Opernblog

Tag: "othello"

Otello - Ein zweiter Anlauf

07.01.16 23:00
Otello - Ein zweiter Anlauf

Nachdem die Nürnberger Inszenierung des Otello bei mir wenig Begeisterung auslöste, habe ich in Wiesbaden einen zweiten Versuch unternommen. Uwe Eric Laufenberg war hier für die Umsetzung des Stoffes verantwortlich. Es hatte auch einen Grund, sich ausgerechnet diese Aufführung auszusuchen. Es sang der Tenor José Cura, der in der Bühnenfigur des Otello sehr viel Erfahrung mitbringt. Diese kräftezehrende Rolle ist bei Tenören gefürchtet und die Aufführung steht und fällt doch mit dieser Figur. Die aufbrausende Art des Otello, der aber immer wieder von Launen und Kopfschmerzen geplagt wird, ist wirklich eine Herausforderung an den Darsteller. Aber auch die weiteren Rollen wie die der Desdemona (Cristina Pasariou) und die des Jago (Matias Tosi), sind hier sehr gut besetzt. Jago ist wirklich hier der treibende Motor der Handlung mit seiner Fiesheit. Während Desdemona die unschuldige Frau ist, die trotz aller Frömmigkeit am Ende sterben muss. In diesem Dreieck der Personen herrscht wirklich Spannung auf der Bühne, weshalb sich auch hier der Besuch der Oper lohnt. Die Aufführung war auch ausverkauft. Mit dem Bühnenbild, das nur aus einfachen Säulen besteht, die immer wieder neu angeordnet werden, war wenig Griffiges als Ausstattung zu sehen. Immer wieder neu angeordnet stellen sie einen Hafen, ein Schloss, ein Palast und ein Schlafzimmer dar. Das wirkte für mich etwas beliebig, macht aber auch nichts kaputt. Die Inszenierung bietet somit aber auch wenig Angriffsfläche. Die Leute haben Kleidung des 20. Jahrhunderts an, obwohl die Handlung eigentlich auf Zypern im 15. Jahrhundert spielen soll.

Gleich am Anfang kam es mir verdächtig vor, dass der Darsteller des Jago in der Mitte der ersten Reihe des Zuschauerraums saß. Von dort hält er vor dem Stück einen Prolog über die Liebe und die Intrige. Erst dann beginnt das Stück mit der Ouvertüre, in dem er den schwarzen Vorhang zieht. Zwischen den Säulen sind viele Sandsäcke geschlichtet, die die Sturmflut aufhalten sollen, in die das Schiff des Otello geraten ist. An den weißen Säulen sieht man die Projektion von Wassertropfen. Im Orchester tost der Sturm, der hier vom Orchester sehr lautstark umgesetzt wird. Aber Otello kann das Schiff anlanden und seine Exsulate-Rufe singen. Über die Freude der Rettung von Otello zündet man auf der Bühne ein echtes Freudenfeuer an und verbrennt dort schwarze Fahnen. In der nun folgenden Trinkszene, in der Jago Cassio mit viel Wein abfüllt, geht es ziemlich zu auf der Bühne. Cassio wird dabei richtig mit Wein übergossen. Jago hetzt dort also Cassio gegen Roderigo auf, es kommt zu einer bewaffneten Auseinandersetzung, bei der Roderigo verletzt wird. Durch den ganzen Lärm werden auch Desdemona und Otello geweckt. Wütend über so viel Unverstand und durch Jago aufgehetzte, degradiert er Cassio. Jago meinte, Cassio würde jeden Abend so ausfallend werden. Bei einer vorgegangenen Beförderung wurde Jago nämlich übergangen und hat sich damit an Cassio gerecht. Eigentliches Ziel ist es aber, Otello nachhaltig zu schädigen. Otello ist durch seine Hautfarbe eher der Außenseiter. Auch in dieser Vorstellung ist der Darsteller des Otello dunkel geschminkt. Otello schickt nach dem Tumult die Leute weg und ist mit Desdemona allein. Beide versichern sich ihrer Liebe.

