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La Traviata – Keine Schunkelnummer

Ilaria Lanzino versucht im Staatstheater Nürnberg, das Glück beim Trinklied-Anhören etwas auf den Boden der Realität zurückzuholen. Auch wenn die Pretty Woman im gleichnamigen Film da Tränen vergießt, bleibt einem hier in Nürnberg doch eher der Atem stecken. Diese Traviata wurde durch ein Boomerang-Video, das während der Ouvertüre von vier nicht sehr wohlgesonnenen Herren mit silbernen Hörnern ins Netz gestellt wird, zu der vom Wege abgekommenen (zur Traviata). Das Ganze ist teils so drastisch, dass sich die Dramaturgin bemüht gesehen hat, eine Triggerwarnung für die Videosequenzen beim Start auszugeben. Dabei passiert aber eigentlich genau das, was Verdi mit seiner Traviata beabsichtigte. Greift die Geschichte doch damals brühwarm eine echte Person, nämlich die Lebedame Marie Duplessis in Paris auf, die mit 23 Jahren an der Schwindsucht gestorben ist. Keine sechs Jahre später bringt Verdi am Höhepunkt seines Schaffens die Oper dazu heraus, deren Handlung allerdings frei erfunden ist. Dennoch war der Zensur der Stoff mit Kostümen der damaligen Zeit zu heikel und man bestand darauf, die Handlung 150 Jahre zurück zu datieren. Insofern wird man dem Stück eigentlich sehr gerecht, wenn man aktuelle Kostüme wählt und vielleicht die Wendung einbaut, dass sich ein junges Partygirl leichtfertig auf einer Feier in Gefahr begibt und in der Folge eine Täter-Opfer-Umkehr stattfindet.
Schon 10 Minuten vor der Ouvertüre sieht man Violetta mit ihren Mädels beim Schminken für eine Party. Sie scheinen vor einem Handy rumzualbern und posieren vor der Kamera oder einem halbdurchsichtigen Spiegel. Auch wenn es die Boomerang-App für Instagram eigentlich nicht mehr gibt und die Videos in dem Stil schon etwas altbacken wirken, wird doch in der Ouvertüre so ein Video erstellt. Violetta Valery hat während des Stücks immer wieder Hasenohren an oder ein Kostüm. Das Video geht viral, wird vielfach geteilt und mit Häme kommentiert. Es ist also ein Rufmord per Social Media, die diese Violetta fallen lässt. Während der Hälfte der Ouvertüre fällt der Vorhang und man sieht eine psychisch erkrankte Violetta in der nächsten Szene ein Jahr später im Hasenkostüm. Sie hängt selbst an der Flasche hängt, ist während des Brindisi in einem Club. Das bekannte Trinklied bekommt da einen bitteren Beigeschmack und klingt auch aus dem Orchestergraben eher scharf. Zudem halten die Gäste des Balls ihre Handys drohend in Richtung Violetta. Sie alle kennen das Video. Erst als sie Alfredo kennenlernt, streift sie ihr Hasenkostüm zu „Sempre Libera“ ab und bekommt wieder Zuversicht. Jetzt scheint eine Toilette, die aussieht wie eine Szenekneipe in Gostenhof, für ein Duett zwischen Alfredo und Traviata der perfekte Ort zu sein. Die beiden tauschen unter der Trennwand Nachrichten aus.
Nahtlos schließt sich der zweite Akt an. Bei dem man ein Familienidyll sieht. Der Vater von Alfredo mit seiner Frau und Tochter lädt zu einem Hochzeitsbankett ein. Was man normalerweise nur in dem Libretto liest, setzt Ilaria Lanzino in Szene. Es gibt die Tochter als Person wirklich auf der Bühne, ebenso wie die Mutter. Die Tochter ist in einer edlen Wohnung mit großem Tisch und gelben Stühlen mit den Hochzeitvorbereitungen beschäftigt. Ihr zukünftiger Ehemann ist mit der Verbindung von Violetta mit Alfredo nicht einverstanden. Zudem entdeckt er auf dem Handy das virale Video und zeigt es in der Familienszene rum. Die Tochter ist entsetzt, wer da zur Familie dazukommen soll. Der Vater versucht nun Violetta hinauszubefördern. Während die Tochter immer besser gelaunt ist, die Schachtel mit dem Brautkleid und den Schleier auspackt, Brautschuhe probiert und Tischkarten schreibt, ist Violetta verzweifelt. Sie wirft dem Vater das Geld vor die Füße und eine Perlenkette. Als die Tochter nun erfährt, dass sich Violetta zurückzieht, umarmt Sie Violetta als Dank für das große Opfer, das sie für ihr Glück gegeben hat. Die Abschiedsworte liest Alfredo wieder am Handy. Violetta stürzt sich in den Karneval in Paris. Es kommt noch zu einer großen Szene am Ende mit Männern, die als Stiere auftreten und Häschendamen. Nach einer Rangelei zwischen ihrem Liebhaber und Alfredo, ist für sie die Lage aussichtlos ist. Sie schlitzt sie sich die Kehle auf.
Der letzte Akt ist kurz. Violetta liegt eigentlich in einem Krankenhaus-Bett in mitten der Bühne. Die Sängerin steht dahinter und gibt der Situation die Melodien, die als eine Art Wachkoma erklingen. Nebenher reanimiert der Arzt mit einem Defibirlator. Vier Freunde sind betroffen von dem Zustand. Als jetzt Alfredos Vater mit Frau und Tochter kommen und sich entschuldigen will, wirft eine der Freunde ihm den Blumenstrauß vor die Füße. Die Bühne ist am Ende in ein goldenes Licht getaucht. Die Idee mit der Komasequenz erklärt schlüssig, was im Original nicht aufgeht, dass Violetta bis zum Schluss in den höchsten Tönen singt, trotz Schwindsucht. Die singende Violetta bricht am Ende tot zusammen.
Letztlich war das Echo geteilt und viele fanden die Bildsprache unangemessen. Mir hat der kritische Blick auf Social Media und die Aktualisierung jedenfalls gut gefallen. Das Thema ist nicht nett und wurde entsprechend drastisch hier umgesetzt. Eliza Verzier gab an diesem Abend für mich eine wundervolle Violetta mit schönen Pianissimi. Sergei Nikolaev als Alfredo Germont hatte die passende Strahlkraft. Aber auch Sangmin Lee als Giorgio Germont überzeugte. Mit drei gut besetzten Rollen kann eine Traviata auch in der Form die Frau vor mir im 2. Rang zu Tränen rühren. Die Umsetzung von Lanzino hatte schon in der Pause heftige Diskussionen erzeugt, wobei ich mich eher auf der Befürworterseite sehe. Ja, Traviata kann man tatsächlich so umsetzen, ist halt dann keine Schunkelnummer mehr.
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