Opernblog

Archiv für: "März 2019, 04"

In Nürnberg hat Jens-Daniel Herzog Mozarts Komödie ‚Così fan tutte‘ auf den Spielplan gesetzt. Diese Letzte der drei großen Da Ponte Opern war kein großer Durchbruch für Mozart. Kurz nach Erscheinen wurde die Oper wegen des Todes Kaiser Joseph II. vom Spielplan genommen. Etliche Schmähungen und Kürzungen im 19. Jahrhundert durch Ludwig van Beethoven und Richard Wagner führten zu einer teils fragmentarischen Aufführung. Man übte Kritik an dem unmoralischen Stoff und an der albernen Handlung. Auch hier in Nürnberg scheint man den Kritikern noch mehr Futter zu geben. So wurden die italienischen Texte durch vulgäre Sprache aufgepeppt, was beim Mitlesen immer recht witzig ist, beim Bayerischen Rundfunk aber überhaupt nicht gut ankam. Man muss sich bei der Handlung auch drauf einlassen, dass alle das Spiel von der Untreue durchschaut haben, bis auf die beiden Frauen. Selbst der dreimal einsetzende Chor weiß Bescheid.

Dieser feiert schon am Anfang mit einem Kasten Bier und Sekt, die Wette von Don Alfonso. Man platzt mitten in eine Diskussion der männlichen Hauptrollen, nämlich Guglielmo und Ferrando gegen Don Alfonso. Während die beiden Männer Guglielmo und Ferrando die Treue ihrer Frauen beschwören, wettet der Chor mit Zetteln dagegen, die in einem Sektkübel gesammelt werden. Es wird ein goldenes Wohnzimmer herausgefahren, in dem auf zwei blauen Sesseln die Opfer der Komödie Platz genommen haben. Während Dorabella scheinbar Bilder von Ferrando am Handy hat und immer auf dem Smartphone zoomt, hat Fiordiligi ein ovales Bildnis ihres geliebten Guglielmo bei sich. Die beiden Damen sitzen im 50er-Jahre Petticoat in Himmelblau und Schwarz und ahnen nichts von dem üblen Spiel, das gleich beginnen wird. Ihre Verlobten spielen vor, in den Krieg zu ziehen. Der Chor erscheint teilweise in Tarnuniform und die Geliebten salutieren mit Waffen im Hintergrund. Die Frauen bedienen jetzt das Klischee, dass sie noch Brotdosen für ihre Männer mit Sandwiches und Salat schmieren müssen. Sie tun dies so heftig, dass die Butter über die Bühne fliegt, auf einem goldenen Bügelbrett am rechten Bühnenrand unter vielen Tränen. Dorabella ist so verzweifelt, dass sie sich an der Gardinenkordel erhängen will, was natürlich misslingt. Am nächsten Morgen bringt Despina im Leopardenlook mit Leggings ein Tablett mit Cappuccino. Dabei nimmt sie selbst einen großen Schluck aus der Kanne. Jetzt testet Alfonso die Verkleidung der beiden Herren an Despina. Die kommen als Erkan und Stefan-Imitat als albanische Freunde unter dem Namen Sepronio und Tizio. Die beiden scheinen eher einem Ghetto der Hauptstadt in Berlin entsprungen zu sein. Mit dicker Goldkette, Sonnenbrille, Jeans bzw. Jogginghose sind sie kaum wieder zu erkennen. Guglielmo hat eine Mütze auf, auf der steht: I am a muslim, don’t panic. Sie machen nun der jeweils anderen Dame die Aufwartung und erfreuen sich an deren barscher Zurückweisung. Die Damen werfen im Takt der Musik Schuhe nach den Männern, die sich hinter den Sesseln verstecken müssen. Als Ferrando von der Liebe schwärmt, scheinen die Damen standhaft und die Wette gewonnen. Die zurückgewiesenen Albaner nehmen nun angeblich Arsen, weil sie von den Frauen verschmäht wurden. Mit Blaulicht kommt eine Despina als Ärztin mit Mundschutz, Stirnreflektor und Stethoskop. Die Wiederbelebungsversuche erfolgen mit einer großen Spritze, einem Hammer und schließlich am Ende erfolgreich mit einem Magneten. Die Herren deuten eine Brücke an und zucken mit dem Unterkörper: Wiederbelebung erfolgreich. Die erwünschte Nachbehandlung durch einen Kuss unterbleibt aber.

