Opernblog

Archiv für: "Februar 2019"

Miss Saigon - Überarbeitete Version

Ein Musical aus den 90er Jahren, nämlich Miss Saigon, hat mich nach Köln verschlagen. Dort hat man das Stück für drei Monate in einer überarbeiteten Version von 2013 wieder ins Programm genommen. Die Dialoge wurden etwas verändert, es gibt ein paar neue Sequenzen und ein neues Lied für Ellen. Dieses Musical war eine Art Schlüsselerlebnis, bei dem die Leidenschaft für Oper entstanden ist. So hat dieses Musical eben kaum Sprechpassagen und in den 155 Minuten wird viel gesungen, auf Englisch mit roten Seiteneinblendungen. Man hat aber die Szenen, die mich damals beeindruckt hatten, wie der Hubschrauberstart an der Botschaft in Saigon und die Szene mit dem Cadillac kurz vor Schluss trotz der Einschränkungen des Musicaldomes unverändert gelassen. So war das ein sehr würdevoller Trip in die Vergangenheit des Opernblogs. Die Handlung ist an Puccinis Madame Butterfly angelehnt. Der Offizier Chris hat von einer Nacht mit der Vietnamesin Kim ein Mischlingskind. Die Handlung springt dabei immer etwas und erzählt dann teilweise in Rückblenden, wie es zu der Trennung in Saigon kam und warum Chris in Amerika wieder geheiratet hat. Das Musical endet tragisch, als Kim die Hoffnung hat, mit Chris nach Amerika gehen zu können. Sie muss aber erkennen, dass er inzwischen verheiratet ist und nur sein Kind holen will. Sie erschießt sich am Ende.

Die Handlung startet in einem Nachtklub von Saigon. Die 17-jährige Kim flüchtet vor den Kriegswirren in die Stadt, es herrscht Endzeitstimmung. Der sogenannte Engineer, eine Art Zuhälter, organisiert die Wahl der Miss Saigon. Eine Gruppe Gis darunter Chris kommen in die Bar. Die ist drehbar und vielseitig verwendbar. Links neben der Bar gibt es eine bunte Musikbox. Chris ist vom schüchternen Auftreten Kims fasziniert. Kim und Chris kommen sich beim Tanz zu Saxofonklängen näher. Sie verschwinden in ein Zimmer in der rechten Bühnenhälfte. Chris verliebt sich so kurz vor Kriegsende tatsächlich in Kim und löst sie aus. Die schönste Szene in dem Stück ist für mich immer noch die Hochzeitszeremonie, die dann stattfindet. Dort singen die Damen der Bar ein vietnamesisches Lied. Drei Jahre später ist die Zeit vorangeschritten. Die roten Soldaten von Ho Chi Minh haben die Macht übernommen und marschieren martialisch auf. Ein roter Glücksdrache mit echtem Rauch eröffnet die Szene. Die roten Horden legen ein Ballett mit Gewehren und dreieckigen Hüten hin. Im Hintergrund ist eine überlebensgroße Büste von Ho Chi Minh. Der Ex-Verlobte von Kim ist ein Kommissar und bittet seine Verlobte zurückzukommen. Sie lebt in einem Flüchtlingslager. Unterdessen träumt Chris immer noch von Kim in Amerika bei seiner neuen Frau Ellen. Kim kann nicht zurück zu dem Kommissar, da sie ein Kind von Chris hat. Als dieser den Sohn beseitigen will, erschießt sie ihren Ex-Verlobten. Der Engineer, der Kim im Flüchtlingslager ausfindig gemacht hat, erkennt die Chance des Sohnes eines GIs und gibt sich als Kims Bruder aus. Er hat sogar noch Juwelen aus den besseren Zeiten von Saigon aufgehoben. Sie schließen sich dem Flüchtlingsstrom an und verlassen Vietnam.

Den zweiten Akt eröffnet eine Einblendung von Mischlingskindern. Chris setzt sich für die sogenannten Bui-Doi ein, die in einem Programm nach Amerika geholt werden sollen. Die Mischlingskinder leben unter erbärmlichen Umständen in Heimen. Chris erfährt, dass er selbst einen Sohn hat, der mit Kim inzwischen in Bangkok lebt. Chris beschließt, mit Ellen nach Bangkok zu fahren. Er landet in der roten Halbwelt von Bangkok. Unter roter Reklame vertickt der Engineer billige Frauen an Sextouristen. Aber der Engineer ist nicht mehr der Chef und selbst Flüchtling. Kim wird von dem Mord an ihrem Verlobten von Albträumen geplagt, die Erinnerungen an Chris und ihren Ex-Verlobten vermischen sich. In Bangkok holen Chris die Kriegserinnerungen an den Fall von Saigon ein, als es selbst unter dramatischen Umständen aus der Botschaft fliehen muss. In dieser Szene sieht man zuerst eine Laserprojektion, dann eine 3,5 Tonnen schwere Hubschrauberattrappe, die mit lautem Geknatter von der Botschaft abhebt. Am Zaun der Botschaft hofft unter den chaotischen Umständen Kim vergeblich, mitreisen zu können. Man landet wieder in der Gegenwart und Kim trifft auf Ellen im Hotelzimmer. Hier trifft Kim dann unvorbereitet auf Ellen, die nur den Sohn ihres Ehemanns holen will. Inzwischen träumt der Engineer bereits von Amerika. In dieser Szene ist der Cadillac dann weiß und nicht rosa, wie 1995. Eine leichte Dame in weißem Pelz und mit blonder Perücke fährt ein. Der Engineer sagt, dass sein Geschäft mit der Liebe überall auf der Welt funktionieren wird. 7 Tänzerinnen und 14 Tänzer setzen den Traum von Amerika vor eine Freiheitsstatue als weiße Gittermaske gekonnt mit einer Revuenummer um. Kim packt die Sachen für ihren Sohn. Der Engineer bringt Kims Sohn Tam zu Chris. Abschließend schießt sich Kim aus Verzweiflung hinter dem Vorhang.

