Opernblog

Archiv für: "Dezember 2015"

Candide oder der Optimismus

Zur Premiere von Leonard Bernsteins Candide hat es mich in die Landeshauptstadt München verschlagen, genauer gesagt, in die Reithalle, die eine Spielstätte des Gärtnerplatztheaters ist. Mit der Reithalle hatte ich einen eher kühlen Aufführungsort verbunden, im Winter. Es war aber sehr warm. In einer Inszenierung von Adam Cooper gab es eine szenische Umsetzung der als komische Operette oder Musical titulierten Werks. Die Handlung dieses Stückes im Detail zu erklären, würde mindestens so lange dauern, wie das Stück selbst. In Wandgemälden im Reitstall sind in Bildern die zehn Orte dargestellt, an denen die Operette spielt. Wenn man nicht wüsste, dass die Handlung eigentlich zur Zeit Voltaires Mitte des 18. Jhd. spielen soll, meint man, man hätte es mit den Vorläufern des Jetset zu tun. Im Grunde geht es darum, dass der nicht standesgemäße Edelmann Candide, seine Freundin Cunegonde heiraten möchte. Es startet eine aberwitzige Jetset-Tour um die halbe Welt. Damit man die Orientierung behält, ist am Kopf der Bühne ein halbdurchsichtiger Vorhang, auf den Weltkarten aufgemalt sind. Dahinter befindet sich das Orchester. Mit einem Pfeil und einem Federgeräusch sieht man dann immer, wo sich Candide oder Cunegonde gerade aufhalten. Zur besseren Verständlichkeit sind die Sprechpassagen in Deutsch, die Lieder aber in englischer Sprache. Die Übersetzung sieht man links und rechts über den Bühneneingängen eingeblendet. Nun stand die Premiere unter keinem guten Stern, denn die Darstellerin der Cunegonde Csilla Csövári war wenige Tage vor der Aufführung erkrankt. Man konnte Cornelia Zink als Gast gewinnen, die dann am Premierentag einsprang und sich in diese temporeiche Inszenierung einarbeitete. Die szenische Aufführung kommt dabei mit erstaunlich wenig Requisite aus. Die verschiedenen Länder werden hauptsächlich durch die verschiedene Kleidung des Chores ausgedrückt. So hat man, neben dem Pfeil auf der Weltkugel, auch eine örtliche Orientierung. Durch die Handlung führt ein Voltaire als Erzähler. Auch die Darsteller selbst schlüpfen in bis zu sieben verschiedene Personen, was vor allem von den hinteren Reihen immer etwas witzig ist, da der Wiedererkennungseffekt etwas dauert. Aufgrund teilweise frivoler Szenen besteht eine Altersempfehlung ab 12 Jahren.
Legendär ist natürlich schon die Ouvertüre des Stücks. Zu Beginn findet man sich im Schloss des Barons Thunder-Ten-Tronck. Der kleinwüchsige Baron hat eine gewichtige Baroness mit 140 kg als Ehefrau, die zwei Kinder haben: Maximilian und Cunegonde. Schon vier Stühle reichen aus und man ist mit dem Neffen Candide und dem Zimmermädchen Paquette in einer Lehrstunde des Hauslehrers Pangloss. Er lehrt die Schüler, dass sie in der besten aller Welten aufwachsen. Im Anschluss an die Lehrstunde will der Lehrer Pangloss mit Paquette noch ein physikalisches Experiment durchführen. Dies besteht darin, dass Paquette mit Pangloss schläft, mit weitreichenden Folgen. Cunegonde sieht dieses Treiben und beschließt, die Lektion selbst mit Candide zu wiederholen. Dabei werden sie aber von Maximilian überrascht, der diesen Vorfall seinem Vater meldet. Daraufhin vertreibt er Candide von seinem Schloss. Candide trifft auf Soldaten der bulgarischen Armee und muss auf das Wohl des Königs trinken. Ehe er sich versieht, ist er Teil und Soldat der grünen, bulgarischen Armee. Er muss allerlei Drill über sich ergehen lassen. Das Schicksal verschlägt ihn noch mal ins Schloss, als dieses von der Armee der Bulgaren überfallen wird. Der Baron und die Baroness verlieren endgültig ihr Leben. Maximilian, Cunegonde, Paquette und Pangloss überleben. Nun findet eine Überfahrt von Candide und Pangloss nach Lissabon statt. Man spielt mit einfachen Mitteln eine Schiffsüberfahrt nach, die in einem Schiffbruch endet. Pangloss und Candide retten sich vom Schiff, allerdings geraten sie in die nächste Katastrophe. Wie nun Vulkane nach Lissabon kommen, ist eben Dichtung. Fakt sind aber die Erdbeben, die die Region heimsuchen. So finden auch 30000 Menschen bei diesem Erdbeben den Tod. Die Inquisition sucht nach dem Schuldigen für dieses Erdbeben und man findet heraus, dass es die Neuankömmlinge sind. Nun erzählt Pangloss, dass er von Paquette ein ‚Geschenk‘ in Form der Syphilis bekommen hat, er ist schwer von dieser Krankheit gezeichnet. Dennoch findet ein Autodafé der portugiesischen Inquisition statt. Den drei Geistlichen in roten Roben nimmt man ihre Gesinnung nicht richtig ab, tragen sie unter ihren Roben doch Damenstrümpfe und Frauenschuhe. Das Autodafé ist ein der sehr guten Ensemblenummern des Stücks. Es sieht so aus, als ob Pangloss verurteilt und gehängt wird. Candide wird ausgepeitscht, kann aber nach Paris entfliehen. Dort trifft er in einem Bordell Cunegonde wieder, die sich an zwei Liebhaber verkauft. Der Kardinal Erzbischof von Paris und Don Issachar, ein Jude, melden ein Anrecht auf Cunegonde an. Sie zahlen sie mit Klunkern und Schmuck. Es folgt die berühmte Arie „Glitter and Be Gay“, wo Cunegonde ihr Schicksal beklagt. Den beiden Freiern passt es gar nicht, dass Candide plötzlich auftaucht. Es kommt zum Duell, in dem zuerst der Jude und dann der Kardinal Erzbischof getötet werden. Wieder muss Candide fliehen. Den Schmuck nehmen die beiden mit und fliehen mit der Bordelldame, einer alten Lady, die pikanterweise nur eine Gesäßhälfte hat nach Spanien. Diese alte Lady sieht aus wie Frankensteins Braut mit der typischen Frisur. In Spanien werden sie aber wiederum ihrer Juwelen beraubt. Der Schmuck soll später noch dazu dienen, Candide der beiden Morde zu überführen. Aber Candide wird aufgrund seiner hervorragenden Fechtkunst auf ein Schiff nach Amerika angeworben. Er wird zum Hauptmann ernannt und soll den bedrängten Jesuiten in Montevideo gegen die Ureinwohner zu Hilfe kommen. Ihnen gelingt die Überfahrt in die Neue Welt.

