Opernblog

Gallerie: "Oper"

Lanzelot - Kein Mittelalterepos

Zu einem Besuch der Oper Lanzelot von Paul Dessau zog es mich nach Weimar. Dort hatte man in Kooperation mit Erfurt dieses moderne Werk wiederaufgegriffen, das seit 1972 nicht mehr gespielt wurde. Man darf sich von dem mittelalterlichen Titel nicht blenden lassen. Diese Zwölf-Ton-Oper handelt nur im übertragenen Sinn von einem Drachentöter. Der Drache ist hier ein Despot, der für die Gegenleistung „Gesundheit“, jährlich eine Jungfrau erhält, die er heiratet und anschließend tötet. Die Bevölkerung arrangiert sich mit dem Despoten, nimmt das Menschenopfer hin. Da kommt ein junger Held namens Lanzelot, der sich in die Jungfrau des Jahres Elsa verliebt. Gegen den Willen der Bevölkerung befreit er die Menschen vom Drachen. Das Stück ist in erster Linie ein Stück gegen einen totalitären Staat, in der Kunst hatte man im Jahr 1969 ein Ventil geschaffen, in Berlin zuerst als Theater, dann als Oper gegen den Staat zu sticheln. Bei aller Ernsthaftigkeit des Themas geht es doch bunt und fröhlich auf der Bühne zu. Die Musik schafft Bezüge zu Humperdinck, Beethoven und letztlich zu Paul Dessau selbst. Auch wenn das Thema etwas aus der Mode ist, die Oper hat doch noch einen besonders aktuellen Bezug in Form eines Beschwerdebuchs der Natur, das in der Oper erwähnt wird. In einer Höhle schreibt die Natur auf, was sie zu leiden hat und das ist dann doch wieder sehr aktuell. Regie führte in diesem Stück Peter Konwitschny, das in 15 Szenen die Handlung erzählt.

Die beginnt mit einem gemalten Urwaldtableau. Man hört eingängige Melodien. Der Vorhang geht hoch und man sieht eine wilde Horde in der Steinzeit. Man ist geplagt von der Cholera, die massenweise die Leute dahinrafft. Ein fantasievoll gekleideter Medizinmann kommt in einem Leiterwagen dazu und erklärt die Ursache: verunreinigtes Wasser. Sie sollen einen Drachen involvieren, der das Wasser des Sees mit seinem Feueratem abkocht. Aus dem Bühnenhimmel kommt drauf hin ein großer LED-Tauchsieder, der in einem Bottich das Wasser abkocht. Der Medizinmann verteilt viele kleine rote Tauchsieder von seinem Leiterwagen an die Steinzeitbevölkerung. Die nächste Szene ist von einem Elektrogroßhandel Müller. Der Drache vertreibt nun die Artikel professionell. In einer H-förmigen Anordnung sieht man nun die Front des Elektroladens, das Haus von Charlemagne oder die Drachenhöhle, je nach Drehung. Drei Mädchen in Uniform beglückwünschen Elsa, die dieses Jahr mit dem Drachen Hochzeit machen soll und ihr Leben lassen. Elsa findet sich mit ihrem Los aber nicht ab. Der Bühnenaufbau rotiert und man ist in der Höhle des Drachen. Der hantiert immer wieder mit Feuer, ist einfach unberechenbar und bringt seinen Diener um. Den lila Rock übernimmt der Sohn des Bürgermeisters, der eigentlich mit Elsa verlobt ist. Elsa scheint also wirklich verloren. Im Haus von Charlemagne hängt das Bild des Drachen an der Wand. Ein Kater schildert in diesem 70er Jahre Wohnzimmer Lanzelot die Lage. Weil er sich ebenfalls in Elsa verliebt, verspricht er, die Stadt zu befreien. In der Höhle des Drachen beobachtet man derweil die Bevölkerung mit Webcams. Man schaltet sich in diverse Wohnzimmer, um zu sehen, ob die Untertanen auch artig sind. Der Drache beschwört nun das Orchester und hofft, wieder so furchteinflößend zu sein, wie früher. Als das Schlagwerk des Orchesters einsetzt, scheint seine alte Macht zurück. In einem Possenspiel im Stadttheater lässt sich der Drache nun über seinen Feind Lanzelot aufklären. In Schulszenen wird nachgespielt, wie Lanzelot einen Löwen erlegt, die neunköpfige Hydra besiegt und sonstige Heldentaten in Griechenland begeht. Es wird auch mal eine Stelle aus dem Siegfried von Richard Wagner zitiert, wo Siegfried gegen den Drachen kämpft. Diese öffentliche Sitzung stürmen die Katzen im Zuschauerraum und fordern Rede und Antwort. Die Saalaufsicht gebietet dem Treiben aber Einhalt. Lanzelot soll nun zum Kampf antreten, aber gleichzeitig mit einem roten Zettel verkünden, dass seine Waffen in Reparatur sind. Nun fordert der Bürgermeistersohn auf, dass Elsa Lanzelot umbringen soll. Lanzelot will aber dennoch Elsa befreien und es kommt vor der Pause zum Liebesakt zwischen Elsa und Lanzelot.

