Opernblog

Archiv für: "März 2017"

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Georg Schmiedleitner hat in Nürnberg mit einer Wozzeck-Inszenierung geglänzt. Das dreiteilige Bühnenbild besteht aus Zimmern, die sich gegeneinander verschieben lassen und ist in Weiß gehalten. Einen wesentlichen Anteil am Erfolg hatte sicher auch die Musik, die von Gábor Káli dazu geliefert wird und ein Wozzeck in Form von Jochen Kupfer, der wahrscheinlich nur in der Inszenierung so gut funktioniert. Diesmal ist Wozzeck kein Mann von unten, sondern einer aus der unteren Mittelschicht, der schon mal bei Amazon und Zalando groß einkauft. Die Schulden, die er anhäuft, muss er in Diensten bei dem Hauptmann und als Versuchspatient bei einem Arzt abstottern.

Zuerst hebt sich der Vorhang und man sieht die Darsteller in einer Pose. Ohne Musik fährt der Vorhang wieder runter, bevor es dann eigentlich losgeht.

Schon anfangs ist Wozzeck dem Hauptmann zu diensten und peitscht diesen in einer Sadomaso-Tortur mit einem Riemen aus. Hier wird der Hauptmann nicht rasiert, sondern lässt sich, nur mit einer Unterhose bekleidet, von Wozzeck quälen. Die beiden debattieren über Wozzecks Kind, das nicht den Segen der Kirche hat. Auf einem kleinen Rasenstück treffen sich Andres der Jäger und Wozzeck. Der Jäger hat gelbe Kopfhörer auf, während Wozzeck über die menschliche Gesellschaft nachdenkt. Dann erfolgt ein Schwenk zu Marie, seiner Frau. Die erfreut sich an einem Smartphone-Video einer Militärkapelle. Dort hat sie den Tambourmajor entdeckt. Mit diesem hat sie in der Folge dann eine Affäre. Der Sohn ist zwar mit einem blinkenden Hoverboard gut mit Technik versorgt, wirkt aber unglücklich. Vielleicht liegt das auch an seinem Vater, der von Visionen ablenkt, ist und kein Ohr für sein Kind hat. Für Wozzeck ist diese Familienidylle das Glück. In roten LEDs sieht man eine große Aufschrift: Glück im Hintergrund. Dann muss er aber weiter zum Doktor, der mit Wozzeck ein Ernährungsexperiment macht. Nicht nur er muss Erbsenbrei essen, es gibt noch ein paar Mitstudienobjekte, die fleißig Erbsenbrei essen. Der Doktor geht ihn zwar an, dass er seinen Urin nicht abgegeben hat. Man hantiert mit Urinflaschen, die für das Experiment des Doktors wichtig sind. Er möchte nachweisen, dass einseitige Ernährung geisteskrank macht. Unterdessen verführt der Tambourmajor Marie.

Im zweiten Akt sieht man dann Marie, die geschenkte Ohrringe bekommen hat für ihre Liebesdienste am Tambourmajor. Dass Marie genau zwei Ohrringe gefunden hat, kommt Wozzeck merkwürdig vor, er lässt sie aber passieren. Wozzeck trifft in der Stadt auf eine Gruppe Patienten um den Doktor und den Hauptmann. Die Patienten gehen an Gehhilfen, einer ist schon tot. Der Hauptmann wird vom Doktor mit einer erfundenen Diagnose zum Thema Schlaganfall provoziert. Als sie Wozzeck erblicken, machen sie sich über ihn lustig, dass er die Affäre mit Marie nicht mitbekommen hat. Wozzeck fragt nun bei Marie nach, was es auf sich hat mit der Aussage. Sie provoziert ihn aber weiter. Darauf flüchtet er sich ins Wirtshaus. Dort sieht man, wie sich der Tambourmajor und Marie sich vergnügen. Es kommt eine ganze Batterie Flaschen herein. Nach dem Besäufnis lässt der Tambourmajor Wozzeck zusammenschlagen.

