Opernblog

Archiv für: "Juli 2015"

Turandot - Ein Event

Eine Idee der ‚Opernbegeisterten Nürnberg‘ war es, einmal die Festspiele in Bregenz zu besuchen. Da hier dieses Jahr Turandot neu inszeniert wurde, war das ein Anlass, mir einen der größten Spielorte mit fast 7000 Plätzen einmal live anzusehen. Was auch sehr zu empfehlen ist, ist eine Führung durch den Spielort, bei dem man viel über die Technik des Hauses erfährt. So spielt beispielsweise das Orchester im Festspielhaus. Der Ton wird auf eine riesige Lautsprecheranlage mit 300000 Watt übertragen. Auch der Chor singt teilweise im Festspielhaus. Das hat nun einige Vorteile, aber auch ein paar Nachteile. Der Vorteil ist sicher, dass man durch das Musizieren in einem geschlossenen Haus, einen typischen Orchesterklang erzeugt. Mein Hauptkritikpunkt an einer Opern-Freiluft-Veranstaltung ist immer, dass das Orchester nicht richtig klingt. Das entfällt hier, der Klang ist wirklich nicht schlecht. Die Sänger dagegen singen mit zwei Funkmikrofonen bestückt und spielen auf der Bühne. Sie sehen den Dirigenten nur über Monitore. Die verstärkten Stimmen sind notwendig, um gegen die Anlage anzukommen. Da sind wir aber dann auch schon beim Kritikpunkt. Während in einem Opernhaus, die leisen Stellen, wirklich leise sind, ist hier alles ausgepegelt. Man merkt also, wie immer wieder mal an der Lautstärke gedreht wird. Für die Sänger ist der Wind und das Wetter sicher ein heikler Punkt. Die Partie der Turandot ist ausgesprochen schwierig und das Nessun Dorma sicher undankbar für den Calaf, da es eben jeder kennt.
Aber nun zur Handlung: Man hat auf die Seebühne eine riesige, orange chinesische Mauer gebaut. In der Mitte, vor der Mauer ist eine schiefe Ebene und darauf ein Zylinder mit einer Drehbühne. Links davor ist ein Spielfeld mit einem Bett, einem Klavier und Sesseln in Blau. Es tritt quasi Puccini als Calaf auf, der über seiner Partitur brütet. Turandot als letztes Werk Puccinis blieb unvollendet. Diese Arbeit am Stück thematisiert man hier immer wieder. Es beginnt mit einer Spieluhr, bei der Puccini/Calaf wohl aus China importiert, ein Thema abgeschrieben haben soll, das in der Oper Verwendung findet. Der Effekt am Anfang der Aufführung, als der Mittelteil der Mauer einstürzt und die chinesischen Figuren auf die Bühne stürzen, ist ein echter Hingucker, in der an Effekten reichen Inszenierung. Im Wasser und in dem freien Stück Mauer steht eine Terrakotta-Armee von Kriegern. Das Volk von Peking tritt in Grau mit Maomasken auftritt. Die behindern natürlich etwas beim Singen, was mit der Unterstützung des Chores aus dem Festspielhaus nicht weiter tragisch ist. Die Bühne dreht sich und man sieht Scharfrichter, die die Schwerter an riesigen Schleifsteinen wetzen. Gleichzeitig kommen Feuerartisten auf die Bühnen. Die Szene im Mondschein ist sehr poetisch mit riesigen Luftballons umgesetzt, die man effektvoll platzen lässt. So nutzt man beispielsweise auch den See aus, als der Prinz von Persien mit einer Barke anlandet und zur Hinrichtung geführt wird. Die Hinrichtung findet im linken Turmteil statt. Davor fährt eine Turandot in einer silbernen Barke vorbei. Das ist auch der Moment, in dem sich Calaf in Turandot verliebt und beschließt, dass er die Frau erobern muss. Der persische Prinz wird auf der Turmzinne geköpft und man wirft eine Körperpuppe ohne Kopf von oben ins Wasser. Die drei Minister erscheinen in farbenfrohen Kostümen und waren den bis dahin unbekannten Tataren-Prinzen vor seinem Vorhaben. Calaf ist nicht davon abzuhalten.
