Opernblog

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Die Meistersinger - Der Fall Beckmesser

19.08.17 23:55

Barrie Kosky inszenierte dieses Jahr die Meistersinger von Nürnberg in Bayreuth. Ähnlich wie der Parsifal von Stefan Herheim, nimmt man sich diesmal um die Geschichte Bayreuths an. Szenisch beginnt man in der Villa Wahnfried, indem man Richard Wagner eine private Vorführung dieser Oper in der Villa durchspielen lässt. Enden lässt man die Geschichte im Saal 600 der Nürnberger Prozesse. Auch um das Festspielgelände setzt man sich mit den jüdischen Künstlern auseinander, die während des Dritten Reichs Auftrittsverbote hatten. Auch hier in der Oper dürfen alle mitspielen außer Beckmesser, der in seiner Rolle als Jude der Außenseiter ist.

Anfangs ist man etwas verwirrt, wie selbstbezogen die Oper ist. Mit einer witzigen Einblendung: Villa Wahnfried bei 23 Grad, spielt man auf die Temperaturen im Festspielhaus an. Wagner erscheint immer im Gehrock mit Barett. Sein Schwiegervater Liszt ist ebenfalls auf der Bühne so wie Dirigent Hermann Levi. In einer Momentaufnahme berichtet man davon, dass Cosima Migräne hat und Wagner mit seinen Hunden unterwegs ist. Diese kommen auch wirklich auf die Bühne. Wagner hat sich ein paar Schuhe bestellt und eine große Packung Parfüm. Auch auf seine Vorliebe für Samt wird angespielt. Man befindet sich im Salon der Villa Wahnfried, an den Wänden sind viele Bücher und Büsten aufgestellt. Nun lässt man Wagner gleich fünfmal auftreten, wobei vier Doubles aus dem Flügel kommen.Wagner nimmt in den folgenden Meistersingern gleich mehrere Rollen selbst ein, so ist er Hans Sachs als alter Mann, Stolzing als junger Mann. Cosima wird zu Eva und Liszt zu Pogner. Dem Juden Levi fällt die Rolle des Beckmessers zu. Bei der Chorszene ist der schon gefordert, als alle auf die Knie fallen und beten. Widerwillig macht er mit. Wer schon mal in der Villa Wahnfried war, weiß, dass mit der Galerie solche Off-Chöre aus dem Obergeschoss möglich sind. Die Lehrbuben unterbrechen immer wieder den Akt mit einem turbulenten Auftritt. Im Spiel kommt Stolzing nun nach Nürnberg. Schon vorher hat er Eva, Pogners Tochter kennengelernt. Rein zufällig ist die nun das Preisgeld bei einem Gesangswettbewerb. Aus dem Flügel kommen jetzt auch noch mehrere Meister in Renaissancekostümen. Man setzt sich in Reih und Glied bei einer Tasse Tee hin. Die Tassen scheinen aus Metall zu sein und erzeugen einen tollen Klang. Auch scheint in dieser Renaissancezeit Headbanging schon schwer in Mode zu sein, die Meistergilde rockt jedenfalls richtig zur Musik. Inzwischen hat Beckmesser sich hinter vier Bildern verschanzt. Er muss den Gesang von Stolzing bewerten. Mit einem Hammer markiert er jeden Fehler, den Stolzing beim Vortrag seines Gesangs macht. Stolzing nimmt auf einem Thron auf dem Flügel Platz. Nachdem sein Gesang schon einmal im Tumult der Meister abgebrochen wurde, nimmt er ein Schlückchen Tee um sein Lied fortzusetzen. Aber nein, es hilft nichts. Beckmesser und die Meister sind außer sich vom unerhörten Gesang. Am Ende des Aufzugs lässt man die Villa Wahnfried zurück fahren und den Saal 600 erscheinen.

