Opernblog

Gallerie: "Operette"

Zur letzten Aufführung habe ich es auch in die Neuinszenierung der lustigen Witwe in Nürnberg geschafft. Thomas Enzinger setzt dabei ganz auf Nostalgiecharme, wo bei im Text doch einige Anspielungen auf die aktuelle politische Situation versteckt sind. Franz Lehárs Operette musste in das Fantasieland Pontevedro verlegt werden, da die Anspielung auf Montenegro zu gewagt erschien. Auch die Operette ist voller erotischer Anspielungen. Denn der Baron Zeta wird sowohl privat, als auch finanziell in die Klemme genommen. Privat deshalb, weil seine Frau Valencienne mit Camille de Rosillion flirtet. Auf einem Fächer schreibt der ihr einen Liebesschwur, der im zweiten Akt noch für ziemliche Verwicklungen sorgen soll. Finanziell deshalb, weil der Staatsbankrott droht, wenn die reiche Witwe Hanna Glawari ihre 20 Millionen aus dem Staat abzieht. Ganz staatsmännisch hält er eine Rede in der Botschaft, die alle Gerüchte ein für alle Mal beseitigen soll. Dass der Staat Pontevedro pleite wäre, wäre eine Fake News. Er postuliert ein Pontevedrino first. Die Presse, die über den Bankrott schreibt, wären eine Lügenpresse. Mit Hakenschlag und Hand aufs Herz leistet er des Öfteren in der Operette einen Schwur auf die Heimat. Vor dem ersten Akt hat man nämlich schon erfahren, dass der Mann von Hanna Glawari in der Hochzeitsnacht in Venedig gestorben wäre. Sie würde jetzt Zerstreuung in Paris in der Botschaft von Pontevedro suchen. Job von Baron Zeta ist es, die reiche Witwe mit einem Staatsbürger von Pontevedro zu verheiraten, um die Millionen im Land zu halten. Bezaubernd sind die Auftritte von Hanna, die immer von vielen Männern umringt im ersten Akt auftritt. Es gibt ein nettes Schirmballett. Sie soll sich aber in Graf Danilo verlieben, der sich in Paris im Maxim mit Grisetten vergnügt. Hanna ist für Danilo keine Unbekannte, sie haben eine gemeinsame Vergangenheit. Hanna wurde als Frau für Danilo von dessen Vater abgelehnt, da sie keine Adlige sei. Danilo zieht also gar nicht so recht, als er für den Staat einspringen soll, weil er ja gerade Hanna zu vergessen versucht. Er lässt sich lieber betrunken in den Teppich der Botschaft einrichten. Überhaupt ist die Botschaft in schlechtem Zustand. Es steht ein großer Abfallcontainer in der Botschaft. Von der Decke bröselt bei Gewitter der Putz. Vielleicht hatte die Lügenpresse mit der drohenden Staatspleite doch nicht ganz so unrecht. Der abgehängte Lüster spricht Bände.

Im zweiten Akt findet das Fest bei Hanna Glawari im Palais statt. Man sieht gut angezogene Männer mit Fackeln auf der Bühne. Es gibt einen abgeschlossenen Pavillon auf der Bühne und Tänzerinnen. Die Glawari schwärmt von Vilja. Danilo versucht nun etwas undiplomatisch herauszubekommen, wem der Fächer gehört und versucht sich an drei Damen auf dem Fest, diese sind alle sehr empört, dass ihnen ein Fehltritt in der Ehe nachzuweisen wäre. Er lässt den Fächer liegen, den nun Hanna findet und meint, der Liebesschwur wäre für sie von Danilo. Die Männer in der Runde erkennen derweil, dass es ganz ohne Frauen nicht geht und fassen sich etwas mutig in den Schritt beim Lied: ‚Wie die Weiber man behandelt ‘ . Schließlich ertappt Zeta seine Frau beim Flirten im Pavillon mit Rosillion. Als der Baron den Pavillon öffnen lässt, sind seine Frau durch den Hinterausgang raus und Hanna dafür rein. Hanna meinte nun, der Baron Zeta hätte sich vertan und gibt die Verlobung mit Rosillion bekannt. Danilo bringt das total aus der Fassung. Valencienne ergänzt nun den Liebesschwur auf dem Fächer mit den Worten: Ich bin eine anständige Frau. Danilo ist unterdessen frustriert und flüchtet wieder zu den Grisetten ins Maxim.

Im letzten Akt trifft man nun auf die Grisetten von Paris. Diesen Halbweltdamen setzt die Operette hier ein Denkmal. Aber Moment, die Grisette in Grün ist doch eigentlich ein Mann? Es kommt zum Zerwürfnis zwischen Zeta und Valencienne. Er möchte sich scheiden lassen. Dagegen kommen sich Danilo und Hanna bei einem Walzer immer näher. Als schließlich klar ist, dass die Millionen von Hanna gerettet werden können, steht einer Hochzeit nichts im Weg. Am Ende versöhnen sich auch Valencienne und er Baron, als sie die Sache mit dem Fächer aufklärt.

