Opernblog

Gallerie: "Festspiele"

Tannhäuser - Polizeiruf 110

Bayreuth hat mir nach 7 Jahren Bewerbungen Karten für eine Tannhäuser Neuinszenierung zukommen lassen. Die Neuinszenierung von Tobias Kratzer wurde bereits im Fernsehen auf 3 sat übertragen, was mich dazu verleitet hat, in den Livestream zu sehen. Da ich die Aufführung nur punktuell verfolgt hatte, war ich schnell entnervt von Video-Einspielungen, dem scheinbaren Stilbruch im 2. Akt mit einem düsteren Ende. Es hatte den Anschein, dass man nach der Biogasanlage 2011 eine weitere Inszenierung aufgesetzt hat, die nicht funktioniert. Ich muss zugeben, ich hatte mich total getäuscht. Die Handlung ist mehrschichtig, denn über die eigentliche Handlung des Tannhäusers hatte der Regisseur klugerweise eine zweite Geschichte gelegt. Es ist die Geschichte von einem Trio um die Venus, die frei nach der Devise „Frei im Wollen, frei im Thun, frei im Genießen“ von Richard Wagner eine Aufführung des Tannhäusers in Bayreuth sprengt. Während man sonst den Gegensatz zwischen Minne und leiblicher Liebe im Tannhäuser inszeniert, konzentriert sich Kratzer auf den Gegensatz von Pop-Kultur und Hochkultur. Das Trio um die Venus verkörpert dabei die Popkultur, dargestellt von einem Transvestiten, einem kleinwüchsigen Schauspieler und eben Tannhäuser. Dieser begehrt gegen die strenge Normenwelt der Hochkultur um Wolfram und Elisabeth auf. Am Ende soll Tannhäuser zwar erlöst werden, die beiden Kulturwelten sollen aber nicht überleben.

Es beginnt mit eine Videoeinspielung mit einem Drohnenflug über die Wartburg und einem Zoom auf einen alten Citroën-Kastenwagen. Venus und Tannhäuser ist mit der Dragqueen Gateau Chocolate und einem kleinwüchsigen Schauspieler unterwegs. Der Kleinlaster fährt auch an einer Biogasanlage vorbei, die mangels Nachfrage geschlossen ist. Dies ist ein fieser Seitenhieb auf den letzten Tannhäuser. Immer noch im Film landen sie in einem Fast-Food-Restaurant. Da auch das Benzin ausgegangen ist, pumpt der Kleinste in einer Tiefgarage andere Autos an. Als die Truppe am Drive-in von einem Polizeibeamten gestellt werden, überfährt die Venus kurzerhand den Beamten. Das geht dem Aussteiger Tannhäuser zu weit. Er hatte in einer Vorgeschichte den Opernbetrieb satt und zog mit Venus als Aussteiger durch die Lande. Das alles passiert schon zur Ouvertüre und wirkt erst einmal etwas aufgesetzt. Als der Kleinlaster dann wirklich auf der Bühne erscheint, wird klar, dass hier Filmhandlung und Bühnenhandlung nahtlos ineinander übergehen. Mit ihren Fast-Food-Einkäufen landet die Truppe an einem Hexenhaus, in dem eine ausgestopfte Frau Holle die Betten macht. Die Dragqueen erscheint in einem Dornröschenkostüm und serviert das Abendessen. Aber nach dem blutigen Zwischenfall im Drive-in, will Tannhäuser nur noch raus und weg. Etwas überstürzt brechen sie mit dem Wagen wieder auf und fahren dabei den Gartenzaun von Frau Holle zu Kleinholz. Im Kastenwagen geht es dann zwischen Tannhäuser und der Venus hoch her. Tannhäuser ist als Clown angezogen, die Venus erinnert eher an eine Popsängerin wie Pink in ihrem schwarz-glitzernden Jumpsuit. Dreimal fordert Tannhäuser nun gehen zu dürfen, dann ist Venus entnervt und schmeißt ihn aus dem Kastenwagen, was sie kurze Zeit später bitter bereut. In einem Szenenwechsel landet man jetzt an der Auffahrt vom Grünen Hügel. Auf der Bühne steht eine Kopie des Festspielhauses und man hat selbst an die Absperrung zur Hauptauffahrt gedacht und an die kleine Fahne auf dem Haus. Es kommt zuerst der Hirte mit einem Fahrrad angefahren. Tannhäuser hat ein Bündel mit Noten dabei. Er trifft sich mit seiner Sängerclique. Nach dem Ausflug in die Popkultur sucht er wieder das Heil am Grünen Hügel. Eine Pilgerschar in Form von Festbesuchern zieht dem Hügel entgegen mit Programmheften des heutigen Abends. Am Ende versöhnt sich Tannhäuser mit seiner Clique und nimmt am Sängerfest teil, bei dem es um nichts anderes als das Herz Elisabeths geht. Leider zu spät trifft das Duo um die Venus am Grünen Hügel mit dem Kastenwagen ein.

