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Meistersinger – dort unter einem Wunderbaum

Letztlich war es Michael Spyres als Stolzing, der den Ausschlag gab, dieses Jahr zu den Meistersingern von Nürnberg nach Bayreuth zu fahren. Matthias Davids hat dort eine Meistersinger-Inszenierung aufgesetzt, die das komplette Gegenteil zur geschichtsträchtigen Deutung von Barry Kosky ist. Natürlich hatte ich die Premiere im Fernsehen mit Daniele Gatti als Dirigent und Georg Zeppenfeld als Sachs gesehen. Am Fernsehen fand ich die gänzlich geschichtsfreie Deutung zu belanglos und habe nach dem ersten Aufzug ausgeschaltet. Bei dieser Aufführung sollte es ganz anders sein, denn Axel Kober sprang ein. Auch der Hans Sachs war nicht Georg Zeppenfeld, sondern Michael Volle. Diese kurzfristige Besetzungsänderung wegen Krankheit, sollte sich als Glücksfall erweisen. Hat man doch mit Axel Kober einen Mann mit Bayreuth-Erfahrung gewählt, der mit den akustischen Gegebenheiten des Hauses hervorragend zurecht gekommen ist. So ließ er den Sängern viel Raum, deren Stimmen sich wundervoll über das Orchester entfalten konnten. Erst im dritten Akt zur Festwiese wurde es richtig laut, was dann auch wieder passt. Überhaupt – die Festwiese, die in vielen Inszenierung als Massenaufmarsch inszeniert wird, gerät beim Davids zu einem bunten Happening mit Merkel, Gottschalk, Milva und Loriot im Doppelpack. Es ist ein wildes Gewimmel mit Becks-Angels, einer Party in Weiß und man muss sich fragen, warum das immer als Aufmarsch inszeniert werden muss. Eine aufblasbare große, bunte Kuh bildet das Dach für Strohballen und ein buntes Happening der Zunftstände. Aber zurück zum Anfang dieses langen, etwas unbequemen Abend in Reihe 30 mit eingeschränkter Beinfreiheit.
Bei geschlossenem Vorhang kann man die Ouvertüre ungetrübt von Aktionen auf der Bühne genießen. Der Abend beginnt mit Kirchenbesuchern, die eine lange, steile Treppe die Katharinenkirche in Nürnberg hinunter gehen. Damit sich alle auch der Gefahren bewusst sind, hat der Treppenbeauftrage ein entsprechendes Warnschild platziert. Stolzing, der verarmte Ritter, hat Eva schon längst vorher getroffen. Wer jetzt genau aufpasst, kann schon eine kleine Truppe Straßenmusiker erkennen, die das Motiv des Preisliedes aufgreifen, das am Ende des Stücks erklingen wird. Ist der Sieg also doch nur geklaut? Stolzing baut Papierflieger aus dem Gesangbuch. Der kecke Ritter erfährt nun, dass Eva das Preisgeld für den Sieg beim morgigen Sangeswettbewerb sein wird. Teilnehmen kann aber nur ein Meistersänger, der in den Gesangsregeln vertraut ist. Die Treppe wandert auf die rechte Bühnenseite und gibt den Raum frei, auf eine Anmutung des Zuschauerraums des Festspielhauses, den man dort auf der Bühne aufgebaut hat, inklusive der legendären Klappsitze, auf denen nun die Meister Platz nehmen. Die ebenfalls auf der Bühne stehenden Lehrjungen sind Mädchen und Buben. Es wird ein Podium mit einem roten Teppich aufgebaut, auf dem eine Leier zu sehen ist. Die Meister treten auf, aber jeder ist von seinem Beruf schon leicht geschädigt. So ist der Würzkrämer dem