Opernblog

Tag: "Manon"

Tatjana Gürbaca inszeniert am Staatstheater Nürnberg die Oper Manon von Jules Massenet, als Machtspiel einer korrupten Männergesellschaft, die mit Dollars nur so um sich wirft. Während im Libretto eigentlich Manon in relativ moderner Weise ihren Gefühlen folgt, wird sie bei Gürbaca Opfer einer patriarchischen Gesellschaft. Im Kern ist diese Deutung möglich, da Frauen als eigenständige Personen in der Gesellschaft wenige Aufstiegsmöglichkeiten im 18. Jahrhundert hatten. Wie in der Einführung erwähnt, war Ihr einziges Pfand ihre Schönheit und ihre Jugend. Sie endeten meist als Ehefrauen reicher Männer oder als Grisetten. Manon ist aber in ihrer Anlage ständig unentschlossen, ob sie nun der Liebe ihres Herzen mit dem armen Adeligen des Grieux folgen soll oder doch lieber dem Geldadel mit de Brétigny. Mehrfach schwankt sie in der Oper hin und her. Sobald sie Ihren des Grieux ans Kloster verliert, bettelt sie um seine Liebe. Überhaupt hatte dieser Abend einige Überraschungen parat, die erst mit dem Blick ins Textbuch enträtselt werden können.

Da ist zunächst die Szene im Hof einer Gastwirtschaft in Amiens. Eine feste Installation ist dabei ein dreifacher Rahmen aus Glühbirnen, die hintereinander angeordnet den Eindruck von Lichtinstallationen auf einer Kirchweih vermitteln. Wir erleben die Ankunft von Manon als Einreise von Flüchtlingen in die restricted area Paris. Warum das Schild nun englisch und nicht französisch ist, ist eines dieser Rätsel. Vielleicht ist es eine Einreise während der Besatzung. Die Frauen werden hier an einer Passkontrolle abgefertigt, deren Taschen durchsucht und erhalten ihre Papiere für die Einreise nach Paris. Die vielen Soldaten und die Passstelle irritieren etwas, aber am Sektkübel erkennt man eindeutig: Man ist in einem Gasthaus. Die Grisetten in dem Gasthaus faszinieren mit ihrem Schmuck, hier mit ihren Teufels- oder Hasenohren Manon. Sie möchte ebenfalls ein Leben in Luxus führen und bekommt eben solche verpasst. Die Kommandantur mustert dabei Manon kritisch. Aber auch die Herren de Brétigny und Guillot de Morfontaine finden Manon reizend. Die ist aber sofort in den jungen des Grieux verliebt und flieht mit ihm nach Paris.

Im nächsten Akt ist man in einer kleinen Wohnung in Paris. Eine kahle Fläche inmitten der Bühne imitiert ein Bett, es gibt ein paar Barhocker. Insgesamt ist die Wohnung aber kein freundlicher Ort. Des Grieux versucht, Briefe an Manons Vater zu schreiben, die er immer wieder zerknüllt. Da kommt schon das nächste Rätsel. Ein kleiner Papier-Kranich wandert von des Grieux zu Manon. Wenn man jetzt weiß, dass der Papierkranich in Japan ein Symbol für ein langes, glückliches Leben ist, macht das wieder Sinn. Geknackt! Nächstes Rätsel de Brétigny und der Cousin von Manon kommen als Sado-Maso-Pärchen auf die Bühne. Dass de Brétignys Verkleidung als Rotkäppchen mit rotem Umhang, Pumps, Netzhemd und Latexunterhose inklusiver roter Kniestrümpfe die Verkleidung als Gardist ist, ok das ist jetzt wirklich weit weg. Auch warum der Cousin von Manon auf Knien mit einem Ledergeschirr vor de Brétigny rumrutscht, kann man vielleicht als Hinweis sehen, dass de Brétigny mit seinem Geld alles bestimmt. Dieses Ledergeschirr bekommt auch Manon aufgesetzt. Der Brief an Manons Vater ist geschrieben und des Grieux bringt ihn weg. Dabei wird er von Abgesandten des Vaters von des Grieux zu Boden geschlagen und mit Tritten übel misshandelt. Manon blickt sich noch mal kurz um und geht mit de Brétigny weg.