Nun findet ein Intermezzo am Teich vor dem Festspielhaus statt. Die Dragqueen singt Holiday von Madonna, Smile von Charly Chaplin, einen Song aus Arielle. Der kleinwüchsige Schauspieler trommelt im Schlauchboot und zitiert Revolutionstexte von Wagner. Venus schaut dabei mit einem Feldstecher immer wieder in Richtung Hügel. Was erst mal keinen Bezug zur Oper zu haben scheint. Das Ganze sieht aus, wie ein Picknick am See inklusive Einhorn. Die Dragqueen wechselt dabei für die Lieder immer die Garderobe. Als die Dragqueen die Hallenarie drei Oktaven tiefer anstimmt, schrammt das hart an der Grenze des Peinlichen vorbei. Das Publikum reagiert gelassen, wie man es heutzutage eben so tut, zückt Handys und Kameras und applaudiert freundlich. Der Kastenwagen darf natürlich nicht fehlen.

Im zweiten Akt öffnet sich die Bühne und man sieht ein klassisches Bühnenbild aus den 50er Jahren. Was im Fernseher wie ein Stilbruch daherkommt, erschließt sich einem nicht sofort. Erst so nach und nach dämmert es einem, dass das gerade die Oper in der Oper ist. Man erlebt im Rückblick eine Opernaufführung von Neubayreuth aus den 50er Jahren. Die Bühne ist aber von einer Art Rahmen umgeben, so also die ganze Aufführung eine bewegte Postkarte wäre. Im oberen Bühnenteil sieht man nun eine geniale Verquickung von Videoeinspielungen, Livebildern in schwarz-weiß. Jetzt wird auch klar, was das Intermezzo am Teich sollte. Venus schleicht sich vom Teich mit einer Leiter an den Balkon des Festspielhauses. Das Trio hatte einfach nur auf einen günstigen Moment gewartet, das Haus zu stürmen. Das Intermezzo am See findet in den Videoeinblendungen also die Fortsetzung. Während im unteren Bühnenteil sich die Sänger in der Aufführung treffen, kapern die Dragqueen, Venus und der Kleinwüchsige das Festspielhaus. Die Dragqueen und der Kleinwüchsige gehen an der Dirigentengalerie vorbei. Die Dragqueen schäkert mit dem Bild von Thielemann, der Kleinwüchsige mit dem Bild von Levine. Venus schaltet auf einer Damentoilette eine der Nebendarstellerinnen aus, greift sich deren Kostüm und schmuggelt sich in der Folge in die Aufführung als Edeldame ein. Sie muss den Sängerkrieg miterleben, wie über die Liebe gesungen wird. Sie kann sich aber kaum beherrschen, als Tannhäuser von der wahren Liebe erzählt. Während Wolframs Gesang sehr bieder ist, besingt Tannhäuser die fleischliche Liebe. Elisabeth zeigt ihre Verletzungen an den Unterarmen, sie scheint eine Form der Selbstverletzung zu praktizieren. Sie ist aber ganz die edle Dame und steht damit für die hohe Kunst. Das ist dann der Moment, in dem Venus ihre Verkleidung abwirft und sich mit der Dragqueen und dem Kleinwüchsigen um Tannhäuser schart. Die Dragqueen wirft die Regenbogenfahne über die Harfe. Dem wachen Auge der Festspielleitung sind die Eindringlinge nicht entgangen. Auf einem Unify-Telefon wählt die Festspielleitung in Form von Katharina Wagner persönlich die 110 und lässt die Polizei mit fünf Wägen zum Festspielhaus anrücken. In die Szenerie von Neubayreuth stürmt jetzt also die Polizei und setzt den Eindringlingen Grenzen, man lässt die Aufrührer, die den Kulturbetrieb stören, in Schach halten. Venus ist inzwischen total irritiert, wie weit Tannhäuser inzwischen Elisabeth verfallen zu sein scheint. Zu einem ‚Nach Rom‘ lässt er sich von der Polizei abführen. Das Trio um die Venus bleibt irritiert zurück.

In der Pause sieht man wirklich die Leiter und die Parole am Festspielhaus vom zweiten Akt.

Im letzten Akt kommt eine kaputte Variante des Kleinlasters zum Einsatz. Der Kleinwüchsige macht sich in seiner Blechtrommel ein Abendessen. Die verlassene Elisabeth irrt umher und findet im Wagen Wolfram. Da sich die Liebe für Elisabeth mit Tannhäuser nicht zu erfüllen scheint, nimmt sie kurzerhand Wolfram. Dieser zieht sich das Clownskostüm von Tannhäuser an und beide verleben eine Liebesnacht. Elisabeth stirbt danach an ihren Verletzungen im Laster. Die Drehbühne kommt zu Einsatz und man sieht ein übergroßes Plakat der Dragqueen, die für Luxusuhren wirbt. Die Bäume am Rand der Bühne scheinen abgestorben. Wolfram wartet auf Tannhäuser. Der erscheint mit Noten und erzählt von seinen Erlebnissen in Rom. Der Papst hat ihn den Aufenthalt im Venusberg nicht verziehen, er will nun zurück zum Venusberg. Diese erscheint auch und will Tannhäuser wieder aufnehmen. Mit einem Karabinerhaken will sie wie einst King Kong, das Plakat erklimmen. Wolfram sagt nun, dass Elisabeth für Tannhäuser gebetet hätte. Die Oper endet für niemanden gut und beim Schlussbild, als Tannhäuser die blutüberströmte Elisabeth aus dem Laster holt, glaubt man nicht mehr an Erlösung. Und doch: In einer Videoeinspielung fahren Tannhäuser und Elisabeth dem Sonnenuntergang entgegen.

