Opernblog

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Der Barbier von Sevilla - fliegt die Katze durch die Oper

21.05.18 23:15

Manchmal soll man sich von einer schlechten Kritik nicht irritieren lassen, ins Opernhaus in Nürnberg gehen und sich selbst ein Bild von der Neuinszenierung des ‚Barbier von Sevilla‘ machen. Josef Ernst Köpplinger verlegt die Handlung in die 1950 er Jahre. In dem Bühnenbild, das aus vielen bunten Hütten besteht, befinden sich unzählige Treppen und Türen. Zu dem aberwitzigen Tempo der Musik legt die Regie ein passendes Bühnenbild hin, das jetzt eher an eine spanische Favela erinnert. Unten links ist ein Club Eros untergebracht, in dem drei Damen einer eindeutigen Beschäftigung nachgehen. Auch die Neonreklame hat schon bessere Zeiten gesehen.

In der ersten Szene wird es gleich ziemlich laut, als eine Truppe Musikanten mit Tiermasken in Gefolge des Grafen Almaviva auftritt. Während der Graf oben rechts bei einer Flasche Gin sinniert, wie er seine Rosina bekommen kann, lärmt das Gefolge ziemlich. Positiv ist zu vermerken, dass der Tenor Martin Platz, selbst die Gitarre für das nun folgende Ständchen spielt. Aber vergeblich, die Angebetete zeigt sich nicht. Der Graf schmiert sein Gefolge mit einer großen Ladung Geldscheine. Überhaupt scheint, ohne eine kleine Bestechung, in der Inszenierung nichts zu gehen. Zufällig kommt nun Figaro auf einem E-Roller auf die Bühne und vertickt den drei Damen Parfüms aus dem Rücksitz. Es sind auch fünf Kinder auf der Bühne, für die Figaro eine Kleinigkeit parat hat. Figaro arbeitet nun einen Plan aus, wie er den Grafen und Rosina zusammenbringen kann. Auch hier hilft etwas Geld des Grafen beim Plan. Er solle sich als betrunkener Soldat mit der bald auftreffenden Armee im Hause des Doktor Bartolo einquartieren. Betrunken, weil er dann als weniger gefährlich gilt. Während der Ausarbeitung dieses Plans verweilt Bartolo in seiner Praxis neben einem Skelett. Es folgt der Auftritt von Rosina in ihrem Zimmer, die Arie „Una voce poco fa“ gelingt Ida Aldrian sehr gut. In ihrem Petticoat wirkt sie ganz anders als das naive Mündel, das Bartolo heiraten soll. In dem Zimmer blinkt eine Uhr mit Madonna. Es erscheint nun der Pastor Don Basilio, um Bartolo zu warnen, dass der Graf selbst hinter Rosina her ist. In einem Zimmer im Obergeschoss drängt Bartolo einen Ehevertrag aufzusetzen. In dem Zimmer scheint es ein Ungezieferproblem zu geben, da dort viele Klebefallen hängen und Basilio mit einer Fliegenklatsche die Mücken jagt. Interessant sind jetzt immer die Nebenfiguren, die zusätzliche Aktionen auf der Bühne aufführen. So beobachtet Ambrosio auf einer gelben Chaiselongue die Bühne mit einem Röhrenfernseher, passend daneben steht ein Transistorradio. Auch fährt des Öfteren eine Schwangere mit quietschendem Kinderwagen über die Bühne. Nicht zu vergessen die drei Damen aus dem Parterre, die auch den Klerus als Kundschaft haben. Zudem gibt es eine Metzgersfamilie, bei der die Metzgersfrau immer wieder beim Anblick des Skeletts von Doktor Bartolo in Ohnmacht fällt. Man hat immer alle Mühe sie wieder auf die Beine zu bekommen. Als nun der Graf als betrunkener Soldat auf der Bühne erscheint, nehmen die Aktionen weiter Fahrt auf. Man sieht deutlich, wie der Brief von Rosina zum Soldaten wechselt. Als Bartolo nun sagt, dass er als Arzt von der Einquartierung befreit ist, wird Almaviva übergriffig und zieht den Revolver. Als schließlich noch die Soldaten erscheinen und im Pulk unten links auftreten, wird das Treiben chaotisch. Selbst das Haus rechts oben in der Ecke kippt aus der Halterung und wackelt. Ein weiteres Haus im Hintergrund schlägt dabei Saltos. Niemand kennt natürlich den betrunkenen Soldaten, der sich schließlich als Graf zu erkennen gibt. Darauf salutieren alle vor ihm. Zum Start des Finales bekommen alle Hauptpersonen noch einen Schluck Kaffee vom Servierwagen, als ob die Szene noch nicht aufgekratzt genug wäre. Selten gab es wohl so ein furioses Finale des ersten Akts.

