Opernblog

Archiv für: "November 2019"

La Calisto - Großer Bär, wo kommst Du her?

Manch einer mag sich schon gefragt haben, wie die Sternbilder benannt wurden. Eine Antwort liefert das Staatstheater zum Sternbild des Großen Bären aka Großer Wagen, auch La Calisto genannt. In dieser venezianischen Barockoper geschrieben von Francesco Cavalli um 1651 wird die Liebesgeschichte von Jupiter und La Calisto erzählt und dies mit ganz modernen Mitteln. Zur Ouvertüre sieht man schon das Sternbild des großen Bären zu dem die Hauptfigur einmal werden soll. Statt eines Tempels der Diana bemüht man hier ein Mädcheninternat als Parabel.

Zu Beginn steht die Hauptperson La Calisto vor einer großen Tafel uns schreibt Texte auf. Über der Schultafel steht in großen Lettern: Studiare, Studiare, Studiare. Die Tafel klappt auf und gibt den Blick auf eine Himmelskammer frei, in der personifiziert die Natur und die Ewigkeit über die Sternbilder philosophieren. Das Schicksal als Person kommt hinzu und fordert, La Calisto am Firmament aufzunehmen und erzählt die Begründung. Man hört das Parkgeräusch eines modernen Autos. Jupiter und Mars kommen auf die vertrocknete Erde, um sie neu zu begrünen. In einer PowerPoint-Präsentation zeigt Calisto vor ihren Mitnymphen Bilder von vertrockneten Landschaften. Jupiter verliebt sich sofort in diese Referentin, zeigt dann Bilder von seinem Masterplan, wie er die Erde mit Wasser, Motorbooten und leicht bekleideten Damen zum Leben erwecken will. Calisto weißt ihn aber zurück und möchte lieber im Mädcheninternat bei Diana bleiben, die sie sehr verehrt. Da beschließen Mars und Jupiter eine Täuschung einzufädeln. Jupiter verwandelt sich mit einem lila Kostüm und Pumps in Diana. Statt an einer Quelle findet die Verführung von Calisto in der Gemeinschaftsdusche statt. Während Calisto und ihre Mitnymphen anfangs hinter einem Vorhang duschen, bleibt wenig später nur Calisto zurück. Jupiter in Form von Diana entledigt sich seiner Kleidung bis auf einen fleischfarbenen Ganzkörperanzug inklusive Schambehaarung. Die Verführung findet dann hinter dem halbdurchsichtigen Duschvorhang statt. Die ahnungslose Calisto merkt nicht, dass sie in dem Moment vom Göttervater selbst beglückt wird. Nun wechselt die Szene auf ein Büro, das die neu begrünte Erde darstellen soll. Genauer gesagt sind es drei Büros in unterschiedlichen Farben, ganz links residiert Diana, in einem Vorzimmer davor die Nymphe Linfea, die eigentlich ein Mann ist und von der körperlichen Liebe schwärmt. Die keusche Diana soll im Folgenden eine Affäre mit Endimione haben, der ebenfalls in Diana verliebt ist. Calisto kommt ins Büro und nähert sich Diana zärtlich, aber eindeutig. Sie wusste ja nicht, dass in der Dusche nicht Diana ihre Partnerin war. Diana versteht natürlich Calisto ganz und gar nicht und verstößt diese aus ihrem Internat. Linfea ist bereit sich mit dem erstbesten Pizzaboten von 'pizza.si' einzulassen, der nun ins Büro kommt. Die kleinen Satyrn sind also die Pizzaboten von heute. Aber auch der Pizzabote wird zurückgewiesen. Nun kommt eine echte Proletengruppe um Pan mit Satyr und Silvano als Mofagang auf die Bühne. Klar sind das aus Umweltgründen Elektro-Mofas und der Rauch ist künstlich aus dem Auspuff. Es knattert dennoch aus den Lautsprechern erheblich. Auch Silvano hat ein Interesse an Diana. Endimione dagegen ist voll dem Mond verfallen, der von den Nymphen Mädchen an einer Angel über die Bühne getragen wird. Er folgt der Mondangel und schläft ein. Diana küsst ihn wach. Da ahnt der Satyr, dass es mit Dianas Keuschheit nicht allzu weit her ist. Er setzt sich mitten auf die Bühne, kündigt die Pause an und fängt an Pizzas zu essen.