Man kann nach diesem Tannhäuser viel diskutieren. Es gab auch Buh-Rufer für die Videoregie, was ich als sehr unfair empfand. Gerade die Videoeinspielung im zweiten Akt waren für mich der ganz große Wurf. Die reale Handlung mit der Bühnenhandlung so nahtlos zu verzahnen, das hat jeden Applaus verdient. Plötzlich ist man selbst Teil der Aufführung als Zuschauer einer Tannhäuseraufführung zu Zeiten Wieland Wagners. An dem Vorführungsabend sollte eigentlich Gergiev dirigieren. Katharina Wagner ließ den Dirigenten wegen eines Trauerfalls entschuldigen. Das Dirigat an dem Abend übernahm Thielemann persönlich, was sich als Glücksgriff in diesem Fall erwies. Das Publikum quittierte schon diese Ankündigung mit Jubel, wie bei einem Rockkonzert. Das Publikum hatte recht: Erklang doch ein edler, ausgewogener Tannhäuser im Festspielhaus, der seinesgleichen sucht. Bei den Sängern ist Venus mit Elena Zhidkova als Darstellerin mir besonders durch ihre schauspielerischen Fähigkeiten aufgefallen. Dass sie sängerisch auch hervorragend ist, muss nicht extra erwähnt werden. Die Hochkultur durch Elisabeth wurde von Lise Davidsen mit viel Wucht und doch einfühlsam gesungen. Le Gateau Chocolate bringt eine Note von Genderdiskussion mit auf den Hügel, was aber überhaupt nicht aufgesetzt wirkt, sondern sehr authentisch. Stephan Gould singt einen sehr kraftvollen Tannhäuser, ganz im Gegensatz zum aalglatten Wolfram durch Markus Eiche. Die Inszenierung nimmt den Festspielbetrieb ins Zielkorn und dass eine Katharina Wagner eingreift im Film, um die Subkultur aus Bayreuth entfernen zu lassen, ist ein Witz in sich. Hatte sie doch selbst mit Meistersingern und diversen anderen Inszenierungen immer wieder für Aufruhr gesorgt. Man rechnet mit dem Tannhäuser aus der Biogas-Anlage ab, zitiert mit dem Hasen am Kleinlaster, Schlingensiefs Parsifal. Letztendlich sehe ich in der Inszenierung ein blitzgescheites Plädoyer für mehr Offenheit in der Hochkultur. Letztlich kann kein Aspekt ohne den Gegenpart existieren. Wem die Fernsehaufzeichnung nicht gefallen hat, der sollte dringend auf den Hügel und sich vom Gegenteil überzeugen lassen. Es lohnt sich!

Von • Gallerien: Kultur, Oper, Festspiele
Carmen im Bodensee ertränkt
Carmen im Bodensee ertränkt

Es ist wieder einmal Festspiel-Zeit in Bregenz. So gab es dort im zweiten Jahr Carmen von Georges Bizet zu sehen. Die Regie führte dabei Kasper Holten, die von einem spektakulären Bühnenbild von Es Devlin veredelt wird. Aus dem See ragen dabei die Hände Carmens mit einer Höhe von 22 m, die eine Zigarette in der linken Hand haben und dazwischen ein geworfenes Deck Skatkarten. Bei einer Führung vorab konnten wir uns einen Eindruck von der Größe der Karten machen, die 30 qm groß und 2,4 - Tonnen schwer sind. Die Hände Carmens sind aus Styropor und mit einem Fassadenputz versehen. Die linke Hand ziert eine Tätowierung, aber auch rechts sieht man eine Narbe, die auf den kämpferischen Charakter Carmens schließen lassen. Auch ist der Nagellack an der Hand abgesplittert, was auf die Arbeit Carmens in der Tabakfabrik hindeuten soll. An der Handlung hat man vor allem an den Dialogen gestrichen und musikalisch spielt man die Sache mit einem geradezu atemberaubenden Tempo. So ist die Carmen ohne Pause auch in 120 Minuten beendet. Normalerweise braucht man im Schnitt 165 Minuten für so eine Aufführung. Dass Antonino Fogliani so ein Tempo vorlegen kann, liegt sicher auch an dem Orchester, den Wiener Symphonikern. Mit dem Bühnenbild ist man in Bregenz immer gefordert, alle Szenen in einem Bühnenbild zu vereinen. Unterschiedliche Stimmungen erzeugt man bei der Inszenierung durch Mappingprojektionen auf die Karten. So zeigen die Karten rotes Deck, wenn Carmen singt; schwarzes Deck, wenn José singt. Immer wieder werden die Karten für digitale Projektionen der Sänger genutzt und man hat die Illusion, die Karten würden sich drehen. Zudem schafft man es immer wieder, den See in die Handlung miteinzubauen.

Zu Beginn der Carmen raucht schon die übergroße Zigarette. Man befindet sich in der Tabakfabrik in Sevilla. Die Arbeiterinnen kommen aus der unteren Bühne und gehen an den Rand, um Wasser zu schöpfen. Die Arbeiterinnen rauchen. Es erscheint Carmen im roten Top. Carmen singt da die berühmte Habanera. Spöttisch wirft die José eine Blume zu. Der bewacht die Szene, kann aber dem Werben Carmens kaum widerstehen. Micaëla tritt auf die Bühne dazu und erinnert José an seine kranke Mutter. Als nun ein Streit in der Fabrik losbricht, bei dem Carmen eine Frau mit einem Messer verletzt hat, muss José als Soldat eingreifen und fesselt Carmen an einem langen, roten Seil. Carmen verspricht José eine heiße Nacht in Lillas Pastias Schänke. Er löst schließlich deren Fesseln und Carmen flieht mit einem Sprung in den See. Als Bestrafung muss José ins Arrest.

