Opernblog

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Anastasia - gefunden oder vielleicht auch nicht

Zu einer Aufführung von Anastasia hat es mich nach Stuttgart gezogen. Das Musical um die Zarentochter Anastasia, dabei versucht man den Spagat zwischen einem Bergmann-Film und dem Zeichentrickmusical. Man darf sich da nicht auf das geschichtliche Glatteis führen lassen. Stimmen zwar Personen, Stadtansichten und Kostüme, ist es von der Handlung her doch pure Fiktion. Abwertend könnte man jetzt von Fake-News oder Geschichtsklitterung sprechen. Dennoch lässt das Musical geschickt die Frage offen, ob die gefundene Zarentochter doch wirklich echt war. Die Musik von Stephen Flaherty schafft es geschickt, jeder Person eigene Motive zuzuordnen, die dann im Verlauf immer wieder aufgegriffen werden. Eine Bühnen füllende LED-Wand erzeugt auch mit sparsamer Dekoration immer wieder neue Räume.

Es beginnt im Jahr 1907, als Maria Fjodorowna-auch genannt Nana- sich von der Enkelin verabschiedet, aus Petersburg aufbricht und nach Paris geht. Eine Spieldose, die sie von ihrer Oma bekommt, soll für Anastasia eine wichtige Rolle spielen. Bei dem Walzer der Spieldose verschwindet Anastasia als kleines Mädchen und kommt in der nächsten Szene als Jugendliche hinter der Säule hervor. Man erlebt die Revolution im Jahr 1917 aus Sicht der Romanows im Winterpalast in Petersburg. Man ist gerade beim Tanz, die ganze Zarenfamilie ist festlich gekleidet in Weiß, als die Revolution mit rotem Feuer über sie hereinbricht. Es zersplittern scheinbar die Scheiben und die Revolutionsgarden erschießen die Familie aus dem Hinterhalt. Das Zersplittern der Scheiben geschieht mit Hilfe der LED-Panels. In der nächsten Überblendung ist man 10 Jahre weiter im Jahr 1927. Gleb Vaganov verspricht in Leningrad eine gute Zukunft nach der Liquidation der Romanovs. Anya leidet an Amnesie und ist sehr schreckhaft. In einer Folgeszene suchen Dimitry und Vlad eine Schauspielerin, die die Rolle der überlebenden Anastasia einnehmen soll. Ihre Großmutter hat in Paris eine große Belohnung ausgesetzt, auf die Überbringung der echten Zarentochter Anastasia. Die drei Damen, die sie geladen hatten, sind alle durchgefallen, als Anya auftaucht. Diese kann sich vage an einen Abend im Jussupow-Palast erinnern. Mit einer Familienaufstellung auf einer Kreidetafel und Details über die Zarenfamilie trainiert man Anya die Rolle der Zarentochter an. Anya wird aber von Gleb verhaftet, in einer Schreibstube hört man Gerüchte, dass die Zarentochter noch lebt. In einer kurzen Sequenz macht sich Gleb über die schlecht funktionierenden Telefone russischer Bauart lustig, dennoch ist er linientreu. Gleb bestellt Anya in sein Büro und warnt sie davor, die Rolle der Anastasia zu spielen. Sein Vater hätte die Romanovs getötet und mit einer angeblichen Anastasia würde er ähnlich verfahren. Mit einer Verwarnung lässt er Anya laufen. Dimitry und Anya treffen vor einem Prospekt der Heilig-Blut-Kathedrale zusammen. Er zeigt Anya eine Spieldose, die ihm bei der Oktoberrevolution zufiel, aber nicht öffnen konnte. Anya öffnet die Spieldose ohne Probleme, somit glaubt er auch, Anastasia vor sich zu haben. Sie erinnert sich an die Romanows und gibt zu, dass ein Diamant in ihrer Kleidung eingenäht war. Man hätte den Diamanten im Krankenhaus in ihrer Kleidung gefunden. Damit haben Dimitry, Vlad und Anya genug Geld, nach Paris zu fahren. Am Bahnhof von St. Petersburg trifft Anya auf Ipolitov, der sich vor ihr verneigt. Intellektuelle und flüchtige Adelige singen am Bahnhof ein ergreifendes Abschiedslied von Petersburg (Mein Land) und steigen in einen skelettierten Wagen auf die Reise nach Paris. Mit Einblendungen russischer Landkarten und Drehbewegungen des Wagons, simuliert man die Bahnreise nach Paris. Kurz vor der Grenze müssen sie jedoch vom Wagen springen, bei einer Kontrolle wird Graf Iplitov erschossen und man sucht Anya. Gleb erhält die Nachricht in Leningrad, dass Anya flüchten konnte und nimmt die Verfolgung auf. Zu Fuß erreichen Dimitry, Vlad und Anya einen blühenden Obstgarten vor Paris. In einem Schwenk sieht man den Eifelturm und Paris. Sie haben es geschafft.