Nach der Pause hat der kleine Satyr doch glatte sechs Pizzas verputzt. Die Schachteln aus seinem Lieferrucksack sind noch da. Juno kommt mit einem Bühnendampf und eben einem solchen Wagengeräusch, wie Jupiter und Mars vorher, auf die Bühne. Sie ahnt schon, dass ihr Mann auf der Erde wieder Unfug angestellt hat. Sie stürmt das Büro, in dem Jupiter jetzt wieder als Diana verkleidet sitzt. Durch eine Zimmerwand getrennt, merkt Jupiter nicht, dass die erneute Annäherung von Calisto durch seine Frau beobachtet wird. Calisto fühlt sich erneut von Diana geliebt und verstanden. Sie verabreden sich an einem stilleren Ort. Jetzt taucht auch noch Endimione auf und macht dem verkleideten Jupiter Avancen. Jetzt erscheint die Mofagang um Pan; Silvano erkennt in Endimione seinen Rivalen und lässt ihn in einen Leinensack verschnüren. Als Waffe dient dem kleinen Satyr ein Pizzaschneider. Linfea taucht nun nochmals auf und sucht immer noch einen Mann und greift sich den Pizzaboten. Die Szene wechselt, statt einer Quelle des Ladon steht nun ein fahrbarer Waschtisch auf der Bühne. Die Nymphen machen sich fertig für die Nacht. Als diese verschwunden sind bleibt nur noch Calisto zurück. An ihr nimmt jetzt Juno mithilfe von zwei Halbwelt-Furien Rache an der Untreue von Jupiter. Die Furien brechen ihr die Glieder, legen ihr ein Bärenfell an und setzen sie in einen Rollstuhl. Juno kehrt befriedigt in den Olymp zurück. Nun sucht noch Diana Endimione, der in einer unterirdischen Mofa Werkstatt von Pan, Silvano und dem Satyr mit Elektroschocks gefoltert wird. Endimione entsagt Diana, die ihn rettet. Die Proleten verschwinden mit ihrer Mofawerkstatt in den Untergrund. An der Schultafel malen nun Diana und Endimione ein rotes Herz. Sie schwören sich Treue. Die Nymphen betrauern jetzt vor dem Internat Calisto und geben ihre Uniformen zum Waschen. Juno und Jupiter sind wieder versöhnt und legen einen Kranz nieder, während Calisto im Hintergrund im Rollstuhl als Großer Bär sitzt. Calisto geht am Ende der Oper auf ein weißes Licht zu und ist endgültig zum Sternbild geworden.

Mathis Neidhardts Bühnenbild ist unglaublich anpassungsfähig. Es dient als Vortragssaal, Gymnastikhalle und Waschraum. Gut beraten ist, wenn man die Geschichte von der Vergewaltigung von Calisto durch Jupiter zumindest auf Wikipedia schon einmal durchgelesen hat. So versteht man die feinsinnigen Anspielungen im Bühnenbild. Da wird die einzige Quelle zur Gemeinschaftsdusche oder eine Höhle im Wald zur Motorradwerkstatt. Die gezogenen Vergleiche zur Neuzeit sind sehr witzig. Auch die Anspielungen auf Umweltzerstörung, Genderdebatten und Rollenklischees gelingen mühelos. Die Oper selbst war ein Gebrauchswerk zur Unterhaltung und bei ihrer Uraufführung kein großer Erfolg. Die Musik ist nur in Fragmenten erhalten und muss zu jeder Aufführung vervollständigt werden, da die Musiker von heute das Improvisieren über den auskomponierten Generalbass nicht mehr verstehen. Was da von Wolfgang Katschner auskomponiert wurde klingt großenteils Barock, bis weilen aber auch sehr modern jazzig. Wolfgang Katschner hat jedenfalls die Musikfragmente sehr einfallsreich ergänzt. Dieser Inszenierung von Jens-Daniel Herzog war ich zunächst vom Video her skeptisch gegenübergestanden. Barockoper und Mädcheninternat in der Neuzeit, geht das auf? Ich finde schon. Dies liegt vor allem an der unglaublichen Spielfreude von Jochen Kupfer als Jupiter und Martin Platz als Nymphe Linfea. Manch einer mag Männer in Frauenkleidern nur als bedingt lustig empfinden, nett sind aber hier wirklich die Details, wie sich Jupiter nach dem Gang in Pumps die Füße massiert oder wie er als Diana falsettiert. Linfea kommt als lustversessene Vorzimmerdame daher, die sich den ersten Lieferdienstboten vornimmt, der natürlich dann bereitwillig mitzieht. Wer jetzt immer noch am Konzept zweifelt, sollte die leeren Plätze dort schleunigst füllen und sich vom Gegenteil überzeugen lassen.