Im zweiten Akt wirbt Carmen um Zuniga einem Offizier. Von diesem erfährt Carmen, dass José im Arrest war und bald freikommt. Das Ballett findet dabei halb im Wasser statt, dabei werden einige Karten in den See abgesenkt. Man tanzt wild uns spritzt heftig mit dem Wasser des Bodensees. Man befindet sich in der Taverne von Lilas Pastias. Nun kommt noch Escamillo der Stierkämpfer dazu, der sofort ein Auge auf Carmen geworfen hat. Witzig ist, wie sie über eine der großen Karten rutschen und am unteren Ende dann singen. Sie lehnt ab, denn sie wartet auf José. Endlich kommt er aus dem Arrest. Es gibt eine Szene, bei der ein künstlicher Regen alle Darsteller bis auf José und Carmen vertreibt. Carmen singt für ihn, jedoch muss er wieder nach dem Zapfenstreich in die Kaserne. Carmen verspottet ihn, wegen seines Pflichtbewusstseins und fordert ihn auf, mit ihr in die Berge zu fliehen. José ist rasend eifersüchtig auf Zuniga, den er in dieser Inszenierung nach einer Handgreiflichkeit umbringt. Seine Leiche versenkt man wenig später im dritten Akt in den Bodensee.

Im dritten Akt befindet man sich im Gebirge. Stuntmen des Wired Aerial Theatre seilen sich aus den Karten ab. In der Nähe des Gebirges scheint auch ein See zu sein, auf dem die Schmugglerschiffe fahren. Zuniga wird nun im See versenkt. Die Karten sind inzwischen invers und dunkel. Die Ecken der Karten sind aufgeklappt und 13 Lagerfeuer erhellen die Szene. Carmen legt mit ihren Freundinnen die Karten. Es erscheint eine Tarotkarte des Todes für Carmen, während ihre Freundinnen Glück haben. Zwei Schmuggler zeigen sich und geben den Frauen die Anweisung, die Zöllner abzulenken. Jetzt kommt Micaëlas großer Auftritt in 20 m Höhe in der linken Hand. Sie ist auf der Suche nach José. Es kommt zu einer weiteren Auseinandersetzung. Diesmal zwischen Escamillo, dem Stierkämpfer und José. Carmen hindert José dran Escamillo zu töten und dieser lädt alle in die Arena ein. Micaëla sagt, dass Josés Mutter im Sterben liegt und José verlässt Carmen.

Im vierten Akt deuten zwei Tänzer zur Bühnenmusik einen Stierkampf an. Auch unten sind wieder Tänzer, deren Kleider das rote Tuch des Toreros nachahmen. Wir befinden uns in Sevilla vor der Stierkampfarena. Es gibt nun in der Arena ein Feuerwerk. Für den Stierkämpfer werden rote Rosen gestreut. Escamillo erscheint mit Carmen, die vor dem eifersüchtigen José gewarnt wird. Sie liebt José aber nicht mehr und wirft ihm sogar den Ring vor die Füße. In seiner Wut ersticht José Carmen darauf. In dieser Inszenierung wird Carmen aber im Bodensee ertränkt. In der finalen Auseinandersetzung senken sich die Karten immer weiter in den See ab, bis José Carmen dann unter Wasser drückt.

Mir hat an der Inszenierung vor allem das tollen Bühnenbild gefallen und die Verlagerung der Handlung von Sevilla an den Bodensee. Immer wieder wird der See gut in die Handlung mit eingebaut. Oper für knapp 7000 Leute bedeutet aber auch Abstriche, die man vor allem beim Hörerlebnis machen muss. Dies ist aber angesichts einer Open-Air-Veranstaltung vollkommen o.k. . Musikalisch hat mich eher das hohe Tempo in der Musik gestört, als die Verstärkertechnik. Carmen in 2 h, das muss man erst einmal hinbekommen.