Im nächsten Teil lässt der Drache seine militärischen Muskeln spielen. Man sieht Überwachungsdrohnen, Tarnkappenbomber, Raketenabwehren und sonstiges militärisches Gerät. In der Waffenkammer spielt ein Trio aus Geige, Flöte und Harfe. Die drei Musiker beseitigt der Drache mit lautem Knall, nur um sie später als Engel in einer Video-Einspielung wieder zu sehen. In einer Stadtnachtszene feiert die Bevölkerung und trinkt an einer Bar Drachenblut. Lanzelot bekommt nun von den Arbeitern und Tieren die Ausrüstung gestellt, die ihm gegen den Kampf mit dem Drachen helfen sollen. Dies sind ein Tarnhelm, ein fliegender Teppich und ein Schwert. Es folgt ein Kampf gegen den Drachen, wobei Lanzelot das Schlagwerk auf der Bühne immer wieder umrundet und letztendlich gegen sich selbst mit einem Double kämpft. Der Drache ist am Ende besiegt, mit großem Opfer und Lanzelot überlebt verstümmelt und geblendet. Inzwischen gibt sich der Bürgermeister aber als Sieger aus und lässt eine Statue enthüllen. In einem Gespräch zwischen Cello und Lanzelot hört man auf der Bühne leise Zwischentöne über den verwundeten Lanzelot. Es kommt zu einer großen Siegesfeier, wo die Gefangenen des Drachen befreit werden. Die Verdienste werden aber zuerst den Falschen zugeschrieben, bis Lanzelot mit einem Flüchtlingsboot auf die Bühne kommt. Elsa ist inzwischen schwanger. In die rauschende Feier platzen aber der Bürgermeister und sein Sohn mit Maschinengewehrsalven. Am Ende ist die ganze Bevölkerung tot, nur Lanzelot und Elsa überleben mit einem Zwillingspaar.

Mir war von klar, dass 2 ¾ Stunden moderne Oper ein anstrengender Nachmittag sein wird. Dadurch, dass die Musik aber immer wieder bei Klassikern zitiert, ist es durchaus auszuhalten. Das Schlagwerk ist immer wieder auf der Bühne präsent und nimmt als Werkzeug des Drachen immer eine prominente Position in der Musik ein. Bei dieser Deniere in Weimar war das Haus ausverkauft. Man wollte also durchaus dieses moderne Stück sehen und es war nicht so, dass die Pause auffallend häufig dazu benutzt wurde, die Vorstellung zu verlassen. Von der Partie sind die Spitzentöne von Elsa wirklich grenzwertig zu singen und man muss der Hauptdarstellerin Emily Hindrichs wirklich Respekt zollen. In Erinnerung bleibt aber auch Oleksandr Pushniak als Drache, eine lange und schwierige Partie zu singen hat. Mit anderen Worten: Toscas und Traviatas gibt es aller Orten, einen Lanzelot nur in Thüringen. Ich fand das Stück jedenfalls äußerst spannend. Letztlich ist der Bezug auf ein Beschwerdebuch in einer Höhle der Natur, was sie selbst zu leiden hat, ein weitsichtiger Aspekt. Können wir so weiterleben wie bisher? Können wir zu einer humanen Gesellschaft werden? Alles Fragen, die sich einem nach der Oper aufdrängen.

Quelle: YouTube | DNT Deutsches Nationaltheater und Staatskapelle Weimar

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: lanzelot
Samson und Dalila - Eine Sandalenoper

Auch wenn Damián Szifron für seine erste Operninszenierung an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin gehörig Schelte der Kritik einstecken musste, mir hat der Retro-Charme eines Hollywoodfilms der 50er Jahre sehr gut gefallen. Auch gab es bei der Aufführung keine Buhrufe, sichtlich amüsiert haben wir eine extrem werksgetreue Umsetzung von Camille Saint-Saëns' Oper in Berlin erleben dürfen. Gewählt habe ich diese Aufführung rein nach der Besetzung, denn Elīna Garanča als Dalila, Brandon Jovanovich als Samson und Michael Volle als Oberpriester des Dagons klang äußerst vielversprechend. Aber auch Daniel Barenboim als Dirigent sorgte für einen satten Sound unter einer Oper, die auch ein Film hätte sein können. Immer wieder drängte sich die Frage auf: Darf man Oper heutzutage noch so präsentieren? Da es für mich immer etwas ironisch gemeint herüberkam, finde ich schon: Man darf. Werden nicht die ganzen Hollywood-Filme von Privatsendern gerade zu der Weihnachtszeit wieder aus den Archiven geholt? Ich habe das als Verbeugung vor Ben Hur, Cleopatra und Spartakus gesehen und war bestens unterhalten. Die Oper spielt als nicht im Gaza von heute, sondern in einer Märchenkulisse aus dem Jahre 1150 v. Chr.

Sie beginnt mit einer Klage der Hebräer an den Gott Israels in einer Felsschlucht vor einem Tempel. Es findet die Beisetzung eines Kindes statt. Von den Philistern unterdrückt, klagen sie ihr Leid und bitten Gott um Hilfe. Diese kommt in Form eines Retters namens Samson daher, der schon zur Eröffnung alleine einen riesigen Pappstier an einem Seil hinter sich herzieht. Er ist entschlossen, die Hebräer im Aufstand gegen die Philister anzuführen. Auf einer Sänfte kommt, von vier Muskelmännern getragen, Abimelch auf die Bühne. Die Unterdrücker lassen keinen Zweifel an ihrer Übermacht aufkommen, haben schon ein paar Gefolgsleute geköpft und tragen die Köpfe auf Stangen vor sich hier. Abimelch provoziert nun mit der Behauptung, dass der Gott Israels die Hebräer nicht retten könne. So herausgefordert, bricht Samson dem Pappstier ein Horn ab, erdolcht damit Abimelch und das ganze Soldatengefolge des Satraps. Samson hat die Unterdrücker erfolgreich verjagt. Die Aufständischen verbrennen die Felder der Philister. Aber nun kommt der Oberpriester auf die Bühne und verurteilt seine Landsleute als Feiglinge. Der Oberpriester hat zudem eine Geheimwaffe parat, nämlich Dalila, eine geheimnisvolle Dienerin des Dagon. In sie ist Samson verliebt. Doubles von Garanča und Jovanovich zeigen uns zu einer Ballettmusik den Traum der glücklichen Ehe von Samson und Dalila im Schnelldurchlauf – einschließlich der Niederkunft eines Sohnes und einer Tochte. Wer träumt? Dalila steht unterdessen an der Seite und bittet wenig später Samson, mit in das Tal Sorek zu kommen. Ein weißbärtiger alter Hebräer warnt ihn vor der Frau. Auf der Bühne ist Nacht, als sie komplett nach oben fährt und aus der Unterbühne ein neues Bild auftaucht: eine Höhle, die Wohnstatt der Dalila, die durch einen Spalt in dem Felsen den Blick auf den Himmel freigibt.