Quelle: YouTube | StaatstheaterNuernberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la calisto
Die Tote Stadt - Das Geheimnis von Hausnummer 37

Manchmal hat man keine andere Chance, als für eine Oper direkt vor Ort zu sein, wenn es weder Livestream noch DVD gibt. So bleibt nur die Hoffnung auf Karten für „Die Tote Stadt“ am Bayerischen Nationaltheater in München. Klar bleibt einem noch die Liveübertragung im Hörfunk auf BR-Klassik, aber man sollte schon vor Ort gewesen sein. Mit Spannung habe ich diese zweite Aufführung erwartet, in der Jonas Kaufmann und Marlies Petersen und dem Dirigat von Kirill Petrenko die Hauptrollen singen. Die Rolle des Paul und die der Marietta, der beiden Hauptpersonen der Oper sind unbarmherzig hoch und keine ideale Rolle für Jonas Kaufmann, der die Partie jedoch ausgezeichnet überstand. Die sportlichen Fähigkeiten, die das Bühnenbild aus dem Jahr 2016 aus Basel abverlangt, hat er hervorragend überstanden. Man befindet sich in einem Bungalow aus den 60ern oder 70ern, der jedoch erstaunlich modern mit Kunstdrucken eingerichtet ist. Die einzelnen Zimmer dieses weißen Bungalows mit der Hausnummer 37 werden ständig neu angeordnet, teilweise live zur Musik, da muss man den Bühnenarbeitern wirklich einen extra Bonus gewähren. Es gibt dort Platten der Rolling Stones, aber auch einen Flachbildfernseher, vor dem man es sich in einem angedeuteten Wohnzimmer bequem machen kann. Es gibt aber auch eine Küche und ein Schlafzimmer, ebenfalls sehr weiß und hell. Auf der Drehbühne sind dabei sowohl die weiße glatte Vorderseite des Bungalows mit dem Eingangsbereich zu sehen, als auch dessen eingerichtete Räume, wenn sich die Szene dreht. Diese kleinteilige, einer Puppenstube gleichende Bühnenbild ist für die Zuschauer in den Rängen dabei nicht immer ideal.

Im ersten Akt trifft Paul der Witwer in Brügge auf seinen Freund Frank. Der erzählt im, dass er eine junge Frau namens Marietta kennengelernt hat, die seiner Frau sehr gleicht. In einem Abstellraum hat Paul eine Art Schrein für seine verstorbene Frau errichtet. Der besteht aus deinem Spint, mehreren Kartons und vielen Polaroid-Bildern. Das blonde Haar seiner verstorbenen Frau bewahrt er hinter einem roten Samtvorhang auf. Mit blauen Handschuhen untersuchen Frank und Paul die verstauten Gegenstände. Frank warnt Paul, in Marietta seine tote Frau zu suchen. Paul ignoriert das und lässt seiner Haushälterin Brigitta echte rote Rosen besorgen. Etwas später fährt eine fröhliche Marietta zum Bungalow mit dem Fahrrad. Sie hat dabei eine pinkfarbene Flokati-Jacke an. Sie ahnt noch nicht, was sie in diesem Bungalow erwarten wird. Marietta ist die lebensfrohe Tänzerin aus Lille, die in Brügge tourt und diese verstaubte, fromme Stadt verachtet. Wenig später turnt sie durch das Wohnzimmer, nimmt statt einer Laute ein Karaoke Mikro zur Hand. Paul gibt ihr noch den Schal seiner verstorbenen Marie, da sie zufällig dasselbe Kleid trägt. Nun ist sie seiner toten Frau noch ähnlicher. Sie stimmt den wahrscheinlich letzten großen Hit der Operngeschichte an mit „Glück, das mir verblieb“. Paul stimmt ein und setzt das Lied fort. Marietta entdeckt nun selbst die Ähnlichkeit und verlässt Paul, da sie zur Theaterprobe muss. Jetzt wird es richtig unheimlich. Das Licht im Wohnzimmer flackert und Paul rennt in einem Albtraum zum Schlafzimmer. Dort sieht man eine kahle Marie im Krankenhaushemd sitzen. Marie ist also an Krebs gestorben. Sie mahnt den Witwer Paul zur Treue an.