Quelle: YouTube | Bregenzer Festspiele

Von • Gallerien: Kultur, Oper, Festspiele
Pique Dame am Originalschauplatz

Bei einem Besuch in St. Petersburg war ich auch im 2013 eröffneten Mariinsky 2-Theater. Der Bau selbst gilt als einer der teuersten Opernhäuser mit 534 Mio EUR Baukosten. Das Ergebnis kann sich sehen und vor allem hören lassen. Mit 3800 Gästen ist es eines der größten Opernhäuser der Welt. Sehen durften wir eine Piqué Dame von Peter Tschaikowsky. Wer vorher die Geschichte von Rasputin in St. Petersburg gehört hat, versteht das Drama über die drei Karten und den Aberglauben darin deutlich besser. Hermann der Protagonist ist leidenschaftlicher Spieler und opfert am Ende seine Liebe zu Lisa dem Geheimnis der drei Karten. Im Gegenzug wurde in einer düsteren Prophezeiung der Großmutter und Hauptfigur, die wegen ihrer Leidenschaft zum Faro, Piqué Dame genannt wird, das Ende durch einen Eindringling vorausgesagt.
Zu Beginn sieht man, wie ein Jugendlicher im Kostüm ein Kartenhaus aufbaut. Während der Ouvertüre schon taucht die Großmutter von Lisa auf, meist mit schwarzen Kostümen oder Bändern. Es folgt ein Massenszene an einem Sommertag auf einer Promenade in St. Petersburg. Es ist ein großes Aufgebot an Chor und Kinderchor in klassischen Kostümen und sehr schön anzusehen. Hermann hat sich in eine schöne Unbekannte verliebt. Zwei Offiziere unterhalten sich über die Großmutter von Lisa, die sich durch Hingabe an einen Grafen das Geheimnis des Kartenspiels erkauft hat. Der Verrat des Geheimnisses würde ihren Tod bedeuten. In einer Gewitterszene werden nun die weißen Statuen auf der Bühne lebendig. Hermann will das Geheimnis erfahren. Im Palast der Gräfin ist es Abend geworden. Eine Schar Freundinnen tanzt ausgelassen nach russischer Manier und wird von der Gouvernante zur Ordnung gerufen. Lisa ist am Tag ihrer Verlobung mit dem Grafen aber bedrückt, denn sie ist ebenfalls in Hermann verliebt. Dieser erscheint nun tatsächlich und gesteht Lisa seine Liebe. Lisa gelingt es gerade noch, ihn vor der Großmutter zu verstecken, die auftaucht und Lisa zurecht weißt, da sie immer noch nicht schläft. Selbst in der Nacht hat die Gräfin dabei hochfrisiertes Haar.
Im zweiten Akt erlebt man ein großes Maskenfest. Wieder stehen an der Seite goldene Figuren, die nach kurzer Zeit einen etwas hölzernen Tanz aufführen. An dem Ball wird ein Schäferspiel aufgeführt, ganz im Stile von Mozart. Dieses Spiel von Chloe und Daphnis nimmt eigentlich die Ereignisse des Stücks vorne weg. Chloe zieht Daphnis dem reichen Plutus vor. Wieder war ich fasziniert, wie perfekt Tschaikowski hier Mozart imitiert. Die Piqué Dame verfolgt das Treiben des Stücks. Es folgt eine bombastische Musik zum Auftritt von Katharina der Großen. Die Kaiserin selbst sieht man nicht, sie bleibt unsichtbar. Nachdem sich das Volk verzogen hat, bilden die Säulen eine Flucht. Lisa gibt Hermann den Schlüssel zur Geheimtür der Gräfin. Die Gräfin tritt auf in einem weißen Nachhemd, gefolgt von ihrer Dienerschaft. Sie beschwert sich über die Moral und die Tänze. Vor einem flackernden LED-Kamin sitzt sie in einem roten Stuhl. Sie singt dort die große Arie der Piqué Dame. Es tritt Hermann an sie heran und bittet sie um das Geheimnis der Karten preiszugeben. Als die Gräfin lacht und wie ein Derwisch tanzt, zieht Hermann die Pistole. Vor lauter Schreck bekommt die Gräfin einen Herzinfarkt. Lisa eilt hinzu und Hermann sagt ihr, dass die Gräfin gestorben ist, ohne ihr Geheimnis preiszugeben.
Im dritten Akt sinniert Hermann über die Ereignisse auf einem Gitterbett. In einer Alptraum-Sequenz entsteigt nun die Gräfin dem Bett und gibt um Lisa Willen die Geheimnisse der drei Karten preis. Er solle Lisa damit glücklich machen. Um 0 Uhr wartet Lisa an einem Seitenarm der Newa auf einer Brücke auf Hermann. Sie zweifelt an der Unschuld an dem Tod ihrer Großmutter. Als Hermann selbst nur noch von dem Geheimnis redet, dass er jetzt weiß, ist sich Lisa sicher, dass er schuld am Tode ihrer Großmutter ist. Beim Schlussduet der beiden hat Tschaikowski auch etwas Anleihen aus Tristan und Isolde genommen. Lisa ist verzweifelt und geht in die Newa. Es folgt die Schlussszene. Auf einer grünen Rampe werden die Spieler hereingefahren. Mit vielen Geldscheinen werden nun die Karten ausgespielt. Die folgen in der Reihenfolge, wie vorhergesagt. Zum Schluss spielt nur noch der Graf mit. Bei der letzten Karte irrt Hermann jedoch. Es erscheint die Piqué Dame und Hermann verliert alles und ersticht sich. Hierbei stürzt er sich ins Kartenhaus vom Anfang des Stücks. Der Jugendliche vom Anfang kommt vorbei und schließt Hermann die Augen.
Wenngleich ich jetzt nicht vollends begeistert war, hat man hier doch ein schönes Bühnenbild, gute Sänger und ein tolles Gesamtpaket geboten. Die Inszenierung hat relativ wenig Requisiten und die Sänger spielen in Kostümen der Zeit des 19. Jhd. Das Mariinsky ist auf jedenfalls an sich schon einen Besuch wert. Mit den Swarovski-Kristallen, der gläsernen Treppe, der guten Akustik, erlebt man hier eines der Top-Häuser der Opernwelt. Mit ihren angedeuteten Säulen und den ablenkbaren Bordüren, hat man ein schlichtes, aber passendes Bühnenbild geboten. Inzwischen hat man auch englische Obertitel eingeführt, sodass man der Handlung problemlos folgen kann. Bei einem Besuch in St. Petersburg sollte man in jedem Fall das Opernhaus besuchen.

