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Lulu – Ein heißer Abend

Es ist schon ein seltsames Stück diese Lulu von Alban Berg, das in der Inszenierung von Roman Herzog am Staatstheater Nürnberg läuft. Eigentlich ist die Musik streng nach den Regeln der 12-Ton-Musik komponiert. Als begabtester Schüler von Arnold Schönberg vertonte er zwei Tragödien von Frank Wedekind. Dabei ging er äußerst clever vor, in dem er die strengen Regeln der 12-Ton-Musik zwar einhielt, die für den Zuhörer dissonanten Töne aber in die Begleitstimmen legte. Trotz Klimatisierung im Opernhaus ist der Aufstieg von Lulu eine heftige Sache, am vermutlich heißesten Wochenende des Jahres. In der Einführung bezeichnete man die Oper als Boulevardkomödie. Zu der 12-Ton-Musik ist ein toter Mann zu jedem Ende eines Bildes eine etwas seltsame Auffassung von Humor. Die Hauptperson Lulu agiert in diesem Stück ebenso rücksichtslos, wie das Patriarchat, gegen die Lulu sich Freiheiten rausnimmt. Gefälligkeiten und das was Lulu unter Liebe versteht, wird als Brecheisen eingesetzt für einen Aufstieg in den ersten 1 ½ Akten. Unterbrochen wird der Aufstieg dann durch ein Zwischenspiel und den gesellschaftlichen Abstieg nach der Pause, der aber kürzer ausfällt und auch nicht von Alban Berg auskomponiert wurde. Wedekinds Stück zerfranst von der Handlung immer mehr gegen Ende, sodass dem Komponisten außer Skizzen vermutlich nichts mehr eingefallen ist, das Stück schlüssig zu beenden.
Der Athlet beginnt das Stück mit einer Ansage. Im Aerobic-Anzug mit Vokuhila eröffnet er die Geschichte des Aufstiegs von Lulu. Diese sitzt mit rosa Outfit und Pantoletten auf einem bunten Patchwork-Sofa. Der Maler wird in der Inszenierung kurzerhand zum Fotografen und setzt die blond-perückte Lulu ins rechte Bild. Mit der Kamera spielt auch Lulu immer wieder lässig. Es kommt zu Intimitäten zwischen Lulu und dem Fotografen auf der Bühne. Dabei ist Lulu doch mit dem Medizinalrat verheiratet. Der ertappt die beiden „in flagranti“ und bekommt einen Zusammenbruch nach den Worten: „Ihr Hunde!“, wird vom Schlag getroffen und fällt tot um. Damit ist die erste Leiche gesetzt. Eigentlich begehrt Lulu ja den erfolgreichen Verleger Dr. Schön.
Im nächsten Bild ist der Fotograf mit dem Foto von Lulu international gefragt. Das Foto hängt an der Bühnenwand. Lulu hat den Maler geheiratet, inzwischen hat sie eine rote Perücke. Das Sofa auf der Bühne ist modern und grün. Der Maler erfährt nun aber von der Affäre mit Dr. Schön und nimmt sich auf eine Toilette das Leben. Lulu ist damit zum zweiten Mal Witwe und der Maler ist der nächste Tote auf Lulus Aufstieg.
In der Garderobe eines Theaters bereitet sich Lulu nun als Tänzerin mit schwarzer Perücke auf die Vorstellung vor. Diesen Posten hat sie auf Vermittlung von Dr. Schön bekommen. Als sie dessen Verlobte in der Vorstellung sieht, täuscht sie einen Ohnmachtsanfall vor. Sie ist erst bereit, die Vorstellung fortzusetzen, wenn Dr. Schön die Verlobung auflöst.
Lulu scheint am Ziel angekommen, sie ist im zweiten Akt mit Dr. Schön verheiratet. Leider betrügt sie ihn aber wieder mit einer Entourage an Verehrern, die alle bei Dr. Schön ein- und ausgehen. Dr. Schön hat die Kontrolle über seine eigene Wohnung verloren. Rasend vor Eifersucht, fordert er Lulu auf, mit dem Revolver Selbstmord zu begehen. Im Handgemenge mit Lulu löst sich aber ein Schuss und tötet Dr. Schön. Dieser kann noch seinen Sohn Alwa warnen vor Lulu. Erstmals tritt eine mysteriöse Gräfin auf. Lulu wird verhaftet als Mörderin, worauf ihr Abstieg beginnt.
Bis hier ist es stellenweise von der Musik sehr dynamisch und die Partitur erfordert wegen der vielen punktgenauen Schichtungen der Töne höchste Konzentration der Musiker und auch vom Publikum. Lulu geht wahrlich über Leichen für ihren eigenen Aufstieg.
Nach der Pause geht es los mit dem rasanten Abstieg. In einer guten Stunde macht die Handlung jetzt die Rolle rückwärts. In den Wirren eine Cholera-Epidemie tauschen die Gräfin und Lulu die Rollen. Die Gräfin wird anstelle Lulus inhaftiert. Die Begründung, warum dies gelingt, ist haarsträubend. Sie hätten sich während der Krankheit von ihrem Gesicht her so angeglichen, dass sie die Rollen tauschen konnten. Lulu sitzt während der Erzählung in einem mit Tüchern verhangenen Raum. Der Athlet wird am Sofa dick und isst nur noch. Lulu flieht mit Alwa aus Deutschland nach Paris.
In Paris ist man nun in einer Art Glückspiel-Gesellschaft, die mit Jungfrau-Bergbahn-Aktien spekuliert und versucht damit reich zu werden. Es geht immer wieder um einen Geldkoffer, der anfangs noch gefüllt ist. An einem Spieltisch hinter einem Schnurvorhang verspielt man das Vermögen. Eine Verwirrung über den Aktiencrash nutzen Alwa und Lulu zur nochmaligen Flucht nach London.
Völlig betrunken empfängt Lulu in London in einer Absteige Freier. Die werden immer dreister. Sie hat das Kostüm vom ersten Akt wieder an. Alwa bringt das Bild von Lulu aus besseren Tagen vorbei. Einer der Kunden ermordet Alwa, was Lulu aber egal scheint, so alkoholbenebelt wie sie scheint. Die Gräfin ist ebenfalls Lulu gefolgt und will sich immatrikulieren und Jura studieren. Der letzte Freier, den Lulu empfängt ist nun eine Reinkarnation von Dr. Schön, der Lulu schließlich erschießt. Im Original ist es Jack-the-Ripper, den Bogen zurück zum Kipppunkt ihrer Karriere ist aber ein guter Einfall der Regie.
Da sich das Stück in der Cerha-Fassung des dritten Akts nur komplett spielen ließ, griff man auf eine Bearbeitung von Eberhard Kloke zurück, der einmal GMD in Nürnberg war. Aber auch diesen Schluss des dritten Akts hat man nochmal gekürzt, sodass der Schluss so nur in Nürnberg zu sehen ist. Nach gut 3h hat man ein dickes musikalisches Brett erleben dürfen, das bei den Temperaturen, trotz Klimaanlage eine Herausforderung war. Wenn man die ersten fünf Minuten der Musik übersteht, erkennt man irgendwann einen musikalischen Sinn. Wenn mir auch der Sinn an einem heißen Sommertag mehr nach Tonalität gestanden wäre, war es doch ein bemerkenswerter Abend. Letztlich war es auch die Musik, die ich vor vielen Jahren gehört hatte, der Grund, es nochmal zum Probieren. Die Musik fand ich damals schon faszinierend.
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