Opernblog

 

Die Tote Stadt - Das Geheimnis von Hausnummer 37

Manchmal hat man keine andere Chance, als für eine Oper direkt vor Ort zu sein, wenn es weder Livestream noch DVD gibt. So bleibt nur die Hoffnung auf Karten für „Die Tote Stadt“ am Bayerischen Nationaltheater in München. Klar bleibt einem noch die Liveübertragung im Hörfunk auf BR-Klassik, aber man sollte schon vor Ort gewesen sein. Mit Spannung habe ich diese zweite Aufführung erwartet, in der Jonas Kaufmann und Marlies Petersen und dem Dirigat von Kirill Petrenko die Hauptrollen singen. Die Rolle des Paul und die der Marietta, der beiden Hauptpersonen der Oper sind unbarmherzig hoch und keine ideale Rolle für Jonas Kaufmann, der die Partie jedoch ausgezeichnet überstand. Die sportlichen Fähigkeiten, die das Bühnenbild aus dem Jahr 2016 aus Basel abverlangt, hat er hervorragend überstanden. Man befindet sich in einem Bungalow aus den 60ern oder 70ern, der jedoch erstaunlich modern mit Kunstdrucken eingerichtet ist. Die einzelnen Zimmer dieses weißen Bungalows mit der Hausnummer 37 werden ständig neu angeordnet, teilweise live zur Musik, da muss man den Bühnenarbeitern wirklich einen extra Bonus gewähren. Es gibt dort Platten der Rolling Stones, aber auch einen Flachbildfernseher, vor dem man es sich in einem angedeuteten Wohnzimmer bequem machen kann. Es gibt aber auch eine Küche und ein Schlafzimmer, ebenfalls sehr weiß und hell. Auf der Drehbühne sind dabei sowohl die weiße glatte Vorderseite des Bungalows mit dem Eingangsbereich zu sehen, als auch dessen eingerichtete Räume, wenn sich die Szene dreht. Diese kleinteilige, einer Puppenstube gleichende Bühnenbild ist für die Zuschauer in den Rängen dabei nicht immer ideal.

Im ersten Akt trifft Paul der Witwer in Brügge auf seinen Freund Frank. Der erzählt im, dass er eine junge Frau namens Marietta kennengelernt hat, die seiner Frau sehr gleicht. In einem Abstellraum hat Paul eine Art Schrein für seine verstorbene Frau errichtet. Der besteht aus deinem Spint, mehreren Kartons und vielen Polaroid-Bildern. Das blonde Haar seiner verstorbenen Frau bewahrt er hinter einem roten Samtvorhang auf. Mit blauen Handschuhen untersuchen Frank und Paul die verstauten Gegenstände. Frank warnt Paul, in Marietta seine tote Frau zu suchen. Paul ignoriert das und lässt seiner Haushälterin Brigitta echte rote Rosen besorgen. Etwas später fährt eine fröhliche Marietta zum Bungalow mit dem Fahrrad. Sie hat dabei eine pinkfarbene Flokati-Jacke an. Sie ahnt noch nicht, was sie in diesem Bungalow erwarten wird. Marietta ist die lebensfrohe Tänzerin aus Lille, die in Brügge tourt und diese verstaubte, fromme Stadt verachtet. Wenig später turnt sie durch das Wohnzimmer, nimmt statt einer Laute ein Karaoke Mikro zur Hand. Paul gibt ihr noch den Schal seiner verstorbenen Marie, da sie zufällig dasselbe Kleid trägt. Nun ist sie seiner toten Frau noch ähnlicher. Sie stimmt den wahrscheinlich letzten großen Hit der Operngeschichte an mit „Glück, das mir verblieb“. Paul stimmt ein und setzt das Lied fort. Marietta entdeckt nun selbst die Ähnlichkeit und verlässt Paul, da sie zur Theaterprobe muss. Jetzt wird es richtig unheimlich. Das Licht im Wohnzimmer flackert und Paul rennt in einem Albtraum zum Schlafzimmer. Dort sieht man eine kahle Marie im Krankenhaushemd sitzen. Marie ist also an Krebs gestorben. Sie mahnt den Witwer Paul zur Treue an.