blauen Dunst verfallen und verschwindet immer wieder in einen Raucherraum. Der Kürschner mit der Fellmütze ist allergisch gegen Tierhaare, der Seifensieder hat Probleme mit den Augen aufgrund des Kontakts mit Laugen, der Becker niest vom Mehlstaub und der Spengler hat Höhenangst. Viele der Meister tragen eine Schlaraffenmütze, ein witziges Detail mit Bezug auf die Bruderschaft der Schlaraffen. Man hat also viele Details versteckt, die einem bei der Fernsehübertragung vielleicht entgangen sind. Schlaraffen sind nur Männer, die sich in Sippschaften treffen und eine seltsame Sprache sprechen. Rechts wird ein Buffet aufgetischt. Stolzing ist verwirrt als er die Regeln des Meistergesangs erklärt bekommt. Am Johannistag soll ein öffentliches Meistersingen stattfinden, zu dem sich Bewerber einfinden sollen. Stolzing wird zum Meistergesang nach einer Probe zugelassen. Er hat aber einen Rivalen, Beckmesser, der als Einziger der Meister, neben Sachs, Lesen und Schreiben kann. Beckmesser bezwingt die steile Treppe und nimmt in einer Klappe unter der angedeuteten Kirche Platz. Dort markiert es mit einem Kratzgeräusch die Fehler, die Stolzing im Gesang hatte. Als der siebte Fehler notiert ist, entrollt er ein Banner auf den vielmals „Nein“ steht. Es entsteht ein Streit, während Stolzing zu Ende singt. Die Meister sind entsetzt, wegen seines neumodischen Gesangs. Der Teppich mit der Leier wird eingerollt. Der erste Akt endet mit einem Knall und die kleine Kirche am Ende der langen Treppe gerät in Schieflage.
Während im ersten Aufzug die dreieckige Form das Bühnenbild bestimmt hat, ist es im zweiten Akt das Quadrat. In einem Fachwerkhäuser-Tetris sieht man viele Häuser ineinander geschachtelt. Das Bühnenbild erweist sich im Laufe des zweiten Aufzugs als clever gebaut und schnell demontierbar. Es ist aber Nacht, Sachs sinniert in seiner Stube über Stolzings Gesang. Eva hat von der Eskalation im ersten Aufzug und vom Versagen Stolzing nur über Magdalene mitbekommen, erfährt es aber nun nochmal direkt. Sachs will aber Stolzing und Eva zusammenbringen, die beiden treffen sich. Kurz zu sehen sind auch die Meister in Nachtgewändern. Die beiden Verliebten verstecken sich hinter einer ausgedienten gelben Telefonzelle als sie Beckmesser kommen sehen. Die Telefonzelle dient als Bookcrossing-Stelle und Schutz. Die Flucht der beiden ist also nicht weit, sie kauern hinter der Zelle und beobachten was passiert. Beckmesser will sich mit einem Ständchen bei Eva einschmeicheln, wobei die Laute ein echtes Hightechgerät mit Neonbeleuchtung ist. Die Coolness unterstreicht eine Sonnenbrille. Den schrägen Gesang Beckmessers stört aber Sachs mit seinem Schustergehämmer. Das Ständchen gilt aber eigentlich Magdalene, was den eifersüchtigen David auf den Plan ruft. Es beginnt eine wilde Prügelei, bei der ein Boxring improvisiert wird. Stuntmänner springen von der Telefonzelle, es ist ein wildes Durcheinander von Leuten in weißen Schlafanzügen, als sich die Bühne öffnet und kurz darauf wieder schließt. Der Nachtwächter verkündet mit seinem Horn elf Uhr, er schnippt das Licht aus und es kehrt Ruhe ein.