Im zweiten Akt startet der Graf einen zweiten Versuch. Als etwas tuntiger Don Alonso schleicht er sich erneut mit einem „hola“ bei Bartolo ein. Mit einem etwas aufdringlichen „Pace e gioia“ geht er Bartolo ziemlich auf die Nerven. Dennoch holt der Doktor Rosina her. Es wird ein Klavier auf die Bühne geschoben und es beginnt wohl die kurzweiligste Musikstunde, bei hinter dem Klavier schon mal das ein oder andere Küsschen getauscht wird. Auch hier greift Martin Platz als Graf streckenweise selbst zum Klavier. Beindruckend sind die Atem- und die Haltungsübungen von Don Alonso und Rosina. Natürlich hat Rosina längst den Musiklehrer erkannt. Der Graf und Rosina besprechen dessen Flucht. Don Basilio tritt auf und die Sache droht aufzufliegen. Wieder hilft etwas Geld und der Pfarrer verschwindet. Nun folgt die Barbierszene, bei der reichlich Schaum im Gesicht des inzwischen entnervten Bartolos landet. In den ganzen Verwirrungen ist Figaro inzwischen im Besitz des Balkonschlüssels. Bartolo erkennt den Grafen und lässt beide raus befördern. Jetzt wird Bartolo aktiv und meint klarstellen zu müssen, dass Figaro und Alonso Rosina mit dem Grafen verheiraten wollen. Rosina will sich das nicht gefallen lassen. Es folgt die Gewitterszene bei dem kaputte Schirme über die Szenerie huschen, Notenblätter fliegen und alle Haupt- und Nebenfiguren gegen den einsetzenden Wind kämpfen. Klar schwankt das Haus rechts oben. Der Gewittersturm wirbelt also heftig inklusiver projizierten Regen. Aber das Gewitter verschwindet so schnell, wie es gekommen ist. Kurz vor Ende schlägt aber noch ein Blitz ins Haus von Rosina ein und verletzt Ambrosio sehr. Er sucht Trost bei seiner Katze, die ihn prompt attackiert. Die Katze ist natürlich nur eine Stoffhandpuppe, fliegt aber in hohem Bogen über die Szenerie. Das alles ist eine gekonnte Anspielung auf den Zwischenfall mit einer Katze, den es bei der Uraufführung angeblich gab. Das Publikum quittiert den Flug der Katze mit einem ‚Oh!‘. Man hat nicht mal Zeit vom Balkon runter zu kommen. Noch oben am Balkon wird mithilfe des Notars der Bund der Ehe zwischen dem Grafen und Rosina geschlossen. Bartolo kommt zu spät und der Graf gibt sich als solcher zu erkennen.

Auch wenn man jetzt geteilter Meinung sein kann, in der Regie wird so viel geboten, dass man oft den Überblick verliert. Das ist anfangs noch etwas zögerlich und verhalten, vielleicht etwas nervig und laut. Dennoch passt das zum Stück, sodass ich hier der Meinung widersprechen muss, es handele sich nur um eine platte Aneinanderreihung plumper Gags. Immer wieder gelingt es in der Handlung Highlights zu setzen, die das Publikum auch zu schätzen wusste. Volker Hiemeyer im Dirigat schafft auch musikalisch eine relativ ausgewogene Interpretation, die Luft und Raum für die Hits lässt, aber auch laut aufdreht, wie bei der Gewitterszene. Karnolsky als basskräftiger Don Basilio hat für mich die meiste Durchschlagkraft in der Besetzung. Ganz begeistert haben mich die Nebenfiguren, die man in die Szenerie gesetzt hat. Man ist hier mit sehr viel Liebe zum Detail zu Werke gegangen. Die bunte, farbenfrohe Inszenierung ist eine willkommene, farbige Abwechslung zu manch schwarz/weißem Einerlei.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: il barbiere di siviglia
Il barbiere di Siviglia - Da capo