Im zweiten Akt sieht man Wagner als Sachs mit Cosima auf einer Decke beim Picknick im Grünen. Auf dem Boden befindet sich ein grüner Rasen. Der Raum ist weiter der Saal 600 in Nürnberg, über den also reichlich Grün gewachsen ist. Wagner als Sachs macht sich nun Gedanken über das neue Lied von Stolzing. Das kann er nicht vergessen, obwohl es gegen die gängigen Liedregeln verstoßen hat. Eva will nun wissen, wie es mit dem Vorsingen ging. Stolzing kommt hinzu und will Eva zur Flucht überreden. Beckmesser ist weiterhin auf Freiers Füßen und will seiner Eva ein Ständchen auf der Laute bringen. Weit oben hat aber nicht Eva am Fenster Platz genommen, sondern Magdalene, ihre Zofe. Er begibt sich in die Rednerkanzel und fängt an ein Ständchen zu singen. Sachs ist aber nun gemein und merkt jeden Fehler in seinem Gesang mit einem Hammerschlag auf den Leisten an. Das tut er so penetrant, dass die Bewohner Nürnbergs aufwachen und eine Prügelei stattfindet. Dabei läuft die Uhr im Gerichtssaal plötzlich rückwärts. Der Rasen wird an Seilen hochgezogen. In dieser Inszenierung wird aber nur einer richtig verprügelt auf der Bühne, nämlich Beckmesser. Unter einem Wagnerbildnis muss er Tritte einstecken und erscheint in der Folge mit einem bandagierten rechtem Arm und einem eingewickelten Finger. Beckmesser bekommt eine Karikaturmaske aufgesetzt. Am Ende erscheint aus der Rednerkanzel des Saals diese riesig und aufgeblasen. Es ist eine Judenkarikatur aus dem ‚Stürmer‘.

Im letzten Akt ist der Saal 600 voll bestuhlt, wie zur Zeit der Nürnberger Prozesse. An dem Kopfende befinden sich die Flaggen der vier Siegermächte. Links vorne nimmt Wagner als Sachs ein Essen ein, auch David beißt herzhaft in eine Breze. Sachs räumt sein Frühstück klirrend ab. Er grübelt über die Ereignisse der Johannisnacht. Am Tisch links komponiert er nun mit Stolzing zusammen das Preislied. Schließlich kommt auch Beckmesser auf die Bühne und will ebenfalls ein Preislied von Sachs haben. In einer Albtraumsequenz kommen fünf kleine Juden in den Zeugenstand und bedrängen Beckmesser. Dieser verjagt die kleinen Albtraumfiguren. In Anspielung auf Wagners Ideologie, will sich nun Beckmesser das Meisterlied aneignen. Mit dem Zettel des Preislieds zieht er von dannen. Eva kommt nun dazu und beschwert sich, dass die Schuhe nicht passen. Stolzing trifft auch noch ein und in einer Gesellentaufe macht Sachs mit einer kräftigen Ohrfeige David zum Gesellen. Nun singen sie alle ein wunderschönes Quintett: ‚Selig wie die Sonne‘. Sachs schickt alle zur Festwiese und dem Sangeswettbewerb an die Pegnitz. Die Bühne bevölkert sich nun mit den Bürgern Nürnbergs. Ein einziger alliierter Soldalt hält Wache. Es werden Fahnen zu den Auftritten der Stände geschwungen. Dabei lässt die Regie die Szenerie immer wieder einfrieren. Als die Meister eintreffen, spenden die Bürger schnellen, synchronen Applaus. Wie die Duracell-Hasen klatschen sie zum Eintreffen der Meister, nur bei Beckmesser verstummt der Applaus. Beckmesser ist immer noch schwer lädiert und wird von einer Harfensolistin begleitet. Er versucht nun das Preislied zum Besten zu geben, versingt sich aber gnadenlos und wird so zum Gespött. Er beschuldigt nun Sachs, ein schlechtes Lied komponiert zu haben. Als Stolzing dieses Lied dann singt, sind alle begeistert. Stolzing gewinnt den Wettbewerb und bekommt Eva. Als er zum Meister werden soll, lehnt er ab. Dies führt zum Schlussmonolog von Sachs: Verachtet mir die Meister nicht, den er aus der Rednerkanzel hält. Das Volk verlässt die Bühne, der Saal 600 fährt hoch und Sachs ist während des Monologs allein auf der Bühne. Dann jedoch fährt ein Orchesterdouble aus der Rückwand vor. Sachs dirigiert das Statistenorchester und rettet zum Schlusschor die Szene, die in Deutschtümelei zu versacken droht.