Zum Start des zweiten Aktes tanzen die wilden Ureinwohner. Da das Schiff bei der Überfahrt ausgeraubt wurde, sind sie wieder mittellos. Cunegonde muss sich erneut einem rassigen Liebhaber, dem Gouverneur von Buenos Aires verkaufen. Diesen will sie nur zur Frau nehmen, wenn er ihr auch die Ehe verspricht. Er verspricht ihr die Verlobung, worauf Cunegonde bleibt und ein Leben in Luxus und Langeweile lebt. Candide verkleidet sich als Mönch und muss weiter zu den Mönchen in Montevideo. Hier kommt noch einmal eindrucksvoll der Chor mit braunen Kutten zum Einsatz. In den Mönchskutten versteckt sich auch Maximilian, mit dem er in Streit gerät, als der hört, dass Candide seine Schwester zur Frau haben will. Eher aus einem Unfall heraus ersticht er Maximilian. Candide flieht in Mönchskluft und wird dabei fast von wilden Ureinwohnern gefressen. Diese bringen mit ein paar Papppalmen echtes Urwaldflair in den Reitstall. Als er den Ureinwohnern erklären kann, dass er kein Mönch ist, lassen die ihn ziehen. Er gerät auf einem Fluss in eine Strömung, die in nach zwei Tagen im sagenhaften Eldorado herausbringt. Die Kostüme sehen so etwas nach Revue und Disney aus. An den Seiten werden goldene Stoffbahnen entrollt und überall ist Gold. Richtig abgesehen hat es Candide aber auf die goldbeladenen, roten Schafe. Viele dieser Schafe verliert er beim Weg nach Surinam. Zwei kann er jedoch retten. Das eine Schaf schickt er nach Buenos Aires, um Lösegeld für Cunegonde zu sein. Man hat an den Juwelen erkannt, dass er der Mörder der beiden Geistlichen war. Auf ihn ist ein Kopfgeld ausgesetzt, daher kann er nicht selbst nach Buenos Aires. Mit dem zweiten Schaf kauft er sich ein Schiff. Dabei wird er ziemlich über das Ohr gehauen. Er verliert dabei sein letztes Schaf, das als Geldquelle vom Schiffsverkäufer erkannt wird. Er möchte seine Cunegonde schließlich in Venedig wiedersehen. Als er in Spanien angekommen ist, erfährt er, dass Cunegonde nach Konstantinopel entführt worden sei. Es kommt zu einem Gefecht zwischen zwei Schiffen, wo beide Schiffe in der Adria sinken, aber Candide am Ende sein Schaf wiederbekommt. Mit dem Gold aus dem Schaf hat er Zutritt zur Casinowelt von Venedig. Dort trifft er Cunegonde wieder, die sich erneut mit der alten Dame zusammen zur Bespaßung der Casinobesucher verkaufen muss. Das Leben hat Cunegonde inzwischen gezeichnet und sie betrinkt sich. Die beiden erkennen sich schließlich hinter den Masken und beschließen auf ein Landgut zu ziehen. Vorher rechnet Candide noch mit Cunegonde ab, die nur hinter seinem Geld her gewesen wäre. Am Ende ist man jedoch versöhnt und beschließt den eigenen Garten zu pflegen und das Glück zu genießen.

