Opernblog

Archiv für: "Oktober 2013"

Othello vs. Jago

Othello vs. Jago

20.10.13 23:28

In einer Neuinszenierung von Gabriele Rech läuft am Nürnberger Opernhaus derzeit Othello von Verdi. Man hat Othello zeitlich etwas zurechtgerückt und befindet sich irgendwo in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auf die Frage in der Vorbesprechung, ob die Inszenierung modern oder schön sei, antwortete sie gekonnt: Schön und modern. Jetzt ist Verdis späte Oper keine Nummernopern mehr, sondern besteht zu 80 Prozent aus Rezitativen. Für mich der Versuch, die Ideen von Wagner aufzugreifen, der zur damaligen Zeit in Italien sehr in Mode war. Die Vorlage von William Shakespeare wurde aufgegriffen, aber mehrfach von Verdi überarbeitet, da er mit dem Endergebnis lange Zeit nicht zufrieden war. Othellos Gegenspieler kommt eine tragende Rolle zu, weshalb die Oper besser Jago heißen sollte.
Mit einem lauten Orchesterbrausen befindet man sich an den Küsten Zyperns. Vor einer Wand, auf der eine Gewitterstimmung aufgemalt ist, singt die Bevölkerung Zyperns und beobachtet, wie das Schiff von Othello strandet. Man sieht, wie das Schiff im Sturm anlegt und Othello auf wundersame Weise gerettet wird. Aus dem ersten Rang schmettert er ein lautes Esultate in den Zuschauerraum. Das Volk ist in teilweise in Militäruniformen, es gibt aber auch einen Priester und leichte Damen. Man feiert die Rettung von Othello und zündet in einem Ölfass ein kleines Freudenfeuer an. Dort werfen sie auch Fotos hinein. In der Feier der Rettung von Othello mischt sich Jago unter das Volk. Jago wurde bei der Beförderung übergangen zugunsten von Cassio. Da er auf Cassio neidisch ist, versucht er mit einem Trinkspiel eine Schlägerei zu provozieren. Ziel ist es, Cassio bloß zu stellen und mit der entstehenden Rauferei Othello und seine Frau Desdemona zu wecken. Und falls man es noch nicht wusste, es gibt schon Papstar Trinkbecher in Zypern, mit den sich trefflich Trinkspiele realisieren lassen. Rodrigo und Cassio geraten also aneinander und es kommt wirklich dazu, dass Othello aufwacht, um den Streit zu schlichten. Dabei degradiert er Cassio. Othello hat sich trotz seiner schwarzen Hautfarbe, die hier nur leicht angedeutet ist, einen Rang in Venedigs Flotte als Feldherr erarbeitet. Darauf ist sein Diener Jago aber neidisch, obwohl er ihn eigentlich wegen seiner Hautfarbe ablehnt. Wieder allein singen Othello und Desdemona ein wunderschönes Duett. Dass sie dabei vor den Hafentoren stehen und weit voneinander entfernt ist, ist etwas merkwürdig. Man befindet sich im Offizierskasino und versucht sich im zweiten Akt zu zerstreuen. Jago aber setzt alles daran, Othello zu vernichten. Dabei ist seine Grundhaltung sehr nihilistisch. Sein Credo, dass er an nichts glaubt, singt er vor der Feuerschutzwand des Bühnenraums. Es gibt dazu wieder die besagten leichten Damen, die zur Zerstreuung der Offiziere dienen sollen. Auf der Bühne steht ein großer Billardtisch. Das Volk Zyperns kommt mit einem Kinderchor daher, um Desdemona zu huldigen. Die Kinder spielen die Heldentaten Othellos nach und das Werben von Othello um Desdemona. Dabei streuen sie Blütenblätter und erzählen von seinen Reisen über die Meere. Jago spinnt nun seine Intrige gegen Othello weiter. Er sagt Desdemona ein Verhältnis zu Cassio nach, da sie sich immer wieder bei Othello einsetzt und um Gnade wegen seiner Degradierung bittet. Othello ist von der Aussicht, betrogen zu werden schon so außer sich, dass er einen Billard-Kö zerbricht. Auf dem Billardtisch betrinken sich Jago und Othello nun. Jago erzählt nun von dem Liebestraum von Cassio, wo bei der zerbrochene Kö wohl etwas missbraucht wird (nicht ganz jugendfrei). Othello fordert nun einen Beweis und Jago beschließt Othello einen Beweis für Desdemonas Untreue zu liefern. Othello hat Desdemona ein Taschentuch geschenkt, das er bei Cassio gesehen hat. Dass dieses noch im gleichen Akt und am selben von Desdemona benutzt wurde, hätte Othello eigentlich auffallen können, aber wo bleibt bei Liebe schon die Logik.