Wenn man als erster jüdischer Regisseur dieses Stück inszeniert, mit dem die Reichparteitage der Nazis eröffnet wurden, bleibt sich der Bezug zum Judenhass nicht aus. In seiner Selbstbezogenheit ist die Inszenierung sicher für Neueinsteiger eine harte Nummer. Selbst ich war von den vielen Wagner-Inkarnationen verwirrt, wer jetzt genau welche Rolle spielt. Da Wagner aber immer seine eigene Vita in den Stücken verarbeitet hat, geht das durchaus in Ordnung. So ist die Prügelei in der Johannisnacht unter dem Eindruck einer Schlägerei in Nürnberg entstanden, in die Wagner selbst geraten ist. In der Gesamtheit wirkt der Bezug zum Saal 600 etwas beliebig und wird nicht ausreichend erklärt. Man könnte deuten, dass das letztendlich das Ende des Judenhasses ist, richtig schlüssig erklärt wird es dabei allerdings nicht. Aber die Aufführung punktet, mit einem unglaublichen Aufgebot an Sängern. Klaus Florian Vogt als Stolzing, Michael Volle als Sachs waren an dem Abend wirklich hervorragend, textverständlich, sodass man den Dialogen gut folgen konnte. Eva hätte ich gerne etwas jugendlich, frischer besetzt gesehen. Aber auch die Nebenrollen waren sehr gut. Letztendlich punktet Bayreuth immer mit der trefflichen Akustik, die seinesgleichen sucht.

Fanfare zum dritten Aufzug der Meistersinger von Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper, Festspiele • Tags: die meistersinger von nürnberg