Nahtlos geraten wir so in den zweiten Akt und ins Tal des Sorek. Dalila zündet eine Feuerschale an, dieses Feuer soll während der ganzen Szene brennen und erst gegen Ende erlöschen. Man sieht einen hyperrealistischen Nachthimmel mit Sternen. Und immer wieder Gewitterblitze, die im Lauf des Akts zunehmen. Zudem wabert der Nebel in dieser Felsenhöhle. Der Oberpriester des Dagons kommt zu Dalila und fordert sie auf, das Geheimnis der Stärke Samsons in Erfahrung zu bringen. Zwei Soldaten tragen eine Schatzkiste auf die Bühne und bieten Dalila Schätze für ihre Dienste an. Der Oberpriester hat einen Stab mit Stierhörnern dabei, die sich wie ein Knauf lösen lassen. Dann gibt der Stab einen Dolch frei, den der Oberpriester verwendet, um mit Dalila eine Art Blutsbrüderschaft zu schließen. Dalila ist die Sache aber unangenehm, sie wäscht sich sofort die Hände, nachdem der Priester gegangen ist. Nun erscheint Samson. Dalila benimmt sich jetzt wie eine Furie, sie zieht alle Register, zückt alle Waffen einer Frau. Zuerst schüttet sie Samson Wasser ins Gesicht, dann setzt sie Tränen ein und zuletzt kommt die bekannte Verführungsarie zum Einsatz. Auf offener Bühne lieben sich nun Samson und Dalila. Am Ende des Liebesaktes bittet sie nun endlich das Geheimnis der Stärke erfahren zu dürfen, nachdem sie schon dreimal erfolglos gefragt hat. Sie soll es erfahren, es sind seine Haare, in denen die Stärke verborgen liegt. Also schert sie kurzerhand sein Haupthaar, sodass die Philister mit mindestens zehn Mann die Bühne stürmen und Samson gefangen nehmen können.

Nach der Pause meint man, der Regisseur hätte sein Pulver verschossen. Sehr zurückgenommen sieht man die Hebräer an langen Seilen aufgeknüpft. Samson ist geblendet und in Ketten. So beklagt er sein Schicksal am Seil hängend. Er ist leichtes Opfer der Philister, die auf ihn einprügeln.

Dann aber wird der schwarze Gaze-Vorhang weggezogen, der Blick auf einen veritablen Tempel wird frei. Dort feiern jetzt die Philister mit großem Menschenaufgebot ihren Sieg über die Hebräer, um riesige Stierhörner tanzen halbnackte Tempeldienerinnen. Den Hebräern stülpt man Leinensäcke über die Köpfe. Hellgekleidete Jünglinge und ein weiß gekleideter Scharfrichter auf einem Podest werden nun zum Takt der Musik die Gefangen im IS-Stil ermorden. Diese Bluttat soll den Jünglingen als Initiationsritus dienen. Dalila verspottet Samson mit einer verzerrten Version der Verführungsarie. Auf dem Gerüst zwischen den Tempelsäulen müssen nun noch drei Stuntman in den Tod stürzen, bevor Samson selbst das Gerüst erklimmt. Er fleht seinen Gott um Hilfe an und bekommt seine Stärke wieder. Die Kraft seiner Arme lässt die Tempelsäulen brechen. Nebenbei, am linken Bühnenrand, gibt Dalila zu erkennen, dass sie mit dem Plan des Oberpriesters nicht ganz einverstanden war, indem sie ihn ersticht.

Es gehört vielleicht mehr Mut dazu, diese Oper heut in diesem Stil umzusetzen, als eine Aktualisierung vorzunehmen, die nahe liegt. Und selbst wenn man an der Regie zweifelt – musikalisch ist die Aufführung über jede Kritik erhaben. Das Bacchanal der Tempelszene ist mystisch, Garanca als Dalila in ihrer dunklen Mezzofärbung bezaubernd. Dass Samson an diesem Abend erkältet war, hat man – vielleicht – am Anfang etwas gemerkt, die leichte Einschränkung hat sich jedoch im Laufe der Vorstellung vollständig gegeben. Etwas spitzbübisch habe ich mich unglaublich an dem Retro-Chic der Inszenierung erfreut. Ist es nicht gerade Weihnachten und Zeit für monumentale Bibelepen? Respekt vor einer Regie, die soviel Mut hat. Fehlt eigentlich nur noch der Film zur Oper.