Othello beschwört nach der Pause Desdemona, auf das Taschentuch aufzupassen. Es wäre eine Art Talisman eingewebt und hätte Zauberkräfte. Wieder im Casino versucht Jago, Cassio zum Erzählen von seiner Liebschaft zu überreden. Othello denkt, er spreche von Desdemona, versteckt sich hinter dem Billardtisch und rastet völlig aus. Während Cassio sich über zwei Damen am Billardtisch hermacht. Cassio zieht das Taschentuch und damit ist für Othello klar, dass er betrogen wurde. Es trifft eine Abordnung des Dogen in Abendkleidern und Smoking ein. Othello wird abkommandiert. Dies wird auch in einer Videoprojektion auf die Rückwand des Bühnenraums übertragen. Othello setzt Cassio wieder als Hauptmann ein und beobachtet Desdemonas Verhalten. In jeder Regung von ihr, sieht er schon ein Zeichen ihrer Untreue und rastet von der Gesandtschaft aus und wirft seine Geliebte auf den Boden. Nun malt er sich gänzlich schwarz an. In einer Nachtszene bettet sich Desdemona nun in ihrem Hochzeitkleid zur Ruhe. Sie hat ihr Brautkleid an und denkt an ihren eigenen Tod. Othello schleicht sich nun im Dunkeln an und löscht die zwei Kerzenleuchter. Für ihn erscheint der sogenannte Ehrenmord an Cassio und Desdemona nun als einziger Ausweg. Dabei hat er Rodrigo beauftragt, Cassio umzubringen, während er Desdemona erwürgen will. Durch einen Kuss von Othello geweckt, beteuert sie weiterhin ihre Unschuld, wird aber letztendlich von Othello umgebracht. Wie sie es nun schafft, trotz des Erstickungstodes durch den Schleier, noch einmal zu singen, ist für mich echt opernlike. Der Plan gleichzeitig Cassio zu beseitigen scheitert, denn Cassio bringt Rodrigo um. Die Dienerin ruft nun um Hilfe, dass Desdemona umgebracht wurde. Cassio, Ludovico und Jago tragen die tote Desdemona raus aus dem Ehebett. Es wird klar, dass Jago der Drahtzieher des Unheils war und der macht sich nun durch den Zuschauerraum auf die Flucht. Am Ende ist Othello allein auf der Bühne und schlitzt sich mit dem letzten Ton die Kehle auf.
Teilweise gelingt es der Inszenierung, den Helden Othello als schwer traumatisierten Kriegshelden darzustellen. Mit viel Alkohol versucht er, sich über die traumatischen Ereignisse der Schlachten und seine Eifersucht hinwegzutrösten. Dabei läuft er in den knapp zwei Stunden auf Dauerhochtouren. Diese aufbrausende Überspanntheit des Othello gelingt es nur ansatzweise herüberzubringen. Das Amokläuferpotenzial könnte hier durch David Yim noch tiefer ausgelotet werden. Dagegen ist Jago (Mikolaj Zalasinski) durchweg in Bestform, wie er durch die ganze Oper intrigiert ist hervorragend umgesetzt. An dem Frauenbild, das scheinbar nur die leichte Form kennt, sollte man arbeiten. Es kommt in der Oper keiner gut weg. Da sind die zutiefst traumatisierten Männer, die nur Alkohol, Frauen und den Kampf im Kopf haben. Aber auch die Frauen kommen ihren Anteil, die hier hauptsächlich als Huren ihre Plätze finden. Die Musik durch Guido Johannes Rumstadt ist stellenweise sehr knallig und lässt den Solisten wenig Luft. Die Bühnenausstattung ist aber weitgehend gut umgesetzt.

