Opernblog

Tag: "im weißen rössl"

Im weißen Rössl serviert man heiß, Mann!

Zu einem wahren Publikumserfolg könnte sich das Weiße Rössl am Nürnberger Opernhaus entwickeln. Denn was ist schöner, als die Sommerfrische am Wolfgangsee nach einem langen Winter. Als Zahlkellner Leopold hat man Volker Heißmann engagiert, der sich mit Mikrofon tapfer durch die etwas tiefergelegte Partie singt. Schon vor der Aufführung spielt eine Blaskapelle im Foyer Volksweisen. Die Platzanweiserinnen und das Publikum selbst kommen teilweise in Dirndl und in Lederhose. Das Bühnenbild ist sehr aufwendig und liebevoll gestaltet von Toto und Thomas Enzinger und zeigt schon vor der Aufführung den Seeblick von St. Wolfgang auf das Familienbad. Das überdimensionale Ölgemälde dient als Bühnenvorhang. Zu Anfang lässt man eine Jodlerin (Andrea Jörg) gegen einen überdimensionierten Dorfhahn im Wettjodeln antreten. Auch das berühmte weiße Ross tritt selbst auf der Bühne während der Ouvertüre auf. Mit roten Hufen traben zwei Männer zur Musik über die Bühne. Die Postfrau am rechten Bühnenrand stemmt unterdessen im gelben Dirndl zünftig ihre zwei Maß. Es tritt gleich zu Beginn eine Touristengruppe auf, die für den Aufenthalt am Wolfgangsee nur zehn Minuten eingeplant hat. Als es ans Abrechnen geht, wird es für den Zahlkellner hektisch und er muss sich energisch gegen die Truppe Touristen durchsetzen. Seine wahre Aufmerksamkeit gilt aber seiner Chefin Josepha Vogelhuber. Ihr zuliebe greift der Zahlkellner sogar zum Saxophon und bringt ihr das Lied “es muss was Wunderbares sein” dar. Die hat als Wirtin zum weißen Rössl schon fünf Zahlkellner verschlissen, die nach dem Tod ihres Mannes, ihr schöne Augen gemacht hatten. Josephas Herz gilt aber dem Gast Dr. Siedler. Dieser fährt mit einem Fahrrad über die Bühne und verursacht prompt einen Unfall, wobei er von Josepha verarztet wird. Dr. Siedler nimmt seit 7 Jahren regelmäßig das einzige Zimmer mit Balkon. Da hat er die Rechnung aber ohne Wilhelm Giesecke(Uwe Schönbeck) gemacht, der ebenfalls für sich ein Zimmer mit Balkon beansprucht. Der Fabrikant ist seiner Tochter Ottilie zuliebe an den Wolfgangsee gefahren, kommt aber schon bei der Speisekarte ins Straucheln. Zu dessen Beruhigung ist aber Pferd gerade aus. Um Dr. Siedler aus Eifersucht eins auszuwischen, quartiert Leopold den Fabrikanten ins selbe Zimmer ein. Die beiden geraten aneinander und der arme Piccolo Gustl muss so oft die Koffer des Fabrikanten hoch und runterschleppen, bis er diese entnervt aus dem Fenster wirft. Wilhelm Gieseke erkennt in Dr. Siedler den Anwalt seines Konkurrenten, mit dem er im Rechtsstreit um ein Kleidungspatent steht. Dummerweise verliebt sich Dr. Siedler aber nun in Ottilie, die Tochter des Fabrikanten. Schließlich gibt der Fabrikant klein bei und überlässt das Zimmer dem Konkurrenten. Leopold überredet nun Ottilie zu einem romantischen Treffen mit Dr. Siedler im Kuhstall. Hier werden drei Kühe mit großem rosa Plastik-Euter in bunten Treiben der Sennerinnen gemolken und wen es interessiert, die mittlere Kuh heißt Zenzi. Leopold zündet dem Paar Sielder/Ottilie sogar eine Kerze an, damit im Kuhstall so richtig romantische Stimmung aufkommt. Ottilie und Doktor Siedler umgarnen sich bei ‘Die ganze Welt ist himmelblau’ mit blauen Gymnastik-Wettkampf-Bändern. Am Ende des Tages kommt eine richtige Revuenummer mit Schirmen und echtem Regen. Die Situation zwischen Josepha und Leopold spitzt sich im zweiten Akt zu. Josepha setzt ihn damit vor die Tür und kündigt ihm als Nummer 6 der Zahlkellner. Der Piccolo Gustl findet das vor allem wegen einer offenen Rechnung von 35 Gulden traurig, trägt das aber dann mit Fassung. Josepha versucht nun, den mürrischen Giesecke bei Laune zu halten. Dieser schwärmt immer nur vom Ostseebad Ahlbeck. Giesecke kommt aber erst so richtig in Schwung, als sein Konkurrent per Telegramm anbietet, die beiden Kinder Ottilie