Diesmal hatte ich bei der Bewerbung für eine Karte für die ‚Meistersinger von Nürnberg‘ in München Glück. Allen, die noch versuchen, Karten zu bekommen: Alle Vorstellungen sind leider komplett ausverkauft. Es ist schon ein besonderes Erlebnis, am 203. Geburtstag von Wagner, diese Oper am Ort der Uraufführung zu sehen. Während draußen am Marienplatz der DFB-Pokalmeister gefeiert wurden und das Wetter traumhaft war, durfte man in dem Nationaltheater dem Wettstreit um einen Sängerpokal beiwohnen. Wenn Kirill Petrenko dirigiert, Jonas Kaufmann den Stolzing singt und die Oper rundum gut besetzt ist, ist man dem Opernhimmel ein Stück näher. Dass David Bötsch daraus eine, vor allem an Ende sehr turbulente Castingshow im sozialen Wohnungsbau macht, kann man nachsehen. Bei einem Feuerwerk an Regiegags wird es einem in den 5 ½ Stunden keinesfalls langweilig. Es gilt in der Oper der Kunst, und zwar nichts anderem als der Reform der Meistersinger Zunft. Während die Meistersänger die Tradition mit vielen Leitzordnern wahren, kommt ein frecher Stolzing in Jeans, Lederjacke, Kopfhörern und Turnschuhen daher. Meist ist er in Begleitung einer Reisetasche und einer Gitarre und gewillt, seinem Konkurrenten einen Schabernack zu spielen und ganz gegen die Zunftregeln zu verstoßen.
Als sich die Bühne im ersten Akt öffnet, sieht man im Hintergrund einen grauen Wohnblock mit Satellitenschüsseln. Leider beginnt das Spiel schon etwas zu früh am Ende der Ouvertüre. Im Vordergrund stehen Gerüste, die sich einem erst später erklären. Rechts vorne steht ein Meisterbräu-Laster mit Bierfässern. Es zieht eine Prozession vorbei, man befindet sich am Vorabend des Johannistags. Schon dort begegnet sich das Liebespaar Eva und Stolzing und nutzen den Bierwagen als Versteck. Eva hat ihr Herz längst an den jungen Sänger verschenkt, wäre da nicht Bedingung des Vaters, dass der Mann ein Meistersinger sein muss. Also versucht man, den Sänger möglichst schnell aufzunehmen. Der Schusterjunge David kommt etwas später mit einem Mofa auf die Bühne. Mit vielen Akten erklärt er in einer langen Arie Stolzing die Kunst des Gesangs. Es findet also ein Probesingen statt, wo mit einem ‚Bitte Ruhe Probe‘-Schild Stolzing sein Können beweisen muss. Damit soll es dem Neuzugang möglich sein, am Johannistag am Sängerwettbewerb teilzunehmen. Sein Konkurrent im Meistergesang Beckmesser wird die Fehler im Gesang mit einer Kreidetafel notieren. Während sich die Meister unterhalten, ist Stolzing hinter dem aufgebauten Boxring mit seinen Kopfhörern beschäftigt und hört Musik. Als er sich nun auf den Singstuhl im Ring setzen darf, wird an den Stuhl ein Buzzer angeschlossen. Man notiert die Fehler von Stolzings Gesang nicht nur auf der Kreidetafel, sondern versetzt mit dem roten Buzzer, Stolzing und Lichtergeflacker ein paar Stromstöße. Er singt sich dennoch frei mit seinem neuen Lied, das von der Natur und den Vögeln handelt. Als die Kreidetafel für die angeblichen Gesangsfehler nicht mehr ausreicht, nimmt Beckmesser einen Pinsel und macht auf Stolzings schwarzer Lederjacke weiter. Das Vorsingen wird unterbrochen. Sachs wirft Beckmesser ein gewisses Eigeninteresse vor und klebt ihm die Regelseite mit der Unparteilichkeit an den Kopf. Auf Wunsch von Sachs singt der Sänger sein Lied zu Ende, steht am Ende sogar am Bierwagen, aber es hilft nichts. Auf dieses Versagen hin macht sich Stolzing eine Flasche Bier auf. Während Sachs nun für den Sänger Partei ergreift, befinden die anderen Meister, dass er seine Chance vertan hat. Wutentbrannt zerstört Stolzing die Gipsbüste Wagners, die am Ring platziert war, und verlässt den Ring. Im allgemeinen Tumult endet der erste Akt.
Im zweiten Akt rückt der Wohnblock etwas nach vorne. Es ist Abend geworden und vor dem Wohnblock steht der fahrende Laden von Hans Sachs mit seinem Schuhgeschäft. Pogner kommt mit einem schwarzen Wagen mit der Aufschrift ‚Pogner‘ auf die Bühne und redet mit Eva. Er bekräftigt noch mal seinen Wunsch, dass letztendlich ein Meistersinger der Ehemann von Eva werden soll. Er holt aus einer herzförmigen Verpackung einen Brautkranz heraus, den Eva aufsetzt. Sie erfährt von ihm aber nicht, wie der Probegesang geendet hat. Auch Evas Amme konnte nichts von David erfahren, also trifft sie Hans Sachs vor seinem Laden. Dass nun auch Beckmesser bei dem Sängerwettbewerb startet, bringt Eva in Rage: Sie wirft sogar einen Stuhl um. Es kommt nun abermals Stolzing die Gasse entlang, wieder mit Gitarre und Reisetasche. Mit Davids Mofa planen nun die beiden die Flucht, da Pogner eine Verbindung zwischen Beckmesser und Eva einfädeln will. Sie verstecken sich hinter allerlei Malerzubehör, weil Sachs die Flucht der beiden verhindern will. Dass das keine Linde ist, aber ein lustiger Ersatz: Da hilft das Textbuch weiter. Nun kommt Leben in die Proszeniums Loge. Evas Amme erscheint dort mit langem Haar, um das Ständchen von Beckmesser entgegen zu nehmen. Beckmesser trägt seine Weise auf einer wackeligen, gelben Hebebühne vor. Für seinen Vortrag nutzt er eine Ukulele. Geht diese beim Vortrag kaputt, ist flugs aus dem Souffleurkasten Ersatz da. Die Hebebühne kommt dabei mehrfach zum Einsatz, um seiner holden Eva Nahe zu sein. Aber als größeres Hindernis bei dem Vortrag erweist sich ein hämmernder Sachs. Dieser spielt den Merker und klopft immer bei Fehlern im Gesang. Jetzt fängt es im Wohnblock das Rumoren an. Die Jalousien gehen hoch und es erscheinen die Bürger im Schlafanzug. David startet eine Prügelei mit Beckmesser, da er meinte, der Gesang gehöre seiner angebeteten Amme. Es ertönt von Kirill Petrenko die beste Prügelfuge, die ich gehört habe. Mit Baseballschläger werden die Autos traktiert, die Liedgesetze der Meister fliegen aus den Fenstern. In der Johannisnacht in Nürnberg geht es zu wie zum 1. Mai in Kreuzberg. Sachs gelingt es nun, Ruhe in das Treiben zu bringen. Er trennt Beckmesser und David, versteckt Stolzing in seinem Wagen und schickt Eva nach Haus. Um 11 Uhr hat der Spuk ein Ende.