Es gibt Inszenierungen, die sind nahezu unverwüstlich. Dazu gehört sicher auch die Inszenierung des 'Il barbiere di Siviglia' von Ruth Berghaus aus dem Jahre 1968. In der 358. Wiederholung scheint sich das Konzept immer noch nicht totgelaufen zu haben. Woran liegt das wohl? So kann man sich 2014 auf eine Zeitreise ins Jahr 1993 begeben, als ich vielleicht die 230. Aufführung gesehen haben mag. Vielleicht dass einige Figuren in der Inszenierung eine eigene Art haben, zu laufen. So hüpft die umworbene Rosina immer über die Bühne, während der verschlagene Don Basilio sich in kleinen Trippelschritten bewegt, das Stubenmädchen etwas trampelig auftritt oder der Diener einen Spitzentanz vollführt. Das Bühnenbild sieht aus, als ob man es schnell mit einer Bleistiftskizze entworfen hätte und besteht eigentlich nur aus vier großen Bettlaken und ist schwarz-weiß. Auch das Mobiliar ist da nur angedeutet. Oben am Bühnenhimmel gibt es vier skizzierte weiße Leuchter, die bei dramatischen Situationen lustig flackern. Auch ein Engel scheint aus dem Bühnenhimmel gefallen zu sein und hängt, kopfüber, von der Decke. Auch der Graf, der in dieser Oper sein Eroberungsspiel mit Rosina treibt, hat sich in das Fresko geschlichen. Auf einem Wappen steht ‚ Il barbiere di Siviglia – oder die unnütze Vorsicht‘.
Das Spiel beginnt mit dem Werbungsversuch des Grafen Almaviva um Rosina. Die Bemalungen der Tücher skizzieren einen mediterranen Straßenzug. Der Graf möchte aber vermeiden, dass Rosina sich nur wegen seines Standes in ihn verliebt, und tritt inkognito als Lindoro auf. Die Musiker-Gruppe lärmt aber ziemlich und Rosina lässt sich nicht sehen. Erst als Figaro seine berühmte Arie (Largo al factotum) zum Besten gibt, fragt der Graf bei Figaro um Hilfe. Der erste Anlauf mit dem Ständchen vor dem Balkon war ja gescheitert. Rosina schaut durch ein kleines Fenster, das den Balkon darstellt. Dieses ist scheinbar mit Klettverschlüssen zum Aufrollen. Ihr gelingt es aber, einen Brief an Lindoro fallen zu lassen. Bartolo möchte jetzt sein Mündel endlich heiraten. Der Graf nimmt einen zweiten Anlauf mit einem Ständchen bei Rosina. Sie spielt dabei mit ihren Fingern, immer wenn sie Verlangen nach Lindoro verspürt. Aber auch jetzt muss sie gleich zurück ins Haus und das Fenster schließt sich wieder. Nun hilft der Graf Figaro mit einem Beutel Geld auf die Sprünge, er solle sich was einfallen lassen. Figaro fällt auch sofort ein, der Graf solle sich als betrunkener Soldat im roten Mantel bei Bartolo einquartieren lassen. Nun kommt Rosinas große Arie (Una voce poco fa). Sie schreibt einen Brief an Lindoro. Auch der Schreibtisch von Rosina und der Hocker sind nur skizziert. Bartolo wittert nun einen Nebenbuhler. Don Basilio rät Bartolo nun zu einer Verleumdung, wobei die Kerzen an den Leuchtern flackern. Bartolo fällt aber das fehlende Papier auf. Der Geizhals hatte die Papierbögen abgezählt und nun fehlt einer. Er will wissen warum, und wieso die Schreibfeder nass ist. Rosina hat immer eine Ausrede parat. Die Übergabe des Briefes an Figaro scheitert aber. Nun kommt der verkleidete Graf an und sagt, er wäre hier einquartiert. Bartolo hätte aber ein Schreiben, das ihn von der Einquartierung von Soldaten befreit. Am rechten Bühnenrand durchwühlt Bartolo die Papiere und findet schließlich das Dokument, dass dann der Graf zerreißt. Schließlich gibt sich der Graf als Lindoro zu erkennen und es kommt zum Tumult. Der Graf geht auf Bartolo los und Figaro hält den Säbel des Grafen mit seiner Schere auf. Es rückt eine grün-berockte Wache an, die Lindoro schließlich rauswerfen soll. Vor dem Offizier der Wache gibt sich aber der Graf zu erkennen, worauf der Offizier sich gleich zu Boden wirft und Lindoro ungeschoren entkommen lässt.