Quelle: YouTube | kultur24 TV

Von • Gallerien: Kultur, Oper
Die Zauberflöte als Comic

Bild: Sandra Ott

Wenn es einen Mainstream in der Oper gibt, so ist das „Die Zauberflöte“ von Wolfgang Amadeus Mozart. In der Semperoper in Dresden gehört dies zu den meist gespielten Opernaufführungen und wir haben einen Ausflug von den Opernbegeisterten aus dorthin geplant. Der eigentliche Grund war das Dirigat von Gábor Káli, der lange Zeit in Nürnberg tätig war. Das Bühnenbild von Achim Freyer ist dessen dritte Inszenierung dieser Oper und verlegt die Handlung ins comichaft Überzeichnete. Die Farben sind sehr grell, die Maske der Hauptdarsteller auffällig, die Kostüme ebenfalls richtig poppig. Schon vor der Ouvertüre sieht man die drei Knaben in Rot, Blau und Gelb auf der Bühne Kinderspiele spielen. Wir nannten das früher 1,2,3 um, wo man denjenigen bestraft, den man beim Umdrehen zuletzt mit einer Bewegung ertappt hat. Sie würfeln auch mit einem großen Würfel, der an Seilen befestigt ist, um das Schicksal von Tamino. Links und rechts stehen zwei Schiefertafeln. Das Bühnenbild verkleinert den großen Bühnenraum der Semperoper. Über dem Bühnenbild stehen die Worte: Vernunft, Natur und Weisheit. Zentrales Element des Bühnenbildes sind dabei die drei Türen, die nach der Regie für diese drei Begriffe stehen. Die große Tür in der Bühnenmitte repräsentiert die Natur, die beiden perspektivischen Türen links und rechts davon Vernunft und Weisheit. Durch die übergroßen Türen wirken die Darsteller immer etwas kindlich und klein. Mit der Hauptperson Tamino soll man die folgenden zwei Akte eintauchen in diese Fantasiewelt und mit dem Sänger durch die Prüfungen reifen.

Nach der Ouvertüre erschrickt Tamino über eine riesenhafte Frau in der Haupttüre. Das Hauptproblem ist aber eine dreiteilige, bunte Schlange, die ihn bedroht. Er fällt vor Schreck in Ohnmacht. Zur Hilfe kommen ihm drei Damen, die etwas wie geschminkte Geishas aussehen. Sie töten die Schlange. Der Vogelhändler tritt auf und behauptet in seinen übergroßen grünen Hosen, er hätte die Schlange getötet. Er wäre der Vogelfänger, der hier Entenschwimmreifen mit einer Luftpumpe aufbläst. Die Szene muss nahe am Wasser sein, denn immer wieder hört man Wasserplatscher. Zu seiner Auftrittsarie sieht man zudem Vögel aus dem Bühnenhimmel kommen. Das dies Lügen nur kurze Vogelbeine haben, sieht man später, als die drei Damen Papageno mit einem veritablen Schloss vor dem Mund bestrafen. Das Schloss ist dabei kein Metallbügelschloss, sondern ein richtiges Minischloss mit zwei Türmen. Die Königin der Nacht tritt auf, in dem sie aus dem Bühnenhimmel auf die Bühne gefahren kommt. Sie bittet Tamino um Hilfe. Ein böser Mann namens Sarastro hätte ihre Tochter entführt. Im hinteren Bühnenbild sieht man, wie Sarastro Pamina zur Bildnisarie über die Bühne zieht. Sarastro ist als Sonnenkönig mit einem Strahlenkranz in Gelb gekleidet und sieht etwas aus, wie die Freiheitsstatue von New York. Zudem kommen die Botschaften, was jetzt zu tun ist, immer mit einem Miniflugzeug auf die Bühne. Mit einem Kasten voller Glocken und einer Flöte machen sich Papageno und Tamino auf den Weg, Pamina zu befreien. Den Weg weisen ihnen drei Knaben. Tamino überlegt nun, welche der drei Türen die richtige ist, um zum Sonnenkönig zu kommen. Papageno ist vorgeeilt und trifft auf einen schwarz bestrumpften Mohren namens Monostratos. Beide erschrecken ziemlich voreinander. Monostratos ist aber echt gemein und wird der weißen Frau Pamina zudringlich. Pamina flieht daraufhin mit Papageno aus dem Reich von Sarastro und wird prompt gestellt. Wächter und Monostratos stellen die Flüchtigen. Nun greift Tamino mit einer Flöte ein. Die Wächter und Monostratos tanzen daraufhin eine Polonaise und ziehen von der Bühne ab. Jetzt taucht der Sonnenkönig persönlich auf. Begleitet wird er von zwei Papplöwen mit hängender Zunge. Monstratos wird von Sarastro mit Sohlenhieben für sein Verhalten gegenüber Pamina bestraft. Sarastro will Pamina erst nach diversen Prüfungen die Freiheit schenken, die jetzt Papageno und Tamino absolvieren müssen. Damit sie sich nicht so gut orientieren können, bekommen sie schwarze Säcke über den Kopf gestülpt.