Im zweiten Akt sind nun die einzelnen Zimmer zerlegt und aufeinandergestapelt. In einem rastlosen Albtraum irrt Paul durch Brügge an den Zimmern vorbei und erlebt Merkwürdiges. Seine Haushälterin ist plötzlich Nonne geworden und läuft in einer Prozession am Ende vorbei. Sie hätte ihn verlassen, weil er seiner Marie untreu geworden ist. Sein Freund Paul nimmt im Obergeschoss eine Dusche. Gar nicht bekleidet sieht man Frank hinter einer Milchglaswand mit echtem Wasser Körperpflege betreiben. Nur mit einem Handtuch bekleidet, streitet er sich mit Paul um Marietta. Paul überwirft sich mit Frank um den Schlüssel von Mariettas Zimmer zu bekommen. Frank beendet die Konversation mit den Worten: Du bist mein Freund nicht mehr. In der Küche geht derzeit eine Party mit der Künstlertruppe von Marietta ab. Es stapeln sich dort die Flaschen, es sieht nach einer wilden Feier aus. In einem gepolsterten Einkaufswagen tobt Marietta im silbernen Kleid über die Szene. Sie trinkt dabei Sekt und feiert. Es flittert sogar der Staub. Der Pierrot der Truppe, der wiedermal eher wie der Joker aus Batman aussieht, ist ebenfalls verliebt in Marietta. Er stimmt das Lied „Mein Sehnen, mein Wähnen“ an. Im Schlafzimmer des Hauses proben sie die Auferstehungsszene aus Meyerbeers „Robert der Teufel“. Dabei erwecken sie mehrere Kopien der toten Marie, die im flackernden Licht über die Bühne irren und Paul einen enormen Schrecken einjagen. Eine Kopie von Marie im schwarzen Blumenkleid ist dabei äußerst präsent. Marietta gelingt es dennoch, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken. Paul lockt sie in die Wohnung, er hängt dabei mit Blumen am Fenster. Kurze Zeit vorher hat er noch einen roten Kasten Bier in die Wohnung geholt. Während er noch mit einem Eisenkoffer kurz vorher die Flucht durch die Küche antritt, kommt es dennoch am Küchentisch in der Wohnung zu einer ziemlich eindeutigen Szene. Marietta will den Kampf mit der toten Marie aufnehmen.

Im Negligé betritt nun Marietta die geschlossenen Räume und durchstöbert sie. Vor dem Bild Blow-up fordert sie nun Paul heraus. Die nun folgende Fronleichnamsprozessionsszene mit einem Kinderchor könnte in einem Horrorfilm nicht besser dargestellt werden. Zuerst tollen die Kinder als kleine Marietta und Paul-Doubles durch die Wohnung, dann stellen sich weitere Frank und Marie-Doubles im Kreis um den drehenden Bungalow auf. Marietta kommt nun in die Abstellkammer und zur Haar-Reliquie von Marie. Sie ist auf der Flucht durch die Wohnung und verspottet Paul wegen seiner Frömmigkeit und meint: Jede Frau muss sich dich mit Gott und der toten Marie teilen. Als sie sich an den Haaren von Marie vergreift, eskaliert die Lage und Paul erstickt Marietta im Bett mit den Haaren von Marie.

Man versteht nicht, warum jetzt Marietta plötzlich mit dem Rad wegfährt und wieder zurückkommt. Dann wird klar: Das Ende des ersten Akts bis zur Mitte des dritten Akts ist ein Traum von Paul gewesen. Marietta kommt noch mal zurück und überlegt, ob die vergessenen Rosen nicht ein Zeichen dafür sind, zu bleiben. Paul schickt sich weg. Frank, der nun wieder Pauls Freund ist, bittet Paul, aus der Stadt des Todes, zu gehen. Er stimmt noch mal das Lied vom Beginn an. Dabei verbrennt er in der Küche die Bilder, seine Krawatte und die Perücke von Marie. Zum Schluss nimmt er noch einen kräftigen Schluck aus der Flasche Bier, vermutlich Oktoberfest-Festbier.