Im zweiten Akt träumen dann die Minister von ihrer Heimat. In der Drehbühne ist nun Platz für eine gruselige Galerie von 50 abgeschlagenen Köpfen. Die Minister haben rote Gummihandschuhe an, um sich die Finger nicht schmutzig zu machen. Aber nicht nur das hat der Zylinder drauf, er kann sich auch, in Form einer überdimensionalen Spieluhr öffnen. Der Deckel zeigt dann chinesische Symbole. Im Inneren dieser Spieluhr sieht man nun Altoum und Turandot. Altoum sitzt dabei in einem Rollstuhl. Während Altoum sich auf einen neuen Bewerber um seine Tochter und eine mögliche Hochzeit freut, ist Turandot entsetzt. Sie erzählt von ihrer Ahnin, die als großer Kleiderständer für ein Hochzeitskleid auf der Bühne steht. Es folgen die drei Rätsel an Calaf, die Turandot nun stellt. Dabei werden auf dem Bühnendeckel immer wieder Einspielungen von Bildern vorgenommen. Auch in dieser Inszenierung schafft es Calaf und Turandot muss sich Altoums Schwur unterwerfen. Calaf stellt nun die Gegenfrage nach seinem Namen. Die Musik ist wirklich bombastisch, und dass eine Orgel zum Einsatz kommt, verstärkt den Effekt noch.
Und im dritten Akt kommt dann wirklich das berühmte Nessun Dorma. Während die Handlung immer weiter fortschreitet, sieht man Calaf als Puccini immer mehr ans Bett gefesselt und an den Noten arbeiten. Hier singt er auch die berühmte Arie. Von diesem Hit ist man so begeistert, dass alle klatschen. Auch kommen die Figuren zu ihm ans Krankenbett. Diese Turandot will einfach nicht fertig werden. Das wütende Volk ist eine Partygesellschaft aus den 20er Jahren und man sieht auch immer wieder Aufseher in faschistischen Mänteln. Man will das Geheimnis um den Prinzen lösen. Daher foltert man Liu, die Sklavin, die den Namen weiß. Puccini ist inzwischen ans Bett gefesselt, die sterbende Sklavin legt man zu ihm ins Bett. Vom Liebestod von Liu ist Turandot fasziniert. Hier endet die Komposition Puccinis und damit die Oper, in den zwei Fassungen, die ich bisher gesehen hatte. Es folgt das Ende von Alfano, das ich unbedingt hören wollte. Turandot verliert ihren Schleier. Es kommt ein rotes Kleid zum Vorschein und es folgt der Kuss, der die Prinzessin aus Eis dann schmelzen lässt. Es kommen zum Finale alle Leute auf die Bühne. Von den Türmen werden Fahnen geschwenkt und man sieht einen blauen und einen roten Drachen. Und was das launische Wetter bisher nicht geschafft hat, wird jetzt nachgeholt. Aus den Turmzinnen spritzen riesige Wasserfontänen und sorgen so für einen feuchten Abschluss. Da hat es sich gelohnt, dass ich mit Regenjacke dort gesessen war.
Am Ende geht man wirklich mit einer gewissen Begeisterung vom Spielplatz in Bregenz. Turandot ist ein gut organisiertes Hightech-Event. Die Auf- und Abgänge erinnern fast an ein Fußballstadion und das Ankommen der Massen ist wirklich gut durchorganisiert. Man erlebt ein Hightech-Spektakel, dem vielleicht etwas die Seele des Stücks mit den ruhigen Momenten abhandenzukommen droht. Dennoch hat es mir gefallen, es ist eben eine massenkonform umgesetzte Turandot. Die Deutung Calaf und Puccini zu verquicken hat mich überrascht. Man erkennt hier doch eine deutliche Regiearbeit von Marco Arturo Marelli, die ich so auf dem Festspiel nicht vermutet hätte. Selbst für Untertitel ist gesorgt. Auf zwei riesigen Tafeln links und rechts von der Bühne kann man mitlesen, was die Sänger singen. Das Wetter hat bei uns mitgespielt. Wir hatten eine wunderschöne, pausenlose Inszenierung von Turandot, sodass ich die Oper hier klar empfehlen kann. Besonders gefallen hat mir an diesem Abend Liù gespielt von Marjukka Tepponen.