Jago ist es im zweiten Akt auch, der Cassio beauftragt, bei Desdemona um Milde für seine Degradierung zu bitten. Gleich zu Anfang singt Jago sein Credo, in dem er sich mit offener Hose über Bianca hermacht. Er glaubt einfach an nichts. Für die Szenerie in einem Schloss sind die Säulen jetzt quer über die Bühne angeordnet. Im Chor der Mädchen Zyperns werden Desdemona nun Blumen überreicht. Sie bedankt sich mit weißen Überraschungstüten. Nun beginnt der Hype um das Taschentuch, das Otello Desdemona geschenkt hat. Desdemona und Otello geraten über das Thema Cassio in Streit. Die aufkommenden Kopfschmerzen versucht Desdemona mit dem Taschentuch zu mildern. Er wirft es aber achtlos in die Ecke, wo es von Emilia aufgelesen wird. Emilia ist die Vertraute Desdemonas und trägt ein orientalisches, schwarzes Kleid mit Kopftuch. Jago nimmt das Tuch aber Emilia ab und versucht, es nun Cassio zu geben. Das Taschentuch wäre somit der Beweis für die inszenierte Untreue von Desdemona gegenüber Otello. Jago sagt nun, er hätte Cassio im Traum von Desdemona reden hören und er hätte bei ihm das Taschentuch gesehen. Nun verlässt Jago noch mal kurz die Bühne und setzt sich genüsslich in den Zuschauerraum, um zu demonstrieren: Seht Ihr Leute wie man eine perfekte Intrige spinnt. Am Ende des Aktes stehen Jago Rücken an Rücken mit Otello und der Flagge Venedigs und schwören Rache.

Im dritten Akt bilden die Säulen eine Empfangshalle. Im Karree angeordnet sind schwarze Stühle für die Gesandtschaft von Venedig. In der Mitte stehen ein Rednerpult und rechts davon ein Ledersessel, der dem Publikum abgewandt ist. Es setzt sich der Hype um das Taschentuch fort. Otello fragt nach dem Tuch, das magische Fähigkeiten hätte und für ihn wichtig wäre. Desdemona meint nur, sie hätte es verloren. Er beschimpft sie nun und sie verlässt die Bühne. Cassio hat inzwischen das Tuch und wird von Jago in ein Gespräch verwickelt, wo er über Bianca spricht. Durch gezieltes Auf- und Abgehen zwischen den Säulen bekommt Otello nur einen Teil des Gesprächs mit. Otello meint, Cassio spricht von Desdemona. Nun rät Jago Otello, seine Frau zu erwürgen, und zwar im Ehebett, wo die angebliche Untreue vonstattenging. Es tritt nun die Gesandtschaft von Venedig auf die Bühne. In grauen Anzügen vertreten sie die Geschäftswelt Venedigs und rufen Otello ab aus Zypern. Sein Stellvertreter wird Cassio. Das bringt Otello mit einer weiteren Bitte von Desdemona um Gnade für Cassio derart in Rage, dass er sie auf den Boden wirft. Leider singt Otello ein Teil der Arien, in einem Sessel, dem Publikum abgewandt. Auch am Ende, als alle ihn bestürmen, bricht er in diesem Sessel zusammen.

Auch im vierten Akt begegnet man wieder den Säulen. Im Schlafgemach von Otello befindet man sich nun. In der Mitte steht nun ein weißes Himmelbett. Desdemona singt da zwei wunderschöne Arien. Das Lied von der Weide. Sie ahnt ihren frühen Tod und verabschiedet sich herzlich von Emilia. Sie bittet, ihr das Hochzeitskleid anzuziehen, wenn sie sterben sollte. Die zweite Arie, das Ave-Maria, singt sie kniend auf einem Betstuhl. Links von ihr ist eine Kerze, die sie am Ende der Arie auslöscht. Otello zieht nun den weißen Himmel des Betts weg. Er küsst Desdemona wach, in dem Plan sie umzubringen. Die leeren Querstangen des Betts wirken wie ein Käfig, in dem Desdemona gefangen ist. Allen Unschuldsbeteuerungen zum Trotz, ist er so Jago verfallen, dass er Desdemona schließlich erwürgt. Durch den Lärm kommt Emilia und findet die sterbende Desdemona. Emilia klärt nun auf, wie Jago ihr das Tuch abgenommen hat und dass Jago die ganze Intrige inszeniert hat. Jago flüchtet drauf hin. Am Ende sieht Otello keinen anderen Ausweg und ersticht sich mit dem Dolch.