Während jetzt Dresden näher am Stück inszeniert hat und der Albtraum auf leisen Sohlen dahergekommen ist, setzt die Inszenierung in München deutlichere Zäsuren in den Akten. Dennoch nimmt auch dieses moderne Bühnenbild nichts von der Spannung weg. Man fühlt sich an einen guten Hitchcock erinnert im besten Sinne. Petrenko verschafft dem Vorläufer der Filmmusik ein aufregendes Klangerlebnis. Vor allem die drastische, überbordende Musik der Prozessionsszene im dritten Akt ist überwältigend. Auch mit den beiden bekannten Arien schafft er es zu berühren. Wirklich schade, dass man sich bisher nicht dazu entschlossen hat, dieses Werk per Livestream oder DVD einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Das Interesse ist da, wie man an den Kommentaren zu dem Video-Clip zur Oper sehen kann. Die Vorstellung ist leider restlos ausverkauft. Marlies Peterson ist eine wunderbare Marie, die auch im dritten Akt noch Spitzentöne produzieren kann. Die kräftezehrende Rolle des Paul bringt auch einen Jonas Kaufmann immer wieder hörbar an seine Grenzen, was aber zu dem strauchelnden Witwer sehr gut passt. Das Bier am Ende des dritten Akts hat er sich nach dieser spektakulären Albtraumfahrt auch verdient.

Nachtrag: Man hat sich jetzt wohl doch noch entschlossen, eine DVD zu produzieren. Ein Kauf würde sich wirklich lohnen.

Quelle: YouTube | BayerischeStaatsoper

Von • Gallerien: Kultur, Oper
Rigoletto und der Herzog von Manuta

Im Nationaltheater in München wurde in dieser Spielzeit der Rigoletto wiederaufgenommen in einer Inszenierung aus dem Jahr 2012 von Árpád Schilling. In der Aufführung wird eine Reduktion der Oper auf das Wesentliche vorgenommen, sodass man fast von einer konzertanten Aufführung sprechen kann. Wäre da nicht eine illustre Schar von Sängern und nicht zuletzt das Bayerische Staatsorchester, das die ganze Aufführung dieser Verdi Oper vor allem hörenswert erscheinen lässt.

Schon zu Beginn sieht man eine beige Tribüne mit Schaufensterpuppen und echten Personen gemischt, was einen überraschenden Effekt hat. Man erkennt nicht so leicht aus den Rängen, welche Personen auf den Tribünen echt sind und welche nicht. Das überrascht dann teilweise doch. Bei dem Ball im Palast des Herzogs von Mantua findet mit einem Orchester auf der Bühne statt. In einer Art Stagediving wird der Herzog über die Köpfe der Höflinge heruntergereicht. Der Herzog hat Interesse an der Frau von Ceprano. Die Bühne teilt sich in einem Drittel und es erscheint der Graf von Monterone und spricht einen Fluch gegen Rigoletto und den Herzog aus, da der Herzog von Mantua seine Tochter verführt hat. Monterone erscheint in einem Anzug ohne Hemd darunter. Es ist zwar schon von Vorteil, dass die Sänger auf einer Art überdimensionalen Koffer am Rand der Bühne singen, jedoch wirkt das alles sehr statisch und sehr rückwärtsgewandt. Zudem lässt die mangelnde Ausstattung die Sänger oft ratlos auf der Bühne zurück, wie sie beispielsweise den Fluch den Monterone ausspricht, verdeutlichen sollen. Es wird auch nicht klarer, warum Rigoletto auf einer Art Hochradrollstuhl sitzt, wenn er das erste Mal mit dem Mörder Sparafucile spricht. Die nun folgende Zimmerszene bei Rigoletto im Haus, als er das erste Mal auf Gilda trifft, wird nur durch einen langen grauen Vorhang verdeutlicht. Wer jetzt die Geschichte nicht genau kennt, erahnt nicht, dass man inzwischen im Haus des Narren ist, der seine Tochter vor den Leuten versteckt. Er bittet die Gesellschafterin Giovanna, niemand ins Haus zu lassen, vor allem nicht den Herzog selbst. Diese Bitte wird ad absurdum geführt, denn bei einem Kirchgang hat Gilda, seine Tochter, schon einen angeblich jungen Studenten Gualtier Maldè kennengelernt. Hinter dem mittellosen Studenten verbirgt sich aber niemand anderes als der Herzog selbst. Der entschwindet nach einem Duett wieder und Gilda schaut ihm von dem Koffer aus nach und singt ihr Caro Nome. Nun nimmt die Handlung fahrt auf. Rigoletto wird mit einer Maske versehen und halb blind angeblich zum Haus der Gräfin von Ceprano geführt. Die Höflinge machen sich einen Spaß daraus, einen Streich zu erfinden. Rigoletto wird so blind nämlich an sein eigenes Haus geführt. Erst als er dann Gildas Hilferufe hört, wird ihm klar, dass er gerade geholfen hatte, seine eigene Tochter zu entführen.