Es war wirklich ein toller Abend. Bei der berühmten Arie war das Publikum schon begeistert und es gab auch zum Schluss reichlich Applaus für Gideon Poppe und Cornelia Zink. Eigentlich ist diese Operette eher ein Musical mit Opernniveau, weshalb man das Stück am besten mit Opernsängern besetzt. Dennoch habe ich mich in YouTube in eine Aufnahme von Kristin Chenoweth - Glitter and Be Gay verguckt, die mich schließlich dazu bewogen hat, dieses Stück einmal ganz zu sehen. Und es hat sich in jedem Fall rentiert. Die sieben Minuten dieser Arie sind wirklich ein Highlight. Dass die Stimmen mit Mikrofon verstärkt sind, ist nun eher musicaltypisch. Bei den Sprechpassagen liefert das aber einen guten Klang. Der Chor ist immer wieder da und verbreitet mit der Landestracht der angesegelten Länder echtes Lokalkolorit. Dass einige Zuschauer in der Pause gegangen sind, fand ich etwas bedauerlich. Die Vorstellung ohne die Einlage in Eldorado ist nur die Hälfte. Klar, dass Bernstein an den Zuhörer Ansprüche stellt und die Handlung ist verquer und hart an einer Screwball Comedy. Es ist aber lustig, die wenigen Hauptdarsteller in immer wieder neuen Rollen zu sehen. Auch wie sie eigentlich immer wieder erstochen werden, sterben und dann doch irgendwie überleben, ist lustig. Vor allem die Erklärungen dazu, wie sie es dennoch in die nächste Szene geschafft haben. Ich stimme da mit BR-Klassik überein: Ein absolutes „must see“.

Quelle: YouTube | Gärtnerplatztheater

Quelle: YouTube | Gärtnerplatztheater

Von • Gallerien: Kultur, Operette, Musical • Tags: Candide
Hänsel und Gretel in der Torte