Die Operette punktet vor allem mit vielen Ohrwürmern. Sie wurde sehr häufig aufgeführt und war bereits wenige Jahre später ein Welterfolg, der in 10 Sprachen übersetzt wurde. Solche Schlager wie: ‚Heute geh ich ins Maxim‘, ‚Vilja-Lied‘, ‚Ganz ohne Frauen geht die Chose nicht‘ oder ‚Lippen schweigen‘ hört man auch heute noch. Witzig ist der Einfall mit dem bärtigen Saxofonisten, der die Hits immer wieder aufgreift und in den Sprechpassagen für leichte Untermalung sorgt. Die Geschichte einer starken Frau, die sich in der Männerwelt behauptet, sorgte damals für Kopfschütteln. Die lustige Witwe ist auch hier sehr gut in Szene gesetzt, wie sie sich von Männern umschwärmt über die Bühne bewegt. Die Operette bietet eingängige Kost, das Opernhaus war auch bei der letzten Vorstellung voll, sodass einer Wiederaufnahme in den kommenden Spielzeiten sicher nichts im Weg steht.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg – Die Lustige Witwe

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Von • Gallerien: Kultur, Operette • Tags: Die lustige Witwe
Candide oder der Optimismus

Zur Premiere von Leonard Bernsteins Candide hat es mich in die Landeshauptstadt München verschlagen, genauer gesagt, in die Reithalle, die eine Spielstätte des Gärtnerplatztheaters ist. Mit der Reithalle hatte ich einen eher kühlen Aufführungsort verbunden, im Winter. Es war aber sehr warm. In einer Inszenierung von Adam Cooper gab es eine szenische Umsetzung der als komische Operette oder Musical titulierten Werks. Die Handlung dieses Stückes im Detail zu erklären, würde mindestens so lange dauern, wie das Stück selbst. In Wandgemälden im Reitstall sind in Bildern die zehn Orte dargestellt, an denen die Operette spielt. Wenn man nicht wüsste, dass die Handlung eigentlich zur Zeit Voltaires Mitte des 18. Jhd. spielen soll, meint man, man hätte es mit den Vorläufern des Jetset zu tun. Im Grunde geht es darum, dass der nicht standesgemäße Edelmann Candide, seine Freundin Cunegonde heiraten möchte. Es startet eine aberwitzige Jetset-Tour um die halbe Welt. Damit man die Orientierung behält, ist am Kopf der Bühne ein halbdurchsichtiger Vorhang, auf den Weltkarten aufgemalt sind. Dahinter befindet sich das Orchester. Mit einem Pfeil und einem Federgeräusch sieht man dann immer, wo sich Candide oder Cunegonde gerade aufhalten. Zur besseren Verständlichkeit sind die Sprechpassagen in Deutsch, die Lieder aber in englischer Sprache. Die Übersetzung sieht man links und rechts über den Bühneneingängen eingeblendet. Nun stand die Premiere unter keinem guten Stern, denn die Darstellerin der Cunegonde Csilla Csövári war wenige Tage vor der Aufführung erkrankt. Man konnte Cornelia Zink als Gast gewinnen, die dann am Premierentag einsprang und sich in diese temporeiche Inszenierung einarbeitete. Die szenische Aufführung kommt dabei mit erstaunlich wenig Requisite aus. Die verschiedenen Länder werden hauptsächlich durch die verschiedene Kleidung des Chores ausgedrückt. So hat man, neben dem Pfeil auf der Weltkugel, auch eine örtliche Orientierung. Durch die Handlung führt ein Voltaire als Erzähler. Auch die Darsteller selbst schlüpfen in bis zu sieben verschiedene Personen, was vor allem von den hinteren Reihen immer etwas witzig ist, da der Wiedererkennungseffekt etwas dauert. Aufgrund teilweise frivoler Szenen besteht eine Altersempfehlung ab 12 Jahren.
Legendär ist natürlich schon die Ouvertüre des Stücks. Zu Beginn findet man sich im Schloss des Barons Thunder-Ten-Tronck. Der kleinwüchsige Baron hat eine gewichtige Baroness mit 140 kg als Ehefrau, die zwei Kinder haben: Maximilian und Cunegonde. Schon vier Stühle reichen aus und man ist mit dem Neffen Candide und dem Zimmermädchen Paquette in einer Lehrstunde des Hauslehrers Pangloss. Er lehrt die Schüler, dass sie in der besten aller Welten aufwachsen. Im Anschluss an die Lehrstunde will der Lehrer Pangloss mit Paquette noch ein physikalisches Experiment durchführen. Dies besteht darin, dass Paquette mit Pangloss schläft, mit weitreichenden Folgen. Cunegonde sieht dieses Treiben und beschließt, die Lektion selbst mit Candide zu wiederholen. Dabei werden sie aber von Maximilian überrascht, der diesen Vorfall seinem Vater meldet. Daraufhin vertreibt er Candide von seinem Schloss. Candide trifft auf Soldaten der bulgarischen Armee und muss auf das Wohl des Königs trinken. Ehe er sich versieht, ist er Teil und Soldat der grünen, bulgarischen Armee. Er muss allerlei Drill über sich ergehen lassen. Das Schicksal verschlägt ihn noch mal ins Schloss, als dieses von der Armee der Bulgaren überfallen wird. Der Baron und die Baroness verlieren endgültig ihr Leben. Maximilian, Cunegonde, Paquette und Pangloss überleben. Nun findet eine Überfahrt von Candide und Pangloss nach Lissabon statt. Man spielt mit einfachen Mitteln eine Schiffsüberfahrt nach, die in einem Schiffbruch endet. Pangloss und Candide retten sich vom Schiff, allerdings geraten sie in die nächste Katastrophe. Wie nun Vulkane nach Lissabon kommen, ist eben Dichtung. Fakt sind aber die Erdbeben, die die Region heimsuchen. So finden auch 30000 Menschen bei diesem Erdbeben den Tod. Die Inquisition sucht nach dem Schuldigen für dieses Erdbeben und man findet heraus, dass es die Neuankömmlinge sind. Nun erzählt Pangloss, dass er von Paquette ein ‚Geschenk‘ in Form der Syphilis bekommen hat, er ist schwer von dieser Krankheit gezeichnet. Dennoch findet ein Autodafé der portugiesischen Inquisition statt. Den drei Geistlichen in roten Roben nimmt man ihre Gesinnung nicht richtig ab, tragen sie unter ihren Roben doch Damenstrümpfe und Frauenschuhe. Das Autodafé ist ein der sehr guten Ensemblenummern des Stücks. Es sieht so aus, als ob Pangloss verurteilt und gehängt wird. Candide wird ausgepeitscht, kann aber nach Paris entfliehen. Dort trifft er in einem Bordell Cunegonde wieder, die sich an zwei Liebhaber verkauft. Der Kardinal Erzbischof von Paris und Don Issachar, ein Jude, melden ein Anrecht auf Cunegonde an. Sie zahlen sie mit Klunkern und Schmuck. Es folgt die berühmte Arie „Glitter and Be Gay“, wo Cunegonde ihr Schicksal beklagt. Den beiden Freiern passt es gar nicht, dass Candide plötzlich auftaucht. Es kommt zum Duell, in dem zuerst der Jude und dann der Kardinal Erzbischof getötet werden. Wieder muss Candide fliehen. Den Schmuck nehmen die beiden mit und fliehen mit der Bordelldame, einer alten Lady, die pikanterweise nur eine Gesäßhälfte hat nach Spanien. Diese alte Lady sieht aus wie Frankensteins Braut mit der typischen Frisur. In Spanien werden sie aber wiederum ihrer Juwelen beraubt. Der Schmuck soll später noch dazu dienen, Candide der beiden Morde zu überführen. Aber Candide wird aufgrund seiner hervorragenden Fechtkunst auf ein Schiff nach Amerika angeworben. Er wird zum Hauptmann ernannt und soll den bedrängten Jesuiten in Montevideo gegen die Ureinwohner zu Hilfe kommen. Ihnen gelingt die Überfahrt in die Neue Welt.