Im letzten und längsten Akt steht auf Hans Sachs Wagen nur noch ach(s). Von David bekommt Sachs eine Rückenmassage, während er seinen Kummer in Zigaretten und Gordon Gin ertränkt. Er sieht in seinem Rausch: Wahn, Wahn, überall Wahn. Nun befreit er Stolzing aus dem Wagen. Stolzing hatte einen schönen Traum und schildert seine ‚Traum-Deutweise‘. Dieses Lied will er beim Wettstreit vortragen und Sachs notiert es fleißig. Während der Sänger auf Kaffee schwört, bleibt Sachs bei den harten Sachen. Schließlich ist das Preislied komponiert. Sie bereiten sich auf das Fest vor. Dann erscheint Beckmesser im Rollstuhl mit blutbeflecktem Hemd. Immerhin ist er noch so fit, dass er das aufgeschriebene Lied von Sachs entdeckt. Man sieht eine Traumsequenz, bei der Eva Blumen von Beckmesser bekommt, die diese zurückgibt. Den Text ohne Melodie bekommt nun Beckmesser, der Sachs das Versprechen nimmt, dass er den Ursprung des Lieds nicht preisgibt. Beckmesser geht und es erscheint Eva, die nun auf dem Dach von Sachs Wagen die letzte Strophe des Preisliedes anhören darf. Sie hat schon das weiße Brautkleid an. Nun wird noch schnell David zum Gesellen erhoben, stilecht mit einer Ohrfeige. Dann brechen alle mit dem Ladenwagen von Sachs zur Festwiese auf.
Auf der Festwiese erklären sich nun auch die Gerüste aus dem ersten Akt. Nun gibt die Inszenierung noch einmal richtig Gas. Die kommende Finalshow an der Festwiese in Nürnberg ist aufgezogen wie ein Eurovision Song Contest. Es gerät zur großen Pogner-Show, der als Sponsor der ganzen Veranstaltung nicht nur einen Preispokal, sondern auch seine Tochter Eva zu Verfügung stellt. Für David hat man eine Latte mit 12 Stamperln bereitgestellt, die er auch 1 ½ mal schafft, bis ihn Magdalene von weiterem Trinken abhält. Es folgen die Schneider mit riesigen Scheren und dann die Bäcker mit Brezen, die sie verteilen. Alles wird von der Presse fotografiert. Als Vorgruppe erscheint eine männliche Cheerleaders-Gruppe mit vier Personen und mit goldenen Pompons. Auch David tanzt hier kurzfristig mit. Im Hintergrund sieht man immer Videoeinblendungen, die die Meister ankündigen. Der Hingucker ist Beckmesser im goldenen Glitzeranzug mit Netz Hemd. Es startet die Pogner-Show. Eva wird mit verbunden Augen auf die Bühne gebracht. Beckmesser muss als erstes ran, kämpft aber mit einem Notenständer. Als er immer im Rampenlicht steht, spielt ihm die Lichttechnik einen Streich und verschiebt den Lichtkegel. Singen muss er auf der Rampe vom ersten Akt. Die hat inzwischen aber schon ihre Schwächen und die Treppe bricht ein, als Beckmesser den Ring betritt. Mit seinem Lied versagt Beckmesser aber nun auf der ganzen Linie. Er zertrümmert in seiner Wut eine Ukulele. Er verrät nun, dass sein Lied eigentlich Sachs komponiert hat. Sachs sagt aber, dass das Lied auch nicht von ihm sei, sondern von Stolzing. Man müsse es nur richtig vortragen. Nun kommt Stolzing auf die Bühne und singt auf dem Ring, auf einem Stuhl, sein Lied. Eva ist oben am Gerüst mit ihrem Vater und hört zu. Als alle vom Lied begeistert sind, will Pogner den Pokal überreichen. Nun lehnt Stolzing ab. Es folgt der Gesang: ‚Verachtet mir die Meister nicht‘. Der projizierte Pokal bekommt dabei immer mehr Störbilder und verschwimmt am Ende im weißen Rauschen und dem Silberflitter. Am Ende erschießt sich Beckmesser aus Verzweiflung mit einer Pistole.
Was für eine tolle Inszenierung. Mit so vielen Einfällen habe ich die Festwiese selten gespickt gesehen. Bisher wurde noch wenig von der musikalischen Darbietung gesprochen, die wirklich so auf CD hätte rausgehen können. Kirill Petrenko gibt zwar am Anfang ziemlich Gas, nimmt sich aber später im Tempo etwas zurück. Wolfgang Koch als Sachs stemmt die Partie des Sachs sehr gut, das Preislied von Stolzing gesungen von Jonas Kaufmann ist traumhaft. Man kommt ins Schwärmen. Besonders gefallen hat mir Christof Fischesser als Veit Pogner. Bei der Inszenierung fragt man sich natürlich, ob Butzenscheiben für Nürnberg nicht doch schmeichelhafter wären, als Sozialwohnungsbauten und was man von der Hauptstadt her für ein Bild von Nürnberg hat. Vielleicht ist der Regisseur ja nur bis Langwasser gekommen. Ich sehe es aber sportlich, als Parabel auf die Kunst der Meistersinger, die in der Oper ihre besten Zeiten hinter sich hat und einen großen Reformbedarf. Es ist ein Ringen um die Kunst, das hier umgesetzt wird. Sehr unterhaltsam für eine Meistersinger-Oper, die gerade am Ende immer in einer Deutschtümelei zu versacken droht.