Von • Gallerien: Festspiele

Barrie Kosky inszenierte dieses Jahr die Meistersinger von Nürnberg in Bayreuth. Ähnlich wie der Parsifal von Stefan Herheim, nimmt man sich diesmal um die Geschichte Bayreuths an. Szenisch beginnt man in der Villa Wahnfried, indem man Richard Wagner eine private Vorführung dieser Oper in der Villa durchspielen lässt. Enden lässt man die Geschichte im Saal 600 der Nürnberger Prozesse. Auch um das Festspielgelände setzt man sich mit den jüdischen Künstlern auseinander, die während des Dritten Reichs Auftrittsverbote hatten. Auch hier in der Oper dürfen alle mitspielen außer Beckmesser, der in seiner Rolle als Jude der Außenseiter ist.

Anfangs ist man etwas verwirrt, wie selbstbezogen die Oper ist. Mit einer witzigen Einblendung: Villa Wahnfried bei 23 Grad, spielt man auf die Temperaturen im Festspielhaus an. Wagner erscheint immer im Gehrock mit Barett. Sein Schwiegervater Liszt ist ebenfalls auf der Bühne so wie Dirigent Hermann Levi. In einer Momentaufnahme berichtet man davon, dass Cosima Migräne hat und Wagner mit seinen Hunden unterwegs ist. Diese kommen auch wirklich auf die Bühne. Wagner hat sich ein paar Schuhe bestellt und eine große Packung Parfüm. Auch auf seine Vorliebe für Samt wird angespielt. Man befindet sich im Salon der Villa Wahnfried, an den Wänden sind viele Bücher und Büsten aufgestellt. Nun lässt man Wagner gleich fünfmal auftreten, wobei vier Doubles aus dem Flügel kommen.Wagner nimmt in den folgenden Meistersingern gleich mehrere Rollen selbst ein, so ist er Hans Sachs als alter Mann, Stolzing als junger Mann. Cosima wird zu Eva und Liszt zu Pogner. Dem Juden Levi fällt die Rolle des Beckmessers zu. Bei der Chorszene ist der schon gefordert, als alle auf die Knie fallen und beten. Widerwillig macht er mit. Wer schon mal in der Villa Wahnfried war, weiß, dass mit der Galerie solche Off-Chöre aus dem Obergeschoss möglich sind. Die Lehrbuben unterbrechen immer wieder den Akt mit einem turbulenten Auftritt. Im Spiel kommt Stolzing nun nach Nürnberg. Schon vorher hat er Eva, Pogners Tochter kennengelernt. Rein zufällig ist die nun das Preisgeld bei einem Gesangswettbewerb. Aus dem Flügel kommen jetzt auch noch mehrere Meister in Renaissancekostümen. Man setzt sich in Reih und Glied bei einer Tasse Tee hin. Die Tassen scheinen aus Metall zu sein und erzeugen einen tollen Klang. Auch scheint in dieser Renaissancezeit Headbanging schon schwer in Mode zu sein, die Meistergilde rockt jedenfalls richtig zur Musik. Inzwischen hat Beckmesser sich hinter vier Bildern verschanzt. Er muss den Gesang von Stolzing bewerten. Mit einem Hammer markiert er jeden Fehler, den Stolzing beim Vortrag seines Gesangs macht. Stolzing nimmt auf einem Thron auf dem Flügel Platz. Nachdem sein Gesang schon einmal im Tumult der Meister abgebrochen wurde, nimmt er ein Schlückchen Tee um sein Lied fortzusetzen. Aber nein, es hilft nichts. Beckmesser und die Meister sind außer sich vom unerhörten Gesang. Am Ende des Aufzugs lässt man die Villa Wahnfried zurück fahren und den Saal 600 erscheinen.

Im zweiten Akt sieht man Wagner als Sachs mit Cosima auf einer Decke beim Picknick im Grünen. Auf dem Boden befindet sich ein grüner Rasen. Der Raum ist weiter der Saal 600 in Nürnberg, über den also reichlich Grün gewachsen ist. Wagner als Sachs macht sich nun Gedanken über das neue Lied von Stolzing. Das kann er nicht vergessen, obwohl es gegen die gängigen Liedregeln verstoßen hat. Eva will nun wissen, wie es mit dem Vorsingen ging. Stolzing kommt hinzu und will Eva zur Flucht überreden. Beckmesser ist weiterhin auf Freiers Füßen und will seiner Eva ein Ständchen auf der Laute bringen. Weit oben hat aber nicht Eva am Fenster Platz genommen, sondern Magdalene, ihre Zofe. Er begibt sich in die Rednerkanzel und fängt an ein Ständchen zu singen. Sachs ist aber nun gemein und merkt jeden Fehler in seinem Gesang mit einem Hammerschlag auf den Leisten an. Das tut er so penetrant, dass die Bewohner Nürnbergs aufwachen und eine Prügelei stattfindet. Dabei läuft die Uhr im Gerichtssaal plötzlich rückwärts. Der Rasen wird an Seilen hochgezogen. In dieser Inszenierung wird aber nur einer richtig verprügelt auf der Bühne, nämlich Beckmesser. Unter einem Wagnerbildnis muss er Tritte einstecken und erscheint in der Folge mit einem bandagierten rechtem Arm und einem eingewickelten Finger. Beckmesser bekommt eine Karikaturmaske aufgesetzt. Am Ende erscheint aus der Rednerkanzel des Saals diese riesig und aufgeblasen. Es ist eine Judenkarikatur aus dem ‚Stürmer‘.

