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Les Indes Galantes - Eden Voyage mit den Amoretten

03.06.16 23:34

Was treibt einen heutzutage noch in ein ‚Ballet héroïque‘ von Jean-Philippe Rameau aus dem Jahr 1735? Das kann nur eine kurzweilige, abwechslungsreiche Inszenierung von Laura Scozzi sein. In der vorletzten Aufführung am Opernhaus in Nürnberg, habe ich es doch noch geschafft. Dabei ist die Handlung doch so aktuell. Die Anhänger der Göttin Hébé werden von Bellone in den Krieg entführt - Das Europa der damaligen Zeit verlor sich in endlosen Erbfolgekriegen - daher macht sich Gott Amor unterstützt von drei vorwitzigen Amoretten auf in die weite Welt. Man sieht eine Revue von vier Miniopern aus den äußeren westlichen und östlichen Gefilden. Damit das Reisepensum auch an einem Abend zu bewältigen ist, gründet Amor eine Reisegesellschaft: Die Eden Voyage. Diese lässt die Amoretten im weißen Großraumflugzeug um die Welt fliegen. Wenn auch die Musik, bis auf die letzte Nummer, einem Rondeau, die ‚Air des Sauvages‘ nichts so richtig im Gedächtnis bleibt, so ist der Ausflug in die weite Welt durchaus unterhaltsam und überbrückt auch drei Stunden mit hauptsächlich Rezitativen in der Barockmusik. Geprägt wird das Stück durch kurze arienähnliche Einschübe. Am Ende jeder Minioper bekommt man ein Divertissement zu hören. Den Stoff für die Entreés bilden Zeitungsmeldungen aus der damaligen Zeit.

Das Stück beginnt mit einem Prolog im Garten Eden. Auf der Bühne sieht man einen grünen Urwald mit einem kleinen Wasserfall und grünem Kunstrasen. Und richtig, hier im Garten Eden trägt man für 20 Minuten wenig Textil. Fünf nackte Paare tanzen kunstvolle Reigen und stellen mit ihren Tänzen gewisse Gemälde nach. So ist das Gemälde, der Sündenfall von Lucas Cranach eindeutig zu erkennen. Es wird geseufzt, gezittert und immer wieder Reigen getanzt. Alles könnte idyllisch diese drei Stunden so weitergehen, würde da nicht Bellone mit einem Quad und einem bunten Gefolge den Garten Eden stürmen. Im Gefolge von Bellone befindet sich ein Chips essender Papst mit vier Kardinälen, ein Popstar mit Groupies, ein Fußballspieler, diverse Businessleute mit Handy und Soldaten. Die Gefolgschaft von Bellone schafft es in kurzer Zeit, den Garten Eden mit Pizzaschachteln und Fast Food-Abfällen zuzumüllen. Die Männer der Anhängerschaft der Hébé bekommen Gewehre, Aktentaschen und folgen Bellone nach. Hébé ruft nun Amor zu Hilfe, der mit seinen drei Helfern, den Amoretten, auf der weiten Welt neue Liebespaare finden soll. Es wird schnell eine Passagierkontrolle für die Eden Voyage-getaufte Luftfahrtlinie aufgebaut. An dieser Kontrolle scheitert doch tatsächlich die dritte Amorette mit ihrem Koffer voller Pfeile. Der Scanner schlägt mit einem roten Licht an. Der Koffer muss zurückbleiben.

In einer Videoeinspielung sieht man nun, wie die Amoretten in dem Düsenflugzeug um die Weltkugel fliegen. Die Einspielung überbrückt immer die Umbaupause auf der Bühne.