Zu Beginn des zweiten Akts sieht man, wie ein großer Tisch mit einem weißen Laken gedeckt wird. Diese schiefe Ebene wird zum Ausgangspunkt der Prüfung von Papageno und Tamino. Sie müssen zuerst ein Schweigegelübde ablegen, als man ihnen endlich die Säcke vom Kopf nimmt. Die drei Damen platzen herein und prophezeiten den Prüflingen einen frühen Tod. Die Geweihten treten mit Sarastro in der Mitte an die Tafel und beschließen, Tamino und Papgeno den Prüfungen zu unterziehen. Die Geweihten haben dabei rote Grablichter und kleine Maurerspachteln, was eine Anspielung auf die Freimaurer darstellen soll. Die Königin der Nacht tritt mit einem blauen Umhang auf und einem Messer, mit dem Pamina Sarastro töten soll. Mit langen aufgesteckten Fingernägeln fordert sie nun Rache für den verlorenen Sonnenkreis. Dieses Messer steckt dann auch neben dem Souffleurkasten. Die weithin bekannte Rachearie wird aber von Applaus unterbrochen. Monostratos entwendet das Messer, als Sarastro eintrifft. Sarastro will Pamina erst nach diversen Prüfungen die Freiheit schenken, die jetzt Papageno und Tamino absolvieren müssen. Zwei Geharnischte mit schlecht funktionierender Posaune und einer Trommel begleiten die Prüflinge auf ihrem Weg. Die erste Prüfung mit dem Schweigen hat Papageno natürlich gleich vermasselt. Er lässt sich aber bei einer großen Portion Nudeln und Wein die Niederlage nicht anmerken. Die drei Knaben verhindern einen Selbstmord von Pamina mit dem Messer, da sie das Schweigen von Tamino nicht verstehen kann. Die beiden Prüfungen für Feuer und Wasser muss Tamino mit Pamina absolvieren. Zu den Gesangspassagen der Prüfungen erscheinen Pamino und Tamino mit einem der drei Knaben zuerst im Parkett, dann im ersten Rang. Die Geweihten zappeln derweil aufgeregt an der großen Türe und erzeugen etwas Hektik auf der Bühne. Riesenhaft kommen jetzt zwei Geharnischte auf die Bühne, die Pamino und Papagena begleiten. Inzwischen taucht eine schwarz gekleidete Alte auf, die vorgibt, mit Papageno liiert zu sein. Papageno ist eine Mischung aus entsetzt und amüsiert, willigt aber auf den Treueschwur zum Scherz ein. Mit einem Krachen verschwindet die Alte wieder, als sie sich als 18-jährige Papagena zu erkennen gibt. Aus Verzweiflung will sich Papageno an dem Türgriff der großen Tür erhängen, aber auch das verhindern die Knaben. Schließlich bekommt Papageno seine Papagena mit der bekannten Arie. Die beiden sitzen am Bühnenrand und ziehen einen Gummivogel nach dem nächsten aus ihren grünen Overalls. Auch Tamino bekommt seine Pamina. Jetzt kommt mit einem großen Krachen noch einmal die Schar der Bösewichte mit einem Propellerflugzeug und viel Nebeldampf auf die Bühne. Aber ihr letzter Angriffsversuch scheitert. Sie werden von einer Wasserwoge weggeschwemmt. Am Ende zum Schlusschor ist die Bühne leer.

Man mag über die etwas vulgären Anspielungen in der Oper etwas entsetzt sein. So sieht man einen Vogel aus Papagenos Hose ragen, was dann doch teilweise recht deutlich ist. Wie viel man davon als Kind mitbekommt, sei dahin gestellt. Auch die Knöpfe der Mäntel sollen eine Anspielung sein, was man allerdings ohne Textheft nicht versteht. Wenn man mit dem kindlich, naiven Bühnenbild auch vielleicht nicht 100% einverstanden ist, so gab es an diesem Tag vor allem musikalisch wenig auszusetzen. Wenn es auch eine Zauberflöte ist, so gibt es doch dramatische Arien vor allem von Pamina, die mit einer dramatischen Stimme von Margaux de Valensart aufwarten konnte. Aber auch die Rachearie der Königin der Nacht von Olga Pudova, die zu den bekanntesten und höchsten Sopranrollen gehört, waren hervorragend. Letztlich lag es auch an dem Dirigat von Gábor Káli, dass das Zusammenspiel aller Beteiligten so gut funktionierte. Manchmal kann auch Mainstream in der Oper sehr schön sein, wie hier in Dresden.

Quelle: YouTube Semperoper Dresden

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: die zauberflöte
La Calisto - Großer Bär, wo kommst Du her?

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wie die Sternbilder benannt wurden. Eine Antwort liefert das Staatstheater zum Sternbild des Großen Bären aka Großer Wagen, auch La Calisto genannt. In dieser venezianischen Barockoper geschrieben von Francesco Cavalli um 1651 wird die Liebesgeschichte von Jupiter und La Calisto erzählt und dies mit ganz modernen Mitteln. Zur Ouvertüre sieht man schon das Sternbild des großen Bären zu dem die Hauptfigur einmal werden soll. Statt eines Tempels der Diana bemüht man hier ein Mädcheninternat als Parabel.

