Opernblog

 

La Calisto - Großer Bär, wo kommst Du her?

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wie die Sternbilder benannt wurden. Eine Antwort liefert das Staatstheater zum Sternbild des Großen Bären aka Großer Wagen, auch La Calisto genannt. In dieser venezianischen Barockoper geschrieben von Francesco Cavalli um 1651 wird die Liebesgeschichte von Jupiter und La Calisto erzählt und dies mit ganz modernen Mitteln. Zur Ouvertüre sieht man schon das Sternbild des großen Bären zu dem die Hauptfigur einmal werden soll. Statt eines Tempels der Diana bemüht man hier ein Mädcheninternat als Parabel.

Zu Beginn steht die Hauptperson La Calisto vor einer großen Tafel uns schreibt Texte auf. Über der Schultafel steht in großen Lettern: Studiare, Studiare, Studiare. Die Tafel klappt auf und gibt den Blick auf eine Himmelskammer frei, in der personifiziert die Natur und die Ewigkeit über die Sternbilder philosophieren. Das Schicksal als Person kommt hinzu und fordert, La Calisto am Firmament aufzunehmen und erzählt die Begründung. Man hört das Parkgeräusch eines modernen Autos. Jupiter und Mars kommen auf die vertrocknete Erde, um sie neu zu begrünen. In einer PowerPoint-Präsentation zeigt Calisto vor ihren Mitnymphen Bilder von vertrockneten Landschaften. Jupiter verliebt sich sofort in diese Referentin, zeigt dann Bilder von seinem Masterplan, wie er die Erde mit Wasser, Motorbooten und leicht bekleideten Damen zum Leben erwecken will. Calisto weißt ihn aber zurück und möchte lieber im Mädcheninternat bei Diana bleiben, die sie sehr verehrt. Da beschließen Mars und Jupiter eine Täuschung einzufädeln. Jupiter verwandelt sich mit einem lila Kostüm und Pumps in Diana. Statt an einer Quelle findet die Verführung von Calisto in der Gemeinschaftsdusche statt. Während Calisto und ihre Mitnymphen anfangs hinter einem Vorhang duschen, bleibt wenig später nur Calisto zurück. Jupiter in Form von Diana entledigt sich seiner Kleidung bis auf einen fleischfarbenen Ganzkörperanzug inklusive Schambehaarung. Die Verführung findet dann hinter dem halbdurchsichtigen Duschvorhang statt. Die ahnungslose Calisto merkt nicht, dass sie in dem Moment vom Göttervater selbst beglückt wird. Nun wechselt die Szene auf ein Büro, das die neu begrünte Erde darstellen soll. Genauer gesagt sind es drei Büros in unterschiedlichen Farben, ganz links residiert Diana, in einem Vorzimmer davor die Nymphe Linfea, die eigentlich ein Mann ist und von der körperlichen Liebe schwärmt. Die keusche Diana soll im Folgenden eine Affäre mit Endimione haben, der ebenfalls in Diana verliebt ist. Calisto kommt ins Büro und nähert sich Diana zärtlich, aber eindeutig. Sie wusste ja nicht, dass in der Dusche nicht Diana ihre Partnerin war. Diana versteht natürlich Calisto ganz und gar nicht und verstößt diese aus ihrem Internat. Linfea ist bereit sich mit dem erstbesten Pizzaboten von 'pizza.si' einzulassen, der nun ins Büro kommt. Die kleinen Satyrn sind also die Pizzaboten von heute. Aber auch der Pizzabote wird zurückgewiesen. Nun kommt eine echte Proletengruppe um Pan mit Satyr und Silvano als Mofagang auf die Bühne. Klar sind das aus Umweltgründen Elektro-Mofas und der Rauch ist künstlich aus dem Auspuff. Es knattert dennoch aus den Lautsprechern erheblich. Auch Silvano hat ein Interesse an Diana. Endimione dagegen ist voll dem Mond verfallen, der von den Nymphen Mädchen an einer Angel über die Bühne getragen wird. Er folgt der Mondangel und schläft ein. Diana küsst ihn wach. Da ahnt der Satyr, dass es mit Dianas Keuschheit nicht allzu weit her ist. Er setzt sich mitten auf die Bühne, kündigt die Pause an und fängt an Pizzas zu essen.