Zum Start des zweiten Aktes tanzen die wilden Ureinwohner. Da das Schiff bei der Überfahrt ausgeraubt wurde, sind sie wieder mittellos. Cunegonde muss sich erneut einem rassigen Liebhaber, dem Gouverneur von Buenos Aires verkaufen. Diesen will sie nur zur Frau nehmen, wenn er ihr auch die Ehe verspricht. Er verspricht ihr die Verlobung, worauf Cunegonde bleibt und ein Leben in Luxus und Langeweile lebt. Candide verkleidet sich als Mönch und muss weiter zu den Mönchen in Montevideo. Hier kommt noch einmal eindrucksvoll der Chor mit braunen Kutten zum Einsatz. In den Mönchskutten versteckt sich auch Maximilian, mit dem er in Streit gerät, als der hört, dass Candide seine Schwester zur Frau haben will. Eher aus einem Unfall heraus ersticht er Maximilian. Candide flieht in Mönchskluft und wird dabei fast von wilden Ureinwohnern gefressen. Diese bringen mit ein paar Papppalmen echtes Urwaldflair in den Reitstall. Als er den Ureinwohnern erklären kann, dass er kein Mönch ist, lassen die ihn ziehen. Er gerät auf einem Fluss in eine Strömung, die in nach zwei Tagen im sagenhaften Eldorado herausbringt. Die Kostüme sehen so etwas nach Revue und Disney aus. An den Seiten werden goldene Stoffbahnen entrollt und überall ist Gold. Richtig abgesehen hat es Candide aber auf die goldbeladenen, roten Schafe. Viele dieser Schafe verliert er beim Weg nach Surinam. Zwei kann er jedoch retten. Das eine Schaf schickt er nach Buenos Aires, um Lösegeld für Cunegonde zu sein. Man hat an den Juwelen erkannt, dass er der Mörder der beiden Geistlichen war. Auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt, daher kann er nicht selbst nach Buenos Aires. Mit dem zweiten Schaf kauft er sich ein Schiff. Dabei wird er ziemlich über das Ohr gehauen. Er verliert dabei sein letztes Schaf, das als Geldquelle vom Schiffsverkäufer erkannt wird. Er möchte seine Cunegonde schließlich in Venedig wiedersehen. Als er in Spanien angekommen ist, erfährt er, dass Cunegonde nach Konstantinopel entführt worden sei. Es kommt zu einem Gefecht zwischen zwei Schiffen, wo beide Schiffe in der Adria sinken, aber Candide am Ende sein Schaf wiederbekommt. Mit dem Gold aus dem Schaf hat er Zutritt zur Casinowelt von Venedig. Dort trifft er Cunegonde wieder, die sich erneut mit der alten Dame zusammen zur Bespaßung der Casinobesucher verkaufen muss. Das Leben hat Cunegonde inzwischen gezeichnet und sie betrinkt sich. Die beiden erkennen sich schließlich hinter den Masken und beschließen auf ein Landgut zu ziehen. Vorher rechnet Candide noch mit Cunegonde ab, die nur hinter seinem Geld her gewesen wäre. Am Ende ist man jedoch versöhnt und beschließt den eigenen Garten zu pflegen und das Glück zu genießen.