Ob die Tänzerinnen wirklich die beschriebenen 1kg Perlen in den leichten Kostümen hatten und ob Kim wirklich alles sieben verschiedenen Frisuren ohne Perücke bestritten hat, lässt sich aus der 22. Reihe nicht mehr sagen. Es ist und bleibt eines der Mega-Musicals der 90er Jahre, das in der neuen Fassung auf keinen Fall angestaubt ist. Die Eindringlichkeit, mit der die Folgen des Krieges in Vietnam geschildert werden, ist beeindruckend. Die Szene mit dem Hubschrauber und dem Chaos an der Botschaft beim Fall Saigons einfach großartig. Ein Besuch der Neuauflage lohnt sich in jedem Fall. Aus heutiger Sicht ein Meilenstein der Musicalgeschichte. Das Bild an einem Flughafen mit einem Mischlingskind, das sich von seiner Mutter verabschiedet, als es nach Amerika reist zum Vater, ist der Ausgangspunkt.

Von • Gallerien: Kultur, Musical • Tags: Miss Saigon
Ball im Savoy - Die Fledermaus in Jazz

Auch in Nürnberg hat man den ‚Ball im Savoy‘ auf den Spielplan gesetzt. Diese Jazzoperette von Paul Abraham belebt die Handlung der Fledermaus von Johann Strauß wieder. Eine Madeleine de Faublas ist hier die betrogene Ehefrau, die öffentlich ihren Mann betrügt. Bei dem schrägen Cross-Dressing-Event spielen Männer Frauen und Frauen Männer. Die Geschwister Pfister übernehmen in der Aufführung in Nürnberg diesen Part. Aufgepeppt wird das noch durch ein achtköpfiges Männerballett, das auf keinen Fall mit einer Faschingseinlage zu verwechseln ist.

Zu Beginn der Aufführung ist der Orchestergraben mit künstlichen Palmen besetzt und grün angestrahlt. Wir befinden uns in Nizza und der Graben ist der Vorgarten der Faublas in der Villa. Von dort aus kommen auch die Darsteller auf die Bühne. Wo das Orchester bleibt, erkennt man erst im nach der Pause im 2. Akt beim Ball im Savoy. Die einjährige Hochzeitsreise der Faublas sieht man mit Bildereinblendungen von einer Europareise. Eine Videomontage gibt es von einer Gondelfahrt in Venedig. Man ist aber nach den 12 Monaten nun glücklich in der Villa Faublas angekommen. Getrübt wird die Wiedersehensfreude allerdings durch ein verdächtiges Telegramm eines ‚Präfekten von Nancy‘. Aristide de Faublas verheimlicht seiner Frau etwas. Gleichzeitig trifft die Cousine von Madeleine aus Amerika ein. Sie ist eine erfolgreiche Tanzlehrerin und stellt den Modetanz Kangaroo-Hopp vor, für dessen Erfindung sie eine Auszeichnung bekommen hat. Sie ist natürlich eigentlich ein er und hat ein Pseudonym erfinden müssen, nämlich José Pasodoble, um auch als Komponist erfolgreich zu sein. Wenn sie nicht in einem Jahr erfolgreich gewesen wäre, hätte sie in Amerika den Mann heiraten müssen, den ihr Vater ausgesucht hat. Beim jährlichen Ball im Savoy will sie ihr Pseudonym aufgeben. Aristide will aber auch zu dem Ball. Der Präfekt von Nancy ist eine Frau, nämlich die heißblütige Spanierin Tangolita. Tangolita ist Aristides verflossene Freundin, die ihn ebenfalls zum Ball im Savoy bittet. Sowohl Madeleine als auch Aristide hatten aber versprochen, den ersten Abend gemeinsam zu Hause zu verbringen. Jetzt suchen beide eine Ausrede, wie sie zum Ball kommen können. Aristide bemüht seinen türkischen Freund Mustapha Bei. Der erfindet eine offensichtliche Lüge, dass Pasodoble durch den Einsatz von Musik, Aristides Leben in einer Stierkampfarena gerettet hätte. Von der offensichtlichen Lüge ist Madeleine entsetzt, während Daisy Parker die Geschichte eher lustig findet. Aber Madeleine ist nicht untätig, sie bestellt eine Schneiderin ein und lässt sich ein goldenes Kleid für den Ball nähen, wo sie ihrem untreuen Mann auflauern will.