Nach der Pause hat der kleine Satyr doch glatte sechs Pizzas verputzt. Die Schachteln aus seinem Lieferrucksack sind noch da. Juno kommt mit einem Bühnendampf und eben einem solchen Wagengeräusch, wie Jupiter und Mars vorher, auf die Bühne. Sie ahnt schon, dass ihr Mann auf der Erde wieder Unfug angestellt hat. Sie stürmt das Büro, in dem Jupiter jetzt wieder als Diana verkleidet sitzt. Durch eine Zimmerwand getrennt, merkt Jupiter nicht, dass die erneute Annäherung von Calisto durch seine Frau beobachtet wird. Calisto fühlt sich erneut von Diana geliebt und verstanden. Sie verabreden sich an einem stilleren Ort. Jetzt taucht auch noch Endimione auf und macht dem verkleideten Jupiter Avancen. Jetzt erscheint die Mofagang um Pan; Silvano erkennt in Endimione seinen Rivalen und lässt ihn in einen Leinensack verschnüren. Als Waffe dient dem kleinen Satyr ein Pizzaschneider. Linfea taucht nun nochmals auf und sucht immer noch einen Mann und greift sich den Pizzaboten. Die Szene wechselt, statt einer Quelle des Ladon steht nun ein fahrbarer Waschtisch auf der Bühne. Die Nymphen machen sich fertig für die Nacht. Als diese verschwunden sind bleibt nur noch Calisto zurück. An ihr nimmt jetzt Juno mithilfe von zwei Halbwelt-Furien Rache an der Untreue von Jupiter. Die Furien brechen ihr die Glieder, legen ihr ein Bärenfell an und setzen sie in einen Rollstuhl. Juno kehrt befriedigt in den Olymp zurück. Nun sucht noch Diana Endimione, der in einer unterirdischen Mofa Werkstatt von Pan, Silvano und dem Satyr mit Elektroschocks gefoltert wird. Endimione entsagt Diana, die ihn rettet. Die Proleten verschwinden mit ihrer Mofawerkstatt in den Untergrund. An der Schultafel malen nun Diana und Endimione ein rotes Herz. Sie schwören sich Treue. Die Nymphen betrauern jetzt vor dem Internat Calisto und geben ihre Uniformen zum Waschen. Juno und Jupiter sind wieder versöhnt und legen einen Kranz nieder, während Calisto im Hintergrund im Rollstuhl als Großer Bär sitzt. Calisto geht am Ende der Oper auf ein weißes Licht zu und ist endgültig zum Sternbild geworden.

Mathis Neidhardts Bühnenbild ist unglaublich anpassungsfähig. Es dient als Vortragssaal, Gymnastikhalle und Waschraum. Gut beraten ist, wenn man die Geschichte von der Vergewaltigung von Calisto durch Jupiter zumindest auf Wikipedia schon einmal durchgelesen hat. So versteht man die feinsinnigen Anspielungen im Bühnenbild. Da wird die einzige Quelle zur Gemeinschaftsdusche oder eine Höhle im Wald zur Motorradwerkstatt. Die gezogenen Vergleiche zur Neuzeit sind sehr witzig. Auch die Anspielungen auf Umweltzerstörung, Genderdebatten und Rollenklischees gelingen mühelos. Die Oper selbst war ein Gebrauchswerk zur Unterhaltung und bei ihrer Uraufführung kein großer Erfolg. Die Musik ist nur in Fragmenten erhalten und muss zu jeder Aufführung vervollständigt werden, da die Musiker von heute das Improvisieren über den auskomponierten Generalbass nicht mehr verstehen. Was da von Wolfgang Katschner auskomponiert wurde klingt großenteils Barock, bis weilen aber auch sehr modern jazzig. Wolfgang Katschner hat jedenfalls die Musikfragmente sehr einfallsreich ergänzt. Dieser Inszenierung von Jens-Daniel Herzog war ich zunächst vom Video her skeptisch gegenübergestanden. Barockoper und Mädcheninternat in der Neuzeit, geht das auf? Ich finde schon. Dies liegt vor allem an der unglaublichen Spielfreude von Jochen Kupfer als Jupiter und Martin Platz als Nymphe Linfea. Manch einer mag Männer in Frauenkleidern nur als bedingt lustig empfinden, nett sind aber hier wirklich die Details, wie sich Jupiter nach dem Gang in Pumps die Füße massiert oder wie er als Diana falsettiert. Linfea kommt als lustversessene Vorzimmerdame daher, die sich den ersten Lieferdienstboten vornimmt, der natürlich dann bereitwillig mitzieht. Wer jetzt immer noch am Konzept zweifelt, sollte die leeren Plätze dort schleunigst füllen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Quelle: YouTube | StaatstheaterNuernberg

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