Quelle: YouTube | Bregenzer Festspiele

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: turandot
Die Hochzeit des Figaro - Auf Baldrian

In einer Inszenierung des Dortmunder Opernhauses führt Mariame Clément in Nürnberg durch die Wirrungen von Figaros Hochzeit von Mozart. Das Stück beginnt mit stummen Aktionen auf der Bühne und in der Nacht, wie es schließlich auch endet. Es dauert eine ganze Weile, bis die Musik endlich einsetzt. Und als sie einsetzt, meint man, dieser Mozart hat zu tief in die Baldrian-Flasche gelinst. Peter Tilling hat eine etwas andere Auffassung, wie in dieser Oper das Tempo sein sollte. Das verlängert die 3 ½ Stunden Spielzeit der Oper auf fast 4. Ob die Pausen auch daran liegen mögen, dass er die Rezitative selbst am Hammerklavier begleitet, mag eine Erklärung sein. Leider verliert die Oper dadurch ziemlich an Tempo.

Auch mit der ersten Szene war viel gewollt und doch wenig erreicht. Auf dem Bühnenboden hat Julia Hansen den Grundriss eines Schlosses eingezeichnet. Die Möbel und Kostüme sind aus Mozarts Zeit, man hat aber auf jede Dekoration verzichtet. Die Akteure sitzen in Gruppen in ihren virtuellen Zimmern, machen brav, zumeist eine unsichtbare Tür auf, rutschen aber auch zwischen den Nummern gegen den Uhrzeigersinn immer wieder ein Zimmer weiter. So liegt die Gräfin in einem Bett auf der Mitte der Bühne, jeder geht an diesem Tag seiner eigenen Tätigkeit nach: Der Gärtner recht den Rasen, die Angestellten legen Wäsche zusammen. So hängt auch Susanna Wäsche in dem Frontzimmer auf, das zur Bühne gerichtet ist. Es ist gerade so viel Mobiliar auf der Bühne, dass sich Cherubino hinter dem Stuhl verstecken kann, in den sich auch der Graf setzen wird. Zwar mit viel Liebe zum Detail betreibt man hier ein Mensch-Ärgere-Dich nicht Konzept, in dem man die jeweiligen Personen immer vor an die Bühne holt. Im nächsten Arienzug rutscht man dann ein Feld weiter. Insgesamt sorgt das Konzept aber für viel Unruhe auf der Bühne, da man auch Personen sieht, die mit der Handlung in der aktuellen Szene nichts zu tun haben. Insgesamt konnte der erste Akt vielleicht durch die Liebe zum Detail überzeugen, insgesamt ging das Konzept aber nicht auf. Als noch ein Chor auf die Bühne kommt, wird es fast zu viel.

Im zweiten Akt schafft man dann aber die Kehrtwende. Es wird eine Abtrennung heruntergefahren und die schwarze Wand hat gerade so viele Aussparungen, um das Versteckspiel von Cherubino im Schrank überzeugend herüberzubringen. Man sieht das Schlafzimmer der Gräfin. Die Auftrittsarie der Gräfin (Porgi Amor) wird mit viel Schluchzen vorgetragen. Vor dem Fenster steht der Schminktisch der Gräfin. Der Akt ist wirklich gut umgesetzt und kann das, bis dahin reservierte Publikum, zu ersten Lachern hinreißen. Das Hämmern des Grafen an der Sperrholzwand ist beeindruckend und mit dem Gewehr in der Hand ist er eine echte Bedrohung für die Gräfin, die im Schrank immer noch Cherubino vermutet. Der hat aber vorher das Weite über das Fenster gesucht und den Platz im Schrank mit Susanna getauscht. So kommt zur Überraschung aller tatsächlich Susanna aus dem Schrank. Etwas Verwirrung bringt dann der Gärtner, der behauptet, er hätte eine Person flüchten sehen. Auch das 20-minütige Schlussduett (Esci omai, garzon malnato, sciagurato, non tardar) der sieben Hauptpersonen ist gekonnt in Szene gesetzt. Man findet sich immer wieder zu kleinen Grüppchen zusammen, singt gegeneinander, steht teils auf dem Bett der Gräfin, teils auf Stühlen.