Im zweiten Akt sieht man einen ungeduldigen Herzog in einem bunten Morgenmantel. Er vermisst seine letzte Eroberung und steht in einer Art Vorhangkreis. Die Höflinge kommen nun auf die Bühne und stehen nur als Statisten rum. Rigoletto schleicht über die Bühne und bittet flehentlich, seine Tochter wieder zu bekommen. Die Höflinge sind erstaunt, da sie nicht wussten, wer Gilda ist. Dachte sie doch, es wäre die Geliebte. Gilda erscheint nun ebenfalls im bunten Morgenmantel. Rigoletto erkennt, dass der Herzog seine Tochter entehrt hat. Nur kurz sieht man eine übergroße Pferdestatue, die die Höflinge hereinschieben. Der Vorhang geht extrem schnell zu. Es folgt eine Aussprache von Vater und Tochter vor geschlossenem Vorhang. Als nun der Graf von Monterone beklagt, dass er den Herzog vergeblich verflucht hätte, schwört Rigoletto mit der Hilfe von Sparafucile und dessen Schwester Rache zu nehmen. Der Herzog hat inzwischen Sparafuciles Schwester als neue Eroberung ausgemacht und Gilda muss zusehen, wie er die schmeichlerischen Worte wieder an einer anderen ausprobiert. Es kommt zu einem Quintett auf dem Koffer am Bühnenrand, was etwas bemüht ist.

In der Spelunke Sparafuciles sieht man nun wieder diesen Hochradrollstuhl. Auf den Stellagen sitzen die Höflinge. Diesmal leuchten deren Masken. Der Herzog ist in dieser Gewitternacht müde und legt sich auf die Ränge der Bühne. Sparafuciles Schwester bitten nun den Auftragsmord gegen den Herzog fallen zu lassen. Es soll der Erste sterben, der durch die Tür des Nachts zur Spelunke kommt. Es erscheint Gilda im weißen Kleid. Die hat alles mitgehört und beschließt als letzten Liebesdienst für den Herzog zu sterben. Statt an der Tür zu klopfen stampft sie laut auf. Wenig später sitzt Gilda in dem Hochstuhlrollstuhl und Sparafucile schneidet ihr die Kehle durch. Maddalena schüttet derweil graue Farbe auf das weiße Kleid. Anstatt in einem Sack zu landen, wie vereinbart, liegt Gilda in dem Hochradrollstuhl. Rigoletto meint, er hätte nun nach dem Auftragsmord, den Herzog von Mantua besiegt. Sein Auftritt in Frack soll ihn als Sieger dastehen lassen. Als er diesen aber nun singen hört, weiß er, dass der Mord an jemand anderem begangen sein muss. Rigoletto entdeckt nun im Rollstuhl seine Tochter, die ihr Leben gerade aushaucht. Statt aus einem Leichensack, singt Gilda die letzten Takte stehend und geht ins Licht. Rigoletto jammert über den Fluch des Monterone, der ihm die eigene Tochter genommen hat.

Hätte es nicht die tolle Besetzung gegeben an dem Abend, wäre man von der Inszenierung sicher enttäuscht. Diese lässt die Sänger oft ratlos am Bühnenrand zurück, wie sie die Leere der Bühne jetzt am besten füllen sollen. Benjamin Bernheim, der an dem Abend sich wegen Erkältung ansagen ließ, lieferte dennoch eine hervorragende Gesamtleistung als Herzog von Mantua ab und stand hoch in der Publikumsgunst. Man fragt sich, wie der eigentlich singt, wenn der gerade mal nicht erkältet ist. Das kann man sich auf einer CD mit der Prague Philharmonia anhören, die wirklich sehr schön ist. Bernheim war für mich an diesem Abend eine echte Entdeckung. Ludovic Tézier als Rigoletto stellt den gebrochenen Vater mit einem wunderbaren Bartiontimbre dar. Erin Morley als Gilda hatte eine sehr schöne, zarte Gilda parat, die vor allem an den leisen Stellen brillierte. Das Bayerische Staatsorchester unter der Leitung von Paolo Carignani spielte sehr sauber durch diesen packenden Verdi. Wäre da nicht die Regie gewesen, hätte es ein ungetrübter Opernabend werden können.

Von • Gallerien: Kultur, Oper