Im dritten und längsten Akt sitzt Sachs in einem ovalen Kreis, der seine Schusterstube darstellt vor einem Haufen von Schuhleisten. Hans Sachs kniet Gedankenverloren vor einem Familienbild mit seiner Famile, die vermutlich nicht mehr am Leben ist. David gratuliert ihm zum Namenstag. Stolzing kommt und formuliert das Meisterlied, das Sachs aufschreibt. Dieses Preislied soll er auf der Festwiese vortragen. Der schwerlädierte Beckmesser kommt herein, doch in der Stube scheint es zu spuken. Sein Hut bewegt sich wie von Geisterhand, die Leisten fallen in sich zusammen, ein Stuhl auf den er sich setzen will bricht unter ihm zusammen. Beckmesser sieht den Zettel liegen, auf dem das Lied notiert ist und denkt es sei von Sachs. Der Schreiber Sachs schenkt ihm dieses Gedicht, allerdings keine Melodie dazu. Eva kommt in einem prächtigen Kleid herein und beschwert sich über drückende Schuhe, der Schuh drückt aber in Wirklichkeit, weil sich auch Beckmesser mit einem Lied bewerben will. Stolzing vollendet sein Lied. David wird nicht zum Gesellen geschlagen, sondern eher gekitzelt. Es kommt zur Quintettszene, wo sich die Verliebten treffen und den Aufbruch zum Festplatz planen. Der ovale Kreis verschwindet während der Umbauarbeiten zur Festwiese und es werden Strohballen aufgebaut. Es senkt sich eine aufblasbare Kuh von oben, im Nana-Stil von Niki de St. Phalle. Die ist eine witzige Anspielung auf eine Verballhornung des Wortes Walküre aus dem Französischen erschließt sich einem nicht sofort, wenn man es aber weiß, ist das durchaus witzig. Es kommt zum Aufmarsch der Meister und der Stände, wobei das eher ein anarchisches Gewusel von fränkischer und bayrischer Tracht ist. Es gibt eben die vier deutschen Prominenten im Doppelpack, bunte Fahnen und Glühbirnenleuchtleisten die an Kirmesfahrgeschäfte erinnert. Ganz im Sinne süddeutscher Kirchweihen, gibt es diverse Volksfestköniginnnen. Die Arme Eva steht in einer übergroßen Blumenvase als Preisgeld und ist scheinbar dem Gesangswettbewerb und seinem ungewissen Ausgang hilflos ausgeliefert. Der Gesang des Volkes auf der Festwiese ist so laut, dass sich der Nachtwächter die Ohren zuhält. Beckmesser tritt mit dem geklauten Lied auf, findet aber keine stimmige Melodie auf seiner verstimmten Laute und wird vom Volk kräftig ausgelacht. Als Stolzing nun das Meisterlied vorträgt gewinnt er und damit Eva. Als Dank will man ihn ebenfalls zum Meister machen, was er aber ablehnt. Unterdessen zieht ein enttäuschter Beckmesser die Stecker an der aufblasbaren Kuh, die sich dann langsam senkt. Darauf startet Sachs den Monolog: Verachtet mir die Meister nicht. Der Stecker wird wieder eingesteckt und die Kuh pumpt sich auf. Eva schnappt sich Stolzing am Ende und verschwindet, denn die Gewinnerin ist eigentlich sie.
Was am Fernsehen vielleicht etwas belanglos daherkommt, hat doch erstaunlich viel Tiefgang und Hintersinn. Mir wurde hier klar, dass die Meistersinger ein heiterer Gegenentwurf zur Tragik eines Tannhäusers ist. In beiden Opern geht es ja um einen Gesangswettbewerb. Letztlich kann man Davids dafür kritisieren, dass er jede politische Deutung der Meistersinger verweigert, dennoch ist er ein Bühnenprofi, was er hier durchaus bewiesen hat. Axel Kober führte das Orchester und den Chor stringent durch die Partitur, ohne sich in Beckmesserszenen zu verlieren oder in außer Kontrolle geratenen Massenszenen. Nun aber zu den Sängern, denn Michael Volle war mehr als Ersatz. Michael Spyres ist ein Wunder an Textverständlichkeit, aber auch Christina Nilsson als keckes Evchen konnte überzeugen, die sich so gar nicht als Preisgeld sehen will. Der eingesprungen Ya-Chung Huang hatte einen überzeugenden Tenor als David, der von Christa Mayer als Magdalene passen ergänzt wurde. Da sitzt man dann gerne seine knapp 5h mit eingeschränkter Beinfreiheit ab. Ein großes Lob sei an dieser Stelle auch dem Publikum ausgesprochen, dass vielleicht mal mit dem ein oder anderen heruntergefallenen Handy auf sich aufmerksam machte, sich ansonsten aber vorbildlich still verhielt. Jeder Aufzug wurde mit einem begeisterten Jubel quittiert und am Ende mit einem großen Schlussapplaus honoriert. Besser kann es doch am Grünen Hügel gar nicht laufen!
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