und Sigismund zu verbandeln und dem Zwist der Fabrikanten ein Ende zu setzen. Auch Gieseke macht eine Bergtour, bei der er in einem Seil in einem Korb von einem Führer die Berge hoch zum Gipfel gezogen wird. Der Sigismund kommt in einem weißen Auto angefahren, interessiert sich aber lieber für Klärchen mit dem Sprachfehler. Zum Einstieg der Szene schmettert Sigismund ein wunderbares: O sole mio. Während Sigismund keine Haare hat, was Klärchen sehr lustig findet, findet Sigismund den Sprachfehler drollig. Auf dem Wolfgangsee kommen sich die beiden bei einer Badeszene näher, in dem sie gemeinsam in einem Boot über den See rudern. Man sieht ein Flossenballett und der Chor versucht sich sogar in einem kleinen Sigismund-Rap. Gieseke erreicht nun ein Telegramm von der gelben Postbotin. Da er sich nicht ausweisen kann, bittet er Dr. Siedler ihn zu identifizieren. In dem Telegramm steht, dass Sigismund Ottilie heiraten soll, damit Frieden ist. Da sich nun unvermittelt der Kaiser angekündigt hat, ist Josepha gezwungen, den Zahlkellner kurzfristig wieder einzustellen. Für die Begrüßung des Kaisers muss nun die Hymne “Oh du mein Österreich” einstudiert werden. Da Leopold das Volk anspricht geht nun das Licht im Zuschauerraum an und man ist gehalten dort mitzusprechen und sich bei der Ankunft des Kaisers zum Schützenfest auch anständig von den Sitzen zu erheben. Es wird eine Flagge links ausgerollt. Der Kaiser reitet nun auf dem weißen Ross herein und steigt sehr ungeschickt und gar nicht kaiserlich vom Ross. Derweil spielt eine Blaskapelle so falsch, wie man nur spielen kann. Das Volk hat Österreich-Flaggen in der Hand und Leopold soll den Kaiser begrüßen. Die Ansprache verhaut der Zahlkellner gründlich, als der am Balkon Josepha neben Dr. Siedler sieht. Josepha hat sogar sein grünes Lieblingsdirndl an. Bei einem Frühstück, bei dem Josepha dem Kaiser die hocherwürdigen Semmeln schmiert, gesteht Josepha dem Kaiser, dass sie Dr. Siedler liebt. Sie erkennt aber auch, an dem Spruch des Kaisers im Gästebuch, dass Dr. Siedler nicht für sie bestimmt ist. Die Zitherbegleitung hier verleiht dem Ganzen Flair. Bei einer Bergtour finden nun Sigismund und Klärchen endgültig zueinander. Sigismund gibt sich als Klärchens Sprachlehrer aus. Die Situation zwischen Dr. Siedler und Ottilie ist dann auch geklärt. In einer finalen Szene will sich nun Leopold endgültig von Josepha zurückziehen und verlangt sein Zeugnis. In dem steht, dass er sie als Zahlkellner verlassen hat, aber als Ehemann auf Lebenszeit eingestellt ist. Am Ende sieht man alle drei Paare, die sich in der Operette gefunden haben.
Das Opernhaus macht bei dieser Inszenierung einiges richtig: Die Operette lebt vom Wortwitz des Fabrikanten Gieseke und dem Zahlkellner Leopold. Daher ist es nur logisch, die Rolle mit einem Mann vom Fach zu besetzen. Volker Heißmann hat Gastronomieerfahrung und komödiantisches Talent, das vor allem bei der Mitmachnummer zur Begrüßung des Kaisers zur Geltung kommt. Bei der Nummer macht wirklich der ganze Saal mit, auch die 9 Euro-Plätze. Auch ist es richtig, bei der Operette nicht an der Ausstattung zu sparen. Das Bühnenbild ist wirklich liebevoll und aufwendig. Der Running-Gag zwischen der Jodlerin und dem Hahn des weißen Rössl ist vielleicht ein paar Mal zu oft dran, aber irgendwie auch lustig. Viele Melodien aus der Operette kennt man und man ist immer versucht mitzusummen. Auch über die Urururgroßmutter des Leopolds, die angeblich aus Fürth kommt, muss man schmunzeln, da Leopold doch das ein oder andere Mal ins Fränkisch verfällt. Ein Schelm wer Böses dabei denkt, dass am Wolfgangsee Dr. Siedler Birnen statt Pfirsichen serviert werden. Mit den Worten des Kaisers: Es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut!

Quelle: Staatstheater Nürnberg

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Von • Gallerien: Kultur, Operette • Tags: im weißen rössl