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La Cage aux Folles – Wenn nicht jetzt, wann dann?

Der Nürnberger Publikumsliebling Gaines Hall spielt im Musical „La Cage aux Folles“ den Travestiestar Zaza, auch Albin genannt. Das Musical von Jerry Herman und Harvey Fierstein spielt in den 70ern an der Cote d’Azur und ist vor allem durch den Hit „I am what I am“ bekannt. Ich hatte das Stück noch nie ganz gesehen, eine Neuinszenierung von Melissa King wartet mit ein paar dezenten, aber auch mit ein paar drastischen Bühnenelementen von Stephan Prattes auf. Dies fängt schon bei der Ausgestaltung des Hintergrunds an, der eine Tapete im 70er Jahre Stil dekoriert mit Regenbogen-Herzen, Herzen und Geschlechtsteilen. Ein solche Dekor hätte es damals sicher nicht gegeben. Es wiederholt sich aber auch auf den Bademänteln von Albin oder dem Anzug von George. Jürgen Grimm spielt flott auf, gesungen und gesprochen wird in Deutsch. Jetzt ist das Musical immer in Gefahr zu einer Art Coney Island Circus Sideshow zu werden, in der Homosexuellen noch zusätzlich mit Klischees stigmatisiert werden. Es gelingt hier bei allem Voyeurismus doch ein sehr warmherziger Blick in das Show-Business, was das Nürnberger Publikum mit einem vollen Haus belohnte.
Zu Beginn zu „Wir sind, was wir sind“ entsteigen unter sieben schwarzen Kutten, die Paradiesvögel der Show im Club „La Cage aux Folles“ sind. In einer ziemlich langen Eröffnungssequenz werden die einzelnen Tänzer des Cage vorgestellt, wobei es auch Tänzerinnen gibt. Es ist eine bunte Truppe mit einer Domina mit Peitsche aus Hamburg, einer Biene und einer Art Harlekin, der sich an Opernkoloraturen versucht. Es herrscht etwas Aufruf, weil der Star der Show Albin wieder mal auf sich warten lässt. Es wechselt zur Inneneinrichtung der Wohnung von Albin und George, dem Besitzer des Clubs. Hier gibt es allerhand Dekors zu entdecken, wobei das riesige, goldene Glitzerglied spontanen Applaus bekommt. Aber auch sonst gibt es ein 50er Plakat mit dem Motto „In Drag“, einen Regenbogenvorhang und einen neongrünen, männlichen Torso. Es gibt etwas Stress mit einer Zofe namens Jacob, die im aufreizenden Stringtanga erscheint. Man hätte ihn eigentlich als Butler einbestellt, er besteht aber darauf, Zofe zu sein. Mit einem Bügelbrett kommt er immer Haushaltspflichten nach. Es folgt eine Showeinlage mit Zaza, die als Justitia mit Schwert und Waage auftritt und ein paar Diktatorenköpfe von Tänzern fällt, die mit Bildern auf roten Sternen dargestellt sind. Albin und George sind seit 20 Jahren glücklich verbunden, als Jugendsünde hat George aber eine Affäre mit einer Tänzerin gehabt und einen Sohn namens Jean-Michel gezeugt, der auftritt und jetzt plötzlich heiraten will. Da seine Schwiegereltern aber aus einer erzkonservativen Politiker-Familie Dindon stammen und vor der Hochzeit mit ihrer Tochter Anne gerne die Eltern von Jean-Michel kennenlernen wollten. Der PTF-Partei, also der Partei für Tradition und Familie, sind liberale Lebensweisen und Nachtclubs ein Dorn im Auge. Jean-Michel besteht darauf, die Wohnung zu entrümpeln von aller expliziter Deko. Mit einem Telegramm lädt er die Mutter ein, gegen den Widerstand von George. Jean-Michels Mutter war nie da, als er sie gebraucht hätte. Albin müsste für einen Tag verschwinden und stattdessen Jean-Michels Mutter erscheinen. Albin war so etwas wie die Ziehmutter von Jean-Michel und beschimpft ihn mit den Worten „Du hetero“, als er nach und nach von Jean-Michels Plänen erfährt. Das goldene Glied wieder verstaut, das Bild abgenommen. Jean-Michel macht sich an die Arbeit. Es folgt eine Showeinlage mit einem roten Kleid und 8 Trampolins, die in einer Nummer im Marlene Dietrich-Style von Albin gipfelt, bei der sie „Ich bin, was ich bin“ singt.
