Opernblog

Tag: "la bohème"

La Bohème - Eine Winteroper

09.12.16 23:12
La Bohème - Eine Winteroper

Die Staatsoper im Schillertheater zeigt in dieser Spielzeit wieder Puccinis ‚La Bohème‘. Jetzt hat diese Inszenierung von Lindy Hume aus dem Jahr 2001 schon ein gewisses Alter, dennoch ist auch die 62. Aufführung dieses Werks sehenswert. Dies liegt vor allem daran, dass man sich mit einer aufwendigen Inszenierung ziemlich nach am Textbuch gehalten hat. Außerdem gab Aleksandra Kurzak ihr Rollendebüt als Mimi. Auch mit Abdellah Lasri als Rodolfo hat man eine gute Wahl getroffen. Alternierend singt die Rolle auch Piotr Beczala.

Auf dem Bühnenvorhang sieht man Eiskristalle. Ohne Ouvertüre geht es gleich los mit der Handlung. Auf einem Lehnsessel sitzt ein gealterter Rudolfo und lässt so die Geschehnisse seiner Jugend um die Näherin Mimi noch einmal Revue passieren. Ein verkanteter Würfel grenzt den Raum ab, in dem die Studenten-WG lebt. Sie besteht aus Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline. Rechts steht ein großes Gemälde und Marcello der Maler, versucht sich an dem Auszug Mose aus Ägypten. In der Mitte im Hintergrund steht eine alte Schaufensterpuppe. Da es an diesem Winterabend kalt ist und man kein Holz hat, verheizt man in dem Gusseisenofen das Werk von Rodolfo. Aber die Not scheint ein Ende zu haben, als Schaunard, der Musiker in das Zimmer kommt. Er hat einen Auftrag erhalten und Essen mitgebracht und Holz. Getrübt wird die Stimmung erst, als Benoît der Vermieter die Miete für das letzte Quartal eintreiben will. Als sie ihn mit Wein den Vermieter zum Reden bringen und er mit Frauen prahlt, spielen sie sich entsetzt auf, wie er nur seine Frau betrügen könne. Damit haben sie ihn in der Hand und er geht, ohne die Miete zu bekommen. Fröhlich gehen die Studenten ins Café Momus. Dann kommt die Nachbarin Mimi in die Wohnung auf der Suche nach Feuer für die Kerze. Sie erleidet einen Schwächeanfall und verliert den Schlüssel. Die nun folgende Szene enthält gleich drei bekannte Stücke (Che gelida manina, Sì. Mi chiamano Mimì, O soave fanciulla). Man kommt sich näher im Dunkeln. Als die Freunde rufen, öffnet sich die Bühne. Die Seitenwände werden weggefahren und das Podest mit dem Boden und Rodolfo und Mimi fährt zur Seite. Als es dann zum Schluss des Bildes auch noch schneit, ist der Winterzauber perfekt.

Das zweite Bild beginnt mit vielen Leuten auf der Bühne und mit einer Weihnachtslichterkette. Zu Walzerklängen sieht man ein Standardtänzerpaar tanzen. Es sind sehr viele Leute auf der Bühne und es hat sich auch ein Weihnachtsmann drunter gemischt. Aber halt, der Spielzeugverkäufer Parpignol ist eine sehr graue Erscheinung mit seinem Fahrrad voller Spielzeug. Rodolfo kauft seiner Mimi einen rosa Haarreif. Man befindet sich vor dem Café Momus, das mit einer Leuchtwand und mit einem großem „M“ dargestellt wird. Links am Bühnenrand stellt nun Rodolfo Mimi seinen Freunden vor. Im roten Licht der Bar sieht man eine grüne Leuchtgirlande in Form des Wortes Momus. Davor gibt es eine Treppe zur Bar. Eine etwas schrille Musetta in einem lila Abendkleid hat nun ihre Auftrittsarie mit Quando m’en vò. Dabei versucht sie ihr ehemaliger Geliebter Marcello eifersüchtig zu machen, indem er mit einer anderen Frau relativ brutal tanzt. Marcello kann aber Musetta nicht widerstehen. Ihren älteren Liebhaber schickt sie unter einem Vorwand zum Schuster. Der Flirt mit Marcello hat gewirkt, jetzt bleibt nur noch, dass ihr Liebhaber die offene Rechnung zahlt.

Das dritte Bild gibt etwas Rätsel auf. Auf den Bühnenvorhang werden Regentropfen projiziert. Auf einer Uhr sieht man, dass es sieben Minuten vor zwölf ist. Von dem Gasthaus nahe einer Zollschranke vor der Stadt lässt die Inszenierung nur die Uhr, ein paar Parkbänke und einen Mülleimer übrig. Mimi und Rodolfo haben sich getrennt. Sie sucht Rat bei Marcello. Rodolfo hat Mimi aus Eifersucht verlassen. Ihm ist der Husten zudem nicht geheuer und er könne ihr nicht helfen, wegen seiner Armut. Die Gründe für die Trennung hört Mimi mit und verrät sich durch ihren Husten. Man beschließt sich erneut zu trennen, aber erst im Frühling. Musetta und Marcello indes haben aber wieder Streit und trennen sich erneut.