Quelle: Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: othello

Wer noch Karten hat für das Musical Next To Normal-Fast Normal hat, sollte diesen Beitrag besser nicht lesen und sich die Spannung nicht nehmen lassen. Allen anderen, die unbedingt weiterlesen wollen und sich die Überraschungen in dem Musical nehmen wollen, oder keine Karten mehr bekommen haben, dürfen weiterlesen.
Diana scheint das lebt scheinbar das Leben einer normalen Frau. Ihr Mann Dan, ihre Tochter Natalie und ihr Sohn Gabe scheinen das Bild einer perfekten Familie zu geben. Schon in den ersten Szenen merkt man, dass irgendwas nicht stimmt. Der Vater scheint den Sohn Gabe komplett zu ignorieren. Die Tochter macht gerade ihre Abschlussprüfungen, nimmt Klavierstunden und übt Mozart. Ihr Freund Henry nimmt dagegen alles auf die lockere Schulter, raucht Gras und ist dem Jazz nicht abgeneigt. Den normalen Haushalt bewältigt Diana bis zum Umfallen, packt Brote für die Zwischenmahlzeiten der Familie. Erst als sie diese am Küchenboden zubereitet, merkt ihr Mann, dass wieder einmal was nicht stimmt mit seiner Frau. Seine Frau leidet seit 16 Jahren an einer bipolaren Störung. Dagegen nimmt sie Tabletten, die ihr Dr. Fine mit österreichischem Dialekt verordnet. Übergroß tanzen die Tabletten auf der Bühne. Dr. Fine ordnet immer wieder neue Kombinationen der Medikamente an. Sie geht immer wieder zu dem Arzt und schildert die Nebenwirkungen seiner Therapie, bis sie der Meinung ist, nichts mehr zu spüren. An dem Punkt erklärt der Arzt seine Behandlung für erfolgreich. Dann wird ihr das Schlucken der Tabletten zu viel. Sie sehnt sich nach den Höhen und Tiefen des Lebens und sie leert die Pillen-Dosen in einen Eimer und schüttet sie in die Toilette. Mit den Worten, ihr Haus hätte jetzt die glücklichste Toilette in der Stadt, geht sie wieder ihrer Hausarbeit nach, ist übermäßig aktiv, bis ihr Mann drauf kommt, dass sie ihre Medikamente wieder nicht nimmt. Dies fällt allen auf, als sie eine Torte für ihren Sohn Gabe zubereitet und dessen Geburtstag feiern will. Ihre Tochter und ihr Mann sind entsetzt. Ihr Mann schickt sie zum Arzt Dr. Madden. Den Doktor Madden hält sie zeitweise in ihren Fantasien für einen Rockstar. Dort unterzieht sie sich einer Psychotherapie, wobei raus kommt, dass Ihr Sohn Gabe gar nicht mehr lebt. Dies erreicht er durch eine Hypnose, an die Diana zuerst nicht glauben will. Der Arzt meinte, es wäre wohl Zeit sich von ihrem Sohn zu verabschieden. Schließlich packt sie eine Kiste zusammen und beschließt das Zimmer ihres Sohns zu räumen. In einer Traumszene tanzt sie einen Walzer mit ihrem Sohn Gabe. In Wirklichkeit hat sie sich die Pulsadern aufgeschnitten. Die Krankheit sitzt bei Diana scheinbar tief. Man beschließt, das letzte Mittel anzuwenden und eine Elektrokrampftherapie anzusetzen. Nach Langem hin und her, willigt ihr Mann Dan schließlich ein.
