Opernblog

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La Traviata - Wenn der letzte Vorhang fällt

Peter Konwitschny inszeniert die Oper La Traviata in Nürnberg mit einer sehr konzentrierten Inszenierung, deren wesentliche Bestandteile ein Bistrostuhl und viele Vorhänge sind. Die gewagte Deutung der Oper führt dazu, dass die weibliche Hauptperson ganz in den Mittelpunkt der Oper rückt. In einer überarbeiteten Fassung lief diese Inszenierung schon in Graz. Alles dreht sich in der Oper um die vom rechten Wege abgekommene Violetta Valery. Mit sehr leisen Tönen beginnt Hrachuhí Bassénz, sodass man sich schon etwas Sorge macht, wie die kommenden Arien wohl laufen werden. Pausenlos läuft das Stück in einem Rutsch durch.

Es beginnt mit einer Festgesellschaft im Hause Violetta Valérys. Unter den Gästen ist auch Alfredo Germont, der eher aussieht, wie ein Student und so gar nicht in die festlich gekleidete Gesellschaft passen will. Er ist auch immer mit einem Buch zu Gang, in dem er nachzulesen scheint. Von der Deutung her erinnert er, vom dritten Rang aus gesehen, etwas an Johnny Depp. Als vier leicht bekleidete Bedienungen noch Likör servieren, ist es Zeit für das Brindsi. Violetta und Alfredo wollen zueinanderfinden, werden aber von der Partygesellschaft im Kreis herumgetrieben und verfolgt. Die Gesellschaft verschwindet aber hinter dem Vorhang. Es gibt schon einen ersten Schwächeanfall von Violetta, der von einem Arzt behandelt wird. Violetta springt von dem Stuhl, sodass man sich fast Sorgen macht. Der Herzkrampf, den sie erleidet, wird sehr bildlich dargestellt. Es kommt zur Aussprache zwischen den beiden. Violetta schickt nun Alfredo fort und sagt, er solle wiederkommen, wenn die Kamelie verblüht ist. Spätestens beim nun folgenden é strano, zeigt Hrachuhí Bassénz, dass sie ihrer Rolle mehr als gerecht wird. Alfred entschwindet in die ersten Reihen des Zuschauerraums und singt von dort seine Liebesbeteuerungen. Im zweiten Akt sitzt Alfredo auf einem Stapel Bücher. Das ist also das Haus außerhalb von Paris, in dem Violetta und er nun leben. Um diesen aufwendigen Lebensstil finanzieren zu können, hat Violetta vor alle ihre Habe zu verkaufen. Dies versucht nun Alfredo zu verhindern und fährt nach Paris. Es tritt stimmgewaltig Mikolaj Zalasinski als Alfredos Vater Giorgio Germont auf. In Begleitung hat er Alfredos Schwester als kleines Kind mitgebracht. Dieses Kind wird nun zum Spielball zwischen Violetta und Giorgio Germont. Aufgrund des Verhältnisses mit Violetta will der Verlobte von Alfredos Schwester von der Verlobung zurücktreten. Violetta solle die Verbindung beenden. Diese Worte hätten ihm Gott selbst so gesagt, sagt der Vater. Giorgio Germont versteckt sich in den Vorhängen, während Violetta ihrem Geliebten einen Abschiedsbrief schreibt. Sie weiß von ihrem bevorstehenden Tod durch die Tuberkulose. Mit einer Pistole versucht sie sich in dieser Deutung selbst das Leben zu nehmen. Beim Gerangel mit Giorgio Germont löst sich ein Schuss. Sie will die Verbindung beenden. Als Alfredo wieder kommt zurück und Violetta verlässt ihn schließlich, hinterlässt aber eine Einladung zum Ball bei Flora Bervoix in einem roten Kuvert. Im nächsten Aufzug beim Ball ist Violetta wieder in Begleitung von Duphol ihrem Verehrer. Die feine Ballgesellschaft ist damit beschäftigt, Spielkarten über die Bühne zu verteilen. Es sind keine Zigeunerinnen und Stierkämpfer, die man hier sieht. Es könnte eher die Gesellschaft einer Spielbank sein. Alfredo versucht, seinen Kummer im Spiel mit Karten zu vergessen. Alfredo stellt Violetta nun zur Rede. Sie spricht von einem gegebenen Versprechen, das sie bindet. Alfredo missversteht dies und meint, sie liebe Duphol. Die Ballgäste kommen wieder herein. Alfredo ist nun außer sich und wirft Violetta das Geld als Lohn für die Liebesdienste vor die Füße. Violetta und die gesamten Ballgäste reißen alle Vorhänge herunter und sinken quasi gemeinsam mit Violetta zu Boden. Es tritt als einziger aufrecht Giorgio Germont herein und tadelt seinen Sohn für das Verhalten. Douphol fordert seinen Rivalen zum Duell. Im letzten Akt nimmt Violetta wieder auf dem Stuhl Platz, ein Bett gibt es nicht. Der Arzt Doktor Grenvil kommt mit einem blauen Papp Hut von der Karnevalsfeier. Er redet ihr Mut zu, dass es ihr schon besser gehe. In Wahrheit hat sie nur noch wenige Stunden zu leben. Giorgio Germont hat inzwischen seinen Sohn aufgeklärt, was das Versprechen Violettas war. Alfredo kommt also in letzter Minute wieder zu ihr zurück. Violetta fasst noch kurz Mut und will aus dem dunklen Zimmer fliehen, bricht aber mit einem Hustenanfall an einem der hinteren Vorhänge zusammen. Im Schlussduett schieben Alfredo und Violetta noch einmal unsichtbar Vorhänge zur Seite. Violetta schenkt Alfredo noch ein Medaillon, das er seiner neuen Braut schenken soll. Sie werde im Himmel für die neue Liebe beten. Alfredo, die Dienerin, Giorgio und der Arzt entfernen sich in den Zuschauerraum. Von der ersten Reihe aus singen Alfredo und Giorgio. Es tut sich zwischen Violetta und Ihnen aber der Orchestergraben auf. Violetta geht auf den dunklen Bühnenhintergrund zu. Nein, da ist kein Licht, auf das sie zugeht. Der letzte Vorhang ist schwarz.

Die Inszenierung ist kompromisslos. Sie stellt das Leiden von Violetta in den Mittelpunkt und das kann nur gelingen, wenn die Frauenrolle gut besetzt ist. Es nur wenige Accessoires, die von der Handlung ablenken. Mir ist vorher noch nie aufgefallen, wie sehr die Oper an der Hauptperson hängt. Insofern fand ich auch in dieser Inszenierung eine neue Deutung. Was auch außergewöhnlich ist, dass es keine Pause gibt. Die Vorstellung war ausverkauft, was nach den zu Recht guten Kritiken auch nicht wundert. Auf FrankenTV gibt es einen Appetit-Happen zu der Aufführung.

Quelle: Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la traviata