Im zweiten Akt steht das lebensfrohe Paris ganz im Kontrast zu Leningrad. Mit einer großen Revuenummer begrüßt Paris die drei Neuankömmlinge. Die lebensfrohe Zofe Lily Malevsky-Malevitch von Maria Fjodorowna macht das Nachtleben unsicher. Ihre Herrin hat nach vielen falschen Anastasias die Hoffnung 1927 noch die richtige Anastasia zu finden, fast aufgegeben. Sie zitiert die vielen Betrügerinnen, die es nur auf ein Ticket nach Paris oder die Belohnung abgesehen hätte. Lily geht in den Club Newa und tanzt dort mit exilierten russischen Adeligen (Land, das einmal war). Gleb versucht ebenfalls dort Einlass zu bekommen, wird aber aufgrund seiner Schuhe als Russe erkannt und nicht hineingelassen. Im Newa-Club versucht man, die guten Zeiten mit einer Party wach zu halten. Lily trifft dann auf Vlad, mit dem sie eine Affäre hatte. Er hatte ihr einen Diamantring gestohlen, weshalb sie die Affäre beendete. Dennoch lässt sie die Romanze wiederaufleben. In einer Albtraumszene erscheinen Anastasia die ermordeten Romanows. Dimitry erinnert sich an eine Begegnung mit Anastasia und Anya führt diese Erinnerungen weiter. Nun folgt eine Szene in der Pariser Oper man erlebt eine Aufführung von Schwanensee mit sechs Balletttänzern. Man fädelt mit etwas Umwegen ein Treffen zwischen der Großmutter, ein, denn auch Lily erkennt in Anya die Zarentochter. In einem Hotelzimmer sprechen sich dann Anya und die Großmutter aus. Anya nennt ihre Großmutter Nana, wie sie sonst immer gerufen wurde und erstmals glaubt die Großmutter, am Ziel zu sein. Letztlich überzeugt ist sie, als Anya ihr die Spieldose zeigt. Die Presse bekommt davon Wind und am nächsten Tag fällt die Meute über die Großmutter und Anya her. Maria Fjodorowna gibt Anya Bedenkzeit. Dimitry hätte auf die Belohnung für die Vermittlung verzichtet. Es kommt zu einer etwas merkwürdigen Konfrontation zwischen Gleb und Anya, bei der Anya inzwischen sehr sicher ist, Anastasia zu sein. Sie fordert ihn auf, sie zu erschießen, was er aber nicht kann. Schließlich lässt Anya die Spieldose im Bett zurück und folgt Dimitry in einem roten Kleid zur Brücke. Maria Fjodorowna spendet die Belohnung für wohltätige Zwecke und hat die Suche nach Anastasia aufgegeben.

Wenn man auch nur einen Artikel über Maria Fjodorowna gelesen hat, so erkennt man relativ schnell, dass die Geschichte erfunden ist. Es bestehen Parallelen zur Lebensgeschichte von Anna Anderson, die sich als Anastasia ausgab. Zwar gibt es stimmige Details, wie die Familienaufstellung der Zaren mit dem kranken Zarewitsch, dennoch bleibt das Ganze ein Disney Märchen. Maria Fjodorowna war immer auf der Suche nach ihrem Sohn, von dem sie bis zum Tode, trotz erdrückender Beweise im dänischen Exil glaubte, er würde noch leben. Heute weiß man durch DNA-Tests, dass alle Damen, die sich in den 20er Jahren als Anastasias ausgegeben haben, Hochstaplerinnen waren. Man ist aus heutiger Sicht, ebenfalls durch DNA-Tests, sehr sicher, dass Anastasia, wie alle Romanows ermordet worden ist. Es bleiben aber tolle Impressionen von St. Petersburg hängen durch die LED-Panels und von Paris und der Oper. Die Musik von Stephen Flaherty geht gut ins Ohr und die Spieluhrenmelodie zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Die Texte sind sehr gut aus dem Englischen übersetzt. Judith Caspari als Anastasia und Daniela Ziegler als ihre Großmutter spielen sehr gut. Richtig rocken tut die Szene Lily aka Jacqueline Braun, als lebensfrohe Hofdame. Man träumt von Paris, St. Petersburg und für Träume und Märchen ist Disney ja bekannt. Davon zeugt auch die opulente Kostümausstattung. Wer von Disney einen wahrheitsgetreuen Blick auf die Oktoberrevolution in Russland und die Zarenfamilie erwartet, ist hier definitiv falsch verbunden.

Quelle: YouTube | Stage Entertainment

Von • Gallerien: Kultur, Musical • Tags: anastasia