Opernblog

Archiv für: "November 2015"

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Ein großes Opernhaus braucht eine Bohème im Programm. Nachdem auch das Bühnenbild der alten Inszenierung einen Wasserschaden hatte, wurde eine neue Aufführung aufgesetzt. Das ungarische Duo Magdolna Parditka und Alexandra Szemerédy inszenieren in Nürnberg eine Bohème in den Nachkriegsjahren in Paris. Gerade in den heutigen Tagen scheint diese Oper ein Plädoyer für die Lebensfreude einer Stadt, mit ihren vollen Cafés und Bars. So steht auch im Programmheft ein Bekenntnis zu Paris: Je suis Paris. Zu Beginn sieht man die Hauptperson Mimi in ihrem Zimmer im rechten Bühnenrand. In dem linken sieht man die Wohn-WG der Pariser Boèhme: Ein Dichter, ein Musiker, ein Maler und ein Philosoph haben es sich an einem Ofenfeuer gemütlich gemacht. Am Tisch sitzt auch ein leicht bekleidetes Model für den Maler vermutlich. Gegen die Kälte verschüren sie ein Manuskript des Dichters Rodolfo. Sie hoffen, dass das hitzige Drama in Form von Papierseiten, auch die kalte Dachwohnung beheizen mag. Aber in Form des Hausvermieters droht nun Unheil, der seine Miete für das nächste Quartal fordert. Der Hausbesitzer wird mit dem Hinweis auf Untreue von einer eigenen Frau aus der Wohnung getrieben. Bis auf Rodolfo, der noch einen Artikel fertig schreiben will, gehen die anderen schon vor in Café Momus. Nun kommt Mimi mit einer erloschenen Kerze und auf der Suche nach ihrem Schlüssel in die Wohnung. Nun aber fängt Rodolfo Feuer für die kleine Näherin Mimi. Sie stellen sich einander vor und verlieben sich ineinander. Am Ende nach vielen schönen Arien gehen sie durch einen roten Mauervorsprung in Richtung Café Momus. Gerade wie sie da aus dem Hintergrund noch singen, ist sehr schön gemacht.
Im zweiten Akt der Boèhme geht es erfahrungsgemäß turbulent zu. Vor dem Café Momus findet sich eine Kinderschar ein, die nach einem Spielwarenverkäufer Parpignol ruft. Der kommt mit einem Dreirad, an den er Spielsachen gebunden hat, auf die Bühne und wird hier etwas als Clochard dargestellt. Das Café Momus ist eine American Bar mit angeschlossenem Freudenhaus. Mimi wird an einem Tisch rechts vorn auf die Bühne in den Kreis der Bohème aufgenommen. Dann erscheint ein seltsames Paar auf der Bühne. Musetta und der Staatsrat Alcindoro, den sie wie einen Hund an der roten Leine Gassi führt. Auf allen Vieren muss der hohe Angestellte vor dem Café vor den Gästen rumkriechen. Man bekommt aber recht schnell mit, dass sich Musetta und der Maler Marcello einmal gut verstanden haben und immer noch lieben. Schnell wechselt die leichtfüßige Musetta die Seiten und geht wieder zu ihrem Liebhaber. Dem Staatsrat bleibt es nur übrig, die offenen Rechnungen der Künstler zu zahlen.
Im dritten Akt sieht man die Wohnung der Dichter mit Stoff verhangen, ein nadelloser Tannenbaum steht in der Mitte der Wohnung und signalisiert: Weihnachten ist längst vorbei, wir haben Februar. Der Ort ist auch ein anderer: Es soll eine Schenke sein. Marcello und Mimi reden über die komplizierte Beziehung zu Rodolfo, der chronisch eifersüchtig ist. Marcello sagt nun, dass er sich um Mimis Gesundheitszustand sorgt. Sie hätte einen beängstigenden Husten. Aber auch zwischen Musetta und Marcello läuft es nicht zum Besten. Musetta würde in der Bar, in der sie seit einem Monat arbeiten, immer wieder mit den Gästen flirten, sodass am Ende des Aktes alle Paare sich wieder trennen.
Im vierten Akt wird es nun etwas schwer verständlich. Gerade in den Erinnerungen schwelgend, vergreifen sich die vier Künstler in weißen Kitteln an einem Model, das wieder in ihrer Wohnung ist. Die gezeigte Brutalität der Männer will in keinster Weise in dieses friedliche Künstlermilieu passen. Da platzt plötzlich Musetta rein und bringt die entkräftete Mimi mit. Sie hätte nur noch eine halbe Stunde zu leben, so die Diagnose. Man versucht aber dennoch, eine herzstärkende Medizin zu bekommen und einen Muff gegen ihre kalten Hände. Dennoch ist der Einsatz der Freunde vergebens. Mimi stirbt und den verzweifelten Rufen von Rodolfo. Am Ende sieht man noch einmal das leere Zimmer von Mimi, in das scheinbar die Sonne scheint und der April angebrochen ist, auf den sie so sehnlichst gewartet hat.
Spielen lässt das Regieteam diese Bohème im Paris der Nachkriegszeit, gerade das Café Momus als American Bar mit obenliegendem Bordell ist mit einer großen Glasfront sehr gut in Szene gesetzt. Auch das Elend dieser Tage will gut zum düsteren Grundbild passen. Die Kostüme sind eben auch in diese Zeit gesetzt, sodass die Inszenierung im Grund gefällt. Mit einer bezaubernden Mimi (Hrachuhi Bassénz) und einem Rodolfo (Ilker Arcayürek), der immer etwas mit seiner Stimme kämpft, hat man ein sehr eindrucksvolles Paar auf der Bühne. Gerade Rodolfo hat sicher noch Potenzial, wie man in den lyrischen Solostücken des ersten Aktes gut merkt. Auch Musetta (Michaela Maria Mayer) als Flittchen ist prima umgesetzt und der Regieeinfall mit der Hundeleine etwas belustigend. Wie gesagt, von dem vierten Akt abgesehen, ist das eine durchaus schöne Inszenierung. Gábor Káli liefert eine gute Leistung im Orchestergraben ab, weshalb man die Aufführung durchaus empfehlen kann.