Es war wirklich ein toller Abend. Bei der berühmten Arie war das Publikum schon begeistert und es gab auch zum Schluss reichlich Applaus für Gideon Poppe und Cornelia Zink. Eigentlich ist diese Operette eher ein Musical mit Opernniveau, weshalb man das Stück am besten mit Opernsängern besetzt. Dennoch habe ich mich in YouTube in eine Aufnahme von Kristin Chenoweth - Glitter and Be Gay verguckt, die mich schließlich dazu bewogen hat, dieses Stück einmal ganz zu sehen. Und es hat sich in jedem Fall rentiert. Die sieben Minuten dieser Arie sind wirklich ein Highlight. Dass die Stimmen mit Mikrofon verstärkt sind, ist nun eher musicaltypisch. Bei den Sprechpassagen liefert das aber einen guten Klang. Der Chor ist immer wieder da und verbreitet mit der Landestracht der angesegelten Länder echtes Lokalkolorit. Dass einige Zuschauer in der Pause gegangen sind, fand ich etwas bedauerlich. Die Vorstellung ohne die Einlage in Eldorado ist nur die Hälfte. Klar, dass Bernstein an den Zuhörer Ansprüche stellt und die Handlung ist verquer und hart an einer Screwball Comedy. Es ist aber lustig, die wenigen Hauptdarsteller in immer wieder neuen Rollen zu sehen. Auch wie sie eigentlich immer wieder erstochen werden, sterben und dann doch irgendwie überleben, ist lustig. Vor allem die Erklärungen dazu, wie sie es dennoch in die nächste Szene geschafft haben. Ich stimme da mit BR-Klassik überein: Ein absolutes „must see“.

Quelle: YouTube | Gärtnerplatztheater

Quelle: YouTube | Gärtnerplatztheater

Von • Gallerien: Kultur, Operette, Musical • Tags: Candide
Im weißen Rössl serviert man heiß, Mann!