Quelle: YouTube | BayerischeStaatsoper

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: die meistersinger von nürnberg
Der zahme Meistersinger

Die Meistersinger in Nürnberg gab es ja schon im Internet auf Arte und in einem Public Viewing zu sehen. Wenn man die Inszenierung auf diese Weise schon gesehen hat, lohnt sich der Gang ins Opernhaus dennoch. Zum einen spielt das Orchester unter Markus Bosch in der Ouvertüre schon prächtig auf. Die Vorabendszene zum Johannistag in der Kirche ist ergreifend. Das erste Zusammentreffen von Stolzing und Eva ist sehr überzeugend umgesetzt. Das Bühnenbild könnte von Roy Lichtenstein entworfen sein, überall gibt es die typischen Rasterpunkte. In den Kirchenraum schaut man quasi von der Seite, das Hintergrundmotiv der Kirchenausmalung wird durch Verblendungen unterbrochen. Eva ist etwas schusselig und vergisst immer wieder das ein oder andere im Kirchenraum, lässt sich aber dennoch die Aussage abringen, dass sie eigentlich noch nicht vergeben ist, aber als Preis dem Meistersinger auf dem Sangesfest versprochen ist. So lässt sich also Stolzing von dem Gesellen David in der Kunst des Verseschmiedens unterrichten. Sixtus Beckmesser gespielt von Jochen Kupfer, glaubt schon der sichere Sieger des Sangeswettbewerbs zu sein. Er überwacht beim Singen die Regeln. Sieben Fehler dürfen es nur sein, die er auf einer Schiefertafel notiert. In einem Stuhlkreis nehmen die Vertreter der Stände Platz und wollen dem Ritter Stolzing die Aufnahme in den Meisterkreis gewähren. Die ganze Erklärung, wo er das Singen gelernt hat, gerät in wagnerscher Manier, breit und lässt sich dank der Übertitel aber gut verfolgen. Hier ist die Oper sehr textlastig und bekommt etwas mehr Spannung, als es dann wirklich zum Vortrag von Stolzing kommt. Beckmesser notiert mit seiner Kreide mindestens 40 Fehler im Gesang von Stolzing, weil er nicht nach den Regeln war. Einzig Hans Sachs, der Schuster schlägt sich auf die Seite von Stolzing. Im Tumult geht der Vortrag von Stolzing über die Liebe aber unter.

Im zweiten Akt sitzt Sachs in seiner Wohnung und richtet die Schuhe für Sixtus Beckmesser. Hier blitzt dann schon die Komödie etwas durch. David Mouchtar-Samorai inszeniert hier sehr klassisch, was in dem Livestream nicht so rüber kommt. Er denkt über den Vortrag von Beckmesser in einer ganz blau beleuchteten Bühne nach, die mit vielen beweglichen Metallelementen ausgestattet ist. Sachs findet sich als Witwer zu alt für Eva, gönnte aber auch Beckmesser den Preis beim Sangeswettbewerb nicht. Beckmesser will als Probe auf den nächsten Tag, sein Lied schon mal Eva vortragen. Eva plant inzwischen mit Stolzing zu fliehen, was aber Sachs auch verhindern will. Beckmesser tritt mit einer leicht verstimmten Laute an und gibt sein Lied zu besten. Sachs ist aber genervt und hämmert mit seinen Leisten immer gegen den Rhythmus von Beckmesser und bringt ihn so gänzlich aus dem Takt. Den Vortrag hält Beckmesser aber nicht Eva, sondern Evas Amme Magdalene. Es kommt zur bekannten Prügelfuge, bei dem das Volk raufend in weißen Feinripp erscheint. In dem Tumult gelingt es aber Sachs, die Flucht von Stolzing und Eva zu verhindern.