Im zweiten Akt stürzt sich die Tochter immer weiter in die Drogensucht. Sie vergreift sich am Medikamentenschrank ihrer Mutter und putscht sich mit deren Medikamenten auf. Ihre Mutter steht derweil im Krankenhaus 14 Tage lang wortwörtlich unter Strom. Nach fünf Tagen Party und einer Disko nach der anderen, bricht sie zusammen und wird von ihrem Freund Henry heimgebracht. Ihre Mutter kommt nun von der Elektrokrampftherapie zurück und hat dort als Nebenwirkung einen totalen Gedächtnisverlust erlitten. In fieser Weise versucht nun ihr Mann Dan, die Vergangenheit zu verändern. In einer Biographiekiste mit Bildern, versucht er ihrem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen. Er präsentiert ihr nur schöne Erinnerungen, die Probleme versucht er damit zuzudecken. Nur ihre Tochter hilft nach und zeigt auch Bilder von unschönen Erlebnissen. Dann kommt das Gedächtnis so nach und nach zurück. Die Erinnerung an ihren Sohn Gabe fehlen aber. Auf der Suche nach diesem Stück Erinnerung geht sie wieder zu Dr. Madden. Der gibt einen ersten Hinweis auf ihren Sohn und meinte, sie solle mit ihrem Mann reden. Sie findet dann Zuhause eine Spieldose, die die Erinnerung an den Sohn wieder herstellt. Diese zertrümmert Dan am Boden. Dan erzählt nun, dass der Sohn viel geschrien hätte und die Ärzte die Ursache seines Schreiens nicht deuten konnten. Gabe starb mit dem Alter von 8 Monaten an einem Darmverschluss. Dies war der Dreh und Angelpunkt, an dem die Krankheit von Diana begonnen hat. Diana geht nun wieder zu Dr. Madden, sagt, dass sie wieder ihren Sohn sehe. Dieser ordnet weitere Therapien an, die sich nun Diana verweigert. Diana hilft nun ihrer Tochter noch zum Ball, verlässt dann aber ihren Mann und geht zu ihren Eltern. Dan geht immer wieder zu Dr. Madden und fragt nach seiner Frau, ist aber dann auch zu einer Therapie bereit. Schließlich ist auch ihr Mann so weit, dass er seinen toten Sohn sieht und seinen Namen nennt: Gabriel. Die Tochter und ihr Vater sind dann allein. Auch die Tochter zweifelt an ihrem Verstand und erzählt nun ihrem Freund vom Schicksal ihrer Mutter. Am Ende steht ein Ausblick auf Besserung, aber es gibt kein Happy End.
Am Ende steht ein fast 10-minütiger Applaus. Die Besetzung des Stücks ist mit Pia Douwes als Diana, Thomas Borchert als Dan und Sabrina Weckerlin als Natalie wirklich hochkarätig. Titus Hoffmann übersetzte das Stück und inszeniert treffend. Pia Douwes gelingt es, die Höhen und Tiefen von Diana feinfühlig auszuloten, ohne in den Kitsch abzugleiten. Auch Thomas Borchert als Dan ist in seiner ‚Alles-wird-gut‘-Manier umwerfend gut. Sabrina Weckerlin als Natalie gelingt es geschickt, die vernachlässigte, ungeliebte Tochter zu spielen. Die Musik kommt mit einem kleinen Sechsmannorchester aus, die bisweilen etwas E-Gitarrenlastig und rockig aufspielen. Mit dem Kniff, Gabriels Tod erst weit im zweiten Akt aufzuklären, gelingt es, die Spannung aufrechtzuerhalten, das ist hier deutlich besser gelöst, als in der Vorlage. Dass Gabriel als Untoter auftritt hat, etwas von der Spannung in Sixth Sense. Man braucht etwas, um zu verstehen, warum sein Vater ihn am Anfang so permanent ignoriert. Die deutsche Erstaufführung dieses Stück war sicher ein großer Coup des Stadttheaters und die Besetzung ebenfalls. Die Karten für diesen Abend besaßen wir schon seit fast einem Jahr und das Warten hat sich gelohnt. Der Stoff ist neuartig und wird gekonnt in Szene gesetzt. Allen, die noch Karten bekommen haben, einen Glückwunsch: es lohnt sich wirklich.

Nachtrag: Die CD-Aufnahme ist nun auch verfügbar zum Beispiel hier.

Quelle: MERCUTIOmedia

Bericht in der Abendschau des BR

Fokus Fürth - Das Broadway-Musical: Next to normal

Von • Gallerien: Kultur, Musical • Tags: fast normal