Zu Beginn steht die Hauptperson La Calisto vor einer großen Tafel uns schreibt Texte auf. Über der Schultafel steht in großen Lettern: Studiare, Studiare, Studiare. Die Tafel klappt auf und gibt den Blick auf eine Himmelskammer frei, in der personifiziert die Natur und die Ewigkeit über die Sternbilder philosophieren. Das Schicksal als Person kommt hinzu und fordert, La Calisto am Firmament aufzunehmen und erzählt die Begründung. Man hört das Parkgeräusch eines modernen Autos. Jupiter und Mars kommen auf die vertrocknete Erde, um sie neu zu begrünen. In einer PowerPoint-Präsentation zeigt Calisto vor ihren Mitnymphen Bilder von vertrockneten Landschaften. Jupiter verliebt sich sofort in diese Referentin, zeigt dann Bilder von seinem Masterplan, wie er die Erde mit Wasser, Motorbooten und leicht bekleideten Damen zum Leben erwecken will. Calisto weißt ihn aber zurück und möchte lieber im Mädcheninternat bei Diana bleiben, die sie sehr verehrt. Da beschließen Mars und Jupiter eine Täuschung einzufädeln. Jupiter verwandelt sich mit einem lila Kostüm und Pumps in Diana. Statt an einer Quelle findet die Verführung von Calisto in der Gemeinschaftsdusche statt. Während Calisto und ihre Mitnymphen anfangs hinter einem Vorhang duschen, bleibt wenig später nur Calisto zurück. Jupiter in Form von Diana entledigt sich seiner Kleidung bis auf einen fleischfarbenen Ganzkörperanzug inklusive Schambehaarung. Die Verführung findet dann hinter dem halbdurchsichtigen Duschvorhang statt. Die ahnungslose Calisto merkt nicht, dass sie in dem Moment vom Göttervater selbst beglückt wird. Nun wechselt die Szene auf ein Büro, das die neu begrünte Erde darstellen soll. Genauer gesagt sind es drei Büros in unterschiedlichen Farben, ganz links residiert Diana, in einem Vorzimmer davor die Nymphe Linfea, die eigentlich ein Mann ist und von der körperlichen Liebe schwärmt. Die keusche Diana soll im Folgenden eine Affäre mit Endimione haben, der ebenfalls in Diana verliebt ist. Calisto kommt ins Büro und nähert sich Diana zärtlich, aber eindeutig. Sie wusste ja nicht, dass in der Dusche nicht Diana ihre Partnerin war. Diana versteht natürlich Calisto ganz und gar nicht und verstößt diese aus ihrem Internat. Linfea ist bereit sich mit dem erstbesten Pizzaboten von 'pizza.si' einzulassen, der nun ins Büro kommt. Die kleinen Satyrn sind also die Pizzaboten von heute. Aber auch der Pizzabote wird zurückgewiesen. Nun kommt eine echte Proletengruppe um Pan mit Satyr und Silvano als Mofagang auf die Bühne. Klar sind das aus Umweltgründen Elektro-Mofas und der Rauch ist künstlich aus dem Auspuff. Es knattert dennoch aus den Lautsprechern erheblich. Auch Silvano hat ein Interesse an Diana. Endimione dagegen ist voll dem Mond verfallen, der von den Nymphen Mädchen an einer Angel über die Bühne getragen wird. Er folgt der Mondangel und schläft ein. Diana küsst ihn wach. Da ahnt der Satyr, dass es mit Dianas Keuschheit nicht allzu weit her ist. Er setzt sich mitten auf die Bühne, kündigt die Pause an und fängt an Pizzas zu essen.

Nach der Pause hat der kleine Satyr doch glatte sechs Pizzas verputzt. Die Schachteln aus seinem Lieferrucksack sind noch da. Juno kommt mit einem Bühnendampf und eben einem solchen Wagengeräusch, wie Jupiter und Mars vorher, auf die Bühne. Sie ahnt schon, dass ihr Mann auf der Erde wieder Unfug angestellt hat. Sie stürmt das Büro, in dem Jupiter jetzt wieder als Diana verkleidet sitzt. Durch eine Zimmerwand getrennt, merkt Jupiter nicht, dass die erneute Annäherung von Calisto durch seine Frau beobachtet wird. Calisto fühlt sich erneut von Diana geliebt und verstanden. Sie verabreden sich an einem stilleren Ort. Jetzt taucht auch noch Endimione auf und macht dem verkleideten Jupiter Avancen. Jetzt erscheint die Mofagang um Pan; Silvano erkennt in Endimione seinen Rivalen und lässt ihn in einen Leinensack verschnüren. Als Waffe dient dem kleinen Satyr ein Pizzaschneider. Linfea taucht nun nochmals auf und sucht immer noch einen Mann und greift sich den Pizzaboten. Die Szene wechselt, statt einer Quelle des Ladon steht nun ein fahrbarer Waschtisch auf der Bühne. Die Nymphen machen sich fertig für die Nacht. Als diese verschwunden sind bleibt nur noch Calisto zurück. An ihr nimmt jetzt Juno mithilfe von zwei Halbwelt-Furien Rache an der Untreue von Jupiter. Die Furien brechen ihr die Glieder, legen ihr ein Bärenfell an und setzen sie in einen Rollstuhl. Juno kehrt befriedigt in den Olymp zurück. Nun sucht noch Diana Endimione, der in einer unterirdischen Mofa Werkstatt von Pan, Silvano und dem Satyr mit Elektroschocks gefoltert wird. Endimione entsagt Diana, die ihn rettet. Die Proleten verschwinden mit ihrer Mofawerkstatt in den Untergrund. An der Schultafel malen nun Diana und Endimione ein rotes Herz. Sie schwören sich Treue. Die Nymphen betrauern jetzt vor dem Internat Calisto und geben ihre Uniformen zum Waschen. Juno und Jupiter sind wieder versöhnt und legen einen Kranz nieder, während Calisto im Hintergrund im Rollstuhl als Großer Bär sitzt. Calisto geht am Ende der Oper auf ein weißes Licht zu und ist endgültig zum Sternbild geworden.