Im dritten Akt grübelt Hans Sachs über einem Buch mit deutscher Geschichte über den Wahn der Welt nach. Er steht an seinem Pult und sinniert; Stolzing tritt auf und erzählt ihm von seinem Morgentraum. Im Morgenmantel komponieren Sachs und Stolzing das Siegerlied für den Sängerwettstreit. Die Kaffeetasse darf bei Sachs nicht fehlen. Er ist mit dem Text schon zufrieden, findet allerdings, dass Stolzing mit der Melodie etwas zu freizügig ist. Raufend und rangelnd verlässt dann Stolzing die Szenerie. Es folgt im dann Beckmesser, der sehr lädiert die Nacht überstanden hat. Beckmesser findet das Liebesgedicht von Sachs und Stolzing und beschuldigt Sachs, selbst um Eva werben zu wollen. Sachs schenkt Beckmesser das unvollendete Lied. Auch sonst ist Beckmesser äußerst neugierig uns stöbert bei Sachs etwas in der Wohnung und findet dabei ein Kästchen mit Symbolen der Weltreligionen. Dieses macht er kopfschüttelnd wieder zu. Eva tritt nun auf und bittet Sachs doch, dass sie die Richtige für ihn sei. Es erscheint wieder Stolzing und vollendet sein Lied mit einer spontanen dritten Strophe. Quasi vor einem Vorhang singen Sachs, Eva, Stolzing, David und dessen Braut Magdalene ein Quintett als Nummer.
Zu Beginn der Festwiese sieht man die Stadionstühle für die Skulptur ‘Auf Wiedersehen’ von Olaf Metzel, von denen auch Teile auf der Bühne gelandet sind. Auf der Festwiese in Nürnberg geht es turbulent zu. Ein schwarz-rot-goldenes Fußballvolk erhält Einzug auf die Festwiese. Fahnenschwingend lässt es sich auf der Bühne nieder. Es kommt zum Vortrag von Beckmesser, wobei er das geklaute Lied von Sachs mit einer falschen Melodie vorträgt. Auch in der Betonung passt es nicht so ganz. Das ist für mich klarer Fall von Coldmirrors Misheard Lyrics. Mit den Obertiteln ist es wirklich lustig, was Beckmesser aus den Textzeilen von Stolzing so gemacht hat. Der Vortrag fällt beim Volk durch. Beckmesser sagt, dass das Lied gar nicht von ihm sei, sondern von Sachs. Das Volk ist verwundert. Sachs klärt aber auf, dass er das Lied nur notiert hat. Der wahre Künstler sein Stolzing, der dann das Lied komplett und richtig vorträgt. Damit gewinnt Stolzing dann den Sangeswettbewerb und Eva, lehnt aber den Meistertitel zunächst ab. Erst nach dem Gesang von Sachs: Verachtet mir die Meister nicht, ist er mit dem Meistertitel einverstanden.

Wer also nach dem Livestream auf Arte meint, über die Oper im Bilde zu sein, bekommt beim Sehen im Opernhaus einen ganz anderen Eindruck von der Inszenierung. Experimente darf man zwar keine erwarten, das Ganze ist relativ glatt durchgezogen, kommt auf der Bühne aber deutlich besser. Dies liegt zum einen an den Übertiteln, die einen die langen Diskussionspassagen deutlich besser durchhalten lassen, als in einem Browserfenster. Allen voran Albert Pesendorfer als Sachs, Jochen Kupfer als Beckmesser und Tilman Lichdi als David ist ein sehr unterhaltsamer 5 1/2-stündiger Opernabend zu verdanken. Wer meint, er kenne das jetzt alles schon, dem kann ich die Liveaufführung dennoch empfehlen. Es kommt auch eine DVD zum Stück raus.

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: die meistersinger von nürnberg
Der wilde Meistersinger