Über den Dächern

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: la bohème
Norma bei den Ölbohrtürmen

Das Landestheater Coburg gastierte im Fürther Stadttheater mit Vincenzo Bellinis bekanntester Belcanto Oper Norma. Die Geschichte von einer verbotenen Liebe einer gallischen Oberpriesterin, die mit einem römischen Prokonsul zwei Kinder hat und ihre eigenen Interessen mit der des Staates vermischt, war als Stoff von Felice Romani so gewagt, dass man ihn damals in die vorchristliche Zeit gelegt hat. Die Rolle der Oberpriesterin Norma stellt an die Sängerin höchste Ansprüche, sodass man als Gast Celeste Siciliano aus New York für diese Besetzung engagiert hat. Die Inszenierung von Konstanze Lauterbach lässt die Oper in einem Gallien spielen, in dem die römischen Besatzer das Land zur Ölgewinnung ausbeuten. Das kommt der düsteren Atmosphäre des Stücks zwar entgegen, ist aber schon sehr weit weg vom eigentlichen Thema des Stücks. Schon zu Beginn der Ouvertüre lässt Pollione, der römische Prokonsul, von einem Öl Turm aus beobachten, einen Gefangenen blutig auspeitschen. Das Schwirren der Peitsche und das blutige Hemd, zusammen mit dem Prokonsul, der dies aus einem Bohrturm aus beobachtet, machen allen klar: Es ist Krieg und das Volk wird grausam unterdrückt. Der heilige Irminsul-Hain ist eine Projektion aus Bohrtürmen, es ist Nacht und bei Erscheinen des Mondes soll Norma den göttlichen Willen offenbaren. Die anwesenden Gallier verteilen Flugblätter mit Symbolen der Göttin Irminsul und warten so auf den Kampf. Diese Flugblätter rascheln leider und stören die Musik etwas. In der Tiefe des Hains trifft sich Pollione mit seinem Freund und berichtet, er liebe Norma nicht mehr, sondern die Novizin Adalgisa und er hätte einen schrecklichen Traum: Norma wäre die Mörderin seiner Kinder. Dazu erscheint ein Double auf der Bühne in rotem Hochzeitskleid mit langem weißen Schleier. Pollione und sein Freund werden aus dem Hain vertrieben. Es folgt die berühmte Arie der Oper: Casta Diva, die Norma vor einem Bildnis der Göttin Irminsul singt. Mit einem grünen Blumenmuster-Umhang singt sie der Göttin dieses Lied, die ebenfalls solche ein Tuch trägt. Der Chor der Gallier hält sich dabei in den Aktionen angenehm zurück und bläst nur ab und zu Silberflitter in Richtung der Statue. Norma betet darin um inneren Frieden und auch im Publikum wird es dabei ganz still. Norma sagt aber, die Zeit wäre noch nicht gekommen. Die Gallier reißen aber schon in Erwartung des Krieges, den Bohrturm aus Bändern nieder, der in der Mitte der Bühne ist. Nach dieser Weissagung verlässt Norma die Bühne und ihre Rivalin Adalgisa, die nun heftig von Pollione bedrängt wird, mit nach Rom zu kommen. Dabei hängt am rechten Bühnenrand ein Bild des Kolosseums als Symbol für das Rom, in das Pollione abberufen wurde. Adalgisa geht auf sein Drängen sogar ein. Etwas später quält sie aber ihr Gewissen und sie offenbart sich Norma. Die Bohrtürme haben Platz gemacht für eine Wand aus gemalten Bäumen. In einem braunen Bettkasten versteckt Norma ihre zwei Jungs ihres Liebhabers Pollione vor der Novizin. Adalgisa beichtet und ihr Verhältnis zu einem Mann. Als wenig später Pollione dazu kommt, ist Adalgisa und Norma klar, dass sie denselben Mann lieben. Die Novizin wendet sich nun ab und Norma schwört Rache.