Zu einem wahren Publikumserfolg könnte sich das Weiße Rössl am Nürnberger Opernhaus entwickeln. Denn was ist schöner, als die Sommerfrische am Wolfgangsee nach einem langen Winter. Als Zahlkellner Leopold hat man Volker Heißmann engagiert, der sich mit Mikrofon tapfer durch die etwas tiefergelegte Partie singt. Schon vor der Aufführung spielt eine Blaskapelle im Foyer Volksweisen. Die Platzanweiserinnen und das Publikum selbst kommen teilweise in Dirndl und in Lederhose. Das Bühnenbild ist sehr aufwendig und liebevoll gestaltet von Toto und Thomas Enzinger und zeigt schon vor der Aufführung den Seeblick von St. Wolfgang auf das Familienbad. Das überdimensionale Ölgemälde dient als Bühnenvorhang. Zu Anfang lässt man eine Jodlerin (Andrea Jörg) gegen einen überdimensionierten Dorfhahn im Wettjodeln antreten. Auch das berühmte weiße Ross tritt selbst auf der Bühne während der Ouvertüre auf. Mit roten Hufen traben zwei Männer zur Musik über die Bühne. Die Postfrau am rechten Bühnenrand stemmt unterdessen im gelben Dirndl zünftig ihre zwei Maß. Es tritt gleich zu Beginn eine Touristengruppe auf, die für den Aufenthalt am Wolfgangsee nur zehn Minuten eingeplant hat. Als es ans Abrechnen geht, wird es für den Zahlkellner hektisch und er muss sich energisch gegen die Truppe Touristen durchsetzen. Seine wahre Aufmerksamkeit gilt aber seiner Chefin Josepha Vogelhuber. Ihr zuliebe greift der Zahlkellner sogar zum Saxophon und bringt ihr das Lied “es muss was Wunderbares sein” dar. Die hat als Wirtin zum weißen Rössl schon fünf Zahlkellner verschlissen, die nach dem Tod ihres Mannes, ihr schöne Augen gemacht hatten. Josephas Herz gilt aber dem Gast Dr. Siedler. Dieser fährt mit einem Fahrrad über die Bühne und verursacht prompt einen Unfall, wobei er von Josepha verarztet wird. Dr. Siedler nimmt seit 7 Jahren regelmäßig das einzige Zimmer mit Balkon. Da hat er die Rechnung aber ohne Wilhelm Giesecke(Uwe Schönbeck) gemacht, der ebenfalls für sich ein Zimmer mit Balkon beansprucht. Der Fabrikant ist seiner Tochter Ottilie zuliebe an den Wolfgangsee gefahren, kommt aber schon bei der Speisekarte ins Straucheln. Zu dessen Beruhigung ist aber Pferd gerade aus. Um Dr. Siedler aus Eifersucht eins auszuwischen, quartiert Leopold den Fabrikanten ins selbe Zimmer ein. Die beiden geraten aneinander und der arme Piccolo Gustl muss so oft die Koffer des Fabrikanten hoch und runterschleppen, bis er diese entnervt aus dem Fenster wirft. Wilhelm Gieseke erkennt in Dr. Siedler den Anwalt seines Konkurrenten, mit dem er im Rechtsstreit um ein Kleidungspatent steht. Dummerweise verliebt sich Dr. Siedler aber nun in Ottilie, die Tochter des Fabrikanten. Schließlich gibt der Fabrikant klein bei und überlässt das Zimmer dem Konkurrenten. Leopold überredet nun Ottilie zu einem romantischen Treffen mit Dr. Siedler im Kuhstall. Hier werden drei Kühe mit großem rosa Plastik-Euter in bunten Treiben der Sennerinnen gemolken und wen es interessiert, die mittlere Kuh heißt Zenzi. Leopold zündet dem Paar Sielder/Ottilie sogar eine Kerze an, damit im Kuhstall so richtig romantische Stimmung aufkommt. Ottilie und Doktor Siedler umgarnen sich bei ‘Die ganze Welt ist himmelblau’ mit blauen Gymnastik-Wettkampf-Bändern. Am Ende des Tages kommt eine richtige Revuenummer mit Schirmen und echtem Regen. Die Situation zwischen Josepha und Leopold spitzt sich im zweiten Akt zu. Josepha setzt ihn damit vor die Tür und kündigt ihm als Nummer 6 der Zahlkellner. Der Piccolo Gustl findet das vor allem wegen einer offenen Rechnung von 35 Gulden traurig, trägt das aber dann mit Fassung. Josepha versucht nun, den mürrischen Giesecke bei Laune zu halten. Dieser schwärmt immer nur vom Ostseebad Ahlbeck. Giesecke kommt aber erst so richtig in Schwung, als sein Konkurrent per Telegramm anbietet, die beiden Kinder Ottilie und Sigismund zu verbandeln und dem Zwist der Fabrikanten ein Ende zu setzen. Auch Gieseke macht eine Bergtour, bei der er in einem Seil in einem Korb von einem Führer die Berge hoch zum Gipfel gezogen wird. Der Sigismund kommt in einem weißen Auto angefahren, interessiert sich aber lieber für Klärchen mit dem Sprachfehler. Zum Einstieg der Szene schmettert Sigismund ein wunderbares: O sole mio. Während Sigismund keine Haare hat, was Klärchen sehr lustig findet, findet Sigismund den Sprachfehler drollig. Auf dem Wolfgangsee kommen sich die beiden bei einer Badeszene näher, in dem sie gemeinsam in einem Boot über den See rudern. Man sieht ein Flossenballett und der Chor versucht sich sogar in einem kleinen Sigismund-Rap. Gieseke erreicht nun ein Telegramm von der gelben Postbotin. Da er sich nicht ausweisen kann, bittet er Dr. Siedler ihn zu identifizieren. In dem Telegramm steht, dass Sigismund Ottilie heiraten soll, damit Frieden ist. Da sich nun unvermittelt der Kaiser angekündigt hat, ist Josepha gezwungen, den Zahlkellner kurzfristig wieder einzustellen. Für die Begrüßung des Kaisers muss nun die Hymne “Oh du mein Österreich” einstudiert werden. Da Leopold das Volk anspricht geht nun das Licht im Zuschauerraum an und man ist gehalten dort mitzusprechen und sich bei der Ankunft des Kaisers zum Schützenfest auch anständig von den Sitzen zu erheben. Es wird eine Flagge links ausgerollt. Der Kaiser reitet nun auf dem weißen Ross herein und steigt sehr ungeschickt und gar nicht kaiserlich vom Ross. Derweil spielt eine Blaskapelle so falsch, wie man nur spielen kann. Das Volk hat Österreich-Flaggen in der Hand und Leopold soll den Kaiser begrüßen. Die Ansprache verhaut der Zahlkellner gründlich, als der am Balkon Josepha neben Dr. Siedler sieht. Josepha hat sogar sein grünes Lieblingsdirndl an. Bei einem Frühstück, bei dem Josepha dem Kaiser die hocherwürdigen Semmeln schmiert, gesteht Josepha dem Kaiser, dass sie Dr. Siedler liebt. Sie erkennt aber auch, an dem Spruch des Kaisers im Gästebuch, dass Dr. Siedler nicht für sie bestimmt ist. Die Zitherbegleitung hier verleiht dem Ganzen Flair. Bei einer Bergtour finden nun Sigismund und Klärchen endgültig zueinander. Sigismund gibt sich als Klärchens Sprachlehrer aus. Die Situation zwischen Dr. Siedler und Ottilie ist dann auch geklärt. In einer finalen Szene will sich nun Leopold endgültig von Josepha zurückziehen und verlangt sein Zeugnis. In dem steht, dass er sie als Zahlkellner verlassen hat, aber als Ehemann auf Lebenszeit eingestellt ist. Am Ende sieht man alle drei Paare, die sich in der Operette gefunden haben.
Das Opernhaus macht bei dieser Inszenierung einiges richtig: Die Operette lebt vom Wortwitz des Fabrikanten Gieseke und dem Zahlkellner Leopold. Daher ist es nur logisch, die Rolle mit einem Mann vom Fach zu besetzen. Volker Heißmann hat Gastronomieerfahrung und komödiantisches Talent, das vor allem bei der Mitmachnummer zur Begrüßung des Kaisers zur Geltung kommt. Bei der Nummer macht wirklich der ganze Saal mit, auch die 9 Euro-Plätze. Auch ist es richtig, bei der Operette nicht an der Ausstattung zu sparen. Das Bühnenbild ist wirklich liebevoll und aufwendig. Der Running-Gag zwischen der Jodlerin und dem Hahn des weißen Rössl ist vielleicht ein paar Mal zu oft dran, aber irgendwie auch lustig. Viele Melodien aus der Operette kennt man und man ist immer versucht mitzusummen. Auch über die Urururgroßmutter des Leopolds, die angeblich aus Fürth kommt, muss man schmunzeln, da Leopold doch das ein oder andere Mal ins Fränkisch verfällt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, dass am Wolfgangsee Dr. Siedler Birnen statt Pfirsichen serviert werden. Mit den Worten des Kaisers: Es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut!