Per Zufall und über drei Ecken bin ich an eine Karte für die Meistersinger von Nürnberg in Bayreuth gekommen. Ich sah die viel besprochene Inszenierung von Katharina Wagner.
Im ersten Aufzug bauen die Lehrbuben und Mädchen die Tische auf, an denen die Meistersinger später Platz nehmen sollen. Hans Sachs ist ein kettenrauchender Schreibmaschineschreiber, der mit deutlichem Anschlag Verse verfasst. Walther von Stolzing ist ein Maler, der mit viel weißer Farbe, ein Cello, einen Flügel und die ganze Bühne bemalt. Mit Rastalocken gibt er sich ganz als junger Wilder, der die Konventionen über den Haufen wirft. Pogner verspricht seine Tochter Eva einem Meistersinger. Walter von Stolzing bewirbt sich also mit einem Probegesang. Die Meistersinger treten auf. Hans Sachs sitzt an der linken äußeren Ecke, ihm gegenüber sitzt Beckmesser, der den Gesang beurteilen soll. Mit einem Regelbüchlein, das aus einer Frauenkirchen-Nachbildung entnommen wird, verpflichten sich alle dem Regelwerk. Stolzing trägt seinen Gesang vor, indem er drei Bildrollen mit modernen Grafiken entrollt. Beckmesser fällt aber ein vernichtendes Urteil über Stolzings Gesang. Mit einem wilden Einsatz eines Eimers Farbe, wehrt sich Stolzing im Tumult gegen das Urteil, geht aber im allgemeinen Tumult mit seinem Lied unter.
Im zweiten Aufzug geht es schon wilder zur Sache. Einerseits beginnt der Akt ruhig mit dem Monolog des Hans Sachs über den Vortrag des Stolzing. Statt wie es vorgesehen ist, zu schustern, hackt Hans Sachs auf die Schreibmaschine ein und dichtet Verse, die er immer wieder aus der Schreibmaschine reißt und zerknüllt. Beckmesser glaubt seine Liebesweisen Eva vorzutragen, in Wahrheit singt er es aber Magdalene vor. Sachs kommentiert hier in dieser Aufführung die Weise mit Schreibmaschinengeklappere. Es fallen ständig Schuhe aus dem Bühnenhimmel auf die Bühne. Nun wachen die Bewohner auf und auf der Bühne findet ein heftiger Einsatz von Farbe zum bunten Johannistreiben statt. Die Szene endet in einer wilden Farborgie und in einem turbulenten Chaos. Vor allem diese Szene kommt beim Publikum gar nicht gut an. Auch im Publikum gibt es daraufhin Tumult und Buhrufe.
In einer schicken modernen Wohnung grübelt Hans Sachs über den Tumult der letzten Nacht im dritten Akt. Hans Sachs ist überzeugt, daraus ein Meisterlied zu machen. Stolzing wurde von Sachs aus dem Tumult gerettet und ist von dessen Talent überzeugt. Beckmesser tritt total umgestylten und mit einem T-Shirt mit der Aufschrift Beck in Town auf. Hans Sachs gibt ihm ein Lied als Text mit, mit dem er am nächsten Tag um Eva werben soll. Es folgt ein etwas schwer verständlicher Auftritt von übergroßen Kopfmasken, die zur musikalischen Verwandlung tanzen. Am Wettgesang auf der Festwiese, die einer Tribüne des Aufmarschplatzes in Nürnberg nachempfunden ist, findet sich das Volk ein. Während Beckmesser sein Liebeslied vorträgt, entsteigt ein nackter einem Erdhaufen. Es kommt eine leichtbekleidete Frau hinzu. Das etwas nackte Liebespaar soll wohl das Misslingen des Vortrags von Beckmesser darstellen. Nach einer Weise von Hans Sachs trägt Stolzing sein Lied vor, bei dem ein Prinz im Märchenkostüm eine Prinzessin freit. Unter dem Sternenhimmel sieht man, dass der Vortrag von Stolzing glückt. Die Meister und das Publikum sind überzeugt. Es werden ein goldener Hirsch und ein Scheck als Aufnahme in die Meistergilde angeboten. Stolzing lehnt zunächst ab, es folgt ein eindringlicher Monolog von Hans Sachs, doch die Meister zu achten. Das Publikum ist euphorisch und Stolzing nimmt die Meisterehre an.
Mit viel Applaus des Bayreuther Publikums für die Sänger und den Chor endet die Vorstellung. Einzig mit der Regie ist das Publikum unzufrieden. Ob zu Unrecht oder nicht, mir hat es ausnehmend gut gefallen, auch die moderne Inszenierung störte mich nicht. Musikalisch ist Bayreuth ein einzigartiges Erlebnis, das ich nur jedem empfehlen kann. Bei den Temperaturen sind 4:30 Minuten Wagner (reine Spielzeit) natürlich eine Herausforderung. Vom Nürnberger Opernhaus ist man natürlich mit Obertiteln verwöhnt, die hier fehlen.

Bilder von der Inszenierung in Bayreuth

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: die meistersinger von nürnberg