Für das vierte Bühnenbild erfolgt ein langwieriger Umbau. Man sieht die Rückseite eines Gebäudes. Marcello malt die Wand an. Auf einer schiefen Ebene steht ein Bett. Die Junggesellen haben wieder Hunger und es gibt nur Heringe zu essen. Dann dreht sich die Bühne und man sieht wieder das kahle Zimmer. An den Wänden sind rote Schmierereien und zwar die Worte „Vipère“ und „Sorcière“, die Marcello in Eifersucht auf Musetta angebracht hat. Es kommt die geschwächte Mimi herein. Man beschließt, ihr zu helfen. Musetta versetzt ihre Ohrringe, um ihr den Wunsch nach einem Muff für ihre kalten Hände zu erfüllen. Auch der Mantel wird versetzt und es gibt dafür Arznei. Dennoch kommt für Mimi jede Hilfe zu spät. Sie stirbt im Sessel, als Rodolfo gerade abgelenkt ist. Die Mimi-Rufe von Rodolfo gehen mir dabei jedes Mal unter die Haut.

Die Bohème ist wohl eine der meist gespieltesten Opern überhaupt. Es gibt unzählige Einspielungen. Die Inszenierung in Berlin punktet dabei mit einer ziemlich getreuen Umsetzung, weit ab von schrägen Regieeinfällen. Auch die Sänger können überzeugen, sodass man einen Besuch dort ohne Einschränkung empfehlen kann. So gab es zum Schluss reichlich Applaus für diese Wiederaufnahme am Schillertheater.

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la bohème

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Ein großes Opernhaus braucht eine Bohème im Programm. Nachdem auch das Bühnenbild der alten Inszenierung einen Wasserschaden hatte, wurde eine neue Aufführung aufgesetzt. Das ungarische Duo Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy inszenieren in Nürnberg eine Bohème in den Nachkriegsjahren in Paris. Gerade in den heutigen Tagen scheint diese Oper ein Plädoyer für die Lebensfreude einer Stadt, mit ihren vollen Cafés und Bars. So steht auch im Programmheft ein Bekenntnis zu Paris: Je suis Paris. Zu Beginn sieht man die Hauptperson Mimi in ihrem Zimmer im rechten Bühnenrand. In dem linken sieht man die Wohn-WG der Pariser Boèhme: Ein Dichter, ein Musiker, ein Maler und ein Philosoph haben es sich an einem Ofenfeuer gemütlich gemacht. Am Tisch sitzt auch ein leicht bekleidetes Model für den Maler vermutlich. Gegen die Kälte verschüren sie ein Manuskript des Dichters Rodolfo. Sie hoffen, dass das hitzige Drama in Form von Papierseiten, auch die kalte Dachwohnung beheizen mag. Aber in Form des Hausvermieters droht nun Unheil, der seine Miete für das nächste Quartal fordert. Der Hausbesitzer wird mit dem Hinweis auf Untreue von einer eigenen Frau aus der Wohnung getrieben. Bis auf Rodolfo, der noch einen Artikel fertig schreiben will, gehen die anderen schon vor in Café Momus. Nun kommt Mimi mit einer erloschenen Kerze und auf der Suche nach ihrem Schlüssel in die Wohnung. Nun aber fängt Rodolfo Feuer für die kleine Näherin Mimi. Sie stellen sich einander vor und verlieben sich ineinander. Am Ende nach vielen schönen Arien gehen sie durch einen roten Mauervorsprung in Richtung Café Momus. Gerade wie sie da aus dem Hintergrund noch singen, ist sehr schön gemacht.
Im zweiten Akt der Boèhme geht es erfahrungsgemäß turbulent zu. Vor dem Café Momus findet sich eine Kinderschar ein, die nach einem Spielwarenverkäufer Parpignol ruft. Der kommt mit einem Dreirad, an den er Spielsachen gebunden hat, auf die Bühne und wird hier etwas als Clochard dargestellt. Das Café Momus ist eine American Bar mit angeschlossenem Freudenhaus. Mimi wird an einem Tisch rechts vorn auf die Bühne in den Kreis der Bohème aufgenommen. Dann erscheint ein seltsames Paar auf der Bühne. Musetta und der Staatsrat Alcindoro, den sie wie einen Hund an der roten Leine Gassi führt. Auf allen Vieren muss der hohe Angestellte vor dem Café vor den Gästen rumkriechen. Man bekommt aber recht schnell mit, dass sich Musetta und der Maler Marcello einmal gut verstanden haben und immer noch lieben. Schnell wechselt die leichtfüßige Musetta die Seiten und geht wieder zu ihrem Liebhaber. Dem Staatsrat bleibt es nur übrig, die offenen Rechnungen der Künstler zu zahlen.
Im dritten Akt sieht man die Wohnung der Dichter mit Stoff verhangen, ein nadelloser Tannenbaum steht in der Mitte der Wohnung und signalisiert: Weihnachten ist längst vorbei, wir haben Februar. Der Ort ist auch ein anderer: Es soll eine Schenke sein. Marcello und Mimi reden über die komplizierte Beziehung zu Rodolfo, der chronisch eifersüchtig ist. Marcello sagt nun, dass er sich um Mimis Gesundheitszustand sorgt. Sie hätte einen beängstigenden Husten. Aber auch zwischen Musetta und Marcello läuft es nicht zum Besten. Musetta würde in der Bar, in der sie seit einem Monat arbeiten, immer wieder mit den Gästen flirten, sodass am Ende des Aktes alle Paare sich wieder trennen.
Im vierten Akt wird es nun etwas schwer verständlich. Gerade in den Erinnerungen schwelgend, vergreifen sich die vier Künstler in weißen Kitteln an einem Model, das wieder in ihrer Wohnung ist. Die gezeigte Brutalität der Männer will in keinster Weise in dieses friedliche Künstlermilieu passen. Da platzt plötzlich Musetta rein und bringt die entkräftete Mimi mit. Sie hätte nur noch eine halbe Stunde zu leben, so die Diagnose. Man versucht aber dennoch, eine herzstärkende Medizin zu bekommen und einen Muff gegen ihre kalten Hände. Dennoch ist der Einsatz der Freunde vergebens. Mimi stirbt und den verzweifelten Rufen von Rodolfo. Am Ende sieht man noch einmal das leere Zimmer von Mimi, in das scheinbar die Sonne scheint und der April angebrochen ist, auf den sie so sehnlichst gewartet hat.
Spielen lässt das Regieteam diese Bohème im Paris der Nachkriegszeit, gerade das Café Momus als American Bar mit obenliegendem Bordell ist mit einer großen Glasfront sehr gut in Szene gesetzt. Auch das Elend dieser Tage will gut zum düsteren Grundbild passen. Die Kostüme sind eben auch in diese Zeit gesetzt, sodass die Inszenierung im Grund gefällt. Mit einer bezaubernden Mimi (Hrachuhi Bassénz) und einem Rodolfo (Ilker Arcayürek), der immer etwas mit seiner Stimme kämpft, hat man ein sehr eindrucksvolles Paar auf der Bühne. Gerade Rodolfo hat sicher noch Potenzial, wie man in den lyrischen Solostücken des ersten Aktes gut merkt. Auch Musetta (Michaela Maria Mayer) als Flittchen ist prima umgesetzt und der Regieeinfall mit der Hundeleine etwas belustigend. Wie gesagt, von dem vierten Akt abgesehen, ist das eine durchaus schöne Inszenierung. Gábor Káli liefert eine gute Leistung im Orchestergraben ab, weshalb man die Aufführung durchaus empfehlen kann.