Die Aufführung wird beworben mit José Cura, die Weltstimme in Wiesbaden. In der Tat war er auch der Grund, warum es mich nach Wiesbaden gezogen hat. Ich wurde aber auch mit einer wunderbar lyrischen Desdemona überrascht, die mich im vierten Akt mit dem Ave-Maria richtig in den Bann gezogen hat. Beinahe hätte es an dieser Stelle Szenenapplaus gegeben, zumindest ein Zuschauer war von der Darstellung der Desdemona ebenso überzeugt wie ich. Aber auch Tosi als Jago, der auf Hochtouren diese Intrige inszeniert und durch und durch böse ist, ist sehenswert. Der Hype um das Taschentuch ist gut umgesetzt und die Spannungen zwischen den Darstellern gelingen gut. Damit hat dieser Otello im zweiten Anlauf wesentlich besser gezündet und ich kann die Begeisterung für Verdis Spätwerk nachvollziehen. Die drei Stunden der Aufführung vergehen wie im Flug.

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: othello

Othello vs. Jago

20.10.13 23:28
Othello vs. Jago

In einer Neuinszenierung von Gabriele Rech läuft am Nürnberger Opernhaus derzeit Othello von Verdi. Man hat Othello zeitlich etwas zurechtgerückt und befindet sich irgendwo in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Auf die Frage in der Vorbesprechung, ob die Inszenierung modern oder schön sei, antwortete sie gekonnt: Schön und modern. Jetzt ist Verdis späte Oper keine Nummernopern mehr, sondern besteht zu 80 Prozent aus Rezitativen. Für mich der Versuch, die Ideen von Wagner aufzugreifen, der zur damaligen Zeit in Italien sehr in Mode war. Die Vorlage von William Shakespeare wurde aufgegriffen, aber mehrfach von Verdi überarbeitet, da er mit dem Endergebnis lange Zeit nicht zufrieden war. Othellos Gegenspieler kommt eine tragende Rolle zu, weshalb die Oper besser Jago heißen sollte.
Mit einem lauten Orchesterbrausen befindet man sich an den Küsten Zyperns. Vor einer Wand, auf der eine Gewitterstimmung aufgemalt ist, singt die Bevölkerung Zyperns und beobachtet, wie das Schiff von Othello strandet. Man sieht, wie das Schiff im Sturm anlegt und Othello auf wundersame Weise gerettet wird. Aus dem ersten Rang schmettert er ein lautes Esultate in den Zuschauerraum. Das Volk ist in teilweise in Militäruniformen, es gibt aber auch einen Priester und leichte Damen. Man feiert die Rettung von Othello und zündet in einem Ölfass ein kleines Freudenfeuer an. Dort werfen sie auch Fotos hinein. In der Feier der Rettung von Othello mischt sich Jago unter das Volk. Jago wurde bei der Beförderung übergangen zugunsten von Cassio. Da er auf Cassio neidisch ist, versucht er mit einem Trinkspiel eine Schlägerei zu provozieren. Ziel ist es, Cassio bloß zu stellen und mit der entstehenden Rauferei Othello und seine Frau Desdemona zu wecken. Und falls man es noch nicht wusste, es gibt schon Papstar Trinkbecher in Zypern, mit den sich trefflich Trinkspiele realisieren lassen. Rodrigo und Cassio geraten also aneinander und es kommt wirklich dazu, dass Othello aufwacht, um den Streit zu schlichten. Dabei degradiert er Cassio. Othello hat sich trotz seiner schwarzen Hautfarbe, die hier nur leicht angedeutet ist, einen Rang in Venedigs Flotte als Feldherr erarbeitet. Darauf ist sein Diener Jago aber neidisch, obwohl er ihn eigentlich wegen seiner Hautfarbe ablehnt. Wieder allein singen Othello und Desdemona ein wunderschönes Duett. Dass sie dabei vor den Hafentoren stehen und weit voneinander entfernt ist, ist etwas merkwürdig. Man befindet sich im Offizierskasino und versucht sich im zweiten Akt zu zerstreuen. Jago aber setzt alles daran, Othello zu vernichten. Dabei ist seine Grundhaltung sehr nihilistisch. Sein Credo, dass er an nichts glaubt, singt er vor der Feuerschutzwand des Bühnenraums. Es gibt dazu wieder die besagten leichten Damen, die zur Zerstreuung der Offiziere dienen sollen. Auf der Bühne steht ein großer Billardtisch. Das Volk Zyperns kommt mit einem Kinderchor daher, um Desdemona zu huldigen. Die Kinder spielen die Heldentaten Othellos nach und das Werben von Othello um Desdemona. Dabei streuen sie Blütenblätter