Im letzten Akt ist der Saal 600 voll bestuhlt, wie zur Zeit der Nürnberger Prozesse. An dem Kopfende befinden sich die Flaggen der vier Siegermächte. Links vorne nimmt Wagner als Sachs ein Essen ein, auch David beißt herzhaft in eine Breze. Sachs räumt sein Frühstück klirrend ab. Er grübelt über die Ereignisse der Johannisnacht. Am Tisch links komponiert er nun mit Stolzing zusammen das Preislied. Schließlich kommt auch Beckmesser auf die Bühne und will ebenfalls ein Preislied von Sachs haben. In einer Albtraumsequenz kommen fünf kleine Juden in den Zeugenstand und bedrängen Beckmesser. Dieser verjagt die kleinen Albtraumfiguren. In Anspielung auf Wagners Ideologie, will sich nun Beckmesser das Meisterlied aneignen. Mit dem Zettel des Preislieds zieht er von dannen. Eva kommt nun dazu und beschwert sich, dass die Schuhe nicht passen. Stolzing trifft auch noch ein und in einer Gesellentaufe macht Sachs mit einer kräftigen Ohrfeige David zum Gesellen. Nun singen sie alle ein wunderschönes Quintett: ‚Selig wie die Sonne‘. Sachs schickt alle zur Festwiese und dem Sangeswettbewerb an die Pegnitz. Die Bühne bevölkert sich nun mit den Bürgern Nürnbergs. Ein einziger alliierter Soldalt hält Wache. Es werden Fahnen zu den Auftritten der Stände geschwungen. Dabei lässt die Regie die Szenerie immer wieder einfrieren. Als die Meister eintreffen, spenden die Bürger schnellen, synchronen Applaus. Wie die Duracell-Hasen klatschen sie zum Eintreffen der Meister, nur bei Beckmesser verstummt der Applaus. Beckmesser ist immer noch schwer lädiert und wird von einer Harfensolistin begleitet. Er versucht nun das Preislied zum Besten zu geben, versingt sich aber gnadenlos und wird so zum Gespött. Er beschuldigt nun Sachs, ein schlechtes Lied komponiert zu haben. Als Stolzing dieses Lied dann singt, sind alle begeistert. Stolzing gewinnt den Wettbewerb und bekommt Eva. Als er zum Meister werden soll, lehnt er ab. Dies führt zum Schlussmonolog von Sachs: Verachtet mir die Meister nicht, den er aus der Rednerkanzel hält. Das Volk verlässt die Bühne, der Saal 600 fährt hoch und Sachs ist während des Monologs allein auf der Bühne. Dann jedoch fährt ein Orchesterdouble aus der Rückwand vor. Sachs dirigiert das Statistenorchester und rettet zum Schlusschor die Szene, die in Deutschtümelei zu versacken droht.

Wenn man als erster jüdischer Regisseur dieses Stück inszeniert, mit dem die Reichparteitage der Nazis eröffnet wurden, bleibt sich der Bezug zum Judenhass nicht aus. In seiner Selbstbezogenheit ist die Inszenierung sicher für Neueinsteiger eine harte Nummer. Selbst ich war von den vielen Wagner-Inkarnationen verwirrt, wer jetzt genau welche Rolle spielt. Da Wagner aber immer seine eigene Vita in den Stücken verarbeitet hat, geht das durchaus in Ordnung. So ist die Prügelei in der Johannisnacht unter dem Eindruck einer Schlägerei in Nürnberg entstanden, in die Wagner selbst geraten ist. In der Gesamtheit wirkt der Bezug zum Saal 600 etwas beliebig und wird nicht ausreichend erklärt. Man könnte deuten, dass das letztendlich das Ende des Judenhasses ist, richtig schlüssig erklärt wird es dabei allerdings nicht. Aber die Aufführung punktet, mit einem unglaublichen Aufgebot an Sängern. Klaus Florian Vogt als Stolzing, Michael Volle als Sachs waren an dem Abend wirklich hervorragend, textverständlich, sodass man den Dialogen gut folgen konnte. Eva hätte ich gerne etwas jugendlich, frischer besetzt gesehen. Aber auch die Nebenrollen waren sehr gut. Letztendlich punktet Bayreuth immer mit der trefflichen Akustik, die seinesgleichen sucht.