Im zweiten Akt macht nun Norma Anzeichen, wie ihre Rache aussehen wird. Sie bringt ihre beiden Söhne zu Bett, will diese aber mit einem Messer umbringen. Dass die beiden Söhne von dem Zerren der Mutter nicht sofort wach werden, entbehrt jeder Logik. Ihre Mutterliebe siegt und sie beschließt lieber Adalgisa mit ihren Kindern nach Rom zu senden, wo sie mit Pollione glücklich leben sollen. Die Novizin will nun ganz auf den Prokonsul verzichten und ihn sogar dazu bewegen, zu Norma zurückzukehren. Der nun folgende Freudentanz von Normas Vertrauter wirkt etwas skurril und unpassend. Dennoch ist der akrobatische Einsatz am Stuhl bewundernswert. Das Oberhaupt der Druiden verkündet nun den Friedensschluss der Gallier mit den Römern. Als Norma aber erfährt, dass sich der Prokonsul weigert, Adalgisa aufzugeben, bläst sie nun zum Krieg gegen die Römer. Man sieht im Hintergrund nun eine Einblendung einer zerstörten öden Landschaft, es fliegen Hubschrauber an der Leinwand. Die Gallier haben sogar gesiegt und bringen Pollione als Gefangenen vor Norma. Mit einem Dolch solle sie ihn töten. Sie zögert aber immer noch, droht ihm mit dem Tod der gemeinsamen Kinder und mit dem Opfertod Adalgisas. Nun wird auch das Bildnis des Kolosseums zertrümmert, als Zeichen der Niederlage. Als alles keinen Zweck hat und Pollione sich nicht umstimmen lässt, wird ein Scheiterhaufen aus Müllsäcken errichtet. Als es nun darum geht, welche Priesterin ihr Keuschheitsgelübde gebrochen hat, nennt sie nun ihren Namen. Zusammen mit dem Prokonsul stirbt sie auf dem Scheiterhaufen.
Für mich war es die erste Norma, die ich komplett sehen durfte. Die Erwartungen waren jetzt nicht allzu hochgesteckt und ich hätte nicht mit einer so gut besetzten Norma gerechnet. Musikalisch war die Aufführung durchaus hörenswert. Bellinis Absicht war es ja mit Musik zu bewegen und die Menschen zum Weinen zu bringen. Die Oper enthält wunderschöne Belcanto Arien und die Rolle wurde von Celeste Siciliano hervorragend ausgeleuchtet. Diese Überspanntheit zwischen Kindermord und verlassener Geliebter kommt gut rüber. Der größere Kritikpunkt liegt in der Inszenierung. Gerade der Chor macht manchmal verstörende Aktionen. Einmal ist er gut eingesetzt, als er mit einem Seufzer zusammenbricht, als Norma ihre Unkeuschheit beichtet, da sacken alle in sich zusammen. Manchmal verteilt er aber auch unmotiviert Erde auf der Bühne oder fuchtelt mit Pistolen oder raschelt mit Flugblättern. Keine Frage, der Chor ist immer wieder auf der Bühne und muss sinnvoll ins Geschehen einbezogen werden. Trotz allem war es eine durchaus hörenswerte Aufführung von Norma.

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Norma