Im dritten Akt sucht Marie in der Bibel Trost. Das Kind ist weiter deprimiert und klebt mit Tape die Stoffpuppen an die Wand. Wozzeck tötet mit einem Cuttermesser Marie, wobei das Blut in Schmiedleitner-Manier spritzt. Wozzeck geht wieder in Kneipe und feiert weiter. Aber dort entdeckt man das Blut an seinen Armen, für das er keine Erklärung hat. In Verzweiflung über seine Tat bringt sich Wozzeck im See um. Man erlebt eine Art Traumsequenz, in der er und Marie wieder vereint sind. Im letzten Bild sieht man die Kinder die Szenen nachspielen. Am Hoverboard, statt auf einem Steckenpferd, kreiselt einsam und alleine der Sohn von Wozzeck, nun als Waise.

Ja, die Musik von Alban Berg ist dissonant und das Stück ist weit von Heiterkeit entfernt. Dennoch lohnt es sich, über den Tellerrand der Melodik hinauszusehen. Die Kritiken für den Wozzeck waren generell gut und das helle Bühnenbild erinnert immer etwas an das Arztsetting. Wozzecks gibt es nicht nur in der Vergangenheit, sondern sie leben hier und jetzt, bestellen bei Zalando und wissen manchmal nicht, wie sie das Geld für diesen Lebensstil aufbringen sollen. Die moderne Technik hat mit Smartphone und Hoverboard Einzug gehalten in dieses Stück und schlägt so den Bogen zur Gegenwart. Es ist weit von lustig entfernt, was dort auf der Bühne abgeht, aber das ist bei dem Thema ja klar.

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Quelle: Soundcloud | Staatstheater Nürnberg
Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Wozzeck

Das Theater Freiburg hat Händels Giulio Cesare ans Stadttheater in Fürth gebracht. In einer Inszenierung von Florentine Klepper darf man sich ins Jahr 48 v. Chr. führen lassen und die turbulente Zeit von Cäsar in Ägypten erleben. Erst einmal zu positiven Aspekten: Man hat die männlichen Hauptrollen des Julius Cäsar und des Ptolemäus mit Alti besetzt, auch Sextus ist mit Sharon Carty gut besetzt. Dafür muss man aber bei der Inszenierung etwas leiden. Die handelnden Personen werden in eine Art Verhörraum aus den 70er Jahren eingepfercht. Im Hintergrund ist ein großer Spiegel, bei dem eine Gruppe von fünf Überwachern das Geschehen begutachten. Links und rechts am Bühnenrand sind zwei Überwachungskameras. Die Wände sind mit Türen versehen, durch die die Akteure immer einen Fluchtversuch starten.

Julius Cäsar sabotiert schon gleich zu Beginn die Überwachungskamera rechts. Der Eröffnungschor davor kommt leider aus der Konserve und scheppert ziemlich in den Boxen. Als nächste kommt Cornelia mit ihrem Sohn Sextus auf die Bühne. Der Kopf ihres Mannes ist ebenfalls auf der Bühne. Ptolemäus, der Bruder Cleopatras hat den Gegner Cäsars umbringen lassen, um Cäsar milde zu stimmen. Statt nun mit dem Tode des Widersachers zufrieden zu sein, ist Cäsar außer sich und spricht von einer schändlichen Tat. Cornelia wird beim Anblick des Kopfes ihres Mannes ohnmächtig. Dies passiert nicht immer, aber immer öfter in der Inszenierung. Ihr Sohn schwört Rache und eine der Seitenschübe öffnet sich und gibt einen Passbildautomaten frei. Der Sohn wird überhäuft von Bildern aus dem Automaten, als er beschließt, seinen Vater zu rächen. Nun kommt aber auch der eigentliche Böse auf die Bühne: Ptolemäus, der Bruder Cleopatras. In seinem blauen Batikanzug mit roten Socken und rotem Schlips krönt sein Haupt eine Afrofrisur. Als Erstes muss er nun einen Friedensvertrag mit Cäsar unterschreiben. Insgesamt ist er aber eher ein König Kallewirsch auf Speed, dem man jede Gemeinheit zutraut, auch die Ermordung Pompeos. Mit seinem durchdringenden Alt hat er die Gunst des Publikums schnell gewonnen. Um die etwas sterile Szenerie aufzumischen, werden von rechts in einer Luke immer wieder Paket angeliefert. Amazon scheint auch in den Container zu liefern, und zwar Blumen für Achillas, mit der er Cornelia den Hof macht oder auch die Asche des Pompeo, die seine Gattin über die Bühne verstreut, wenn es ihr Wachheitszustand gerade zulässt. Manchmal verbringt sie aber auch die Zeit in einem dieser Seitenschübe an einem Telefon, auf der Flucht vor Achillas. Der wirbt um die Frau des Pompeo. Über der Asche des Pompeo grübelt Cäsar über die Vergänglichkeit des Lebens. An der Urne holt er sich dabei blutige Hände. Cleopatra stellt sich dagegen als Lydia dem siegreichen Cäsar vor. In einem roten Kleid und eben einer solchen Afrofrisur wie ihr Bruder umgarnt sie Cäsar. Als sie beobachtet, wie Sextus sich an Ptolemäus rächen will, unterstützt sie ihn bei der Tat. Nach dem zweiten Akt ist Pause und Zeit für ein paar Zuschauer durch Buhrufe, ihr Missfallen kundzutun.

