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Bei mir sticht Richard Wagners deutlich öfters als alle sieben Jahre in See. Die Neuinszenierung des „Der fliegende Holländer“ am Staatstheater Nürnberg unter der Regie von Anika Rutkofsky bietet eine etwas andere Deutung des klassischen Werks. Die Oper wird von den Küsten Norwegens in die Zeit des Kolonialismus verlegt, wobei die Handlung auf einer karibischen Zuckerrohrplantage des 19. Jahrhunderts angesiedelt ist. Diese soll dazu dienen, die Schrecken des Kolonialismus und der Sklaverei zu thematisieren und eine kritische Auseinandersetzung mit historischen Ausbeutungsverhältnissen zu geben. Ob eine Wagneroper für so einen Ansatz taugt, muss man allerdings hinterfragen.

Im Zentrum der Inszenierung steht Senta, dargestellt von Emily Newton, die als Malerin in Szene gesetzt ist. Sie ist in der Figur angelehnt an große surrealistische Malerinnen wie Frida Kahlo. Sie agiert nicht nur als Figur innerhalb der Handlung, sondern auch als Kommentatorin, indem sie die Szenen vorwegnimmt. Ihre künstlerische Tätigkeit soll Ausdruck ihrer inneren Konflikte und ihrer Rebellion gegen die gesellschaftlichen Normen sein.

Das Bühnenbild von Julius Theodor Semmelmann gefällt im ersten Aufzug durch ein angedeutetes Schiffsdeck, das scheinbar das Aztekengold birgt. Bei der Ouvertüre wird man nur am Ende durch den Auftritt von Senta als Malerin abgelenkt, man kann sich aber erfreulich lange auf die Musik selbst konzentrieren. Der Steuermann könnte als RiffRaff direkt aus der Rocky-Horror-Picture-Show stammen mit seiner Peitsche. Mit Leichtigkeit erlegt er damit eine Schiffsratte. Daland, von Seokjun Kim dargestellt, ist der Zuckerrohrplantagenbesitzer, der mit wohlklingendem Bass die Handlung vorantreibt. Der Steuermann träumt von seiner Geliebten, die als fülliger Mann mit rosa Tüll als einer der Geister des Holländers über die Bühne läuft. Der Holländer selbst steht mit seinem Columbus-ähnlichen Kleidungsstil außerhalb der anderen, die eher im 19. Jahrhundert angesiedelt sind. Er wird wirklich so dargestellt, wie er auch besungen wird. Mit bleicher Miene und schwarzem Haar und dunklem Blick. Jochen Kupfer ist vielleicht nicht der stimmgewaltigste Holländer, aber punktet mit Textverständlichkeit. Sein Auftritt wird begleitet von Figuren aus einem Hieronymus Bosch-Gemälde namens „Der Garten der Lüste“. Als er vom gepriesenen Engel Gottes singt, sieht man einen Darsteller mit langen weißen Federn also Kopfschmuck. Daland verspricht dem Holländer seine Tochter, als Gegenleistung für das Gold des Schiffes.

Im zweiten Aufzug kommen die Damen in Rüschenkostümen auf die Bühne. Die müssen nicht mehr mühsam spinnen, sondern geben sich den Zuckerwürfeln hin, die die Amme auf einem fahrbaren Tisch hereinfährt. Eine zuckerabhängige Dame kriecht an den Tisch und bedient sich am Zucker, sehr zum Missfallen der Amme. Senta zieht sich jetzt auf der Bühne einen blauen Hosenrock an und singt die Ballade vom Fliegenden Holländer. Dabei kann schon mal die ein oder andere Wandlampe einen Kurzschluss bekommen. Erik der Jäger hat scheinbar eine Umschulung zum Imker hinter sich, hat jedoch noch im richtigen Moment die Flinte parat, um am Ende den Nebenbuhler von der Wand zu schießen. Als Erik vor dem Holländer warnt, nimmt Senta einen Kübel Farbe und schüttet es über eine scheinbar weiße Leinwand. Es erscheint das Bild des Holländers. Der Holländer kommt mit Daland zu Senta und der Holländer und Senta freunden sich an. Daland will daraufhin das Wiedersehen mit der Verlobung zusammenlegen.

Im letzten Aufzug sind die nun auftretenden Seeleute in Weiß und bereiten mit dem Zucker der Plantage eine Hochzeitstorte vor, die bei der Geisterszene nochmal zum Einsatz kommen soll. An der Willkommensparty für den Holländer nehmen auch seine Matrosengeister Teil und sprengen die Feier. In der Geisterszene selbst sind sehr viele Leute auf der Bühne. Etwas irritiert ist man von einer Dame, die sich am Bühnenrand ritzt. Die Hochzeitstorte scheint aber eine Überdosis Zucker zu sein, sodass sich die ganze Gesellschaft am Zucker ins Delirium isst. Im Wahn verletzt sich auch der Seemann, der die Torte aufteilt. Jetzt versucht Senta die Sache noch zu retten. Jedoch erinnert sie Erik – mit einem Schuss gegen den Holländer – an den Treueschwur, den sie einst geleistet hat. Sie irrt zwischen den sterbenden Feiernden umher und versucht den Holländer zu erklären, dass sie nur ihm treu ist. Am Ende fällt der Gazevorhang, Senta schwärzt synchron zum Bühnenbild eine Malerei. Schreiend geht sie von der Bühne, nachdem sie das Bild der Hochzeitsgäste geschwärzt hat.

Dieser „Holländer“ hat tolle Kostüme und ein schönes Bühnenbild. Wann hat man schon mal ein angedeutetes Schiff im ersten Aufzug. Durch den Abend führte sehr überzeugenden Roland Böer, der die Tempi weder überhastet, noch zu zögerlich anging. Schöne Phrasierungen schaffen wunderbare kurze Verschnaufpausen. Mit der Lautstärke gelingt es ihm auch, ein intensives Forte bei den Chören zu schaffen, was durchaus angemessen ist. Letztlich ist er es auch an dem Abend, der das Steuer rum zu reißen versteht und man erträgt die Regieeinfälle mit etwas Gelassenheit. Für mich verdient das Werk daher durchaus eine Wiederholung und nicht nur eine.

Fun-Fact in der Wiederholung: Am Pfingstwochenende stand die ausverkaufte Vorstellung von DER FLIEGENDE HOLLÄNDER auf der Kippe: Jan Croonenbroeck, Erster Kapellmeister und Dirigent an diesem Abend, steckte im ICE fest. Generalmusikdirektor Roland Böer zögerte keine Sekunde: Er sprang – über 200 km entfernt – bei Offenbach ins Taxi und schaffte es gerade noch rechtzeitig zur STAATSPHILHARMONIE NÜRNBERG in den Orchestergraben des Opernhauses. Vorstellung gerettet – was für ein Einsatz! (Quelle-Facebook-Meldung).
Im Dirigat selbst hat man den Stress nicht bemerkt, dass der Dirigent fünf Minuten vor Vorstellung aus dem Taxi kam.

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