitsstatue zum Mittelpunkt der Inszenierung. Manon kann sich letztendlich nicht zwischen den beiden Männern Des Grieux, dem Studenten und Geronte, dem Steuerpächter, entscheiden. Des Grieux schlüpft in dieser Inszenierung in den Künstler, der die Freiheitsstatue in seinem Atelier entworfen hat.

Die Oper beginnt etwas ungewöhnlich mit dem Zwischenspiel zum dritten Akt, erst dann kommt die Ouvertüre. Folglich spielt der Beginn der Oper 1876 als Des Grieux die Freiheitsstatue konstruieren soll. Sie steht als Modell, ohne Gesicht auf der Bühne, aber auch in diversen übergroßen Einzelteilen. Man sieht in groß den Kopf der Statue mit dem charakteristischen Kranz, die Fackel mit der Hand und dem Buch mit der Jahreszahl mit dem Unabhängigkeitstag. Im Hintergrund der Bühne sieht man einen Puccini, der die Handlung in ein kleines Buch schreibt. Statt mit einer Kutsche brechen sich die Hauptpersonen durch das Buch der Statue. Dabei kommt die Drehbühne zum Einsatz. Und da fällt einem auf: Die Figuren in dem Buch sind aber in Rokoko-Kostümen. So muss Des Grieux erst eine Zeitreise antreten, die Fackel mit Pyrotechnik zünden und sich der Geschichte annehmen, die seine Manon zu erzählen hat. Nach dem Willen ihres Vaters soll Manon in ein Kloster gehen, ihr Bruder und Steuerpächter Geronte begleiten sie auf diesem Weg. Des nachts trifft Manon dann noch einmal heimlich Des Grieux. Dabei hat sie wieder Kleidung aus dem 19. Jahrhundert an. Immer wenn es um die Freiheit in Amerika geht, springt die Handlung um 100 Jahre. Geronte will aber eine Kutsche an dem Wirtshaus bereitstellen, die Manon entführen soll. Letztendlich flieht sie aber im Tumult im Wirtshaus mit Des Grieux nach Paris. Dabei fliegen viele Spielkarten von den Gerüsten der Freiheitsstatue. Beäugt wird die Szenerie immer von einem stummen Puccini. Noch mischt er sich nur am Rande in das Geschehen ein. Die Hauptpersonen scheinen aber immer in dem kleinen schwarzen Buch ihre Handlungsanweisungen durchzulesen, während der stumme Puccini immer mitdirigiert und stumme Anweisungen gibt. Leider geht dem Studenten in Paris schnell das Geld aus, sodass Manon von ihrem Bruder zum Steuerpächter Geronte gebracht wird. Man sieht nun alle in Rokoko-Kostümen. Manon hübscht sich auf und es findet eine kleine Tanzszene statt. Geronte hat derweil Freude dran, sich an hübschen Damen zu vergnügen, die ein Madrigal darbringen. Dabei verwandelt sich der übergroße, hohle Kopf der Freiheitsstatue zu einem großen runden Bett, in dem sich die Madrigals-Damen vergnügen. Manon will gerade aufbrechen, als ihr Bruder wieder Des Grieux anbringt. Sie erkennen ihre Liebe, wobei Des Grieux seinen Reichtum von der Fackel in Form von Geldscheinen zu verteilen scheint, die er auf die Bühne wirft. Dabei werden die beiden Liebenden von Geronte überrascht. Dieser erkennt den Betrug und zeigt sie an. Im Original rafft nun Manon noch schnell den Schmuck, hier rafft sie sich die Noten, die ihr Puccini hinreicht. Es trifft schließlich mit Schüssen die Polizei auf die Bühne und verhaftet Manon und die gesamten 10 Rokokodamen mit ihr. Dann ist erst einmal Pause. Im dritten Akt sind die Rokokodamen angeseilt in einem großen Gerüst, erst nach und nach werden die Damen von ihren Fesseln befreit, darunter auch Manon. Des Grieux hat sich in das Gefängnis geschlichen und versucht nun Manon und den anderen Damen zur Flucht zu verhelfen. Sie gehen schon auf den hell beleuchteten Kopf der Freiheitsstatue zu, als sie von einem verkleideten Geronte gestoppt werden. Es ist ein interessanter Schachzug der Inszenierung, Geronte mit Glatze zum Aufseher des Gefängnisses zu machen. Der fertigt in schmieriger Weise nun die einzelnen Damen ab und vergeht sich teilweise an ihnen, bevor sie nach Amerika geschickt werden. Am Schluss entschließt sich auch Des Grieux, mit auf das Schiff in Le Havre nach Amerika zu gehen. Er bittet den Kapitän, ihn mitzunehmen, dieser willigt schließlich. Was schließlich die beiden im letzten Akt in eine Wüste bei New Orleans verschlägt, müssen auch die Hauptpersonen nachlesen. Des Grieux hatte vermutlich einen Nebenbuhler getötet und befindet sich mit Manon auf der Flucht. Es sieht aber nicht gut für Manon und Des Grieux. Jetzt wirft sich Puccini selbst zwischen die Liebenden, sodass er zum einen wie elektrisiert am Boden liegt und sich am Schluss mit Manon in einen Vorhang einwickelt. Des Grieux bringt eine glimmende Lebensfackel an dem Freiheitsstauen-Modell an. Er dekonstruiert ein letztes Mal die 2m große Figur.
Bis auf die Schlussszene, bei der die Wüste von lauter Menschen auf Gerüsten bevölkert ist, hat man es mit einer sehr interessanten Umsetzung der Manon zu tun. Die Zeitreise durch die Jahrhunderte und die Konstruktion der Freiheitsstatue macht wirklich einen guten Regieeinfall aus. Es macht wirklich Spaß, dieser Inszenierung und den Ideen von Stefan Herheim zu folgen. Die Freiheitsstatue wurde in Paris gebaut und konstruiert. Daher sind die Teile im zweiten Akt wirklich sinnvoll eingesetzt. Die Personen durch die Zeit reisen zu lassen ist auch gelungen. Giacomo Sagripanti gibt teilweise etwas zu viel Lautstärke weiter, sodass Gaston Rivero und Katrin Kapplusch ihre Mühe haben, noch durchzudringen. Tijl Faveyts macht sich sowohl als Geronte als auch als Gefängniswärter recht gut. Eine schöne Nachmittagsvorstellung, weshalb die weite Anreise durchaus lohnt. Ich hatte zudem sehr gute Plätze im Parkett in der achten Reihe.

Quelle Vimeo: Theater-TV PLUS

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: manon lescaut