Fanfare zum dritten Aufzug der Meistersinger von Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper, Festspiele • Tags: die meistersinger von nürnberg
Kiss me Kate-Festspielzeit

Manchmal nutzt man die letzte Chance, so wie diese Aufführung von ‚Kiss me, Kate!‘ bei den Feuchtwanger Festspielen. Johannes Kaetzler inszeniert relativ sparsam, nur zwei verschiebbare Quader bilden die Garderoben der Künstlertruppe, die eine musikalische Umsetzung der ‚Widerspenstigen Zähmung‘ von Shakespeare in Baltimore wagt. Dieses Stück im Stück war der größte Erfolg von Cole Porter. Dass die Big Band nur aus sieben Mann besteht, tut diesem Stück dabei aber keinen Abbruch. Was zählt, ist die Spielfreude der Truppe um Fred Graham. Natürlich hat er die Hauptrolle des Stücks mit sich selbst besetzt. Die weibliche Hauptfigur der Katharina spielt prickelnder Weise, seine Ex-Frau, die vor einem Jahr die Scheidung eingereicht hatte. Diese ist inzwischen mit dem Gerneral Howell liiert, mit dem sie auch regen Telefonkontakt pflegt. Unterdessen stellt Fred Lois Lane nach, der er auch Blumen schickt. Dabei müssen das Veilchenimitat aus Plastik einiges aushalten, denn anstatt bei seiner Geliebten, bei seiner Frau. Einzig ein Brief verrät, dass die Blumen an die falsche Adresse geliefert wurden. Fred weiß um die Brisanz des Briefes und versucht an diesen zu kommen, der landet aber bei Lilli Vanessi im Ausschnitt. Sie soll ihn später während der Vorstellung lesen und mit dem Ausruf ‚Miststück‘ zu einer Schlagattack in den Unterleib von Fred ausholen (im Original beißt sie ihn sogar). Dieser lässt sich das auch im Stück nicht gefallen und schlägt massiv zurück, sodass Lilli in der Folge nicht mehr sitzen kann. Sie beschließt, ihren Mann anzurufen und die Vorstellung abzubrechen. Fred sind schon in den ersten Szenen zwei Gangster aus der Unterwelt von Baltimore auf den Versen. Er hätte einen Schuldschein über 10000 Dollar unterzeichnet. Zuerst leugnet er, die Unterschrift sei falsch. Dann kommt er aber auf die Idee, den Gangstern die Lage zu erklären. Diese sind mit Pistolen bewaffnet und wollen das Geld. Fred sagt, er könne das Geld nur zahlen, wenn sie Lilli dazu zwingen, die Vorstellung zu Ende zu spielen. Die Gangster bekommen auch Pumphose und Perücken, tragen allerdings Jacketts. Sie sind somit die absolute Lachnummer, allein die Mimik der beiden Darsteller spricht Bände. Sie passen auf der Bühne immer auf, dass Lilli ihren Auftritt auch weiterspielt. Als ein kleiner Vogel von dem Baum auf der Bühne mit einem Draht herabgelassen wird, schießt einer der Gangster den Vogel wirklich ab. In der Zwischenzeit macht das Ensemble Pause. Bei 15 Grad ist das ‚Viel zu heiß‘ eher ein frommer Wunsch. Auch die zwei Bühnenarbeiter, die eine Flasche Bier auf Ex trinken, haben eine Erfrischung an diesem Abend sicher nicht nötig. Lilli holt nun den General zu Hilfe. Dieser erscheint polternd mit viel Soldaten im Schlepptau auf der Bühne. Ein paar Gags zur Anspielung auf die Präsidentenwahl in den USA, das ist die Karriere, die General Howell plant, lassen einen ob der politischen Lage außerhalb des Theaters eher erschaudern. Auch hatte der General eine Affaire mit Lois Lane, die er auch nach der Heirat mit Lilli fortzusetzen gedenkt. Alle Andeutungen von Lilli, dass sie bedroht wird, weiterzuspielen, schlägt der General in den Wind. Die anschließende Wendung, dass die Gangster den Schuldschein schließlich zerreißen, weil der General und ihr Chef gemeinsame Sache machen, erscheint etwas unplausibel. Im Original wurde der Auftraggeber liquidiert. Als sie nun die finale Szene ohne Lilli spielen sollen, kommt Lilli doch auf die Bühne, diesmal freiwillig und spricht ihren Dialog mit Fred zu Ende.

Ich war von der Vorstellung sehr angetan. Es gab zwar einige Anspielungen auf die Provinz, die politische Lage in Amerika und ein paar platte Gags - so hatte ein Schauspieler einen Geldbeutel zum Ausstopfen der Hose verwendet - dennoch fand ich die Aufführung sehr gelungen. Nach wie vor finde ich die Botschaft des Stücks: Verprügle die Ex-Frau und sie kommt zurück, fragwürdig. Das sah man 1949 sicher noch anders. Die beiden Gangster bei ihrer Nummer: ‚Schlag nach bei Shakespeare‘ sind einfach köstlich. Die Herren sehen teilweise in den Langhaarperücken des Stücks ganz anders aus und man muss zweimal hinsehen, bis man die Schauspieler wieder erkennt. Zum Shakespeare-Stück hat man aber auch Kostüme aus der Zeit an. Eine gute Lautsprecheranlage kommt eigentlich nur bei den Gesangsstücken zum Einsatz, die Texte sprechen die Schauspieler ganz unverstärkt. Gefallen hat mir an diesem Abend auch Judith Peres, welche die Lilli ganz emanzipiert und mit gute Stimme spielte. Auch der fränkische Himmel hielt seinen Regen an diesem Abend zurück bis zum Ende der Vorstellung, sodass die Notfallponchos ungeöffnet blieben.

Von • Gallerien: Kultur, Musical, Festspiele