Quelle: Staatstheater Nürnberg

Kritik in der Nürnberger Zeitung: Oh du falsches Operettenglück

Kritik in den Nürnberger Nachrichten: Zwischen Jodeldiplom und Alpenkulisse

Von • Gallerien: Kultur, Operette • Tags: im weißen rössl

Jaques’ Offenbachs Großherzogin von Gerolstein wird derzeit im Fürther Stadttheater in einer Inszenierung von Georg Blüml gezeigt. Das Herzogtum Gerolstein verdient sein Geld mit dem Gerolsteiner Mineralwasser, dem Verkauf der Gerolsteiner Rauchzipfel-(Würste) und dem Tourismus. An der Handlung der Großherzogin von Gerolstein wurde lustig gedreht und man befindet sich, am Anfang der Opéra bouffon, in der Schaltzentrale der Gerolsteiner Militärs. Die Nummer 1 des Staates Puck hat eine Geheimwaffe namens Frieda entwickelt, die zum Einsatz kommt. Frieda hat quasi ein Eigenleben und fährt wie ein übergroßer Schoßhund auf der Bühne rum. An einem roten Telefon meldet sich die Herzogin zu Wort, die sich ab sofort in die Politik einmischen will. Um die Waffe Frieda einzusetzen und die Großherzogin abzulenken, wird den Nachbarn im Norden, Süden, Osten und Westen der Krieg erklärt. Die Militärs haben die Zusammensetzung des Mineralwassers geändert, das vormals muffig geschmeckt hat. Man setzt einen Stoff namens Pervertin dazu. Das so veränderte Mineralwasser riecht nach Chanel No 5. Es macht aus laschen Soldaten, kriegslüsterne Helden und aus Frauen wilde Nymphen. Der Erste, der die Wirkung erprobt, ist General Bumm. Das neue Mineralwasser hat die Truppe um den General Bumm auch dringend nötig. Es kommt zum Einsatz der Geheimwaffe Frieda. Eine gemischte Truppe aus Männern und Frauen tut ihren Dienst an der Grenze. Dort treffen wir auch auf Wanda, die Chefin des Tourismusverbandes und ihren Verlobten Fritz. Fritz und Wanda planen nach ihrer Hochzeit, einen Gnadenhof zu eröffnen, die Produktion der Würste auf Tofuwürste umzustellen und Ökostrom zu produzieren. Auch General Bumm hat ein Auge auf Wanda geworfen. Der schlaffen Truppe wird nun Gerolsteiner 69 vorgesetzt und sofort verwandeln sie sich in Kampframbos. Nur Fritz, der Pazifist, widersetzt sich dem Getränk und wird zum Strafdienst an der Grenze verdonnert. Dort kommt es zu einer Annäherung zwischen Wanda und Fritz. Küssen wäre ja im Dienst nicht verboten. Die Herzogin ist ganz wild auf die Männer in Uniform und kommt zur Inspektion der Truppen. Sie soll den Fürsten von San Pellegrino heiraten, wozu sie aber keine Lust hat. Stattdessen sucht sie sich aus den inspizierten Truppen Fritz aus. Diesen befördert sie im Handumdrehen zum General. Als die Großherzogin nun selbst das neue Wasser probiert, wird auch sie zur Kampfamazone. Fritz hat immer noch keine Lust auf Krieg, obwohl er jetzt General ist. Während General Bumm zum normalen Soldaten degradiert wird. Mit dem Degen des Vaters der Großherzogin soll Fritz nun gegen die Feinde zu Felde ziehen. Die sechs roten Fahnen am Ende des ersten Akts erinnern an die Inszenierungen der Führung im Dritten Reich.
Im zweiten Akt führt Wanda Touristen durch das Schloss der Großherzogin. Dabei gibt sie die Schauergeschichten des blauen Salons zum Besten, der als Hinrichtungszimmer gedient hat. Die Touristen benehmen sich aber nicht immer korrekt, fotografieren oder verlassen den roten Teppich. Am Ende jeder Führung verkauft die überzeugte Vegetarierin ihre Gerolsteiner Rauchzipfel. Es tritt auch der Fürst von San Pellegrino in Erscheinung, der alt und etwas verwirrt ist. Er stellt immer der jungen Julia nach und verfolgt sie durch das ganze Schloss. Die Situation spitzt sich zu, als die Großherzogin von Gerolstein einen Annäherungsversuch an Fritz startet. Der ist inzwischen siegreich aus dem Krieg zurückgekehrt. Statt zu kämpfen, hat er Gerolsteiner 69 eingesetzt, was dazu geführt hat, dass die Soldaten sich verbrüdert haben, statt sich zu bekämpfen. Durch einen Klappmechanismus wird der Thronsaal im Nu zum Schlafgemach der Fürstin. Hier versteckt sich Fritz nun unter der Bettdecke, während Wanda ihre Touristen durchführt. Nun wird Fritz von seiner Verlobten im Bett der Großherzogin entdeckt unter dem Blitzlichtgewitter der Kamera der Touristen. In Wanda erkennt die Großherzogin ihre Nebenbuhlerin. Da auch Fritz immer noch auf die Hochzeit mit seiner Verlobten besteht, verspricht die Großherzogin die Hochzeitssuite herzurichten im blauen Salon. Fritz freut sich, dass er nun nach der erfolgreichen Schlacht, endlich Wanda heiraten darf und ihm die Großherzogin auch noch die Hochzeit zahlt. In Wirklichkeit ist die Großherzogin aber ziemlich enttäuscht von Fritz und beschließt ihn mithilfe der Nummer 1, einem Sergeant und General Bumm umzubringen. Mit einem Büstenhalter, der schießen kann, will nun die Großherzogin in die Schlacht gegen Fritz ziehen.
Im dritten Akt sieht man Wanda und Fritz im Hochzeitsgewand. Sie wollen ihre Hochzeitsnacht genießen. Fritz eröffnet nun Wanda, dass ihre Hochzeitssuite im blauen Salon angerichtet ist. Wanda weiß nun aus ihrer Geschichtserfahrung, dass die Großherzogin einen Mordanschlag plant. Unterdessen entdeckt aber der Fürst von San Pellegrino die Wirkung des Mineralwassers und wird zum Rambo. Die Großherzogin ist nun von dessen Liebeskünsten begeistert und lässt von ihren Racheplänen gegen Fritz ab, bevor die Militärs zuschlagen. Fritz wird wieder zum einfachen Soldaten degradiert und Soldat Bumm wieder zum General.
Gut, wenn man sich darauf einlässt, dass die Handlung ziemlich umgekrempelt worden ist, kann man an dem ganzen Spaß finden. Die Eigenproduktion des Stadttheaters Fürth kommt mit viel Slapstick und reichlich anzüglich daher. Es kommt Pyrotechnik zum Einsatz und der Witz mit dem Mineralwasser und der Führung der Touristen durch das Schloss wird reichlich strapaziert. Im Original wird statt des Wassers Alkohol verwendet. Der Bezug zum Mineralwasser ist aus heutiger Sicht natürlich logisch, hat aber mit der Vorlage nicht so viel zu tun. Prinz Paul kommt als Pellegrino reichlich vertrottelt und lispelnd rüber. General Bumm war am Tag meines Besuchs leider heiser, weshalb seine Solos von anderen im Stück übernommen wurden. Das war teilweise etwas irritierend. Gerade die Nummer ‘A cheval sur la discipline’ litt darunter etwas. Die vielen politischen Anspielungen auf die Situation zwischen Deutschland und Frankreich der damaligen Zeit kommen heute natürlich nicht mehr an. Daher geht so eine Umarbeitung natürlich durch. Auf Youtube gibt es die Grand-duchesse in einer ebenfalls sehenswerten Inszenierung. Das bietet sich vielleicht als Vorbereitung auf den Besuch im Stadttheater an. Musikalisch wird auch einiges zitiert, was in der Operette normalerweise nicht vorkommt. So hört man sowohl Offenbachs Barcarole aus den Hofmanns Erzählungen als auch einen Satz aus dem Ballett Gayaneh des sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan besser bekannt als Säbeltanz.