Nach der Pause im dritten Akt wird es noch mal richtig schwierig. Zur Eröffnung sieht man eine lange Szene im Dunkeln, bei denen die Darsteller mit Taschenlampen leuchten. Einem Zuschauer wird das zu viel und er klatscht. Gefühlt dauert dieser Anfang ewig, da man außer den Taschenlampen nichts sieht und auch keine Musik hört. Auf der Bühne herrscht ein ziemliches Durcheinander. Dass es sich hierbei um ein Waldstück in der Nähe von Alexandria handeln soll, erkennt man vielleicht an der Monstera deliciosa, die sich über den Beobachtungsspiegel rankt. Es kommt zu einer Auseinandersetzung zwischen Cäsar und Ptolemäus, bei dem Ptolemäus dem unterlegenen Cäsar ins Bein beißt. Blutend flüchtet der sich auf eine herausgefahrene Toilette. Seine Schwester fesselt Ptolemäus mit einem orangem Stromkabel. Auf einem Overheadprojektor schreibt Cäsar das Wort Krieg, das Ptolemäus zum Sieg ausbessert. Achillas wurde bei dem Kampf tödlich verwundet, unschwer an dem riesigen Blutfleck zu erkennen. Als Cäsar später in der Kabine mit dem WC von leisen Winden singt, hat er ein paar unfreiwillige Lacher auf seiner Seite. Nun hat Ptolemäus kurzzeitig Oberwasser und läuft mit grünen High Heels über die Bühne, aber es soll nicht mehr lange dauern, bis er unter einem Tisch liegend von Sextus ermordet wird. Während nun fünf Männer mit Krokodilmasken (Sobek?) den Pharao raus begleiten, kommen wieder andere in weißen Anzügen und reinigen den Tatort. Während noch einmal der Schlusschor aus den Boxen scheppert, kommen die Überwacher hinter der halbdurchsichtigen Glasscheibe hervor und machen ein Selfie mit einem roten Handy von Cäsar. Man hat es überstanden.

Hätte ich mich nicht so gut auf diese Oper vorbereitet, wäre es schwer gewesen, den etwas ausgefallenen Regieeinfällen zu folgen. Selbst ich war versucht, immer wieder einmal die Augen zuzumachen, um mich besser auf die Musik konzentrieren zu können. Die beiden Alti besonders Ptolemäus hatten mir es an diesem Abend angetan. Das Orchester ging sehr robust an das Werk heran, etwas mehr Nuancierungen hätte ich mir hier vielleicht gewünscht. Dennoch kam die Brillanz des Werkes zum Vorschein. Allerdings sind für meine Ohren 3 ½ Stunden Händel eine Herausforderung. Bei anderen Komponisten sind solche Längen kein Problem. Ich fand den Beifall für die Musiker gerechtfertigt, die Buhrufe für die Regie aber auch. Das Konzept in einer Art Überwachungsraum auf die Zeit und die Figuren von damals zurückzuschauen, erschloss sich mir zumindest nicht.

Quelle: YouTube | Theater Freiburg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Julius Cäsar