Im ersten Entreé, dem großmütigen Türken, landet man am Strand an einem Industrieabfluss ins Mittelmeer irgendwo in der Nähe von Alanya. Ein fliegender Flugzeugsessel bringt die Amoretten dorthin. Emilie lebt als Sklavin bei Pascha Osman. Dieser will die westlich angezogene Frau in Orange unbedingt haben. Sie hat aber ihr Herz an Valerian verloren. In einer Sturmsequenz wird der Sonnenschirm von dem Strand gefegt und man sieht, wie ihm Hintergrund ein Spielzeugschiff strandet. In einem versenkten Bassin retten nun die Amoretten mit einem Schmetterlingskescher, die Spielzeugpuppen vom gestrandetem Schiff. Eine Amorette stürzt sich mit vollem Körpereinsatz in die Fluten des Mittelmeers und wird mit einem Kraken am Kopf aus dem Wasser gezogen. Es landet eine bunte Truppe von Flüchtlingen an der Küste, denen der Pascha erst einmal Geld für Pässe abnimmt. Die Amoretten belohnen sich mit einer kleinen Shoppingtour auf eine griechische Insel. Sie haben H&M-Taschen mit der Aufschrift Έρως dabei. Diese H&M-Taschen der Amoretten sind in jedem Entreé der kleine Gag am Rande, so wie die T-Shirts auf denen zunächst I ♥ You steht. Der Sultan erkennt in Valerian seinen Befreier und lässt die Flüchtlinge und Emilie weiterziehen auf eine griechische Insel. Die Amoretten ziehen Spielzeugboote in Richtung Griechenland. Ihnen scheint aber der Weg nicht klar zu sein, weshalb die dritte Amorette die Landkarte zurate zieht. Jetzt geschieht aber die Wende und Emilie geht zurück zum Sultan.

Im zweiten Entreé befindet man sich in Peru. Vor einer Hotelpostkarte von einem Pool treffen sich Phani und Carlos. Als sich der Vorhang hebt, sieht man eine Drogenplantage im Hochland Perus. Dort herrscht Huascar und verehrt den Sonnengott. Mit Feinrippunterhemd, Tattoos und Cowboy-Stiefeln betrinkt er sich mit Alkohol. Am Tisch steht ein Teller mit weißem Pulver. Man meint Anleihen der Partei des Leuchtenden Pfads in Peru zu sehen. Wieder erscheinen die Amoretten mit H&M-Taschen diesmal mit Machu Pichu als Aufdruck. Als T-Shirts haben sie diesmal I ♥ Sun stehen. Man sieht die Arbeiter bei der Kokaernte. Von dem weißen Pulver, das hier produziert wird, nimmt auch die dritte Amorette einen tiefen Zug und tanzt dann ausgelassen. Huascar versucht Phani mit gezogenem Messer, gewaltsam für sich zu gewinnen. Mittels einer Pyroshow löst er ein Erdbeben aus. Carlos seilt sich aus der Bühnendecke ab und entlarvt den Schwindel. Als sich Phani erneut auf die Seite von Carlos schlägt, stürzt sich Huascar ins Feuer.

Im dritten Entreé nach einer Pause findet man sich in der Wüste Persien. Man sieht einen Mast mit einem Lautsprecher und Telefonleitungen. Mitten auf der Bühne steht eine Waschmaschine. Beherrscht wird das Bühnenbild von Männern in schwarzen Anzügen, die zum Gebet rufen. Darunter haben sich auch die Amoretten gemischt. Thematisiert wird hier in dem Tableau recht plastisch die Rolle der Frau in Persien. Die Waschmaschine wird in Betrieb genommen und dient zum Waschen der Gebetsteppiche. Es geht um die Liebe Fatime zu Tacmas dem persischen Prinzen. In Verkleidung trifft Fatime auf ihre Rivalin, die aussieht wie ein Paris Hilton Double. Fatime stellt aber fest, dass der flatterhafte Tacmas ihr treu ist. Es folgt ein Blumenfest, bei dem die Blumen, Frauen in weißen Dessous sind. Diese kommen in einem Viehwagen an. Es wird ein langer Teppich ausgerollt, auf dem die Frauen dann mit hochhackigen Schuhen laufen müssen. Sie bekommen zudem blonde Perücken aufgesetzt. Gespielt werden nun Szenen vom Eheleben in Persien. So bekommt eine Frau vier Mädchenpuppen in die Hand gedrückt, bis endlich der ersehnte Junge da ist. Wieder andere Frauen werden geschlagen und malträtiert. Auf den H&M Taschen der Amoretten befindet sich nun ein arabischer Schriftzug. Als T-Shirt haben die Amoretten ein Herz hinter Gittern. Während die eigene Frau dazu verdonnert wird, eine Arie im Tschador im italienischen Stil zu singen, lässt sich Tacmas ganz von den Frauen in Dessous umschwärmen. Es folgt eine Abfolge von Transparenten, was Frauen weltweit als Folge von Gewalt zustoßen kann. Erwähnt werden die Schicksale von Erika, Fatime, Flore, Lian und Jasmin. Am Ende verschwinden die Damen in Dessous und Tacmas stellt seiner eigenen Frau hinterher. Diese nimmt nun die Kopfbedeckung ab und zeigt ihm die kalte Schulter.