Zu Beginn des zweiten Aktes zeigt Despina, dass sie selbst das Schlagen einer Brücke nicht vom Singen abhalten kann. Als sie abtritt, schlägt sie noch ein perfektes Rad. Sie animiert dabei die Damen, es mit der Treue nicht zu genau zu nehmen. Der Garten wird durch das Ziehen einer bunten LED-Girlande angedeutet. Schließlich kommen die beiden Männer in einer Jalabiya mit echter Kopfbedeckung. Jetzt nimmt man ihnen den Albaner auch wirklich ab. Ferrando hat dabei ein rosa Plastikalpenveilchen und Guglielmo ein Rotes dabei. Der Chor reiht die Alpenveilchen an dem Wohnzimmerrand auf. Dorabella fällt als Erstes unter Guglielmos werben. Er schenkt Dorabella ein rotes Papierherz. Als er daraufhin Ferrando von seiner Eroberung berichtet, haut der einen Teil der Blumentöpfe runter. Fiordiligi scheint dagegen vor einer Bildergalerie von ihrem Verlobten standhaft. Schließlich gibt auch die nach. Nun ist Guglielmo außer sich und zerreißt mit nacktem Oberkörper eine Frauenzeitschrift. Die Männer kämpfen nun richtig miteinander, da sie nun Rivalen sind. Don Alfonso tritt auf und hat die Wette gewonnen. Despina tritt als Notar auf und hat die Ehekontrakte dabei. Da ereignet sich an diesem Abend ein Zwischenfall.

Einer der Ensemblemitglieder des Chores kippt bei dem Auftritt des Chores um. Während ich die Szene irgendwie merkwürdig fand, als der Darsteller des Guglielmo sich umdreht und dem Mann auf die Beine hilft und auf die Schulter klopft, war mir irgendwie sofort klar, dass da was nicht stimmt. Da sah ziemlich echt aus. Kurz darauf wurde der Vorhang runtergelassen und die Vorstellung unterbrochen. Nach einigen Minuten im Dunklen erklärte die Sprecherin, dass es einen Zwischenfall auf der Bühne gegeben hätte und die Vorstellung in Kürze fortgesetzt wird.

Mit der Teezeremonie setzte man die Vorstellung dann fort. Über die blauen Sitzkissen der Sessel wurden orientalische Tücher gebreitet. Der Ehevertrag ist nun unterschrieben. Es ertönt Marschmusik, die Verlobten kommen zurück vom Krieg. Blutverschmiert scheinen sie aus dem Kampf zu kommen. Sie entdecken die Ehekontrakte mit den Albanern und richten die Gewehre auf ihre Frauen. Nun bekommen auch die Damen mit, dass ihnen übel mitgespielt wurde. Sie bitten die Männer um Entschuldigung und bekommen zum Dank einen Schnuller in den Mund. Das alles endet in einem Sextett, wo sich Don Alfonso über seinen Gewinn freut.

Gewinner dieses Abends ist eindeutig die sehr gute Ensembleleistung des gut eingespielten Teams. Während der erste Akt noch sehr klamaukhaft daher kommt, kippt die Lage im zweiten Akt total. Die Männer gehen plötzlich aufeinander los und raufen, als sie erkennen müssen, dass sie betrogen wurden. Vielleicht ist es mit dem Zwischenfall an diesem Abend, noch etwas ernster als sonst. Sehr gefallen hat mir an diesem Abend Despina alias Andromahi Raptis, die ihr komödiantisches Talent voll ausspielt. Lutz de Veer lässt an diesem Abend das Ensemble glänzen. Und ja, dem verunglückten Mitarbeiter ging es am Ende der Vorstellung gut, klärte der Dramaturg Holzer auf.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

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Quelle: Soundcloud | Staatstheater Nürnberg
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