Auf der Pariser Promenade Cours la Reine findet ein Fest statt. Guillot de Morfontaine steht da etwas unbeteiligt als Prince mit Afrolook am Bühnenrand und wird mit Konfetti beworfen. Ihn lässt das Fest aber kalt. Des Grieuxs Vater kommt dazu und sagt, dass sein Sohn Priester wird. Guillot de Morfontaine hat für Manon das gesamte Ballett von Paris gekauft. Manon hat inzwischen lange rote Haar, einen langen schwarzen Mantel, einen glitzernden Zylinder und eine Korsage an. Im Hintergrund erscheint nun eine Leuchtschrift: PARIS. Es fällt ein Goldvorhang im Stil der 20er Jahre aus Berlin. Leicht bekleidete Tänzerinnen geben nun eine sportliche Einlage mit Federboas am Kopf. Manon steigt in einen Metallring und wird nun als Marlene Dietrich-Double in den Bühnenhimmel gezogen. Sie entzieht sich der Feier, als sie von der Priesterweihe von des Grieux erfahren hat und folgt des Grieux ins Kloster.

Zu sehen ist nun das Kloster von Saint Sulpice. Man sieht des Grieux zu Orgelmusik Hostien an Gläubige Frauen verteilen. Des Grieuxs Vater nimmt ihm das Versprechen ab, nur noch Gott zu dienen und lässt ihm das mütterliche Erbe da. Als er weg ist, taucht Manon auf. Sie bezahlt am Eingang einen Messner, indem sie ihre Ohrringe in den Klingelbeutel wirft. Erst als der Messner mehrere Schmuckstücke hat, lässt er Manon passieren. Manon lauert des Grieux als Gläubige hinter einem Gebetsbuch versteckt auf und präsentiert ihm unter dem Gepardenmantel ein paar halb nackte Tatsachen. Und dem Mantel hat sie immer noch ihr Glitzerkostüm an. Dabei lässt Manon nichts unversucht, des Grieux von der Priesterweihe abzubringen. Sie stopft Hostien in sich rein, übergießt ihre Unterarme mit Kerzenwachs. Schließlich lenkt des Grieux trotz Soutane ein und kommt hinter der Klosterwand zur Sache. Beim Gehen nimmt sich Manon wieder Geld aus dem Klingelbeutel. Das Versprechen an den Vater ist gebrochen, des Grieux gehört ab sofort Manon.

Manon hat im nächsten Aufzug das Geld von des Grieuxs Mutter durchgebracht. Manon ist mit blonder Perücke ein echter Vamp. Im berüchtigten Transsilvanischen Hotel spielen des Grieux und Brétigny mit Guillot de Morfontaine russisches Roulette. Ein erster Statist hat kein Glück und erschießt sich. Des Grieux zockt mit Guillot de Morfontaine und nimmt ihm schließlich viel Geld ab. Dieser vermutet ein falsches Spiel von des Grieux und Manon und lässt beide verhaften.
Des Grieux kommt auf Intervention des Vaters frei. Mit gelben zerzausten Haaren und einem T-Shirt auf dem steht: born this way, taumelt Manon am Abgrund. Sie ist ein Spielball der Soldaten geworden, die in Uniform und kurzen Short mit dem Rücken zum Publikum stehen. Es kommt noch einmal der Origami-Kranich zum Einsatz. Mit einem großen Schritt setzt Manon zur Schlussarie an und stirbt.

Mit Björn Huestege hatten wir an diesem Abend das große Los gezogen. Diese Manon war musikalisch in keiner Weise grobschlächtig und grell, wie es in der Kritik beschrieben wurde. Die Sängerin der Manon Eleonore Marguerre meisterte die Partie sehr gut. In Tadeusz Szlenkier hatte sie einen ebenbürtigen Partner an ihrer Seite. Während ich bis zur Pause mit der Regie ziemlich gehadert habe, war ich im zweiten Teil zumindest musikalisch versöhnt. Die Regie setzt hier den Trend zu mehr Nacktheit und Freizügigkeit, den es in den Inszenierungen derzeit gibt, leider fort. Hätte hier keine Frau inszeniert, würde man sicher eine #meetoo-Kampagne ansetzen. Gerade der Einsatz von Brétigny als Rotkäppchenverschnitt ist unverständlich. Die Vorlage des Librettos war damals eine Sensation: Eine Frau, die sich nimmt, was ihr gefällt. Hier ist sie nur Spielball der Männergesellschaft, was zwar historisch richtiger ist, aber in diesem Fall eine Interpretation ist. Da ich im Vorfeld schon einige Kritiken gelesen habe, war ich skeptisch. Letztlich war es besser als erwartet.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Manon