Über den Dächern

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la bohème

La Bohème

13.01.09 22:30

Ja möge dieser Winter nie zu Ende gehen! Ein Zitat aus dem zweiten Bild von Puccinis Oper La Boheme. Es ist schon die richtige Jahreszeit für eine Oper, die um die Weihnachtszeit spielt. Es schneit auf der Bühne und die vier Freunde in Puccinis Oper versuchen sich durch das Verbrennen eines Manuskripts das Zimmer zu wärmen. Warm anziehen müssen sie sich, denn im Orchestergraben heizen die Nürnberger Philharmoniker unter der Leitung von Christoph Gedschold den Sängern ziemlich ein. Gar nicht so einfach für eine an Mandelentzündung leidende Melanie Hirsch und den Tenor Timothy Richards sich dagegen zur Wehr zu setzen. In den ersten beiden Bildern ist der Dirgient gnadenlos und nimmt sich erst nach der Pause zurück. Die Bühne wird umrahmt von einer Brückenkonstruktion, auf der in dem zweiten Bild Leute flanieren. Das zweite Bild ist insgesamt moderat turbulent. In Berlin habe ich in der Deutschen Oper schon ein schlimmeres Durcheinander gesehen. Die einzelnen Gesangsgruppen sind farblich gleich in Gruppen angezogen, was ich einen ziemlich interessanten Einfall fand. Man behält so auch im Durcheinander des Weihnachtstrubels des Quartier Latin einen Überblick. Parpingol ist als Clown dargestellt, der die Kinder reich beschenkt. Der dritte Bild bietet musikalisch nicht so viel. Weniger eingängig als die große Arie der Musetta (Quando me vo) oder die Arie des Rudolfo (Che gelida manina) im ersten Bild. Das letzte Bild lebt dann von Zitaten aus dem ersten. Dramatisch ist dann schon, wie sich dann Timothy Richard mit den Mimi-Rufen in Che ha detto il medico verabschiedet. Da kommt es dann wirklich gut, dass sich der Dirigent etwas zurücknimmt. Überhaupt ist der Walisische Tenor der Star des Abends. Mit einer Puccini-Oper in den Ohren waren alle der Meinung: Möge dieser Winter nie zu Ende gehen.
Über den Dächern von Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la bohème