Tangolita tritt nun auf, umschwärmt von den Ballettmännern. Sie zerreißt vor den Augen von Aristide scheinbar den Gutschein für ein Souper. Unterdessen tritt die verkleidete Madeleine auf und erweckt Aristides Aufmerksamkeit. In einer Bar warten unterdessen die sechs verflossenen Frauen von Mustapha Bei. Seine Frauen sind international aufgestellt, besonders witzig war die letzte Frau, eine waschechte Fränkin. Da Daisy Parker mit einem Ehevertrag dazu einwilligen soll, Ehefrau Nummer sieben zu werden, bittet sie den Bei, dass er ihr Pasodoble vorstellen möge. Madeleine und Tangolita ziehen sich für eine Stunde in das Separee 8 zurück. Ein Kellner wird von Madeleine bestochen, die Geschehnisse im Separee brühwarm weiter zu erzählen. Sie nimmt mit einem Justizangestellten derweil Platz im Separee 9. Sie bestellt sich dasselbe Menü wie ihr Mann und ist fest entschlossen, ihren Mann mit dem Angestellten zu betrügen. Der Rechtsgelehrte ist zwar einerseits kurzsichtig, erkennt aber in Madeleine eine edle Dame. Er möchte aber auch ein Abenteuer im Savoy erleben.

Mit einer Live-Übertragung des Balls im Savoy erreichen die Verwicklungen ihren Höhepunkt. Jetzt wird auch klar, wo das Orchester sitzt. Daisy Parker tritt als Marlene-Dietrich-Verschnitt auf und lüftet ihr Pseudonym. Sie spricht durch das Mikrofon zu ihrem Vater, dass sie ein erfolgreicher Komponist wäre und nun den Mann ihrer Wahl heiratet dürfe, nämlich Mustapha Bei. Madeleine kommt nun aus dem Separee und sagt öffentlich am Mikrofon, dass sie ihren Mann betrogen hat.

Der Skandal im dritten Akt ist perfekt. Ein Rechtsanwalt soll nach Willen von Aristide die Scheidung durchführen. Derweil treffen Blumensträuße und Glückwünsche aus Nizza ein. Der Rechtsgelehrte, der die Scheidung durchführen soll, ist zufälligerweise der Mann aus dem Separee 9. Jetzt bekommt Aristide Wind von der Sache und bestürmt ihn mit Fragen zur Nacht im Savoy. Doch der Angestellte macht nur vage Andeutungen. Die Scheidung scheint gesetzt zu sein. Da greift nochmals Daisy Parker ein. Sie redet mit Madeleine unter vier Augen und sagt, dass der Angestellte indiskret war und sogar die Farbe der Dessous verraten hätte. Darauf ist Madeleine außer sich und sagt, dass sie gar keine solche Unterwäsche trägt und dass er gelogen haben muss. Aristide ist jetzt überzeugt, dass seine Frau unschuldig ist und die Geschichte nimmt ein Happy End.

Stefan Huber hat wirklich eine frische Form der Operette auf die Bühne gestellt. Der Geschlechtertausch gelingt sehr gut, ohne in den Klamauk von Charlys Tante abzurutschen. Dass hier die Rollenbilder auf den Kopf gestellt werden und die betrogene Ehefrau am Ende mit einem langen Monolog zurückschlägt, passte den Machthabern in den 30er Jahren sicher nicht, weshalb die Operette kurz nach Erscheinen wieder verschwand. So ist man sich bis zum Schluss nicht sicher, ob es ein Happy End geben wird, denn zu tief erscheint der Graben zwischen den Eheleuten. In der Art-Deko-Bühnenausstattung hat man diesmal wirklich nicht gespart und lässt einen wundervollen Hotelraum aufleuchten. Die Lampen des Ballsaals können dabei ganz modern eingefärbt werden. Die Geschwister Pfister bringen sehr gute schauspielerische Leistungen in den drei Rollen des Aristide, der Daisy Parker und des Mustapha Bei. Auch bei den Kostümen hat man an nichts gespart. Der Auftritt von Daisy Parker im weißen Smoking beim Ball ist wirklich klasse und lässt die späten 20er wiederauferstehen. Nach fast 3 Stunden geht man mit einem beschwingten ‚Toujours l’amour‘ oder mit einem ‚Es ist so schön am Abend bummeln zu gehen‘ die Oper.

Quelle: YouTube|Staatstheater Nürnberg

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Quelle: Soundcloud|Staatstheater Nürnberg
Von • Gallerien: Kultur, Operette • Tags: Ball im Savoy