Mathis Neidhardts Bühnenbild ist unglaublich anpassungsfähig. Es dient als Vortragssaal, Gymnastikhalle und Waschraum. Gut beraten ist, wenn man die Geschichte von der Vergewaltigung von Calisto durch Jupiter zumindest auf Wikipedia schon einmal durchgelesen hat. So versteht man die feinsinnigen Anspielungen im Bühnenbild. Da wird die einzige Quelle zur Gemeinschaftsdusche oder eine Höhle im Wald zur Motorradwerkstatt. Die gezogenen Vergleiche zur Neuzeit sind sehr witzig. Auch die Anspielungen auf Umweltzerstörung, Genderdebatten und Rollenklischees gelingen mühelos. Die Oper selbst war ein Gebrauchswerk zur Unterhaltung und bei ihrer Uraufführung kein großer Erfolg. Die Musik ist nur in Fragmenten erhalten und muss zu jeder Aufführung vervollständigt werden, da die Musiker von heute das Improvisieren über den auskomponierten Generalbass nicht mehr verstehen. Was da von Wolfgang Katschner auskomponiert wurde klingt großenteils Barock, bis weilen aber auch sehr modern jazzig. Wolfgang Katschner hat jedenfalls die Musikfragmente sehr einfallsreich ergänzt. Dieser Inszenierung von Jens-Daniel Herzog war ich zunächst vom Video her skeptisch gegenübergestanden. Barockoper und Mädcheninternat in der Neuzeit, geht das auf? Ich finde schon. Dies liegt vor allem an der unglaublichen Spielfreude von Jochen Kupfer als Jupiter und Martin Platz als Nymphe Linfea. Manch einer mag Männer in Frauenkleidern nur als bedingt lustig empfinden, nett sind aber hier wirklich die Details, wie sich Jupiter nach dem Gang in Pumps die Füße massiert oder wie er als Diana falsettiert. Linfea kommt als lustversessene Vorzimmerdame daher, die sich den ersten Lieferdienstboten vornimmt, der natürlich dann bereitwillig mitzieht. Wer jetzt immer noch am Konzept zweifelt, sollte die leeren Plätze dort schleunigst füllen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Quelle: YouTube | StaatstheaterNuernberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la calisto
Die Tote Stadt - Das Geheimnis von Hausnummer 37

Manchmal hat man keine andere Chance, als für eine Oper direkt vor Ort zu sein, wenn es weder Livestream noch DVD gibt. So bleibt nur die Hoffnung auf Karten für „Die Tote Stadt“ am Bayerischen Nationaltheater in München. Klar bleibt einem noch die Liveübertragung im Hörfunk auf BR-Klassik, aber man sollte schon vor Ort gewesen sein. Mit Spannung habe ich diese zweite Aufführung erwartet, in der Jonas Kaufmann und Marlies Petersen und dem Dirigat von Kirill Petrenko die Hauptrollen singen. Die Rolle des Paul und die der Marietta, der beiden Hauptpersonen der Oper sind unbarmherzig hoch und keine ideale Rolle für Jonas Kaufmann, der die Partie jedoch ausgezeichnet überstand. Die sportlichen Fähigkeiten, die das Bühnenbild aus dem Jahr 2016 aus Basel abverlangt, hat er hervorragend überstanden. Man befindet sich in einem Bungalow aus den 60ern oder 70ern, der jedoch erstaunlich modern mit Kunstdrucken eingerichtet ist. Die einzelnen Zimmer dieses weißen Bungalows mit der Hausnummer 37 werden ständig neu angeordnet, teilweise live zur Musik, da muss man den Bühnenarbeitern wirklich einen extra Bonus gewähren. Es gibt dort Platten der Rolling Stones, aber auch einen Flachbildfernseher, vor dem man es sich in einem angedeuteten Wohnzimmer bequem machen kann. Es gibt aber auch eine Küche und ein Schlafzimmer, ebenfalls sehr weiß und hell. Auf der Drehbühne sind dabei sowohl die weiße glatte Vorderseite des Bungalows mit dem Eingangsbereich zu sehen, als auch dessen eingerichtete Räume, wenn sich die Szene dreht. Diese kleinteilige, einer Puppenstube gleichende Bühnenbild ist für die Zuschauer in den Rängen dabei nicht immer ideal.

Im ersten Akt trifft Paul der Witwer in Brügge auf seinen Freund Frank. Der erzählt im, dass er eine junge Frau namens Marietta kennengelernt hat, die seiner Frau sehr gleicht. In einem Abstellraum hat Paul eine Art Schrein für seine verstorbene Frau errichtet. Der besteht aus deinem Spint, mehreren Kartons und vielen Polaroid-Bildern. Das blonde Haar seiner verstorbenen Frau bewahrt er hinter einem roten Samtvorhang auf. Mit blauen Handschuhen untersuchen Frank und Paul die verstauten Gegenstände. Frank warnt Paul, in Marietta seine tote Frau zu suchen. Paul ignoriert das und lässt seiner Haushälterin Brigitta echte rote Rosen besorgen. Etwas später fährt eine fröhliche Marietta zum Bungalow mit dem Fahrrad. Sie hat dabei eine pinkfarbene Flokati-Jacke an. Sie ahnt noch nicht, was sie in diesem Bungalow erwarten wird. Marietta ist die lebensfrohe Tänzerin aus Lille, die in Brügge tourt und diese verstaubte, fromme Stadt verachtet. Wenig später turnt sie durch das Wohnzimmer, nimmt statt einer Laute ein Karaoke Mikro zur Hand. Paul gibt ihr noch den Schal seiner verstorbenen Marie, da sie zufällig dasselbe Kleid trägt. Nun ist sie seiner toten Frau noch ähnlicher. Sie stimmt den wahrscheinlich letzten großen Hit der Operngeschichte an mit „Glück, das mir verblieb“. Paul stimmt ein und setzt das Lied fort. Marietta entdeckt nun selbst die Ähnlichkeit und verlässt Paul, da sie zur Theaterprobe muss. Jetzt wird es richtig unheimlich. Das Licht im Wohnzimmer flackert und Paul rennt in einem Albtraum zum Schlafzimmer. Dort sieht man eine kahle Marie im Krankenhaushemd sitzen. Marie ist also an Krebs gestorben. Sie mahnt den Witwer Paul zur Treue an.

