Opernblog

 

In einer Wiederaufnahme ist der Fidelio von Ludwig van Beethoven im Münchner Nationaltheater zu sehen. Calixto Bieito hatte im Jahre 2010 einen philosophischen Ansatz verfolgt und lässt die Darsteller durch ein dreiteiliges, drei Etagen hohes Plexiglaslabyrinth laufen. Deutlich ist immer wieder das Klicken der Sicherheitshaken zu hören. Das Labyrinth ist hier ein gedankliches Gefängnis von Rocco, in dem die Figuren bis zum Schluss herumirren. Es soll die aussichtslose Suche nach einem Ideal verkörpern. Von den Texten hat man fast alle Sprechpassagen gestrichen und gegen Gedichte von Jorge Luis Borges oder Cormac McCarthy getauscht. Das führt dazu, dass die einzelnen Nummern der Oper relativ flüssig hintereinander folgen. Beethovens einzige Oper setzt dabei die Stimmen sehr instrumental ein, was für die Sänger eine Herausforderung ist. Auf Atmung und Pausen, die eine Stimme benötigt, werden vor allem bei der Partie der Leonore, wenig Rücksicht genommen. Die Vorlage ist ein Roman der „Leonore“, die auf einer angeblich wahren Begebenheit in der Touraine basiert. Pikanterweise war er während der Französischen Revolution selbst ein Mitglied der Justiz. Für die Figur des Don Pizarro war wohl der skrupellose Konventskommissar Carrier das Vorbild, der 1793 in der Vendée Angst und Schrecken verbreitete.

Zu Beginn der Oper kommen die Gefangenen aus dem Orchestergraben. Während der Ouvertüre Leonore 3 erklimmen die Sänger, mithilfe der Sicherheitshaken, das Plexiglaslabyrinth. Zu sehen ist auch ein Double von Florestan, der ebenfalls durch das Gestänge irrt. Leider bringt das planlose Laufen im Labyrinth etwas Unruhe in die Musik, die mit 14 Minuten eine eigene Symphonie ist. Leonore verwandelt sich in Fidelio, indem sie sich vor dem Publikum ihre Brust mit Toilettenpapier bindet. Als junger Mann Fidelio erhofft sie, sich Zugang ins Gefängnis von Rocco zu erlangen. Marzelline verliebt sich sofort in diesen jungen Mann und lässt ihren Jaquino dafür stehen. Der Kerkermeister Rocco heißt nach etwas hin und her, die neue Verbindung seiner Tochter gut. Mit Haken aneinandergekettet singen sie die ersten Arien. Der Vater als Banker verkleidet, meint aber, dass es auch noch etwas ‚Gold‘ für eine glückliche Beziehung braucht, und plündert einen Geldkoffer mit Dollarscheinen. Rocco macht aber zur Auflage, dass ich Fidelio einem gewissen Gefangenen nicht nähern darf. Jetzt erscheint Don Pizarro, der Gouverneur des Gefängnisses. Der Hass gegen alle Menschen entlädt sich in Selbstverletzung und er ritzt sich bei der Arie "Ha, welch ein Augenblick!" selbst in Arme, Kopf und Brust. Er kann Florestan nicht am Leben lassen, da sein Freund der Minister Don Fernando, ihn begnadigen würde. Die Aufforderung, Florestan umzubringen kann Rocco abwehren, allerdings muss er für Florestan ein Grab schaufeln. Fidelio hat bei der Aktion einen halb leeren Kanister mit blauer Säure dabei. Fidelio bitte nun Rocco, dass die Gefangenen ans Tageslicht dürfen. Ein Gefangener singt stehend am Abgrund einer Arie, während sich ein Zweiter wenig später im Hintergrund mit dem Karabinerhaken erhängt. Die Gefangenen sind dabei in Anzügen gekleidet, müssen aber wenig später wieder zurück in den Kerker. Fidelio hat unter ihnen ihren Mann nicht entdecken können.

Im zweiten Akt ist das Opernhaus von einem dunklen Grollen erfüllt. Das Labyrinth kippt langsam. Gefangene schweben dabei an Seile gesichert über dem gekippten Aufbau. Fidelio hat eine Flasche Hochprozentiges dabei und bringt Florestan etwas Brot mit. Florestan liegt dabei im Fieber am Bühnenrand und wird von Fidelio und Rocco über die Bühne geschleift. Der Text macht da eine uncharmante Anspielung auf Florestans Gewicht. Don Pizarro wird von Florestan zur Rede gestellt. Fidelio greift ein und zerschlägt zuerst eine Flasche auf Pizarros Kopf. Dann überschüttet er ihn mit Säure. Unterdessen scheint sich Florestan mit dem Messer selbst zu richten. Fidelio und Florestan ziehen sich auf offener Bühne um. Es folgt eine Erlösungsszene bei der vier Streicher in Gitterkäfigen aus dem Bühnenhimmel herabschweben und das Streichquartett Opus 132 in Auszügen zum Besten geben. Dieser ‚Heilige Dankgesang eines Genesenen an die Gottheit‘ bildet einen spirituellen Einschub, sodass man nicht weiß, ob Fidelio seine eigene Befreiung wirklich noch erleben durfte. Es folgt die Befreiungssequenz durch den Minister Don Fernando. Dieser tritt als Batman-Joker-Verschnitt mit einem weißen Anzug auf. Unterstützt wird er durch die Anwesenheit von Eva Wagner-Pasquier in der Loge. Trompetenschall kündigt die Befreiung der Gefangenen an. Der Minister erkennt seinen Freund. Aber der Joker, wäre nicht er, wenn er nicht zum Schluss noch eine Überraschung parat hätte und mit einer Pistole Florestan ein weiteres Mal tötet. Über der ganzen Szene schweben Akrobaten. Aber keine Angst, Florestan steht wieder auf. Genauso wie das Labyrinth hinter ihm.

Man mag von Bieitos Fidelio-Deutung halten, was man mag, musikalisch gab es an dem Abend nichts auszusetzen. Anja Kampe als Leonore war an diesem Abend sehr gut und man hatte den Eindruck, dass sie seit 2010 besser mit der Partie umgehen kann. Günther Groissböck verlieh dem Rocco eine sympathische Note. Auch Jonas Kaufmann als Florestan war sehr gut. Das alles wäre nichts ohne die Glanzleistung des Bayerischen Staatsorchesters unter der Leitung von Kirill Petrenko, für den der Jubel an diesem Abend nicht enden wollte.

Quelle: YouTube | BayerischeStaatsoper

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