Opernblog

Tag: "der ferne klang"

Der ferne Klang des Lidos

In der autobiografischen Oper der Ferne Klang, erzählt Franz Schreker quasi seine eigene Geschichte. Die Nähe seines Namens zur Hauptperson Fritz scheint kein Zufall. Auch dass die Hauptperson Grete heißt und seine damalige Freundin eben diesen Namen trägt, deutet ebenso darauf hin. Auch Franz Schrekers Lebensweg war nicht frei von Misserfolgen. Seine Oper selbst wurde in den zwanziger Jahren euphorisch als neuer Weg der Oper gefeiert. Jedoch konnte er mit der musikalischen Entwicklung seiner Zeit nicht mithalten, weshalb beispielsweise eines seiner letzten Werke schon an den Druckkosten für die Partitur scheiterte. Musikalisch steht er nach meinem Geschmack in einer Reihe mit Richard Strauß, dessen Werk Salome und auch der späte Wagner durchaus Einfluss auf diese Oper hatte. Diese Oper nimmt Schrekers eigenen Lebenslauf vorweg. Schreker selbst gehörte während des Dritten Reiches zu den geächteten Komponisten. Man nahm hauptsächlich Anstoß an der freizügigen Darstellung von Sexualität. Daher verschwand er völlig von den Spielplänen. Die Oper Nürnberg setzt nun sein erfolgreichstes Werk wieder auf den Spielplan.
Die Oper spielt in drei Akten, wobei jeder Akt unter einem eigenen Motto steht. Aufbruch, Entwicklung und Tod könnten die Lebensabschnitte heißen.
Im ersten Akt beschließt der junge Komponist, den fernen Klang zu finden und in einem Werk einzufangen. Er verspricht zurück zu kommen, wenn er Erfolg haben wird. Er verlässt Grete, seine junge Freundin. Erzählt wird nun Gretes Lebensweg. Ein trinkender Vater verspielt Grete beim Kegeln an den Wirt. Die Familie ist hochverschuldet. Ihre Mutter findet keinen Ausweg aus der Misere. Als der Wirt Grete zudringlich wird, flieht sie in den Wald. Dort trifft sie auf eine alte Frau, die wohl eine Hexe sein könnte. Sie hält Grete davon ab, sich in den See zu stürzen. Es tritt ein Kinderdouble Gretes auf, das der alten Frau folgt. Die Wahrheit ist, dass die alte Frau eine Kupplerin ist.
Im zweiten Akt ist Grete dann in einem Bordell in der Nähe des Lidos von Venedigs gelandet. Sie ist der umjubelte Star des Etablissements und schwebt mit einer Federboa in die Bordellgesellschaft ein. Jeder, der möchte, solle eine anrührende Geschichte über die Liebe zum Besten geben. Es beginnt ein Graf, der wieder autobiografisch seinen Lebenslauf erzählt. Gefolgt wird er von einem Chevalier, der seine Geschichte von der eigenen Frau erzählt, die ein Blumenmädchen in Sorrent war. Diese Mädchen waren damals auch Liebesdiensten nicht abgeneigt. Schließlich erscheint Fritz, der seine Geschichte erzählt. Er habe damals vor zehn Jahren seine Liebe verlassen, um einen Klang zu suchen. Er erkennt in der Bordelldame seine Grete von damals. Er hätte die Chance sie zu retten, verstößt sie aber als Dirne, als er erfährt, dass sie schon 100 Männer vor ihm hatte. Grete wirft sich nun den Grafen an den Hals und beendet den Akt mit einem freizügigen Tanz zu einer Zigeunermusik. Allerspätestens in diesem Akt würde heute eine FSK zuschlagen und die Altersbegrenzung für das Stück anheben. Die Darstellung des Bordells ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Auf der Bühne sieht man Paare in Liebesstellungen, Männer mit Netzhemden, Peitschen und Ähnlichem. Das zusammen mit einem sehr knalligem Stilmix in der Musik führt dazu, dass dieser Akt doch recht schwer verdaulich ist und man geneigt ist, die Aufführung hier zu beenden, was zweifellos auch einige Besucher getan haben.
Im dritten Akt sieht man eine gealterte Grete, die die Aufführung des Stückes ‚Die Harfe‘ besucht und von den ersten beiden Akten sehr angetan ist. Sie ist so gerührt, dass sie die Oper nach dem zweiten Akt verlassen hat. Die Musiker unterhalten sich über die ersten Akte der Oper, die gutes Potenzial hat. Es treffen auch Leute aus der Wirtshausgesellschaft des Anfangs ein, die komplett dem Alkohol verfallen sind. Das Ganze sieht aus wie ein S-Bahnsteig. Fritz der Komponist ist schwer krank. Im Schlussakt der Oper kommt es aber zum Skandal. Die Leute verlassen seine Aufführung und er ist gehalten, ein anderes Ende zu komponieren. Es tritt für mehrere Minuten Dunkelheit ein und in einer Art ‚Siegfrieds Rheinfahrt‘ erklingen Takte aus der Oper. Am Schluss trifft Fritz, der gescheiterte Komponist, seine Grete. Der Grund für das Scheitern seines Werks erklärt sich wohl darin, dass es ein Fehler war, Grete in jungen Jahren verlassen zu haben. Grete selbst ist mit dem Grafen ebenfalls nicht glücklich geworden. Nach wenigen Jahren hatte der Graf ihre Gesellschaft satt und es begann ihr Abstieg. Fritz selbst hört noch mal den fernen Klang, als er in Gretes Armen am Schluss der Oper stirbt. Die Jagd nach dem fernen Klang hat ein Ende. Die Musik nimmt dabei eine ungewohnt ruhige Wendung und ist wirklich ergreifend, was all diejenigen bestraft, die im zweiten Akt das Weite suchten.
Der Ferne Klang ist sicher eine Art ‚Missing Link‘ zwischen Richard Strauß und Alban Berg. In der Oper bedient er sich vieler Zitate. So meint man die Besingung der Liebe, inhaltliche Zitate aus dem Tannhäuser zu hören. Auch die kleine Symphonie im Zwischenspiel des dritten Aktes erinnert an Siegfrieds Rheinfahrt. In musikalischer Hinsicht ist das Werk durchaus sehr interessant, steht aber der Moderne näher, als dies Strauß tut.

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: der ferne klang