An der komischen Oper geht es bei Hänsel und Gretel von Engelbert Humperdinck vor allem um das Essen. Schon zu Beginn sieht man im Stil alter Filme Projektionen von marschierenden Erdbeeren, Zuckerstangen, Eiern und Lollis. Reinhard von der Thannen gelingt ein poppig, farbenfroher Wurf dieses Weihnachtsklassikers. Der drehbare Zylinder dient dabei immer wieder vor den Akten als Leinwand. Die Drehbühne ist zuerst ganz in Weiß, wie die Kinder auch und der Schrank, aus dem sie entsteigen. Die beiden Kinder haben Hasenmasken mit langen Ohren auf. An einem Fuß haben die Kinder einen grauen Luftballon befestigt, den sie am Bühnenhimmel zerknallen lassen. Die Kinder müssen Arbeiten an einem großen, roten Strickstrumpf verrichten. Diese Kinderarbeit hat ihr die Mutter aufgetragen. In den Eimer, aus dem die beiden den Rahm löffeln, steckt Hänsel den ganzen Kopf rein. Somit ist die Grundlage für den Reisbrei vernascht. Eine Mutter mit roten Haaren und schwarzem Kleid bildet den Kontrast in dem Bühnenbild. Als der Eimer im Gerangel um die letzten Tropfen zerbricht, ist der Jammer groß. Die Kinder werden durch den Schrank in den Wald geschickt, um Erdbeeren zu lesen. Nun halbiert sich der Zylinder und es kommt eine überdimensionale Einkaufstasche zum Vorschein, aus der der angetrunkene Vater kommt. Mit blondem Bürstenschnitt und mit übergroßen Schuhen kommt er von seiner Verkaufstour zurück. Auf der Einkaufstasche steht groß H&G, in Anlehnung an ein großes Modehaus. Der Vater hat Nahrung in Form von acht übergroßen Eiern mitgebracht, die er aus der Tüte rollern lässt. Auch ist er mit einem schwarzen Rad unterwegs. Als er nun hört, dass die Mutter die Kinder an den Ilsenstein geschickt hat, spielt er mit langer roter Rübennase und Kopftuch auf dem schwarzen Besen reitend vor, was es, doch für eine schreckliche Hexe dort gibt. Nun verlaufen sich die Kinder in einem Wald aus großem Essbesteck. Die Bühne leuchtet grün und auf ihr tanzt quirlig das Hagebuttenmännchen. Hänsel hat tatsächlich einen Beutel leuchtender LED-Erdbeeren gefunden, die er leider aber selbst verzehrt. Später als die Kinder müde werden, gesellt sich der Sandmann dazu und lässt aus seinen Taschen ein langes Tuch fallen, das den Kindern als Schlafdecke dient. Der nun folgende Abendsegen gelingt wunderbar. Es tanzen die 14 Engel ein wunderbares Ballett in weißen Kleidern zur Musik, die wirklich sehr ergreifend ist. Bevor es gar zu rührselig wird, lassen sich die Engel mit einem Knall auf den Boden fallen und man sieht ihre roten Hinterteile.
Das Taumännchen im nächsten Akt hat es irgendwie eilig auf die Toilette zu kommen. In einem weißen Rock mit durchsichtigen Ballons unterfüllt, eilt es von der Bühne. Die Kinder haben es sich noch einmal unter der schwarzen Decke gemütlich gemacht. Sie kommen jetzt nicht an ein Pfefferkuchenhaus, sondern an eine riesengroße, Bühnen füllende grün-weiße Torte. Auf ihr tanzt eine bizarre Hexe Rosina Leckermaul in einem grünen Paillettenkleid, mit roter Federboa. Der Po und die Schulter sind aufgepolstert. Mit ihrer grünen Latexmaske könnte sie dem Friedrichstadtpalast entsprungen sein. Die riesigen Schlaghosen sind einfach der Hingucker und manch einer träumt vielleicht sogar von der Erscheinung. So wird Hänsel in einem Tortenstück gefangen gehalten, das aus dem Kuchen rausfährt. Oben auf dem Kuchen befindet sich der Ofen, in dem die Hexe ihre gefangenen Kinder bäckt und anschließend verzehrt. Ein kleines Mädchen lässt sich, ob der Dramatik sogar zum Zwischenruf hinreißen: Komm raus. Gemästet wird er mit bunten Schaumstoffkugeln, die Rosinen darstellen sollen. Die irre Hexe hat einen Krückstock in rot/grün, der wie das Schwert eines Jedis zu leuchten vermag. Der Hexenritt wird auch hier auf einem Lolli ausgeführt und es gibt Szenenapplaus. Die Hexe meint nur: Kann ich noch fertig machen. Etwas später nach allerlei Bewegungszauber ist klar, wer hier fertiggemacht wird. Die Hexe landet schließlich im Ofen. Mit einem Knall erlöst sie die Kinder aus ihrem weißen Zuckerkrusten, die wie die Soldaten über die Bühne marschiert sind. Ein großer, farbenfroher Kinderchor bildet schließlich das Finale, zu dem auch die Eltern, als Schrankteile verkleidet, auf die Bühne kommen. Und wieder mal ist die Hexe tot am Ende.
Schon die Bilder der Inszenierung waren vielversprechend. Ich war von den großen Gabeln und der riesen Torte angetan und habe eine poppige Inszenierung erwartet. Es war bei Weitem die beste Inszenierung, die ich gesehen hatte. Manche Knalleffekte waren jetzt vielleicht nicht so ganz kindgerecht, aber der Tanz der Engel war wirklich ergreifend zu dieser wunderbaren Musik. Es wird wirklich an nichts gespart. Ein großer Kinderchor, gute Sänger und eine bestens aufgelegte Dirigentin. Kein Wunder, dass die Vorstellung seit Langem ausverkauft war. Im Publikum waren auch entsprechend viele Kinder, denen die Vorstellung ebenfalls gut gefallen hat. Ist wirklich eine Oper für die ganze Familie, Oma eingeschlossen.

Quelle: YouTube | Komische Oper Berlin

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: hänsel und gretel