Im zweiten Akt sind nun die einzelnen Zimmer zerlegt und aufeinandergestapelt. In einem rastlosen Albtraum irrt Paul durch Brügge an den Zimmern vorbei und erlebt Merkwürdiges. Seine Haushälterin ist plötzlich Nonne geworden und läuft in einer Prozession am Ende vorbei. Sie hätte ihn verlassen, weil er seiner Marie untreu geworden ist. Sein Freund Paul nimmt im Obergeschoss eine Dusche. Gar nicht bekleidet sieht man Frank hinter einer Milchglaswand mit echtem Wasser Körperpflege betreiben. Nur mit einem Handtuch bekleidet, streitet er sich mit Paul um Marietta. Paul überwirft sich mit Frank um den Schlüssel von Mariettas Zimmer zu bekommen. Frank beendet die Konversation mit den Worten: Du bist mein Freund nicht mehr. In der Küche geht derzeit eine Party mit der Künstlertruppe von Marietta ab. Es stapeln sich dort die Flaschen, es sieht nach einer wilden Feier aus. In einem gepolsterten Einkaufswagen tobt Marietta im silbernen Kleid über die Szene. Sie trinkt dabei Sekt und feiert. Es flittert sogar der Staub. Der Pierrot der Truppe, der wiedermal eher wie der Joker aus Batman aussieht, ist ebenfalls verliebt in Marietta. Er stimmt das Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“ an. Im Schlafzimmer des Hauses proben sie die Auferstehungsszene aus Meyerbeers „Robert der Teufel“. Dabei erwecken sie mehrere Kopien der toten Marie, die im flackernden Licht über die Bühne irren und Paul einen enormen Schrecken einjagen. Eine Kopie von Marie im schwarzen Blumenkleid ist dabei äußerst präsent. Marietta gelingt es dennoch, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Paul lockt sie in die Wohnung, er hängt dabei mit Blumen am Fenster. Kurze Zeit vorher hat er noch einen roten Kasten Bier in die Wohnung geholt. Während er noch mit einem Eisenkoffer kurz vorher die Flucht durch die Küche antritt, kommt es dennoch am Küchentisch in der Wohnung zu einer ziemlich eindeutigen Szene. Marietta will den Kampf mit der toten Marie aufnehmen.

Im Negligé betritt nun Marietta die geschlossenen Räume und durchstöbert sie. Vor dem Bild Blow-up fordert sie nun Paul heraus. Die nun folgende Fronleichnamsprozessionsszene mit einem Kinderchor könnte in einem Horrorfilm nicht besser dargestellt werden. Zuerst tollen die Kinder als kleine Marietta und Paul-Doubles durch die Wohnung, dann stellen sich weitere Frank und Marie-Doubles im Kreis um den drehenden Bungalow auf. Marietta kommt nun in die Abstellkammer und zur Haar-Reliquie von Marie. Sie ist auf der Flucht durch die Wohnung und verspottet Paul wegen seiner Frömmigkeit und meint: Jede Frau muss sich dich mit Gott und der toten Marie teilen. Als sie sich an den Haaren von Marie vergreift, eskaliert die Lage und Paul erstickt Marietta im Bett mit den Haaren von Marie.

Man versteht nicht, warum jetzt Marietta plötzlich mit dem Rad wegfährt und wieder zurückkommt. Dann wird klar: Das Ende des ersten Akts bis zur Mitte des dritten Akts ist ein Traum von Paul gewesen. Marietta kommt noch mal zurück und überlegt, ob die vergessenen Rosen nicht ein Zeichen dafür sind, zu bleiben. Paul schickt sich weg. Frank, der nun wieder Pauls Freund ist, bittet Paul, aus der Stadt des Todes, zu gehen. Er stimmt noch mal das Lied vom Beginn an. Dabei verbrennt er in der Küche die Bilder, seine Krawatte und die Perücke von Marie. Zum Schluss nimmt er noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche Bier, vermutlich Oktoberfest-Festbier.

Während jetzt Dresden näher am Stück inszeniert hat und der Albtraum auf leisen Sohlen dahergekommen ist, setzt die Inszenierung in München deutlichere Zäsuren in den Akten. Dennoch nimmt auch dieses moderne Bühnenbild nichts von der Spannung weg. Man fühlt sich an einen guten Hitchcock erinnert im besten Sinne. Petrenko verschafft dem Vorläufer der Filmmusik ein aufregendes Klangerlebnis. Vor allem die drastische, überbordende Musik der Prozessionsszene im dritten Akt ist überwältigend. Auch mit den beiden bekannten Arien schafft er es zu berühren. Wirklich schade, dass man sich bisher nicht dazu entschlossen hat, dieses Werk per Livestream oder DVD einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Interesse ist da, wie man an den Kommentaren zu dem Video-Clip zur Oper sehen kann. Die Vorstellung ist leider restlos ausverkauft. Marlies Peterson ist eine wunderbare Marie, die auch im dritten Akt noch Spitzentöne produzieren kann. Die kräftezehrende Rolle des Paul bringt auch einen Jonas Kaufmann immer wieder hörbar an seine Grenzen, was aber zu dem strauchelnden Witwer sehr gut passt. Das Bier am Ende des dritten Akts hat er sich nach dieser spektakulären Albtraumfahrt auch verdient.

Nachtrag: Man hat sich jetzt wohl doch noch entschlossen, eine DVD zu produzieren. Ein Kauf würde sich wirklich lohnen.

Quelle: YouTube | BayerischeStaatsoper

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Von • Gallerien: Kultur, Oper

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