Im zweiten Akt probiert es der Graf nun als Musikschüler von Don Basilio. Er möge der Rosina eine Musiklektion erteilen und tritt als Vertretung für den erkrankten Don Basilio auf. Während Rosina Lindoro sofort erkennt und mit Begeisterung an der Musikstunde teilnimmt, hält Bartolo auf einem Stuhl ein Nickerchen. Der Graf macht sich während des Rondos ‚Die unnütze Vorsicht‘ daran, Rosina die Kleidungsstücke zu öffnen und sie an ihren Hüften zu kitzeln. Für das Rondo ‚Contro un cor‘ scheint das förderlich zu sein. Von dieser neumodischen Musik hält Bartolo aber überhaupt nichts und schwärmt von Caffarelli, wobei er als Bass, dessen Kastratenstimme imitiert. Figaro macht sich nun dran, Bartolo zu rasieren. Dabei platzt nun Don Basilio selbst in die Szenerie. Alle attestieren ihm einen schlechten Gesundheitszustand und wollen ihn am liebsten schnell wieder loshaben. Er hätte die Masern, sehe schlecht aus und solle ins Bett. Neckisch hustet er aber das Quartett an. Durch einen Beutel mit Geld vom Grafen lässt er sich aber, nach Langem hin und her, abwimmeln. Es gelingt dem Grafen nun, auch an den Schlüssel für den Balkon zu kommen. Es wird eine Flucht geplant. Bartolo überzeugt nun Rosina, dass sie von Lindoro und Figaro nur an den Grafen verkuppelt werden soll. Darauf verrät sie deren Plan. Es zieht ein Gewitter auf, wobei die Tücher des Bühnenbildes im Takt der Musik flattern und die Kerzenleuchter flackern. Nun kommt der Graf und Figaro ins Zimmer. Der Rückweg auf die Straße ist versperrt, da Bartolo die Leiter geklaut hat. Nun macht der Graf kurzen Prozess: Er klärt auf, dass er und Lindoro dieselbe Person sind. Er besticht mit Geld den bestellten Notar und Don Basilio, die Vermählung mit Rosina umgehend durchzuführen.
Die Inszenierung macht richtig gute Laune an einem dunklem 3. Advent. Sie ist mit ihren weißen, skizzenhaften Szenen, freundlich, hell und heiter. Sei es Alfredo Daza als Figaro, Katharina Kammerloher als Rosina oder Renato Girolami als Bartolo. Auch nach vielen Jahren wirkt die Inszenierung frisch und modern. Wie die Charaktere skizziert sind, in den passenden Kostümen aus der damaligen Zeit, ist immer noch treffend. Auch dieses Mal, war es für mich der 3. Barbier von Sevilla in der Inszenierung und auch nach 20 Jahren, ein großer Spaß. Es war zudem für mich die erste Aufführung einer Oper im umgebauten Schillertheater. Die Akustik ist bei Weitem nicht mit der eines Opernhauses vergleichbar, aber ganz passabel. Die Geigen schienen mir etwas wenig durchzukommen, während die Pauken einen satten Bass hatten. Die Stimmen der Sänger kamen aber gut an, was zum Einen an der Größe des Hauses liegt, zum anderen, dass sie ihre Arien auf einem kleinen Kasten am Bühnenrand zum Besten gaben. Das Nickerchen meiner Sitznachbarin kann man schon mal verzeihen, da ich nicht weiß, wie oft sie schon diese Inszenierung genossen hat. Ich war jedenfalls vom ersten Akt voll dabei, habe mich wieder daran erfreuen können, wie die Charaktere skizziert sind und wie sie sich über die Bühne bewegen. Ruth Berghaus mag lange tot sein, mit dieser Inszenierung ist sie nahezu unsterblich.

Quelle: YouTube | Staatsoper Berlin

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