Quelle: StadttheaterTV - Youtube-Kanal des Stadttheaters Fürth

Kritik in den Nürnberger Nachrichten: Mineralwasser macht müde Männer munter

Kritik in der bayrischen Staatszeitung: Eindeutig zweideutig

Von • Gallerien: Kultur, Operette • Tags: die großherzogin von gerolstein

Auch Orpheus und Eurydike sind im Hier und Jetzt angekommen. Orpheus ist ein Komponist und Geiger, der seine Ehefrau mit seiner Fiedelei aus der Fassung bringt. Sie haben ihre Geliebten in einem mehrstöckigen Gebäude im ersten Stock, in der Eurydike ihren Mann mit dem Schäfer und Honigverkäufer Aristeus betrügt. Am gleichen Stock eine Wohnung weiter betrügt Orpheus seine Frau ebenfalls mit einer Nymphe. Man ist reichlich voneinander genervt und wirft sich vor dem Fahrstuhl die gegenseitigen Fehltritte vor. Eurydike beschließt, sich ganz Aristeus und seinem veritablen Schäferhund Zerberus (Bongo im realen Leben) hinzugeben. Bisher hat eine Person dem Treiben zugesehen, die sich im Zuschauerraum aber lautstark zu Wort meldet. Es ist die öffentliche Meinung, in Person einer strengen Mittvierzigerin mit blonder Turmfrisur und grünem Kleid. Im Erdgeschoss bedient Eurydike in einem Friseursalon im Turbo-Gang ihre Kunden, die ihre Launen herhalten müssen. Da wird in Windeseile shampooniert, sodass die Kunden schon mal die Flucht ergreifen. Orpheus geht so lange zu seinen Orchesterkollegen in den Orchestergraben. An einer kleinen Kunstgrünfläche, die als Ersatz für das Getreidefeld herhalten muss, gibt sich Aristeus nach einer kurzen Umziehaktion als Pluto zu erkennen. Eurydike wird von einer Schlange gebissen, die Orpheus vorher aus dem Geigenkasten geholt und im Kunstgrün versteckt hat. Sie fällt tot um. Pluto schreibt noch einen Abschiedszettel, den er an die Friseursalontür hängt. Diesen Zettel liest nun Orpheus und freut sich diebisch, dass seine Frau nicht mehr lebt. Dies verkündet er gleich per Telefon und führt einen Freudentanz auf. Jetzt wird es der öffentlichen Meinung aber zu viel und sie schreitet ein. Angesichts seiner Stellung als Komponist und Musiker könne er sich ein solches Verhalten nicht leisten. Zeternd fährt sie mit ihm im Aufzug, der auch prompt auf dem Weg nach oben stecken bleibt. Zwei Monteure versuchen, die Panne zu beheben. Widerwillig folgt ihr Orpheus in den Olymp, zu dem sie der Fahrstuhl bringt.
Im Zwischenspiel sieht man die Szenen der Beziehung zwischen Orpheus und Eurydike, als sie sich als Kinder begegnet sind, als Teenager, dann als junge Erwachsene. Dabei wird klar, wie sehr Orpheus sich immer mehr seiner Geige und der Musik widmet und selbst die Gartenarbeit mit dem Rasenmäher seiner Frau überlässt. Man hat sich also über die Jahre gänzlich entfremdet.
Der nun folgende Götterolymp ist ein richtiges Altenheim. In Rollstühlen und an Gehhilfen hält sich die müde Götterschaft auf den Beinen. Manche liegen auf Tragen. Selbst der Götterherr Jupiter muss an den Tropf und liegt teilweise geschwächt am Boden. Die Immobilie Olymp steht zum baldigen Verkauf und es kommen immer wieder Interessenten vorbei, die von einer Immobilienmaklerin, der öffentlichen Meinung, durch das Olymp geführt werden. An dem Fahrstuhl hängt ein Schild: Attraktive Immobilie in Kürze frei. Am Dach steht eine Sat-Schüssel und die Düsenflugzeuge kreisen über dem Olymp. Als Interessenten steht da der Dalai Lama, Mohammed und Gott in der Warteschlange. Selbst der Götterbote Merkur kommt nur auf Tempo, weil ihn ein Pfleger mit schnell dem Rollstuhl durch die Gegend fährt. Merkur bringt die Botschaft, dass Pluto Eurydike in die Unterwelt entführt hat. Sogleich erhält der taufrische Pluto eine Vorladung von Jupiter. Pluto leugnet aber und es kommt zum Tumult bei den Göttern. In einer Powerpoint-Präsentation halten sie Jupiter die eigenen Verfehlungen vor. Jetzt kommt zu allem Unglück Jupiters auch noch die öffentliche Meinung in Begleitung von Orpheus aus dem Aufzug. Die öffentliche Meinung vor allem fordert Aufklärung und dass die Eheleute wieder zusammengeführt werden. Jupiter beschließt, mit seiner gesamten Gefolgschaft in die Unterwelt aufzubrechen und die Sache aufzuklären.