Im zweiten Akt sind nun die einzelnen Zimmer zerlegt und aufeinandergestapelt. In einem rastlosen Albtraum irrt Paul durch Brügge an den Zimmern vorbei und erlebt Merkwürdiges. Seine Haushälterin ist plötzlich Nonne geworden und läuft in einer Prozession am Ende vorbei. Sie hätte ihn verlassen, weil er seiner Marie untreu geworden ist. Sein Freund Paul nimmt im Obergeschoss eine Dusche. Gar nicht bekleidet sieht man Frank hinter einer Milchglaswand mit echtem Wasser Körperpflege betreiben. Nur mit einem Handtuch bekleidet, streitet er sich mit Paul um Marietta. Paul überwirft sich mit Frank um den Schlüssel von Mariettas Zimmer zu bekommen. Frank beendet die Konversation mit den Worten: Du bist mein Freund nicht mehr. In der Küche geht derzeit eine Party mit der Künstlertruppe von Marietta ab. Es stapeln sich dort die Flaschen, es sieht nach einer wilden Feier aus. In einem gepolsterten Einkaufswagen tobt Marietta im silbernen Kleid über die Szene. Sie trinkt dabei Sekt und feiert. Es flittert sogar der Staub. Der Pierrot der Truppe, der wiedermal eher wie der Joker aus Batman aussieht, ist ebenfalls verliebt in Marietta. Er stimmt das Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“ an. Im Schlafzimmer des Hauses proben sie die Auferstehungsszene aus Meyerbeers „Robert der Teufel“. Dabei erwecken sie mehrere Kopien der toten Marie, die im flackernden Licht über die Bühne irren und Paul einen enormen Schrecken einjagen. Eine Kopie von Marie im schwarzen Blumenkleid ist dabei äußerst präsent. Marietta gelingt es dennoch, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Paul lockt sie in die Wohnung, er hängt dabei mit Blumen am Fenster. Kurze Zeit vorher hat er noch einen roten Kasten Bier in die Wohnung geholt. Während er noch mit einem Eisenkoffer kurz vorher die Flucht durch die Küche antritt, kommt es dennoch am Küchentisch in der Wohnung zu einer ziemlich eindeutigen Szene. Marietta will den Kampf mit der toten Marie aufnehmen.

Im Negligé betritt nun Marietta die geschlossenen Räume und durchstöbert sie. Vor dem Bild Blow-up fordert sie nun Paul heraus. Die nun folgende Fronleichnamsprozessionsszene mit einem Kinderchor könnte in einem Horrorfilm nicht besser dargestellt werden. Zuerst tollen die Kinder als kleine Marietta und Paul-Doubles durch die Wohnung, dann stellen sich weitere Frank und Marie-Doubles im Kreis um den drehenden Bungalow auf. Marietta kommt nun in die Abstellkammer und zur Haar-Reliquie von Marie. Sie ist auf der Flucht durch die Wohnung und verspottet Paul wegen seiner Frömmigkeit und meint: Jede Frau muss sich dich mit Gott und der toten Marie teilen. Als sie sich an den Haaren von Marie vergreift, eskaliert die Lage und Paul erstickt Marietta im Bett mit den Haaren von Marie.

Man versteht nicht, warum jetzt Marietta plötzlich mit dem Rad wegfährt und wieder zurückkommt. Dann wird klar: Das Ende des ersten Akts bis zur Mitte des dritten Akts ist ein Traum von Paul gewesen. Marietta kommt noch mal zurück und überlegt, ob die vergessenen Rosen nicht ein Zeichen dafür sind, zu bleiben. Paul schickt sich weg. Frank, der nun wieder Pauls Freund ist, bittet Paul, aus der Stadt des Todes, zu gehen. Er stimmt noch mal das Lied vom Beginn an. Dabei verbrennt er in der Küche die Bilder, seine Krawatte und die Perücke von Marie. Zum Schluss nimmt er noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche Bier, vermutlich Oktoberfest-Festbier.

Während jetzt Dresden näher am Stück inszeniert hat und der Albtraum auf leisen Sohlen dahergekommen ist, setzt die Inszenierung in München deutlichere Zäsuren in den Akten. Dennoch nimmt auch dieses moderne Bühnenbild nichts von der Spannung weg. Man fühlt sich an einen guten Hitchcock erinnert im besten Sinne. Petrenko verschafft dem Vorläufer der Filmmusik ein aufregendes Klangerlebnis. Vor allem die drastische, überbordende Musik der Prozessionsszene im dritten Akt ist überwältigend. Auch mit den beiden bekannten Arien schafft er es zu berühren. Wirklich schade, dass man sich bisher nicht dazu entschlossen hat, dieses Werk per Livestream oder DVD einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Interesse ist da, wie man an den Kommentaren zu dem Video-Clip zur Oper sehen kann. Die Vorstellung ist leider restlos ausverkauft. Marlies Peterson ist eine wunderbare Marie, die auch im dritten Akt noch Spitzentöne produzieren kann. Die kräftezehrende Rolle des Paul bringt auch einen Jonas Kaufmann immer wieder hörbar an seine Grenzen, was aber zu dem strauchelnden Witwer sehr gut passt. Das Bier am Ende des dritten Akts hat er sich nach dieser spektakulären Albtraumfahrt auch verdient.

Nachtrag: Man hat sich jetzt wohl doch noch entschlossen, eine DVD zu produzieren. Ein Kauf würde sich wirklich lohnen.

Quelle: YouTube | BayerischeStaatsoper

Von • Gallerien: Kultur, Oper