Albin soll sich umziehen im zweiten Teil und in einer großen Rolle als Onkel Al erscheinen. Schon die Ringe an der Hand verraten ihn aber, dass das nur gespielt ist und nicht klappen wird. George versucht Albin an dem wichtigen Tag, wo Jean-Michels Schwiegereltern kommen, irgendwie dabei zu haben. Die Wohnung ist umdekoriert, Jacob erscheint als Vampir, als Plakat sieht man den Exorzisten, die Möve musste einem Kirchenfenster weichen, das goldene Glitzerglied ist verhüllt mir schwarzer Gase, darüber hängt ein Kruzifix. Die Schwiegereltern von Anne kommen im blauen Diktatoren-Partner-Look. Man hat dazu noch blaue Koffer, ich denke die Farbwahl war hier nicht zufällig und entspricht der einer deutschen Partei. Die Tochter Anne sieht etwas aus wie Wednesday Addams. Da die Mutter von Jean-Michel aber wieder einmal abgesagt hat, übernimmt Albin die Rolle der Mutter mit roter Perücke. Jacob stürzt mit einem verbrannten Truthahn herein und Albin beschließt mit den Politikern zu Jacqueline ins Speiselokal zu gehen. Albin ruft an und bekommt umgehend einen Tisch im Lokal, in das die Frau Marie Dindon des Politikers auch schon immer gehen wollte. In dem Lokal geht es ebenfalls bunt zu und Jaqueline begrüßt überschwänglich mit einer großen Ansage den Star „Zaza“. Jetzt muss sich Albin für die Begrüßung rechtfertigen und sagt, es wäre sein Vorleben gewesen. Als er aufgefordert wird zu singen, steigert er sich in die Rolle rein und reißt sich die Perücke vom Kopf, die Tarnung fliegt auf. Das Ehepaar Dindon wird noch von Tänzern bedrängt und beschließt völlig entsetzt, abzureisen. Eine Horde Pressefotografen vor der Haustür verhindert das aber immer wieder. Dindon bezeichnet die Eltern von Jean-Michel als Transen und wird umgehend korrigiert. Nur eine Transe und ein normaler Homosexueller. Es folgt eine Entschuldigung von Jean-Michel bei Albin für seine Pläne, dessen Existenz aus Netiquette-Gründen zu vertuschen. Anne Dindon stellt sich auf die Seite von Jean-Michel und der Vater reist entrüstet ab. Es folgt ein großes Glitzerfinale, wobei Regenbogenflaggen im zweiten Rang gehisst werden und Flugblätter geworfen. Es gibt auch bunte Flaggen auf der Bühne, die sich dann teilt. Albin und George entschwinden Hand in Hand im Nebel.
Es ist ein Musical und Unterhaltung, was eigentlich fast immer die Balance zwischen Voyeurismus und Anteilnahme schafft. Im Bühnendekor wurde mir teils etwas zu drastisch vorgegangen und die Klischees teilweise etwas überzogen. Gaines Hall als Albin ist aber wirklich großartig in der Darstellung. Das Nürnberger Publikum liebte die Vorstellung, es gab viel Szenenapplaus und dem Staatstheater sein ein Blockbuster gegönnt. Der Hit „Ich bin, was ich bin“ erklingt mir aber eine Spur zu lang und zu aufdringlich. Da haben Jerry Herman und Harvey Fierstein ganz dick aufgetragen.
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