Das vierte Entreé zeigt Umweltaktivisten im Sequoia-Nationalpark. Zu sehen sind die Stämme der Mammutbäume. Es findet eine Demo gegen die Zerstörung der Wälder statt. Die Amoretten kommen wieder mit Fahrrädern und ihren H&M-Taschen mit der Aufschrift Niagara Falls. Am T-Shirt steht diesmal I ♥♥. Es hilft aber auch hier nichts. Das Indianermädchen soll sich zwischen einem Spanier und einem Franzosen entscheiden. Der Bau des Eigenheims findet statt, die Wälder bekommen ein Transparent mit Werbung und Bauabsperrungen. Nun werden zwei Werbetafeln heruntergelassen. Der Spanier wirbt mit einer Küche, während der Franzose mit einem Bett wirbt. Es folgt die Air des Sauvages, bei der man einen Lebenslauf im Schnelldurchlauf erlebt. Ein Ehepaar kommt herein und stellt Soja in den Ofen und erhält einen Braten. Wenig später stellen sie als werdende Eltern Genmais in den Ofen und erhalten eine Pute. Zum ersten Geburtstag des Sohnes kommt Palmöl in den Ofen und heraus kommen Cookies. Schließlich ist der Jugendliche selbst auf der Bühne mit Kopfhörern und holt sich eine Pizzaschachtel aus dem Ofen. Anschließend ist das Paar alt und wird in einem Papp-Familiengrab beerdigt. Zima sagt sowohl dem eifersüchtigen Spanier, als auch dem flatterhaften Franzosen ab. Sie entscheidet sich für Adario, den Indianerjungen.

Am Schluss befindet man sich mit den Umweltaktivisten wieder im Garten Eden. Die Männer kommen zurück und Hébé ist mit ihren Jüngern vereint. Am Ende läuft auch ein altes Ehepaar über die Bühne. Schließlich kommt eine schwangere Eva mit einem angebissenen Apfel auf die Bühne.

So macht ein Barockabend Spaß. Zugegeben, das Stück hat seine Längen, bei denen die Regie aber immer wieder gute Einfälle hat. Das reicht von der ausgefeilten Tanzeinlage im Garten Eden, bis zu kleinen Details wie die T-Shirts der Amoretten und die Einkaufstaschen. Es macht auch Spaß, die Sänger immer wieder in unterschiedlichen Rollen zu erleben. So singt Martin Platz alle Tenorrollen dieses Stücks. Hrachuhí Bassénz erscheint in der Rolle der Emilie und der Fatime, wo sie die einzige italienisch geprägte Arie vor einem Mikrofon singen darf. Viel Applaus bekommen verdientermaßen die Tänzer als Anhängerin der Hébé. Während man die Partien der Entreés meist mit Stammpersonal der Oper besetzt hat, dirigiert ein Spezialist das Orchester: Paul Agnew. Dieser hat sich auf französische Barockmusik spezialisiert. Das Stück gastierte mit unterschiedlichem Erfolg schon in Toulouse und Bordeaux. Während es in Toulouse einen Run junger Konzertbesucher auf die Karten gab, ist Bordeaux der Inszenierung weniger aufgeschlossen gegenübergestanden. Das sehr gut besuchte Haus in Nürnberg zeigt aber, dass man den Humor von Scozzi durchaus versteht und schätzt.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

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