Kaum in der Unterwelt angekommen, klettert Eurydike aus dem schwarzen Sarg. Als Aufpasser hat Pluto Styx organisiert, der als Führer-Imitation auf die Bühne kommt. Er ist der Prinz von Arkadien, war ein großer Herrscher und ist jetzt schwer abhängig vom Wasser des Flusses Lete, des Flusses des Vergessens. In der Hölle tummeln sich in einem BMW auch Stalin, Gaddafi und Osama bin Laden. Über diesen Regieeinfall kann man nun geteilter Meinung sein. Jedenfalls scheint in der Hölle deutlich mehr los zu sein, als im Olymp. Eurydike wird in einer Toilette gefangen gehalten. Auf der Wand steht “fuck jupi", dennoch gelingt Jupiter herauszubekommen, dass hinter der Toilettentür Eurydike sitzt. Er beschließt, sich als Fliege zu verwandeln und durchs Schlüsselloch zu krabbeln. Das folgende Fliegenduett ist wirklich ein großer Wurf. Die in einer großen Projektion spielende Eurydike flirtet mit der Fliege, die immer frecher wird. Jupiter lässt sich als Fliege mal am Flügel kraulen, mal setzt er sich keck vor das Dekolleté. Dabei wird er an Seilen über die Projektionsfläche gezogen, was wirklich gut gelingt. Schließlich wird die Fliege von Eurydike gefangen. Summend verspricht er, sie aus dem Versteck zu entführen. Jetzt kommt der betrunkene Styx in die Toilette und Eurydike kann entkommen. Der herbeigeeilte Pluto kann nur noch ihre Flucht feststellen.
Im nun folgenden Höllen-Cancan zeigt die Unterwelt, was in ihr steckt. Die Götter sind alle in Violett angerückt. Eurydike ist als Bacchantin verkleidet und hofft während des Menuetts der Götter zu entkommen. Wer jetzt hier mit einem echten Cancan und fliegenden Röcken rechnet, wird enttäuscht. Die tanzenden alten Götter bringen das einfach nicht mehr hin. Jupiter ist von Eurydike ebenfalls angetan und flirtet heftig mit ihr, bis die Göttergattin Juno kommt und ihn abbringt. Die Party nimmt so richtig Fahrt auf, als die Diktatoren tablettweise Koks in die feiernden Götter blasen. Man sieht Marilyn Monroe, eine tanzenden Michael Jackson, Lady Di, Jackie Kennedy und Amy Winehouse und viele andere mehr. Immer wieder versucht, Jupiter seiner Frau zu entkommen und Eurydike zur Flucht zu verhelfen. Juno und die öffentliche Meinung fordern aber, Eurydike ihrem Mann zurückzugeben. Jupiter stellt aber die Bedingung, dass er 15 Schritte in Richtung Ausgang gehen müsse, ohne sich umzudrehen. Durch einen Blitzschlag, ausgelöst durch eine Digitalkamera von Jupiter, dreht sich aber Orpheus um und seine Frau muss als Bacchantin bei den Göttern bleiben. Orpheus muss allein in die Oberwelt zurück, was ihm nicht unangenehm erscheint. Die öffentliche Meinung ist im Schlussbild gefesselt an einer Dancing-Pole.
Man mag Laura Scozzi, oder man mag sie nicht. Die Inszenierung ist eine Zusammenarbeit mit Stadttheater Bern, der Opéra National de Bordeaux und der Opéra Municipale de la ville de Marseille. Sehr temporeich und reichlich entstaubt kommt diese Operette von Jacques Offenbach daher. Wer mit dem Operettenstaub einer Anneliese Rothenberger rechnet, wird hier mit einer frivolen Spielvariante konfrontiert, die wesentlich näher an den Wurzeln der Operette ist. In der etwas hibbeligen Friseuse Eurydike kann man auch das Alter-Ego von Laura Scozzi sehen. Sehr temporeich spielt sie sich durch die vier Bilder. Wenn dann noch ein charmanter Pluto (Tilman Lichdi­) dabei ist und ein etwas tappiger Götterherrscher Pluto (Martin Berner) kann eigentlich nicht mehr viel schief gehen. Gerade die Szene mit den Diktatoren ist sicher nicht ohne, muss man aber eher als britischen Humor à la Monty Python sehen. Operette ist, wenn man trotzdem lacht.

Quelle: Staatstheater Nürnberg

Kritik Nürnberger Zeitung: Opernhaus: Offenbachs “Orpheus in der Unterwelt”

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