und erzählen von seinen Reisen über die Meere. Jago spinnt nun seine Intrige gegen Othello weiter. Er sagt Desdemona ein Verhältnis zu Cassio nach, da sie sich immer wieder bei Othello einsetzt und um Gnade wegen seiner Degradierung bittet. Othello ist von der Aussicht, betrogen zu werden schon so außer sich, dass er einen Billard-Kö zerbricht. Auf dem Billardtisch betrinken sich Jago und Othello nun. Jago erzählt nun von dem Liebestraum von Cassio, wo bei der zerbrochene Kö wohl etwas missbraucht wird (nicht ganz jugendfrei). Othello fordert nun einen Beweis und Jago beschließt Othello einen Beweis für Desdemonas Untreue zu liefern. Othello hat Desdemona ein Taschentuch geschenkt, das er bei Cassio gesehen hat. Dass dieses noch im gleichen Akt und am selben von Desdemona benutzt wurde, hätte Othello eigentlich auffallen können, aber wo bleibt bei Liebe schon die Logik.
Othello beschwört nach der Pause Desdemona, auf das Taschentuch aufzupassen. Es wäre eine Art Talisman eingewebt und hätte Zauberkräfte. Wieder im Casino versucht Jago, Cassio zum Erzählen von seiner Liebschaft zu überreden. Othello denkt, er spreche von Desdemona, versteckt sich hinter dem Billardtisch und rastet völlig aus. Während Cassio sich über zwei Damen am Billardtisch hermacht. Cassio zieht das Taschentuch und damit ist für Othello klar, dass er betrogen wurde. Es trifft eine Abordnung des Dogen in Abendkleidern und Smoking ein. Othello wird abkommandiert. Dies wird auch in einer Videoprojektion auf die Rückwand des Bühnenraums übertragen. Othello setzt Cassio wieder als Hauptmann ein und beobachtet Desdemonas Verhalten. In jeder Regung von ihr, sieht er schon ein Zeichen ihrer Untreue und rastet von der Gesandtschaft aus und wirft seine Geliebte auf den Boden. Nun malt er sich gänzlich schwarz an. In einer Nachtszene bettet sich Desdemona nun in ihrem Hochzeitkleid zur Ruhe. Sie hat ihr Brautkleid an und denkt an ihren eigenen Tod. Othello schleicht sich nun im Dunkeln an und löscht die zwei Kerzenleuchter. Für ihn erscheint der sogenannte Ehrenmord an Cassio und Desdemona nun als einziger Ausweg. Dabei hat er Rodrigo beauftragt, Cassio umzubringen, während er Desdemona erwürgen will. Durch einen Kuss von Othello geweckt, beteuert sie weiterhin ihre Unschuld, wird aber letztendlich von Othello umgebracht. Wie sie es nun schafft, trotz des Erstickungstodes durch den Schleier, noch einmal zu singen, ist für mich echt opernlike. Der Plan gleichzeitig Cassio zu beseitigen scheitert, denn Cassio bringt Rodrigo um. Die Dienerin ruft nun um Hilfe, dass Desdemona umgebracht wurde. Cassio, Ludovico und Jago tragen die tote Desdemona raus aus dem Ehebett. Es wird klar, dass Jago der Drahtzieher des Unheils war und der macht sich nun durch den Zuschauerraum auf die Flucht. Am Ende ist Othello allein auf der Bühne und schlitzt sich mit dem letzten Ton die Kehle auf.
Teilweise gelingt es der Inszenierung, den Helden Othello als schwer traumatisierten Kriegshelden darzustellen. Mit viel Alkohol versucht er, sich über die traumatischen Ereignisse der Schlachten und seine Eifersucht hinwegzutrösten. Dabei läuft er in den knapp zwei Stunden auf Dauerhochtouren. Diese aufbrausende Überspanntheit des Othello gelingt es nur ansatzweise herüberzubringen. Das Amokläuferpotenzial könnte hier durch David Yim noch tiefer ausgelotet werden. Dagegen ist Jago (Mikolaj Zalasinski) durchweg in Bestform, wie er durch die ganze Oper intrigiert ist hervorragend umgesetzt. An dem Frauenbild, das scheinbar nur die leichte Form kennt, sollte man arbeiten. Es kommt in der Oper keiner gut weg. Da sind die zutiefst traumatisierten Männer, die nur Alkohol, Frauen und den Kampf im Kopf haben. Aber auch die Frauen kommen ihren Anteil, die hier hauptsächlich als Huren ihre Plätze finden. Die Musik durch Guido Johannes Rumstadt ist stellenweise sehr knallig und lässt den Solisten wenig Luft. Die Bühnenausstattung ist aber weitgehend gut umgesetzt.

Quelle: Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: othello