Opernblog

 

In einer Übernahme aus der Oper Dortmund aus dem Jahr 2013, wird in Nürnberg die Oper von Mark-Anthony Turnage gezeigt. Diese Oper erzählt die Lebensgeschichte von Anna Nicole, einem amerikanischen Marilyn-Monroe-Abklatsch aus den 90ern. Die Oper spult dabei die Vita als Aneinanderreihung von Fakten ab. Der Stoff über Brustvergrößerung, Trash-TV, Fast-Food und die Folgen ist eigentlich nur bedingt operntauglich. Gesungen wird dabei in vulgärem Englisch mit etlichen Fluchworten drin, was aber bei Weitem keine Witzigkeit wie bei einer „My Fair Lady“ hat, sondern eher zum Fremdschämen und Wegsehen geeignet ist. Das Bühnenbild ist aus grauen Platten, einer Leichenhalle ähnlich. An der Decke hängt ein Neonstern. Um den Orchesterraum umlaufend ist ein Steg, auf dem die Akteure bisweilen singen. Das ist vor allem aus dem dritten Rang oft schwer einzusehen, was am vordersten Bühnensteg passiert. Die Oper sieht sich als Kritik am amerikanischen Traum und zeichnet den Lebensweg von einer texanischen Kleinstadt in die amerikanische Großstadt der Anna Nicole Smith nach. Berühmt wurde die Hauptfigur durch ihre künstlich aufgepumpte Doppel-D-Oberweite, der Heirat mit dem Milliardär Howard Marshall II, den folgenden Rechtsstreitigkeiten und eine On-Demand-Soap über ihr Leben. Schon mit 39 Jahren endet dieser amerikanische Traum mit Suff und Drogentod.

In den 16 Szenen beginnt die Handlung auch da, wo sie endet: In einem Leichenschauhaus. Aus der Frischhaltepackung entsteigt eine blonde Anna Nicole. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte und beginnt in der Kleinstadt Mexia in Texas. Der Chor und einige künstliche Kakteen auf der Bühne verwandeln das Leichenhaus in die Kleinstadt. Mit einem geringen Schulabschluss, jobbt sie in Jim’s Krispy Fried Chicken. Sie hat eine Affäre mit einem Schläger, der dort arbeitet und von dem sie ein Kind bekommen hat, nachdem sie die Anti-Baby-Pille die Toilette runtergespült hat. Ihr Sohn Daniel ist während der ganzen Oper ihr ein und alles. Jedoch landet das Kind meist bei der Oma, die als Sitten-Cop über die Bühnen fegt. In einer Art Familienaufstellung sieht man ihre ganze Verwandtschaft, die sozial schlecht gestellt ist. Sie geht den Weg in die große Stadt Houston. Dort scheint sie sich erst im Niedriglohnsektor als Verkäuferin durchzuschlagen. Jedenfalls wir der Orchesterraum von drei Einkaufskörben und Statisten mit Smiley-Masken umkreiselt. Letztendlich landet sie in einem Private-Club als Pole-Tänzerin. Dort wird ihr erklärt, wie man die Männer anbaggert. Im Hintergrund befinden sich drei Pole-Tänzerinnen mit hochhackigen Plexiglasschuhen. Die Tänzerinnen haben kurzes Neon-Outfit an, was typisch 90er ist. Jedoch hat Anna Nicole keinen großen Erfolg. Man klärt sie auf, dass das mit ihrer Oberweite zu tun hat, die nur B-Größe ist. Es kommt zum entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben. Ein aufgedrehter Arzt rät ihr zur Oberweite Doppel-D. Die Szene über die Brust-OP ist besonders kurios, da dort eine Reihe von Damen auf ihren Termin warten und sich alle durch ihre geringe Oberweite benachteiligt sehen. Die Nachteile der OP kommen sofort: Sie dürfte nicht mehr stillen und müsse fortan zwei Pillen gegen die einsetzenden Rückenschmerzen durch die neu erlangte Oberweite nehmen. In ihrem Rückblick sieht sie das als Fehler an. Plötzlich taucht in einer Art Flash-Forward ein Anwalt auf, den sie in den zweiten Akt verweist. Er wäre noch nicht dran. Der Erfolg in der Pole-Show stellt sich ein und sie trifft mit 24 ihren Ehemann Howard Marshall II, der in einem amerikanischen Rollstuhl auf die Bühnen kommt. Der hat zwar viele Milliarden, ist aber schon 89 Jahre. Es wird einem auch die Peinlichkeit eines öffentlichen Blowjobs durch Anna Nicole nicht erspart. Dafür bekommt sie dann vom Ehemann Juwelen und eine kitschige Hochzeit in Weiß.

Der zweite Akt beginnt mit Rosenblättern und einem roten Teppich. Man erlebt eine Party mit Alkohol und Koks. Ihr Ehemann überlebt diese Ehe genau ein Jahr, dann sinkt er in einen zweigeteilten, silbernen Saal. Es beginnt ein Streit der Erben um die 500 Millionen Dollar, die er an Vermögen hatte. In der Folge hat Anna Nicole eine Affäre mit dem Anwalt, der sie beim lange andauernden Rechtsstreit vertritt. Es folgt der legendäre Auftritt in der Larry King Show im Jahr 2002. Dort lässt sie ihre Lieblingshunde per Smartphone bellen. Der teure Rechtsstreit bringt sie wieder in finanzielle Nöte. Inzwischen ist der Sohn ebenfalls drogenabhängig. Ein vermeintliches Kind mit dem Rechtsanwalt wird in eine Daily-Soap on Demand vermarktet und bringt wieder Geld. Der Anwalt vermarktet die Geburt ihrer Tochter mit einem Camcorder. Anna Nicole leidet immer wieder unter Fressattacken, die mit einem tanzenden Pizzalieferservice dargestellt werden und vielen Pappschachteln. Daniel kommt eines Abends zu ihr zu Besuch und stirbt an einer Überdosis Drogen auf ihrer Couch. Auch diesen Schicksalsschlag wird mit Videos dokumentiert. Kurze Zeit stirbt sie selbst an einer Überdosis mit 39 Jahren. Den Tod ihres Sohnes Daniels hat sie nicht überwunden. Im Abgesang klettert sie zurück in den Sack mit den Worten: Blow me a …. Kiss.

So sehr jetzt der Ansatz zu loben ist, einmal einen modernen Stoff in die Oper aufzugreifen, so wenig stimmt meiner Meinung nach das Resultat. Der massive Wechselgesang zwischen lauten, dissonanten Chören im ersten Akt ist sehr anstrengend. Es gibt sogar Walzeranklänge im zweiten Akt, die aber schnell wieder durch jazzige Elemente unterbrochen werden. Den Slang, der dort gesprochen wird, ist ebenfalls nervend. Hochkultur und Schimpfworte, das passt meiner Meinung gar nicht. Die Geschichte wird in einer Aneinanderreihung von Fakten erzählt, ohne wirkliche Spannung aufzubauen. Das kommt insgesamt doch sehr trocken rüber und man vermisst dramatische Entwicklungen. Nicht dass ich gegen moderne Opern oder Musik bin: John Adams‘ Death of Klinghofer über die Entführung der Achille Lauro fand ich genial. Dennoch ist diese Oper bei mir gar nicht angekommen, sodass ich versucht bin, ihr eine goldene Himbeere zu verleihen. Weder musikalisch, noch von der Story über Brust-OPs hat das irgendwie gegriffen. Die Oper hat bei mir keinen Blumentopf gewonnen.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

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Von • Gallerien: Kultur, Oper

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