Im dritten Akt dient nun ein Lattengerüst als Zimmer des Grafen, das gefährlich wankt. Der Graf sitzt an einem Sekretär und verfasst Notizen. Figaro soll der Haushälterin Marcellina die Ehe versprochen haben. Im Verlauf des Prozesses stellt sich aber anhand eines Tattoos heraus, dass Figaro Marcellinas Sohn ist und sie folglich gar nicht heiraten kann. Die Gräfin und Susanna planen nun ein Komplott, das den Grafen endgültig überführen soll. Es wird ein Brief aufgesetzt und eine Verabredung im Garten geplant. Bevor das aber beginnt, spielt man mit Stühlen ‚Die Reise nach Jerusalem‘.

Es kommt zum großen Showdown im letzten Akt. Auch hier bietet die blaue Bühne einen Eindruck von Nacht. Auf dem Boden sind Laubblätter verteilt. Es gibt einen Gartenschober und einen Kellereingang, in dem die Leute verschwinden können. Vom Bühnenhimmel hängt eine Schaukel, auf der zuerst Susanna als Gräfin ihren Platz einnimmt. Während Figaro seine Susanna erkennt, fällt der Graf auf das Verwirrspiel herein und umgarnt seine eigene Frau. Mit einer kräftigen Ohrfeige setzt die Gräfin dem Spiel ein Ende. Im Brautkleid Susannas und mit einer Pistole bewaffnet fleht der Graf nun um Verzeihung (Gente, Gente, All`armi). Das ist für mich immer die beste Stelle der Oper, als der Graf einlenkt und seine Frau um Gnade bittet. Mit einer Doppelhochzeit endet die Oper. Auf der Schaukel sitzend gibt jeder dem Grafen einen ordentlichen Schub.

Am Ende der Oper ist man mit den Startschwierigkeiten versöhnt, man hat sich an das Tempo gewöhnt. Gerade die beiden Paare Graf/Gräfin und Figaro/Susanna sind großartig besetzt. Jochen Kupfer gibt einen eleganten Grafen, Hrachuí Bassénz die, im Stolz verletzte, Gräfin. Michaela Maria Mayer besitzt die Portion Verschlagenheit, die man für eine Susanna braucht und Nicolai Karnolsky gibt einen sehr bassbetonten Figaro. Wer jetzt am ersten Akt verzweifelt, dem sei gesagt, dass die drei anderen Akte dagegen gut umgesetzt sind. Hier zahlt sich also etwas Geduld beim Publikum aus. Irgendwann siegen dann Da Ponte und Mozart und ab diesem Zeitpunkt ist das Stück dann wirklich gut. Schade nur, dass dieser Figaro etwas zu tief in die Baldrian-Flasche geschaut hat. Dabei hat das Stück, das das 'jus primae noctis' des Adelsstandes aufgreift, durchaus damals eine Brisanz gehabt. Dieses Recht auf die erste Nacht mit der untergebenen Susanna wird hier in der Oper verwehrt. Die Textvorlage zur Oper war mit dem Stück von Beaumarchais Wegbereiter der Französischen Revolution.

Quelle: YouTube | Staatstheater Nürnberg

Von • Gallerien: Kultur, Oper • Tags: Die Hochzeit des Figaro